Wege der Selbstheilung Teil 8

Wenn man etwas nur halbherzig versucht, darf man auch kein ganzheitliches Ergebnis erwarten! © Emily-Star

Über die Arbeit mit dem inneren Kind

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Damit das arbeiten mit dem inneren Kind überhaupt funktioniert, sollte man dem Thema gedanklich zumindest eine Chance geben. Und das konnte ich dann, nachdem ich mich durch die in Teil 7 beschriebene Arbeit mit den Senioren davon überzeugt hatte, daß etwas an dem Thema dran sein mußte. Denn wenn man etwas nur halbherzig versucht, darf man auch kein ganzheitliches Ergebnis erwarten. Ich traf während meiner Klinikaufenthalte so einige Menschen, die die meisten Therapien sogleich abblockten. Die immer schön bei ihrem Schema blieben und, so kam es mir vor, gar nichts verändern wollten. Die von vornherein alle Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Lage ins Lächerliche zogen. Gut, das war ein Schutz, sie waren wohl noch nicht so weit. Aber warum waren sie dann da und nahmen anderen auf der Warteliste den Platz weg? Denen, die vielleicht wirklich etwas ändern wollten und bereit waren, an sich zu arbeiten? Wenn man freiwillig in eine Therapie geht (und alle dort waren freiwillig), dann so finde ich, sollte man innerlich schon bereit sein sich mal auf etwas anderes, als das bisher Gewohnte einzulassen. Es heißt ja nicht, daß man alles gut finden muß, aber man sollte den Dingen wenigstens eine klitzekleine Chance geben. Bisher hatte mir nichts von den herkömmlichen Methoden wirklich helfen können. Also mußten eben Andere her. Ich war bereit sie ausprobieren und danach für mich zu überlegen, ob sie hilfreich gewesen waren, oder nicht.

Ich überlegte mir jetzt also, welches Thema im Augenblick am meisten auf meiner Seele lastete und ich bereit war, anzugehen. Und das war der Punkt: Innere Einsamkeit. Also das Gefühl, mich immer wieder einsam zu fühlen, obwohl ich es gar nicht war. Das Problem wirklich Nähe zuzulassen, wenn ich mit einem Partner zusammen war. Nähe, die über die Befriedigung der einfachen und möglichst schnellen, körperlichen Bedürfnisse hinaus ging. Warum ich bei einer Umarmung, die ich mir eigentlich so sehr wünschte, immer wieder das Bedürfnis hatte, weg laufen zu wollen. Es einfach nicht aushalten zu können und dann unter Atemnot litt. (Diese Form der Atemnot war natürlich eine ganz andere, als die zum Zeitpunkt der Borreliose.) Ich kannte sie seit vielen Jahren und wußte auch, daß sie psychosomatisch war. Denn sobald ich wieder etwas Abstand zwischen mich und meinem Partner gebracht hatte, hörte sie auf. Das ist bei wirklichen körperlichen Ursachen ja nicht der Fall.

Also legte ich mich wieder hin, die Hände auf mein Herz und machte mir beruhigende Musik an. Ich schloß die Augen und nachdem ich mich einigermaßen entspannt hatte, stellte ich mir mein inneres Kind von früher vor. Das war gar nicht so leicht, aber nach einer Weile funktionierte es tatsächlich. Vor meinem geistigen Auge sah ich das kleine Kind von damals und ging langsam auf es zu. Als ich bei ihm ankam sah ich, daß es weinte und zugleich vor Angst zitterte wie Espenlaub. Ich versuchte beruhigend auf es einzureden, es zu umarmen. Doch es wich vor mir zurück und flehte: „Bitte tu mir nichts!“ Ich erwiderte: „Das werde ich nicht und ich werde auch dafür sorgen, daß dir nie wieder jemand etwas tut. Ich bin jetzt für dich da. Ich werde auf dich aufpassen und dich beschützen. Ich werde dir zuhören, denn mir ist es wichtig, was du zu sagen hast. Ich bin gekommen, damit du nie mehr einsam bist. Willst du mir verraten, warum du so traurig bist und vor wem oder was du Angst hast?“ Das Kind sah mich misstrauisch an, schüttelte den Kopf und brach wieder in Tränen aus. Am liebsten hätte ich es geschüttelt und angeschrien, mir doch endlich zu sagen, wo mein verdammtes Problem lag. Aber, so entsann ich mich- das durfte ich auf gar keinen Fall. Ich mußte sofort aufhören, wie meine Eltern zu reagieren. Ungeduldig, streng und unnachsichtig! Ich atmete also tief durch und merkte, daß ich so nicht weiter kommen würde. Leise Zweifel schlichen sich in Bewußtsein. Zweifel in Form von, ob das je funktionieren würde? Ob diese gesamte Idee vom inneren Kind nicht doch nur Mist war? Was ich da eigentlich für einen Unsinn machte? Doch dann fiel mir wieder ein, daß ich ja gelesen hatte, daß man Geduld haben soll. Und erst mal das Vertrauen des Kindes gewinnen, indem man ihm immer wieder versicherte, daß man jetzt für es da sei. Und ihm erlaubte, zu weinen, zu schreien und Angst zu haben so viel es will. Das man Geduld haben mußte und nichts übers Knie brechen durfte. Denn dieses Kind sind doch wir. Es ist eine Versinnbildlichung eines Teiles von uns. Wenn wir grausam zu diesem Kind sind, sind wir es zu uns selbst. Es war erschreckend für mich zu bemerken, wie ich unbewußt, die Rolle meine Eltern fort geführt hatte. Wie ich, nur weil etwas nicht sofort so geklappt hatte, als ich mir das erhoffte, nun ebenfalls auch wieder in das alte Muster, zurück zu fallen drohte. Und nach dieser Erkenntnis beschloß ich, von nun geduldiger (mit mir) zu sein.

Es brauchte sehr viele Male, bis ich endlich das Vertrauen des inneren Kindes gewonnen hatte. Nur durch die Wiederholung der immer gleichen Übung, schaffte ich es irgendwann, daß dieses innere Kind zu mir auf den Schoß kletterte und mir begann zu zeigen, wovor es so große Angst hatte und was es immer wieder weinen lies.

In dem Dorf in dem wir wohnten gab es einen Jungen, der mindestens genauso frech war wie ich. Wir hingen zusammen wie Pech und Schwefel. Er war meine Kindergartenliebe, wenn ich das mal so sagen darf. Und ich fand heiraten schon immer faszinierend. Die wundervollen Kleider, die die Frauen anhatten. Also beschlossen wir eine Kinderhochzeit zu machen. Wir wollten den Tag mit den anderen Kindern aus unserer Klasse feiern, Schnitzeljagd machen und grillen. Einfach Spaß haben. Gemeinsam mit einer Schulfreundin suchten wir ein schönes Kleid von ihrer Mutter heraus. Als der Tag heran nahte, sagten wir unseren Klassenkameraden und den anderen Kindern im Dorf bescheid. Nur meinen Eltern, denen sagte ich nichts, weil ich wusste, dass sie dagegen sein würden. Als meine Klassenlehrerin (die mich noch nie mochte) davon erfuhr, rief sie meine Eltern an, bzw. Mom. Die rastete völlig aus, weil ich ihr nichts gesagt hatte und prügelte mich windelweich- so weich, wie sie mich noch nie geprügelt hatte. Dann rief sie meinen Vater an und erzählte ihm alles. Ich vernahm dann nur noch die Worte: „Warte bis Dein Vater nach Hause kommt, dann kannst Du Dich warm anziehen!“ Und er kam. Die Haustür knallte und ich hörte ihn wutentbrannt die Treppe hoch stampfen. Mir wurde fast schlecht vor Angst. Meine Mom sagte immer, ich solle vorher auf Klo gehen, damit ich mich nicht „einpuller“, wenn ich verprügelt wurde. Doch diesmal kam ich gar nicht mehr dazu. Sonst hat man mich immer erst auf Klo gehen lassen, bevor es Prügel setzte. Dieses Mal jedoch nicht.

Dann stand er vor mir- mein Vater. Der Vater, der immer so viel mit mir spielte- von dem ich glaubte dass er mich liebt. Er hat mich so sehr geschlagen, dass ich eine Woche nicht zur Schule gehen durfte, damit es keiner sah. Er hätte mich fast tot geschlagen, wenn meine Mom nicht völlig panisch immer wieder versucht hätte ihn von mir weg zu ziehen. Ich höre noch heute ihre Schreie: „Du bringst sie um, hör auf oh mein Gott so hör doch auf!“ Sie wurde immer hysterischer. Nachdem sie es geschafft hatte, mich irgendwie von ihm weg zu ziehen, machte er wahllos meine Spielsachen kaputt. Er nahm meinen Kassettenrekorder- von dem er wusste wie sehr ich ihn liebte, weil immer diese wunderbare Musik raus kam, von der man in ein Reich der Sicherheit kommen konnte und trat ihn in tausend Stücke. Ich weiß noch, wie die ganzen Teile auf dem Boden lagen und er trat immer wieder darauf herum. „Du bekommst nie wieder einen, nie wieder! In 10 Minuten ist das aufgeräumt sonst schlag ich dich tot …“ Meine Mom half mir dann beim aufräumen. Das war trotz alle dem, eine der wenigen Situationen, wo sie sich letzten Endes auf meine Seite stellte und mich mich vor noch schlimmeren bewahrte. Ich durfte dann eine Woche nicht zur Schule gehen, weil ja keiner sehen sollte, was mir widerfahren war. Zusätzlich wurde mir das feiern und sämtliche Geschenke für meinen kommenden 10. Geburtstag gestrichen. Ich hoffte trotzdem innerlich, daß das nicht so gemeint war. Aber immer wenn ich die Tage mit meinen Fingern abzählen wollte, wurde ich eines besseren belehrt. Selbst die Großeltern von meiner Mom (die mich ebenfalls nicht mochten), sagten dann jedes Mal „Es gibt keinen Geburtstag, du kannst aufhören zu zählen!“

Ich umarmte daraufhin mein inneres Kind und versicherte ihm, daß ich sowas nie wieder zulassen werde. Und dann lies ich die Erinnerung noch einmal abspulen. In der Situation, wo es geschlagen wurde, riß ich nun selbst meinen Vater von mir weg und sagte zu ihm:“ Du wirst diesem Kind, nie wieder weh tun! Was fällt dir eigentlich ein, es so zu misshandeln? Das wirst du dir nie wieder erlauben!“ Und ich drehte mich um zu meiner Mom und wiederholte diese Worte. „Ich werde euch dieses Kind jetzt weg nehmen und in Zukunft selbst für es sorgen!“ Und dann nahm ich es auf den Arm und ging aus dem Zimmer. Ich sagte zu ihm: „Wir gehen jetzt an einen wunderschönen Ort. Da gibt es Tiere, die du streicheln kannst und einen Spielplatz. Du wirst von mir geliebt und ich werde dich in Zukunft immer beschützen! Niemand wird dir jemals wieder so weh tun.“ Und das tat ich dann auch. Ich brachte mein inneres Kind zu diesem Spielplatz, lies es weinen und tröstete es. Dann kam ich in die Gegenwart zurück und stellte fest, daß ich zum ersten Mal endlich auch richtig weinen konnte. Nach all den Jahren, konnte ich endlich wieder weinen! Und das tat ich dann auch- stundenlang. Und ich fühlte dabei wie nach und nach all der Schmerz aus mir heraus floß. Irgendwann war ich so erschöpft, daß ich einschlief. Als ich dann wieder wach wurde, spürte ich ein anderes Gefühl. Das erste Mal hatte ich das Gefühl „Jetzt ist es gut! Jetzt tut es wirklich nicht mehr weh!“ und eine Art von inneren Frieden begann mich zu durchfluten. Einen kurzen Augenblick lang durfte ich endlich das fühlen, wovon ich immer nur gehört hatte. Ich war entspannt, innerlich ruhig und wußte mit einem Mal: Es gibt ihn wirklich, den inneren Frieden! Es gibt ihn auch für mich und das motivierte mich weiter zu machen. Das zeigte mir, daß es so etwas wie innere Heilung wirklich gibt. Heilung ohne Tabletten. Und neue Hoffnung. Hoffnung auf ein zufriedeneres Leben, als ich je zuvor geführt hatte.

Bildertext:

Wenn man etwas nur halbherzig versucht,
darf man auch kein ganzheitliches Ergebnis erwarten!

© Emily-Star

13 Gedanken zu “Wege der Selbstheilung Teil 8

  1. Tief berührt, liebe Emily! Von deinem Mut zur Ehrlichkeit mit dir selbst, deiner Tatkraft, für dich selbst und deine eigene Heilung einzustehen, dich dir selbst zu stellen.

    Ich habe mich auch gefragt, was deine Eltern veranlasste, wegen genau diesem Ereignis so auszurasten. Vermutlich waren es intensive eigene ungelebte Gefühle, die es ihnen nicht erlaubten, sich das tatenlos mit anzusehen, sondern warum dein Vater glaubte versuchen zu müssen, das alles auf der Stelle mausetot zu schlagen, ungeachtet was dabei mit dir passiert. Deine Mama hatte wenigstens das Gefühl, wann es um dein Leben ging und dass sie das retten musste. Das war aber auch alles. Womöglich kannte sie nur ein emotional grausames armes Leben, wo es nur um Lebenserhaltung ging, mehr darüber hinaus aber auch nicht.

    Es spielt aber im Grunde keine Rolle für dich, warum sie taten was sie taten. Die Hauptsache ist, dass du angefangen hast dich dem zu stellen, was in dir gespeichert war und begonnen hast dich selbst zu heilen. Denn das ist es, was wir für uns tun können, um nicht ewige Opfer der Vergangenheit zu bleiben.

    Hut ab und eine tiefe Verbeugung in Mitgefühl, Verständnis und Hochachtung ❤

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    1. Liebe Birgit,

      das (wie so vieles anderes) weiß ich bis heute auch nicht. Ich bin als Erwachsene ebenfalls der Meinung, daß das Verhalten meiner beiden Elternteile absolut unangemessen war.

      Aber, das (innere) Kind ist jetzt und für alle Zeit in Sicherheit gebracht.

      Herzlichst Emily

      Gefällt 4 Personen

  2. Toll, dass du Zugang zu deinem inneren Kind gefunden hast und Frieden erleben konntest! Mir hat dieses Modell auch mal sehr geholfen, um Kontakt mit mir und meinen tiefsitzenden Gefühlen aufzunehmen! Ich glaube jeder Mensch hat in seinem Inneren so ein Kind, was die Verletzungen des Lebens trägt und was versorgt werden möchte! Ich kann nur dazu ermutigen, sich damit mal auseinanderzusetzen, denn dann kann Heilung wirklich passieren!

    Gefällt 3 Personen

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