Wege der Selbstheilung Teil 9

„Die Sonne ist auch an Regentagen, niemals weg. Ihr Licht wird nur etwas gedämpft. Denn auch die dunkelsten Wolken ziehen irgendwann vorüber und dann erstrahlt sie wieder mit voller Kraft!“ © Emily-Star

Im Haus der Erinnerungen Teil 1

(Um diesen Artikel vorgelesen zu bekommen, klickt bitte auf folgenden Link oder Player: https://archive.org/details/WegeDerSelbstheilungTeil9 )

Durch die Arbeit mit dem inneren Kind war mir nun klar geworden, warum ich mich stets allein gefühlt hatte. Weil bis auf meine Großeltern väterlicherseits (insbesondere mein Opa) mir in meiner Kindheit, niemand anderes wirklich Liebe entgegen gebracht hatte. Nur tragischerweise hatte sich mein Vater irgendwann mit seinem zerstritten, so daß der Kontakt abgebrochen wurde und ich nicht mehr hin durfte. Erst kurz vor dem Tod der Beiden, sah ich sie noch ein letztes Mal wieder. Und dann war da niemand mehr, der mich in den Arm nahm oder sich mit mir auf dem Klo einschloß, um mich vor meinem ausrastenden Vater zu beschützen. Niemand wo ich angstfrei sein durfte, wie ich war. Und niemand, der mich umarmte, weil er mich gern hatte und nicht, weil er etwas von meinem Körper wollte! Wo jede Umarmung ein paar Jahre lang mit dem endgültigen Verlust meiner kindlichen „Unschuld“ bezahlt werden mußte. Auch wenn das kein Familienangehöriger getan hatte, war es deshalb nicht weniger schlimm. Und dann hatte ich auch meine Antwort, auf die Frage gefunden, warum ich unter Atemnot litt, wenn meine Partner mir zu „nahe“ kamen, oder mich jemand generell umarmen wollte. Weil ich noch immer unbewußt befürchtete, dafür jetzt etwas tun oder über mich ergehen lassen zu müssen, was ich nicht wollte. Also lies mein Unterbewußtsein das auch gar nicht mehr zu. Und das Zweite war die Angst vor dem verlassen werden. Der mir liebste Mensch (mein Opa) war gestorben. Der einzige, der mich wirklich bedingungslos geliebt hatte und diesen Verlustschmerz wollte ich nie wieder erleben müssen.

Also hatte ich ungewollt drei Dinge in mein Unterbewußtsein einprogrammiert, die mir jetzt das Leben sehr schwer machten.

Punkt 1: Wenn jemand nett zu Dir ist, dann will er was von Dir haben.
Punkt 2: Wenn Du ihm das nicht gibst, dann ist er wieder weg, so wie Deine leibliche Mutter, der Du ja schon als Baby im Weg warst. Oder Dein Vater, der sich immer dann zurück gezogen hat, wenn es ein Problem mit Dir gab, das mit Geld nicht zu lösen war. Wenn Du seine Erwartungshaltung nicht erfüllt hast. Und …
Punkt 3: Wenn jemand es tatsächlich ehrlich meinen sollte, dann besteht ja immer noch die Gefahr, daß er stirbt und Du wieder alleine da stehst!

Da hatte ich also meine doch sehr ernüchternden Antworten:

Ich fühlte mich also deshalb auch heute noch immer einsam, weil ich gar nicht mehr zuließ, daß irgendein Mensch wirklich an mich heran kam.
ICH hatte selbst dafür gesorgt, daß ich innerlich einsam blieb und zwar indem ich verhinderte, daß echte Nähe überhaupt erst entstand. Und wenn die Gefahr tatsächlich zu groß wurde, provozierte ich entweder einen Streit, der die Distanz wieder her stellte, oder aber rannte weg. Das sah dann so aus, daß ich entweder Freundschaften kappte oder meine Beziehungen.
Überdies hatte ich mich über die Jahre auch immer mehr zurück gezogen, wollte gar keine neuen Menschen mehr kennen lernen. Es ist ja ganz logisch, daß genau dieses Verhalten das Einsamkeitsgefühl in mir drin, nicht gerade aufhebt.

Ich mußte also versuchen, diese Mechanismen, die mich früher vielleicht beschützt hatten, mir heute aber schadeten, irgendwie umzuprogrammieren- aufzuheben. Nur wie? Die Arbeit mit dem inneren Kind war zwar in vielen Dingen ganz hilfreich, aber bei diesem Punkt mußte etwas anderes her! Nach längerem grübeln kam mir eine Idee. Mir fiel ein, daß ich mich in Situationen, wo ich extrem traurig war und mich verlassen fühlte, immer in einen inneren Raum zurück zog. Es war ein sehr großer Raum, mit einer fest verschlossenen Tür. Die alten Fenster waren mit bodenlangen schwarzen Vorhängen verhangen. In der Mitte dieses Raumes stand ein großer Flügel (Klavier). Das einzige Licht kam von zwei Kerzenständern, die neben dem Flügel standen. Der Flügel spielte von selbst, irgendwelche traurigen Melodien. Hier war ich sicher, hier konnte mir Niemand etwas. Und nun wollte ich doch mal schauen, ob meine Idee funktionierte. Um diese umzusetzen, mußte ich mich natürlich geistig zurück in diesen Raum begeben. Und das, obwohl keine Gefahr drohte. Denn in diesen Situationen passierte das ja ganz automatisch, ohne mein Zutun. Da ich mittlerweile aber schon recht gut darin geübt war, in diese innere Welten in mir drin zu kommen, war ich optimistisch, das nun auch ganz bewußt schaffen zu können.

Wie immer machte ich dazu beruhigende Musik an, legte die Hände wieder auf mein Herz und schloß die Augen. Ich mußte mich nur ein bißchen auf den Raum konzentrieren und schon war ich drin. Das ging ja leichter, als ich befürchtet hatte. Ich schaute mich dieses Mal ganz bewußt um. Dieser Raum, er sah aus, wie der Ballsaal eines alten Schlosses, vielleicht auch Herrenhauses. Und wie staubig es hier war. So sah es also in mir aus. Alt und staubig. Der Flügel klimperte wie immer vor sich hin und ich ging zu ihm. Strich langsam den Staub von den Tasten und setze mich auf den Klavierhocker, der direkt davor stand. Ja hier war ich immer sicher gewesen, aber auch so verdammt einsam. War das der Preis für Sicherheit? Und war er nicht eigentlich viel zu hoch. Ich sah zur Decke und seufzte. Von ihr bröckelte auch schon der Putz ab. Wollte ich weiterhin so einsam sein? Sicher ja, aber einsam? Mein Leben lang? Und die Antwort war: NEIN! Und was war das überhaupt für ein Leben? Also konzentrierte ich mich und blickte zur Tür. Es klopfte. War ich wirklich bereit hier jemanden herein zu lassen? Es klopfte nochmal. Dann gab ich mir einen Ruck und erhob mich. Ich kramte in meinen Taschen nach dem Schlüssel. Es war ein sehr großer, verschnörkelter Schlüssel. Meine Hand zitterte, als ich ihn langsam ins Schloß steckte und herum drehte. Dann trat ich einen Schritt zurück und bat den unbekannten Gast hinein. Es war niemand, den ich kannte- zumindest konnte ich in dem Dämmerlicht kein Gesicht erkennen. Aber die Stimme war freundlich. „Hallo. Mein Gott, wie dunkel es hier ist! Das müssen wir gleich mal ändern!“

Mit großen Schritten ging diese Person zu dem ersten Fenster und zog mit einem Ruck die langen schwarzen Vorhänge zur Seite und ich sah zum ersten Mal, daß die Sonne da draußen schien. Ich war leicht geblendet von dem Licht. Vorsichtig öffnete sie das Fenster und winkte mich zu sich. Ich stand noch einen Moment lang unschlüssig da, aber dann siegte doch die Neugier. Ganz vorsichtig ging ich zu ihr und berührte das Fensterbrett. „Komm“ sagte sie, „wir gehen hinaus! Hast du eigentlich gewußt, daß da ein wunderschöner Garten ist? Laß ihn uns ansehen!“ Ich wußte bis dahin gar nicht, daß da überhaupt ein Garten war. Nach kurzem zögern stimmte ich zu und wir kletterten durch den Fensterrahmen ins Freie. „Das ist der Garten des Lebens, deines Lebens. Siehst du diese wunderbaren Blumen? Schau hier!“ Er deutete auf eine wunderschöne Rose. „Sie ist wie du. Sie hat große Stacheln, um sich zu schützen. Damit ihr niemand zu nahe kommen kann. Auf die Idee, daß sie jemand einfach nur bewundern könnte und sie schön finden, ohne sie abreißen zu wollen, kommt sie gar nicht! Findest du sie schön?“ Ich nickte. Ja es war eine wunderschöne Rose, auch wenn ich nicht der Meinung war, daß ich genauso schön wäre. Wir gingen weiter. „Hier“, sagte die Person und zog mich zu einem anderen Beet. „Das da sind Sonnenblumen. Weißt du was daran so besonders ist?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nun sie wenden sich immer der Sonne zu. Das kannst du auch.“ „Die Sonne scheint aber nicht immer so intensiv wie jetzt! Es gibt ja auch Regentage!“ konterte ich. „Ja die gibt es, aber die Sonne ist trotzdem niemals weg. Ihr Licht wird nur etwas gedämpft. Denn auch die dunkelsten Wolken ziehen irgendwann vorüber und dann erstrahlt sie wieder mit voller Kraft!“

„Mag sein, aber ich muß jetzt gehen!“ sagte ich und winkte etwas verunsichert. Darüber mußte ich erst einmal bei klarem Verstand nachdenken. Und dann schlug ich die Augen auf. Ich war ein bißchen verwirrt, aber trotz allem fühlte ich in mir drin, wieder ein kleines Stück von dem inneren Frieden. Nicht so riesengroß, wie bei der Arbeit mit meinem inneren Kind, aber dennoch. Ich würde diesen inneren Raum wieder besuchen und sehen, was dort noch alles passieren würde.

Mehr dazu dann in Teil 10.

Bildertext:

„Die Sonne ist auch an Regentagen, niemals weg.
Ihr Licht wird nur etwas gedämpft.
Denn auch die dunkelsten Wolken ziehen irgendwann vorüber und dann erstrahlt sie wieder mit voller Kraft!“

© Emily-Star

3 Gedanken zu “Wege der Selbstheilung Teil 9

  1. Danke, liebe Emily, für das Anteilgeben an dieser Erfahrung auf deinem Weg zum Heilwerden. Du bist auf einem guten Weg. Mir fällt auf, dass es vielleicht nicht in erster Linie um die Dinge geht, die der Gast macht oder dir zeigt, sondern um den Gast, der in dein Leben tritt und zu dem du Vertrauen hast. Ich wünsche dir, dass du Menschen kennenlernst, denen du vertrauen kannst und dich öffnen kannst. Heilung am inneren Menschen geschieht durch Begegnung, durch Beziehungen. Ich bin mit den anderen Lesern ein kleiner Teil dieser Beziehungen. Auf deinem Weg bist du nicht alleine, auch wenn du Abschnitte alleine gehst. Wie beim Pilgern. Gott ist da. Für dich. sei herzlich gegrüßt, Volkmar

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke lieber Volkmar,

      das weiß ich wirklich sehr zu schätzen! Und es ist auch richtig, was Du sagst. Ich habe jetzt erst ganz langsam begonnen, wieder Menschen zuzulassen. Natürlich nicht jeden ganz dicht, aber immerhin. Auf der Pilgerreise, werde ich wahrscheinlich mit mehr Menschen reden, als in den ganzen letzten 10 Jahren zusammen. Denn wie schon beschrieben, führe ich seit langem das Leben eines Eremiten. Sicher, aber einsam.

      Herzlichst Emily

      Gefällt 1 Person

      1. Dass du lebst ist ein Wunder. Dass du leben willst auch. Wie hast du das bloß geschafft, zu überleben. Ich wünsche dir dass du die Einsamkeit hinter dich lassen kannst. Ich glaube an Wunder. In Jeremia steht: Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. – Vertrau diesem Gott. Er hat gute Gedanken für dich und über dich. Herzlichst, Volkmar

        Gefällt 1 Person

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