Mein Jakobsweg – achter Tag von Rubiães (Portugal) nach Tui (Spanien)

Da es nicht mehr so heiß war, sondern eher bewölkt, beschloß ich an diesem Tag etwas später los zu gehen. Ich war schon aus dem Tor der Unterkunft, da erblickte ich auf der Wäscheleine, noch einen weißen Slip von einer Pilgerin. Ich beschloß ihn mitzunehmen und hoffte, die entsprechende Frau noch auf dem Weg zu treffen. Wenn man wie die meisten, nämlich nur zwei, bis maximal drei Unterhosen bei hat, dann ist das ein ganz schöner Verlust. Da war es dann schon wieder ein bißchen blöd, daß fast alle weg waren. Aber ich war trotzdem optimistisch, die Frau noch zu finden. (Leider, fand ich sie aber nie. Die muß verdammt früh los gegangen sein, denn keiner der Pilgerinnen, die ich traf, gehörte er. Ein paar Spaßvögel, natürlich die Männer der befragten Frauen, meinten, ich solle ihn doch an den Rucksack hängen. Ja, ja… Ihr mich auch 😉 )

Nach nicht mal einer halben Stunde, kam ich dann zu dieser phantastischen Stelle, im Wald. Es war so entspannend, das Wasser plätschern zu hören und fast schon schade, daß ich nicht länger dort verweilen konnte:

Und kaum hatte ich meine Handykamera wieder weg gepackt, sah ich diesen wunderschönen Käfer und holte sie erneut hervor:

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Nicht unweit, kam ich wieder an eine der vielen Waschstellen, wo tatsächlich noch Wäsche gewaschen wird. Das finde ich so beeindruckend. Das erinnerte mich wieder an eine Zeit, wo ich mit meinem Exmann im Wald gewohnt hatte. Dort hatten wir Anfangs auch keine Waschmaschine gehabt und so, alles mit der Hand waschen müssen. Das war verdammt mühsam, besonders das spätere auswringen, was richtig in die Hände geht. Ich war so glücklich, als liebe Nachbarn uns dann eine Schleuder schenkten. Überhaupt habe ich in dieser Zeit viele Dinge zu schätzen gelernt, die ich vorher für selbstverständlich gehalten hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Etwas später traf ich eine Pilgergruppe aus Italien. Sie waren mit einigen Gemeindemitgliedern unterwegs und unglaublich nett. Das waren die ersten Personen, die ich traf, die (außer mir) auch aus religiösen Motiven unterwegs waren. Das hatte mich generell sehr erstaunt, da ein Pilger laut Definion, ja jemand ist, der aus religiösen Gründen eine „Wallfahrt“ unternimmt. Oder wie ein Priester in Santiago es erklärte: Ein Pilger ist jemand, der Gott sucht bzw. in Kontakt mit ihm treten will. Das heißt natürlich nicht, daß nicht jeder andere auch pilgern darf. Selbstverständlich! Ich war einfach nur total erstaunt darüber! Besonders, weil mich viele immer recht ungläubig ansahen, wenn ich sagte, daß ich an Gott glaube. „Echt???“, kam dann oft zurück. Das war schon etwas eigenartig für mich. Auf einer Pilgerrreise, erstaunte Blicke, für meinen Glauben zu erhalten. Ich gehe ja nun wirklich keinem damit auf den Geist, denn das hätte mir selbst, früher auch nicht gefallen. Es gab viele Jahre, wo ich den Kontakt zu Gott verloren hatte und wenn jemand nur das Wort Gott erwähnte, bin ich schreiend weg gelaufen. Ich war wirklich kein Kind von Traurigkeit, habe es so richtig krachen lassen. Wenn ich Gott um Vegebung bitte, dann hat das auch seine Gründe! Das kannst Du mir glauben. (Nur um einmal zu verdeutlichen, wie gut ich es verstehen kann, wenn jemand mit Gott nichts am Hut haben will. Ging mir ja selber mal so.) Aber, wenn man mich danach fragt, ja dann erzähle ich davon. Einfach weil ich erfahren habe, um wie viel leichter und schöner das Leben mit Gott für mich ist. Ich halte nichts von Angstmacherei. Selbstverständlich liebt Gott alle Menschen, auch wenn man nicht zur Kirche geht! Wenn man sich korrekt verhält, oder sich zumindest darum bemüht, ist alles gut. Denn Gott hat nichts mit Angst zu tun!

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Der Unterschied für mich persönlich vom „nur korrekt verhalten“ zu „Gott in mein Leben und Herz zu lassen“, ist jedoch, daß mein Glaube mir genau da Kraft und Frieden schenkt, wo ich vorher nur Leere und Schmerz hatte. Ich sehe meinen Glauben, als Bereicherung, nicht als Drangsalierung. Es ist schade, wenn manche, das so an Menschen weiter geben. Da ist es wirklich kein Wunder, daß so viele weg rennen. Aber das nur anbei.

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Zu dem Thema hatte mir der Herbergsvater in Tamel, übrigens, etwas sehr schönes gesagt: „Selbst die Pilger, welche sich ja NUR die Natur angucken wollen, werden spätestens, wenn sie Zuhause sind merken, daß sich irgendetwas in ihnen verändert hat, was sie vorher gar nicht gedacht hätten! Das wissen sie nur noch nicht!“

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Etwas später kam ich zu einem sehr schönen Cafe, wo ich diese italienische Pilgergruppe und auch Su wieder traf. Ich setzte mich zu Su an den Tisch und genoß meinen Kaffee. Ich hätte zwar auch gerne etwas zu Essen bestellt, hatte aber immer noch mit meinem Finanzchaos zu tun. Besonders, da ich fast kein Bargeld mehr hatte und erst wieder einen Bankautomaten finden mußte. Am Nebentisch, saß eine junge Frau, aus der italienischen Gemeinde. Sie hatte sich zwei Omlettes bestellt. Als sie ihren Teller bekam, fragte sie mich, ob ich etwas abhaben wollte und gab es mir dann. Das fand ich auch wieder so unglaublich schön. Ich hatte sie wirklich nicht danach gefragt. Das hat sie von sich aus gemacht. Im Anschluß ließ ich noch ein Foto von mir, vor den ganzen Wegweisern machen und dann ging es auch schon weiter. 135 km nur noch bis Santiago. Na wenn das nicht gut klang!

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Su und ich trafen immer wieder aufeinander und irgendwann gingen wir doch ein kurzes Stück zusammen. Sie setzte mir ihre kabellosen Kopfhörer auf und machte ein wunderschönes Lied an. Das werde ich glaube ich niemals vegessen. Wir gingen langsam nebeneinander her, damit die bluetooth Verbindung nicht abbrach und ich hörte über ihre tollen Kopfhörer, ein wunderschönes und sehr langes Instrumentalstück. Solche Musik hatte ich auch noch nie gehört und vor allem nicht, in dieser tollen Landschaft (Funkadelic- Maggot Brain). Es war einfach nur wunderbar. Und dann, sahen wir auf einmal, diesen weißen Pfau? Fasan? Ich habe keine Ahnung. Aber so ein schönes Tier, hatte ich noch nirgends gesehen. Su auch nicht. Leider, war er aufgrund dieser Gitterstäbe, sehr schlecht zu fotografieren. Aber ich versuchte mein Glück, trotzdem.

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Im Anschluß trennten wir uns wieder. Irgendwann kam ich dann endlich in Valenca an. Das bedeutete, es waren nur noch wenige Meter bis zur Brücke von Portugal nach Spanien.

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Kurz nach dem Ortseingang, kam ich zu einer wirklich alten Kirche. Die hatte schon einen gewissen Zauber. (Bis auf die Puppe? im blauen Sarg?, die fand ich ehrlich gesagt, doch etwas gruselig.) Aber trotzdem habe ich versucht, all das auf Video fest zu halten, was aber leider, auch nur bedingt möglich war:

Als ich etwas weiter kam, verlockte mich, dieser atemberaubende Ausblick von Valenca, hinüber nach Tui zu einem erneuten Video:

Schließlich raffte ich mich auf und ging durch dieses Tor, Richtung Brücke:

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Wieder traf ich auf Su. Wir hofften, noch in Portugal einen letzten Kaffee trinken zu können. Aber leider, hatte das einzige Cafe vor der Brücke, geschlossen. Also gingen wir so herüber. Die Brücke selbst, ist wirklich sehr hoch. Das kommt auf den Fotos glaube ich nicht so gut rüber:

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Und dann war es endlich so weit. Wir waren in Spanien.

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Galacien- wow. Ich war so glücklich. Denn das bedeutete, daß die Hälfte, der Strecke bereits geschafft war. Ich hatte Freudentränen in den Augen. Das war ein so überwältigender Moment! Ab jetzt würde ich jeden Tag zwei Stempel im Pilgerausweis benötigen, um in Santiago, die Compostela erhalten zu können. (Die letzten 100 km) Jetzt in Spanien, kommt der Endspurt. Das ist so ein Glücksgefühl, was man nicht kaufen kann:

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Nach kurzer Zeit, kam dann auch Tui selbst, in Sicht:

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Besonders gefallen, haben mir die kleinen Gassen:

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Und auch unsere Unterkunft, war erneut, ein absoluter Traum:

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Ich hatte es zum Hostel geschafft und das, trotzdem alle meine Blasen nicht nur, wieder neu voll gelaufen waren, sondern sich auch noch eine Blutblase, direkt unter einer anderen gebildet hatte:

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Die habe ich dann auch wieder ausgestochen und hoffte, daß nicht noch mehr der Art kämen. Etwas später, machten Su und ich uns auf, um etwas zu Essen. Da ich mittlerweile Geld vom Automaten geholt hatte, wollte ich mir heute zur Feier des Tages, doch mal ein etwas leckeres zu Essen gönnen. Wir waren ein bißchen platt, daß hier vor 20 Uhr gar nichts offen hat und da wir Hunger hatten, war das echt blöd. Aber das ist eben Spanien, nicht Deutschland 😉 Ich ging dann in die dortige Cathedrale, um sie zu besichtigen und mir einen Stempel, für meinen Pilgerausweis abzuholen. Allerdings habe ich dort ausnahmsweise, mal nicht fotografiert.

Als ich wieder heraus kam, sah ich, daß Su sich gut mit einem anderen Pilger unterhielt. Um sie nicht dabei zu stören, setzte ich mich schon an den Tisch. Etwas später, setzte sie sich zu mir und nach einer gefühlten Ewigkeit, konnten wir auch endlich etwas essen.

Als wir wieder zurück in der Unterkunft waren, betrachtete ich stolz, meine bisher erworbenen Stempel:

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Und weil ich so begeistert, von der schönen Unterkunft war, hinterließ ich auch einen Eintrag ins Gästebuch:

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Anschließend schrieb ich in mein Tagebuch:

3. Juni 2019

Heute taten meine Füße besonders weh und trotzdem ich die Blasen schon mehrfach aufgestochen habe, kommt immer wieder neue Flüssigkeit hinein. Ich weiß nicht, was ich falsch mache. Ich habe bereits einen Monat vorher die Schuhe eingelaufen, täglich mit Hirschtalgcreme die Füße behandelt und extra teure Wandersocken gekauft. Trotzdem nehmen die Blasen kein Ende. Habe mir dann eine Ibu eingepfiffen, damit ich trotzdem laufen kann.

Ansonsten aber bin ich sehr glücklich, schon so weit gekommen zu sein und habe mir die Etappen so gestreckt, daß ich am Montag zur Pilgermesse in Santiago einlaufen kann. Schade, daß die Kathedrale wegen Restaurierungsarbeiten (bis 2021) keine Messen mehr macht. Denn das gehört doch irgendwie als schöner Abschluß dazu. Ich muß mich noch erkundigen, wo diese stattdessen statt findet.

Jaaaa, jetzt bin ich in Spanien, die Uhr wurde wieder eine Stunde vorgestellt und das heißt, eine Stunde weniger Schlaf. Glücklicherweise ist es aber etwas kühler und so besser zu laufen. Durch das bereits gebuchte Bett im Hostel habe ich auch keinen Zeitdruck und kann so viel mehr genießen und an Eindrücken in mich aufnehmen.

Ich habe mittlerweile mit so vielen Menschen zu tun und das nicht nur über das Internet, es ist eine andere Welt und irgendwie schön. Natürlich laufe ich die meiste Zeit allein, aber manchmal spricht man kurz ein paar Worte und dann geht jeder wieder seinen Weg. Ich habe mit Menschen aus Amerika, Australien, Italien, Afrika und sogar Japan „gesprochen“. Besonders die Italiener, welche ich getroffen habe, sind extrem herzlich zu mir und das hat mich schon teilweise sehr berührt.

Aber auch die Hilfsbereitschaft untereinander ist unvergleichlich und mir in der Form und Intensität, noch nirgendwo begegnet. Das gibt mir ein bißchen den Glauben an das Gute im Menschen und im Leben zurück. Mir wird immer klarer, daß es vielleicht das ist, was mir Gott auf meinem Camino zeigen will. Weil es genau das ist, was wieder etwas Frieden in mein Herz bringt und diese unglaubliche Verbitterung und das extreme Mißtrauen in meiner Seele mildert.

13 Gedanken zu “Mein Jakobsweg – achter Tag von Rubiães (Portugal) nach Tui (Spanien)

  1. Super Artikel wie immer! Sehr detailliert und mit viel Liebe drin. Man könnte viel dazu kommentieren, aber mich hat ebenfalls dieser Satz ganz besonders angesprochen:

    Der Unterschied für mich persönlich vom „nur korrekt verhalten“ zu „Gott in mein Leben und Herz zu lassen“, ist jedoch, daß mein Glaube mir genau da Kraft und Frieden schenkt, wo ich vorher nur Leere und Schmerz hatte. Ich sehe meinen Glauben, als Bereicherung, nicht als Drangsalierung. Es ist schade, wenn manche, das so an Menschen weiter geben.

    Da konnte ich direkt „AMEN“ sagen! 😊 👏🏻 Halte es fest! ❤️

    Ganz liebe Grüße!

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  2. Man bekommt richtig Lust, sich auf den Weg zu machen, wenn man deine schönen Bilder und Videos anschaut!
    Ich glaube dein Hauswirt in Tamel hat Recht, der Weg verändert alle, nicht nur die, die bewusst die Verbindung mit Gott suchen. Schön, dass dir Erkenntnisse geschenkt wurden! 🙂

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    1. Das freut mich, liebe Birgit. Vielleicht gehst Du ihn ja auch mal? Es gibt aber auch, noch viele andere Jakobswege. Ich habe ja erst mal nur den Anfängerweg genommen. Doch es gibt etliche andere. Je nach Geschmack 👍

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      1. Wenn, dann müsste ich ganz bestimmt den Anfängerweg nehmen. Es ist fraglich, ob ich selbst den schaffe … ich bin ja nicht mehr die Jüngste. Kann man die Etappen kürzer machen?
        Das die Lust dazu aufkommt auf Grund deiner Bilder hat ja leider nichts mit meinen physischen Fähigkeiten zu tun … 😉

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  3. Liebe Emily, danke für diese Etappe, auf der du uns mitgenommen hast. Du hast es toll geschrieben und gut vermittelt, wie es dir ging und was dir die Reise bedeutet hat. Ich habe mit großer innerer Anteilnahme deinen Bericht gelesen und mir die tollen Fotos angesehen – auf einer Bank in der schönen Stadt Schleswig. Es war ein Highlight des Tages für mich. Danke!

    Gefällt 2 Personen

  4. „Der Unterschied für mich persönlich vom „nur korrekt verhalten“ zu „Gott in mein Leben und Herz zu lassen“, ist jedoch, daß mein Glaube mir genau da Kraft und Frieden schenkt, wo ich vorher nur Leere und Schmerz hatte. Ich sehe meinen Glauben, als Bereicherung, nicht als Drangsalierung.“

    Genau so ist es! Geliebte Emily, deine Reisebeschreibungen erfreuen das Herz aller Liebenden. Dankeschön fürs Teilhaben lassen.

    Fühlbare Grüße * Luxus

    Gefällt 4 Personen

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