Wege der Selbstheilung Teil 11 (1/2)

trauriger bär © Emily-Star

Über den Umgang mit Trauer Teil 1

(Um diesen Artikel vorgelesen zu bekommen, klickt bitte auf folgenden Link: https://archive.org/details/WegeDerSelbstheilungTeil11-1Von2 )

Von all den Themen, denen ich mich bisher gestellt hatte, gab es aber immer noch eines, was ich stets vermied. Eines, was so unglaublich weh tat, daß ich Angst hatte, innerlich daran zu zerbrechen, wenn ich es mir nochmal anschaute. Und doch klopfte es immer lauter und lauter gegen die Wände meines Bewußtseins. Ich wußte zwar, daß es wichtig war, mich ihm zu widmen, aber ich wußte nicht, ob ich das aushalten könnte. Seit 19 Jahren hatte ich es tief in mir verschlossen. Doch das hieß nicht, daß es damit erledigt war. Denn es steuerte mein Verhalten bis zum heutigen Tag und sorgte dafür, daß ich mich emotional nie wirklich auf jemanden einließ. Es war das Thema Trauer! Um Menschen zu trauern bedeutet sich der Tatsache zu stellen, daß sie fort waren und (zumindest in diesem Leben) nicht wieder kommen würden. Trauern bedeutete ebenfalls auch loszulassen und sich einzugestehen, daß man den Weg von nun an, ohne diese Menschen gehen mußte. Und ich hatte diese Vorstellung nie loslassen wollen.

Noch immer sprach ich oft in Gedanken mit den Verstorbenen und idealisierte sie. Es kam nie eine Antwort, aber das war egal. Ich brauchte die Vorstellung, daß da immer noch jemand war, der mich wirklich liebte, auch wenn ich ihn nicht sehen oder hören konnte. Denn bei meinem Vater war dies nie der Fall gewesen. Trotzdem wir uns im Moment wieder gut verstanden. Aber ich spürte immer, daß seine Liebe an Bedingungen geknüpft war und wenn ich die eines Tages nicht mehr so erfüllen würde, wie er sich das vorstellte, dann würde er mir erneut seine Liebe entziehen. Er hatte mir einmal gesagt, daß er irgendwann aufgehört hatte mich zu lieben und es jetzt aber wieder versuchen wolle. Das war bitter, aber wenigstens eine ehrliche Aussage. Und meine Mom, nun ja. Sie hatte mir ebenfalls gesagt, daß ich ihr zwar wichtig bin und sie mich lieb hat. Aber sie leider ebenfalls außerstande ist, mich als Tochter zu lieben, weil ich nun mal nicht ihre Tochter war. Und da sie nie eigene Kinder hatte, auch das Muttergefühl, somit einfach nicht kennt. Das war zwar ehrlich und nachvollziehbar, enttäuschte mich aber trotzdem und erinnerte mich mit Wut an ihre Mutter, die mir von klein auf immer erzählt hatte, daß sie meinen Cousin lieber hatte als mich. Zu Weihnachten hieß es jedes Mal. „Du bekommst das und das, aber der … bekommt mehr. Weil er krank ist und mein Patenkind. Das verstehst Du doch?“ Nein verstand ich nicht. Mir ging es auch gar nicht um irgendwelche Geschenke, aber mir das regelmäßig so lieblos auf die Nase zu binden, fand ich nicht schön. Und irgendwann als sie mich dann mal fragte, welche Großeltern ich lieber habe, antworte ich ihr schließlich auch, daß es die Anderen waren! Sie machten mir zwar keine teuren Geschenke, aber dafür gaben sie mir, was ich am meisten brauchte- Liebe und immer das Gefühl, ihnen wirklich wichtig zu sein! Und diese Menschen sollte ich loslassen? Ich wußte, es wurde Zeit. Nach langem hin und her, entschied ich mich es zumindest einmal damit zu versuchen, daß ich im Geiste nochmal in die Situation ihres Todes zurück ging und fing dabei mit meiner Oma an.

„Frühjahr’93. Meine Oma lag im Koma. Sie hatte ihren dritten Herzinfarkt erlitten. Bedrückt fuhren meine Eltern mit mir zurück nach Westdeutschland. Es war lange her, daß ich meine geliebten Großeltern gesehen hatte. Tausendmal fragte ich mich nach dem warum. Warum es denn erst so weit kommen musste, damit wir wieder zusammen fanden? Und ich bekam keine Antwort. Jetzt lag meine Oma im sterben und es war bereits zu spät, um noch irgendetwas zu klären.- Zu spät- Diese Worte dröhnten in meinem Kopf und machten sich in meinem Körper breit. Ich weinte. Außer Moms strengem Blick, blieb mir allerdings jeder Kommentar erspart. Im Krankenhaus angekommen fragten wir uns nach der Station durch. Am Krankenbett sah ich dann nach Jahren meinen geliebten Opa wieder. Als er uns erblickte, sah ich Tränen in seinen Augen. Er sah schrecklich aus. Wie ein Häufchen Elend kauerte er auf seinem Stuhl. Auch ich konnte mich nun nicht mehr zurück halten. In mir breitete sich tiefer Trauer aus. Auch mein Vater konnte seine Tränen nicht mehr zurück halten. Das hieß schon mal was, denn ich hatte ihn noch nie zuvor weinen sehen. Zumal er das ja auch immer bestrafte und verachtete hatte. Doch heute schien es erlaubt zu sein. Ausnahmsweise, vielleicht weil es seine Mutter war und die wiederum liebte er…

Und wieder suchte ich in meinem Kopf nach dem WARUM?! Warum das alles. Musste meine Oma erst im Sterben liegen, um das wir wieder zueinander fanden? Ich sah sie an. Sie war ganz bleich. Tausend Schläuche waren um sie herum. Ich streichelte sie und horchte auf. Neben ihr war ein Monitor, der den Herzschlag anzeigte. Sie atmete gleichmäßig und ihre Augen waren leicht geöffnet. Sie schwitzte. Ich bat um ein kaltes Tuch. Doch man gab es mir nicht. Es hätte sowieso keinen Sinn mehr, die Hitze käme von innen. Sie hatten sie also schon aufgegeben. Ihr Fieber stieg mehr und mehr an. Ich wurde nervös. Alles in mir bäumte sich auf gegen diese Ärzte. Warum, um Himmels Willen taten sie denn nichts? Und wieder streichelte ich behutsam ihre Hände, ihr Gesicht und ihre Haare. Dann verließ ich mit meiner Tante den Raum. Völlig fertig redete sie auf mich ein. Und das schlimmste war, sie redete über vergangene Zeiten, die zwar längst vorbei waren- aber immer no ch weh taten. Sie versuchte mir Mut zu machen und meinte wir alle müssten vergeben und vergessen können.

Am nächsten Morgen fuhren wir wieder ins Krankenhaus. Ihr Zustand hatte sich verschlechtert. Und wieder hielt ich ihre Hand. Ich hielt sie ihr deshalb, damit sie spürte, daß sie nicht allein war. Als ich im Krankenhaus gelegen hatte, weil man mich am Magen operieren mußte, hatte ich mir das nämlich oft gewünscht. Die warme, Mut machende Hand. Aber ich hatte sie nie bekommen. Stattdessen eher das Gefühl, ich solle nicht so wehleidig sein. Was mir aber schwer fiel, nachdem mir der Bauch von den Ärzten vom Bauchnabel bis zur Brust aufgeschnitten wurde.

(Das tat nach der Operation verdammt weh, aber es gab ja immer noch Andere denen es schlechter ging und ein Indianer kennt ja schließlich auch keinen Schmerz! Wie ich diesen Spruch hasse!)

Meiner Oma aber, wollte ich diesen kleinen, schwachen Trost geben. Ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Die Ärzte meinten, daß sie es nicht schaffen würde. Ein wahnsinniger Schmerz durchfuhr meinen Körper. Und selbst, wenn sie es überleben würde, würde sie nie wieder so werden, wie sie einmal war. Geschockt ging ich in die kleine Kapelle oberhalb des Krankenhauses. Ich zündete eine kleine Kerze für sie an und betete. Ich betete, daß Gott sie erst zu sich nehmen sollte, wenn dieses kleine Lichtlein abgebrannt war. Ihr Lichtlein. Ihr Leben. Langsam, fast wie in Trance ging ich wieder nach unten in ihr Krankenzimmer. Sie begann unregelmäßiger zu atmen. Jedes Mal, wenn sie meiner Meinung nach zu schwer atmete schrie ich sie an, sie solle doch endlich weiter atmen. Durch ihre halb geöffneten Augen sah ich, wie sie jeden von uns noch ein letztes Mal ansah. Dann schloss sie ihre Augen und atmete kaum noch. Ich sah abwechseln zum Monitor und dann auf sie. Die Kurven darauf wurden kleiner und kleiner. Mein Opa gab ihr noch einen kleinen Kuss und flüsterte: „Tschüss Mutti!“ Dann kam ein unerwarteter schriller Piepton. Alle Geräte schalteten sich mit einem mal aus. Sie war tot!„

Da der Artikel zu lang würde, habe ich ihn in 2 Teile aufgesplittet. Der Rest zu diesen Thema folgt also im nächsten Beitrag: Wege der Selbstheilung Teil 11 (2/2)

8 Gedanken zu “Wege der Selbstheilung Teil 11 (1/2)

  1. Liebe Emily, auch in meinem Leben hatte die Grossmutter eine starke und liebevolle Rolle und auch deshalb erreicht mich dein Post sehr! (Jetzt bin ich selber Grossmutter.) Trauer hilft uns aber auch, Abschied als Teil unseres Weges anzunehmen. Wir trauern, verzweifeln und sind dann irgendwann überrascht, wie uns der Verlust letztendlich auch gestärkt hat. Dann können wir aus tiefstem Herzen dankbar sein, dass der Mensch (manchmal auch die Situation), der, die Anlass zur Trauer, war in unserem Leben eine solch prägende Rolle hatte! Bis dahin lassen wir einfach die tiefe Trauer zu und nehmen jede Anteilnahme gerne an. Lieben Gruß. Anna

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    1. Liebe Anna,

      da hast Du Recht. Das war auch der Grund der Auseinandersetzung. Erst auf diese Art, konnte ich irgendwann endlich loslassen.

      (Der Original Beitrag ist schon ein paar Jahre alt und befand sich auf googleplus. Da es diese Plattform nicht mehr gibt, poste ich hier alle Beiträge der Selbsthilfereihe und Gedanken für Zwischendurch noch einmal.)

      Herzlichst Emily

      Liken

  2. Ich bin auch am Flennen. Das ist so traurig, auch wenn es natürlich ist, geht einem sowas an die Substanz, wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt. Aber es ist immer besser, sich den Dingen zu stellen, wie du das ja auch machst, anstatt zu verdrängen. Das modert dann im Hintergrund so vor sich hin und kommt dann mit Verstärkung zurück.

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  3. Es ist immer sehr bewegend, was und wie Du von Dir schreibst oder in Deinen Videos erzählst. Und meist fehlen mir dann die Worte, um das auszudrücken, was in mir vorgeht. Dabei gibt es vieles, was ich aus unterschiedlichen Gründen sehr gut verstehen kann, u. a. erinnert mich einiges an die Erfahrungen einer guten Freundin. Nun bin ich erstmal gespannt auf Teil 2. Ich wünsche Dir noch einen schönen Restsonntag, Eberhard

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    1. Ich danke Dir für Deine lieben Zeilen, Eberhard. Im übrigen fehlten mir jahrelang die Worte, in vielen Themenbereichen und in manchen, sogar heute noch. Umso mehr freue ich mich dann, wenn ich endlich welche gefunden habe, um das alles zum Ausdruck zu bringen. UND wenn ich dann noch eine so schöne und ehrliche Rückmeldung, wie die Deine dazu lesen kann.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,

      Emily

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    1. Danke für Deine Zeilen, lieber Werner.

      Es stimmt, der Fernseher petzt nicht und davon mal abgesehen, sind Tränen nicht nur menschlich, sondern auch manchmal reinigend. Sie reinigen die Seele langsam vom Schmerz. Ich habe mir immer vorgestellt, daß mit jeder Träne, etwas von dem Schmerz aus mir heraus läuft!

      Liebe Grüße, Emily

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