Wege der Selbstheilung Teil 11 (2/2)

Ich sehe in den Himmel- atemberaubend... Die Sonne scheint auf mein Gesicht- Wärme... Ein Vogel fliegt erhebt sich in die Lüfte- Freiheit... Ein Siberstreif am Horizont- Sehnsucht... Wolken auf Wanderschaft- Träume... Dein Bild in meinem Herzen- unvergessen... © Emily-Star

Über den Umgang mit Trauer Teil 2

(Um diesen Artikel vorgelesen zu bekommen, klickt bitte auf folgenden Link oder Player: https://archive.org/details/WegeDerSelbstheilungTeil112Von2 )

Bei der Beerdigung selbst, so erinnerte ich mich, habe ich keine Träne vergossen. Ich konnte es nicht mehr. Ich stand nur stumm da und starrte ungläubig auf den Sarg, als er langsam in die Erde gelassen wurde. Ich wollte ihren Tod, trotzdem ich ja dabei gewesen war als sie starb, trotzdem nicht wahr haben.

Diese Zeit, in der sie gestorben war, war generell sehr schwierig gewesen. Denn zwei Jahre zuvor hatte mein Vater in Berlin eine andere Arbeitsstelle angenommen, so daß wir aus Nordrhein-Westfalen fort zogen. Nicht, das mich das sonderlich traurig gemacht hätte. Ich hatte dort bis auf meine Bücher, eh keine Freunde gehabt und wurde nach wie vor in der Schule gemobbt. Außerdem hatte Mom mir versprochen, wenn wir erst einmal in Berlin wären, würde alles anders werden. Sie meinte damit es würde besser werden, in Wirklichkeit aber wurde es schlimmer. Sowohl die Ehe meiner Eltern, als auch meine Beziehung zu ihnen. Was meine Mom von meinem Vater an Demütigungen erfuhr, gab sie sogleich an mich weiter. Sie bereute immer mehr, meinen Vater überhaupt geheiratet und mich damit am Hals zu haben. Was sie mir auch immer wieder sagte.

Da mein Vater kaum noch Zuhause war, sie hingegen schon, stellte ich mich trotzdem auf ihre Seite. Zum Großteil natürlich aus Angst und ab und zu, bekam ich ja auch etwas von all dem Streit mit. Er hat sie nie geschlagen, das muß ich hinzu fügen, aber mit Worten kann man einem Menschen auch sehr, sehr weh tun und die waren teilweise schon sehr heftig.

Ich hatte meine Großeltern in den Jahren nach dem Streit immer vermisst und mir nichts sehnlicher gewünscht, als sie wieder zu sehen. Ich malte mir das oft aus, wie es wäre, wenn ich sie zufällig treffen würde. Wenn alles wieder gut wäre. Doch das war leider nie der Fall. Das schlimmste war für mich, daß ich an diesem Streit zwischen meinem Vater und seinem die Schuld trug. Und sie wog unheimlich schwer! Sie hatten sich wegen mir gestritten. So sehr, daß der Kontakt komplett abbrach. Denn mein Opa war damals schon sehr krank gewesen und ich hatte befürchtet, daß er seinem Leben ein Ende machen wollte. Er rief mich eines Tages an und bat mich, ihm meinen Kassettenrekorder zu leihen. Meinen Eltern jedoch sollte ich davon auf gar keinen Fall etwas sagen. Ich mußte es ihm fest versprechen und ich tat es- dummerweise! Er sagte mir, daß er ihn holen würde, wenn meine Eltern nicht da wären. Es ist verrückt, daß ich als Kind schon darauf kam, daß er wohl anstelle eines Abschiedsbriefes, eine Abschiedskassette besprechen wollte. (Da er große Schwierigkeiten zu schreiben hatte. Er konnte es nicht richtig.) Und da ich nicht wollte, daß mein Opa aus meinem Leben verschwand, zerriß es mir fast das Herz. Und trotzdem ich bemühte nicht zu weinen, schaffte ich es nicht meine Tränen zurück zu halten. Das wiederum sah dann meine Mom, als ich versuchte, mit gesenktem Kopf schnell an ihr vorbei, in mein Zimmer zu kommen. Doch ein aggressives: „Wieso heulst du denn jetzt schon wieder?“, zwang mich kurz vor meiner Zimmertür zum inne halten. Sie hatte schon mit der Hand ausgeholt, als mein Vater ausnahmsweise mal dazwischen schritt. Ich glaube, das war das einzige Mal, wo er mal kurzzeitig auf meiner Seite stand. Er hatte wahrscheinlich einen verdammt guten Tag. Trotzdem stellte er mir dieselbe Frage und weil ich Angst hatte, doch noch verprügelt zu werden, verriet ich den Grund. Ich brach mein Versprechen… Daraufhin stürmte er wutentbrannt zum Telefon und brüllte seinen Vater an, wie er sowas einem Kind sagen könnte und ich wäre ja nun auch nicht dumm, das nicht zu durchschauen. Nun ja, so kam dann der Bruch zustande. Weil ich meine Klappe einfach nicht hatte halten können und das auch noch aus lauter Feigheit. Ich hatte schon so viele Schläge in meinem Leben eingesteckt, da wäre es darauf doch jetzt auch nicht mehr angekommen. Es hat sehr viele Jahre gedauert, bis ich mir das verzeihen konnte und heute bin ich mit Versprechen sehr sparsam. Besonders, wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich es halten kann. Dann sage ich liebe: „Ich werde es versuchen!“ Aber nie wieder: „Ich werde es versprechen!“

Und dann, ein paar Jahre später kam auf einmal dieser Anruf mit der Nachricht, vom Herzinfarkt meiner Oma und das sie im Sterben lag. Ich empfand Schmerz, Angst und Scham zu gleichen Teilen. Vor allem aber hatte ich Angst, daß mein Opa mir das nicht verziehen hatte und mich nun auch nicht mehr lieben würde. Um so überraschter war ich, daß er mich trotzdem im Krankenzimmer in den Arm nahm und kein einziges böses Wort an mich wandte. Trotz seinem Schmerz, um den Verlust von seiner Frau spürte ich sie noch. Die bedingungslose Liebe für mich. Und so war es immer, egal was ich angestellt hatte, er schlug mich niemals und hat mir immer verziehen. Er hat mich gescholten, wenn ich mal Unsinn gemacht hatte, aber er hat es niemals mit grausamen Worten getan. Und dieses Mal kam nicht einmal eine seiner Schelten. Ich glaube, er hat mir das schon verziehen. Doch ich, ich konnte mir nicht verzeihen. Und ich weinte um die verlorenen Jahre, all die Zeiten, die wir nicht mehr miteinander teilen würden. Die wenigen aber schönen Erinnerungen in meiner Kindheit, die ich mit den Beiden verbracht hatte und die es jetzt so nie wieder geben würde. Es war gut, daß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wußte, daß nur ein halbes Jahr später auch mein Opa sterben würde. Ich wußte zwar, daß er noch immer krank war. Aber zu seinem Krebs war nun auch noch eine Lungentuberkulose hinzu gekommen. Einmal haben wir ihn noch im Krankenhaus besucht. Es war das letzte Mal, daß ich ihn sah. Er war so unglaublich dünn, die Haut schien fast durchsichtig zu sein, wie Pergament und er hustete ständig. Ich war wirklich geschockt, aber meine Liebe für ihn war ungebrochen. So sehr, daß ich trotz der besonderen Verhaltensregeln und Schutzkleidung, (die es im Falle von ansteckenden Krankheiten gibt) zu ihm ging, ihn umarmte und dann auch noch ein Küßchen gab. Das brachte mir dann dann zwar einen Hagel Ohrfeigen und Vorwürfe von Seiten meiner Mom ein, aber das war es mir wert. Ich habe das bis heute nicht bereut, trotzdem ich die Bakterien dann auch in mir hatte und würde es wieder tun! Die Krankheit ist jedoch nie ausgebrochen und selbst wenn sie es täte. Im Frühstadion ist sie heutzutage sehr gut heilbar und ansteckend ist sie auch nur, wenn sie ausgebrochen ist. Nichts weshalb ich mir also je Sorgen gemacht hätte.

Als ich mich nun an all das nicht nur erinnerte, sondern die Gefühle der Trauer und des Verlusts endlich zuließ, kamen dann auch die Tränen. Nach so vielen Jahren, konnte ich sie endlich betrauern.

In Gedanken befand ich mich nun in einem einsamen Wald und starrte auf einen gefrorenen See. Ich sah, wie auf der anderen Seite ein Sarg davon getragen wurde und im Frühnebel verschwand. Ich hob meine Hand als letzten Gruß und blieb stehen wo ich war. Ganz still und fühlte wie Tränen mein Gesicht benetzten. Diese Tränen waren echt. Sie kamen aus dem inneren meines Herzens. Ich bemerkte, wie die Sonne langsam aufging und sie spiegelte sich auf den Eiskristallen des gefrorenen Sees wieder…

Ich weinte lange um meine Oma und es war unglaublich, aber irgendwann schien es endlich gut zu sein. Ich hatte sie gehen lassen können. Nur bei meinem Opa habe ich das bis heute nicht geschafft. Ich rede in Gedanken immer noch zu ihm, mache manchmal eine Kerze an und habe sein Foto aufgehangen. Vielleicht schaffe ich ja, auch ihn irgendwann gehen zu lassen. Es ist nun 21 Jahre her, seit er starb. Und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Ich habe angefangen zu akzeptieren, daß das im Augenblick einfach so ist. Ich finde es nun auch nicht mehr schlimm und lasse mir diesbezüglich auch nichts mehr einreden. Im Gegensatz zu früher. Wo man mir erzählte, wie krank das doch sei, einem Menschen so lange hinterher zu trauern und das ich ihn unbedingt los lassen muß. Ich muß gar nichts. Ich kann, aber ich muß nicht! Und das war noch eine wichtige Lektion, die ich für mich gelernt habe. Das ich mir diese „Schwäche“ einfach erlaube. Es ist okay! Ich bin halt kein Buddha, ich bin nicht perfekt- ich habe vieles für mich erreicht, auf das ich wirklich stolz bin und es gibt halt Dinge, an denen ich noch arbeite oder aber versuche mich mit ihnen zu arrangieren. Und das ist eine davon.

Im nächsten Teil geht es dann mit der Vorstellung von ein paar Möglichkeiten weiter, wie man selbst den AKUTEN psychischen und emotionalen Fall, auch ohne Tabletten stoppen kann…

12 Gedanken zu “Wege der Selbstheilung Teil 11 (2/2)

  1. Uff. Harter Tobak. Beide Teile. „Gefällt mir“ zu klicken, passt irgendwie nicht. Aber es ist schon stark, den ganzen Ballast alleine bewältigen zu wollen. Jeder, der( leichtere ) Krisen durch hat, kann das nachempfinden.
    Dass du 21 Jahre mit dem Tod deines Großvaters nicht fertig wirst, muss dich nicht belasten: Elvis ging es mit seiner Mutter ähnlich. (Siehe/höre „Mama likes the Roses“ oder „don’t cry Daddy“.) Und der im Osten gefeierte Schriftsteller Erwin Strittmatter kopierte seinen Großvater mütterlicherseits sogar ein Leben lang, um nur Ähnlichkeiten zu seinem Vater zu vermeiden.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für Deine Zeilen. Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut. Das mit Elvis wußte ich gar nicht.

      Was die Likes angeht, so beziehe ich diese auf den/die Beitrag/Beiträge an sich. Da ich aber manchmal auch nicht weiß, wie der Betreffende in fremden Blogs das bei speziellen Themen auffassen würde, like ich bei anderen aus genau diesem Grund auch nicht immer. Das kann ja auch schnell falsch verstanden werden.

      Aber in meinem Falle sehe ich das eher im Sinne von, der Beitrag gefällt und nicht, daß es den anderen freut, daß ich gelitten habe. Aber wie gesagt, ich weiß ganz genau, was Du meinst! 😉

      Ich wünsche Dir eine schöne Woche!

      Gefällt 1 Person

  2. Du warst ein Kind, also niemals Schuld. Selbst ein Erwachsener hätte normalerweise versucht, einen Selbstmord zu verhindern. Irgendwie hast du ihm ja das Leben gerettet, jedenfalls schreibst du nichts von einem weiteren Selbstmordversuch.
    Kerzenanzünden für einen geliebten Verstorbenen ist eine schöne Zeremonie. Man denkt doch an ihn. Ohne Erinnerung wäre er wirklich tot, weil ihn niemand mehr kennt.
    Beste Grüße
    Brigitte

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Brigitte,

      ich hatte danach keinen Kontakt mehr, gehe aber mal davon aus, daß es keine Selbstmordversuche gab. Aus heutiger Sicht, habe ich richtig gehandelt. Denn hätte ich nichts gesagt und er wäre gestorben, wäre diese Last auf meiner Seele, wahrscheinlich noch viel schlimmer gewesen.

      Meine Großeltern waren in meiner von Gewalt und Einsamkeit geprägten Kindheit, der einzige Lichtblick und genau deshalb, war das Ganze auch so unglaublich furchtbar für mich. Ich glaube, daß nur die bedingungslose Liebe, welche ich von den Beiden erhalten habe, dafür gesorgt hat, daß ich kein bösartiger Mensch geworden bin. Von daher war es gut, daß sie da waren und mich liebten. Auch wenn mich der Verlust, jahrelang nicht los gelassen hat. Aber die Erinnerung an ihre Liebe, ist eine stete Erinnerung an das Gute im Menschen, was im Herzen verborgen ist. Es tut mir für meinen Vater leid, daß er diese Liebe und Wertschätzung von seinem Vater, also meinem Opa, nie erfahren hat. Deshalb kann er wahrscheinlich auch nicht lieben oder sich auf irgend etwas ernsthaft einlassen. Weil sein Vater ihm das verweigert hat, was er mir bedingungslos schenkte und er keinen Opa hatte, der ihm gezeigt hat, daß es so etwas gibt.

      Herzlichst Emily

      Gefällt 3 Personen

  3. An dem Bruch waren meiner Meinung nach allein die Erwachsenen schuld, nicht du, die ja noch ein Kind war.
    Dein Grossvater hatte sicher seine Gründe, nicht deinen Vater zu bitten, wie dessen Reaktion ja auch zeigte, aber es ist nicht klug ein Kind dazu aufzufordern, etwas vor den Eltern geheim zu halten. Das kann immer daneben gehen, wie es bei dir ja ging. Eltern haben so einen speziellen Detektor, wenn man ihnen etwas verheimlicht. Und die extreme Reaktion deines Vaters verstehe ich gar nicht. So schlimm war das doch nun auch wieder nicht. Vielleicht hätte er mal darüber nachdenken sollen, warum sein Vater nicht ihn gefragt hat … vielleicht war das auch ein Grund seiner extremen Reaktion.
    Ich bin ziemlich sicher, dass dein Grossvater nicht dir, sondern sich selber die Schuld an dem Ganzen gegeben hat. Dein Vater scheint ja nicht so der selbstreflektierende Typ zu sein …

    Gefällt 2 Personen

    1. Da magst Du Recht haben. Zur Verteidigung meines Vaters muß ich aber sagen, daß mein Vater in seiner Kindheit, keine Liebe oder Anerkennung von seinem Vater bekommen hat.

      Er ist tatsächlich nicht reflektiert. Aber das hatte durchaus seine Gründe. Mein Opa wollte an mir wieder gut machen, was er an seiner Frau und an seinen eigenen Kindern verbrochen hat. Und ich rede hier von wirklich viel Gewalt und großer Grausamkeit. Das habe ich als Kind aber nicht gewußt. Es muß sehr schlimm gewesen sein zu sehen, daß ich all das an Liebe bekommen habe, was den anderen verwehrt geblieben ist. Wahrscheinlich mochte meine Familie mich deshalb auch nicht so.

      Herzlichst Emily

      Gefällt 1 Person

      1. Dann verstehe ich auch deinen Vater etwas besser … obwohl du ja nichts dafür kannst, dass sein Vater dich besser behandelt hat als seinen eigenen Sohn. Ich habe einfach etwas dagegen, wenn Erwachsene an Kindern etwas auslassen, wofür sie nichts können, Erwachsene sollten das – wenn überhaupt – aneinander auslassen, aber nicht an hilflosen Kindern. Dagegen bin ich richtig allergisch.

        Gefällt 1 Person

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