Wertschätzung in unsicheren Zeiten

Um diesen Artikel vorgelesen zu bekommen, klick bitte auf folgenden Player:

Vor knapp einer Woche bin ich 40 Jahre alt geworden. Ein Alter, von dem ich zeitweise dachte, daß ich es gewiß nie erreichen würde. War es erst der jugendliche Hochmut, welcher sich mit lebensmüder Verzweiflung abwechselte. Ging dann weiter, über die Borreliosediagnose, bis hin zum Bangen um mein Herz, mit wochenlanger Atemnot. Stunden, die sich zogen wie Kaugummi in denen ich zwar atmete, aber trotzdem das Gefühl hatte, nicht richtig Luft zu bekommen. Wo mein Herz urplötzlich, so deutlich aus dem Takt kam, daß ich Todesängste ausstand. Wer hätte gedacht, daß beides zusammen hängt und durch die entsprechende Medikation behoben werden kann. Ich zu dem Zeitpunkt nicht, weil es eine halbe Ewigkeit brauchte, bis ich mal einen Termin beim Kardiologen bekam, der fest stellte, daß tatsächlich Probleme da waren. Bis zu diesem Zeitpunkt kam ich mir streckenweise vor, wie ein Hypochonder. Kaum davon erholt, wurde mir klar gemacht, daß ich die regelmäßigen Magenspiegelungen ernst nehmen soll. (Ich hatte eine ausgelassen, getreu dem Motto, ist schon nicht so schlimm.) Man machte mir daraufhin klar, daß bereits Krebszellen in meiner Speiseröhre gefunden worden waren und nur eine regelmäßige Kontrolle, zeigen könnte, wie sie sich verhalten. Als mir das richtig bewußt wurde, saß ich da und sinnierte darüber, ob mein 40. Geburtstag wohl ein „erst 40“, oder ein „schon 40“ wird. Wie erleichtert war ich zu hören, daß sich noch nichts vermehrt hat und mir noch Zeit geschenkt wurde. Zeit, um mich meiner Aufklärungsarbeit zu widmen und darüber hinaus, vielleicht doch noch ein paar meiner Träume leben zu können…

In meinem letzten Eintrag, habe ich geschrieben, wie wichtig es ist; all das zu schätzen, was man hat. Die Menschen, die um einen herum sind und einem zur Seite stehen. Sowie, stolz auf sich selbst zu sein. Alles Dinge, die schnell im täglichen „Allerlei“ untergehen und deshalb zur Selbstverständlichkeit werden. Selbst bei mir, die es doch eigentlich besser wissen müßte. Meine Herzmedikamente helfen, super. Borreliose war seit Jahren nicht da, super und die Krebszellen schlummern auch brav vor sich hin, ebenfalls super. Also genug Zeit für das tägliche Allerlei…

Nun aber ist der Coronavirus hier. Das heißt für mich, die Menschen zu beschützen, die ich liebe und das, so gut ich kann. Noch mal über mich hinaus zu wachsen und das, obwohl ich selbst Risikopatientin bin. In meinem Kopf die Verlustangst, die schwerer wiegt, als die Angst um mich selbst. So leben „Paul“ und ich seit fast 5 Wochen schon in völliger Zurückgezogenheit und ich gehe nur noch zum Einkaufen hinaus. Auch einen anderen Mensch, der mir unglaublich am Herzen liegt, treffe ich nun nicht mehr. Er ist ebenfalls, ein Risikopatient. Die stundenlangen Gespräche fehlen mir, genauso wie andere lieb gewonnene Menschen. Auch, wenn ich generell die Zurückgezogenheit bevorzuge, wirkt im Augenblick alles, ganz schön surreal auf mich. Du kennst das sicher! Ich denke, Dir ergeht es im Augenblick, nicht viel anders.

Vielleicht sorgst auch Du Dich auch, nicht nur um Menschen, die Du liebst, sondern noch dazu, um Deine Existenz.

Das Gefühl kenne ich nur zu gut! Auch wenn die Ursachen, andere waren. Aber das Gefühl, ist doch dasselbe. Wie oft schon, habe ich in meinem Leben, Hab und Gut verloren. Meinen Wohnsitz gewechselt. Immer wenn ich versuchte, zur Ruhe zu kommen, passierte doch wieder irgend etwas im Außen. Als wollte das Leben dafür sorgen, daß ich nicht einschlafe. So auch jetzt. Wir wohnen seit 4 Jahren, in einem über 100 Jahre alten Haus; in welchem ich in zwei Räumen, regelmäßig den Schimmel von den Wänden wische, wie andere Menschen Staub putzen. Da es kein schwarzer Asbestschimmel ist, habe ich dem bisher, auch nicht so viel Bedeutung beigemessen. Zudem hat es die Mieter unter uns, noch viel schlimmer getroffen. Die haben den Schimmel in jedem Raum und zwar die ganzen Wände voll. Ich mache mir nichts vor, irgendwann, wird es bei uns wohl auch so aussehen. Eine Frage der Zeit. Sind es noch 3 oder 4 Jahre?! Vielleicht… Sofern, der riesengroße tote Tannenbaum, der erheblich größer ist, als das ganze Haus, nicht vorher schon, irgendwo rein kracht. Der Vermieter hat kein Geld, ihn fällen zu lassen und wir stellen uns im Augenblick wieder mal die Frage, wie lange das hier alles, wohl noch gut geht. Wohnungen im Niedrigpreissegment gibt es nicht viele und fast alle haben in dieser Gegend, Schimmel. Hier hat die Schimmelbude, ja wenigstens noch einen Garten. Einen Garten, wo wir viel Geld und Arbeit rein gesteckt haben. Den wir lieben und der für uns wie, unser zweites Wohnzimmer ist. Das Gartenhaus, was dort steht, hatte ich ganz allein isoliert und dort mal ein halbes Jahr gelebt. Das diente der Selbstfindung und war eine unglaublich, wertvolle Erfahrung. Heute würde ich das nicht mehr tun. Die Gefahr des toten Baums, der irgendwann mal umfallen könnte, ist mir dann doch viel zu hoch. Dennoch lieben wir unseren Garten und nutzen ihn auch. Noch… Wie lange wohl noch?

So steht mir im Augenblick, nur eines ganz klar vor Augen und zwar, bewußt zu genießen, was man hat, solange, man es (noch) hat!

Wenn ich Sprüchebilder, wie das in meinem letzten Eintrag verfasse, dann nicht ohne Grund. Ich weiß nicht, was Morgen kommt. Oder Übermorgen. Es gibt keine Garantien. Umso wichtiger, ist das Jetzt! Es gibt keine ewige Jugend, kein unendliches, körperliches Leben oder kontinuierliche Sicherheit. Du siehst es in Zeiten, wie diesen. Viele Menschen bangen um ihr Leben, ihre Lieben, ihren Arbeitsplatz, ihre Existenz! Nichts ist sicher und genau deshalb, ist die Wertschätzung all dessen, umso wichtiger!

Foto: Georg Lukas

33 Kommentare zu „Wertschätzung in unsicheren Zeiten

Gib deinen ab

  1. Liebe Emily, Du bist ganz schön mutig, mein Kompliment, und nachträglich alles Liebe und gute Gesundheit zu Deinem 40. Während meiner Krebszeit (1 1/2 Jahre lang) habe ich meiner älteren Schwester gesagt, meine Zukunft sei so unvorhersehbar geworden. Da meinte sie: „Aber das ist doch bei allen Menschen gleich.“ Das hat mir Vertrauen gegeben. A propos Schimmel: Hier in der Schweiz gilt Schimmel als Schaden, den der Vermieter beheben muss, weil er sehr gesundheitsschädlich und giftig ist. Wir litten am gleichen Übel. Der Maler hat die Stellen übermalt mit einer speziellen Schutzfarbe. Seit 7 Jahren haben wir Ruhe. Vielleicht kann man selbst solche speziellen Farben bekommen? Ich würde mich mal erkundigen, so bald die Fachgeschäfte wieder geöffnet sind. Alles Gute und liebe Grüsse, Elisa

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Elisa,

      vielen Dank für Deine Zeilen. Schön, daß Du den Krebs besiegt hast 🤗 Diese Zeit, war gewiß unglaublich kräftezehrend! Deine Schwester hat Recht und ich stimme ihr da absolut zu. Wir meinen immer, daß alles eine gewisse Abfolge im Leben haben müßte. Eine Norm. Aber das ist ein Irrglaube. Btw. meiner Krebszellen, habe ich mir irgendwann auch gesagt, daß ich auch genauso, auf andere Weise sterben kann und zwar jederzeit. Das hat mir geholfen, mich da etwas zu entspannen. Die Erkenntnis, daß ich meine Lebensdauer, nicht in der Hand habe. Wohl aber in gewissem Maaße, die Lebensqualität. Klar, manchmal kommt sie schon noch, diese innere Angst, dieses „Ist es schon soweit?! Sind sie gewachsen?!“ Aber dann versuche ich meinen Fokus wieder umzuverlegen. Das ist nicht immer leicht. Aber bisher gelingt es mir ganz gut.

      Was den Schimmel angeht, so wurde vor Jahren bereits, wie wir nachträglich erfahren haben, schon mit einer solchen Farbe gestrichen. Die ist jetzt durch. Das Problem ist, daß die Ursache, nicht behoben werden kann. Das hat man mal versucht. Der Keller ist total feucht. Man hat überall Löcher hinein geschlagen, in der Hoffnung, das Problem in den Griff zu bekommen. Es hat nicht geklappt. Unsere Mitmieter unten, kriegen nach ganz viel Theater mit der Hausverwaltung, demnächst die Wohnung neu gestrichen. Aber wenn die Ursache nicht behoben wird, nutzt das ja auf Dauer gar nichts. Ich habe mich immer gewundert, warum ich oft so husten muß, obwohl ich seit 5 Jahren, nicht mehr rauche. Es ist immer so ein trockener Husten. „Paul“ hat auch oft ein Kratzen im Hals, was er vorher nicht hatte. Man hat mir gesagt, daß das am Schimmel liegt. Ich dachte immer, nur Asbestschimmel schadet und das ist ja keiner. Asbest wurde in den 70ern verbaut. Dieses Haus ist 100 Jahre alt. Aber man hat mich eines besseren belehrt. Auch „normaler“ Schimmel ist in einer gewissen Konzentration, gesundheitsschädlich.

      Na ja, wir sind gespannt, wie das sich hier alles wohl noch entwickelt. Aber ausziehen, werden wir in jedem Fall. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.

      Herzliche Grüße,

      Emily

      Gefällt 1 Person

  2. Herzlichen Glückwunsch! Ich wünsche dir ganz viel Kraft in der aktuellen Zeit, aber auch für die Zukunft! So eine Diagnose ist nie leicht. Ich wünsche dir von Herzen, dass du stark bleibst und nie die Hoffnung aufgibst!

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Emily, auch von mir Glückwünsche und eine gute Portion dessen, was mein Jüngster beim Wandern immer „Bergaufkraft“ nannte.
    Und einen ganz praktischen Tipp zum toten Tannenbaum: die Freiwillige oder Berufsfeuerwehr sucht gelegentlich solche Möglichkeiten, um den Einsatz bei Sturm etc zu trainieren. Schlag das doch mal deinem Vermieter vor. Vielleicht bist du den Baum – und damit wenigstens ein ganz kleines Problem – schneller los als du denkst.
    Avec mes meilleurs voeux de la France
    Paonia

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für die Glückwünsche und den Tip, liebe Paonia. 😀

      Aber im Augenblick ist jeder Kontaktversuch zum Vermieter, oder der Hausverwaltung, zwecklos. Wir haben, noch nicht mal Licht im Hausflur, weil die Zeitschaltuhr, an der das Licht angeschlossen ist und welche am Sicherungskasten im Keller hängt, kaputt ist. Ich habe die Hausverwaltung, vor Wochen, deshalb angeschrieben. Aber es kommt nicht einmal mehr eine Antwort. Ich kann das nicht reparieren, obwohl ich wirklich viel selber mache. Doch, wenn man an der Hauselektronik etwas falsch macht, fackelt man noch das ganze Haus ab. Zumindest haben uns das, sehr gute Freunde gesagt, die selbst ein eigenes Haus haben. Das, ist nur was, für den Elektriker. Deshalb laufen wir Abends, mit einer Taschenlampe, durch den Flur. Klar habe ich als Mieter Rechte, aber es ist Fakt, daß wir dann eben ausziehen können, wenn uns das alles nicht paßt. So sieht es aus. Unsere ehemaligen Mitmieter, die vor 2 Jahren ausgezogen sind, waren im Mieterschutzverein. Das hat ihnen auch nichts geholfen. Von daher, glaube ich nicht, daß egal ich vorschlage, da irgendwas passieren wird. Da wir kein Geld haben, erst Recht nicht, um wieder umzuziehen, bleibt nur zu hoffen, daß der Baum, doch noch dieses Jahr, entfernt wird. Wenn der hier rein fällt, ist nämlich Feierabend. Er ist sicher 15 Meter hoch und steht sehr nah am Haus.

      Trotzdem danke für Deinen Tip. 😊 Vielleicht hilft er ja anderen, mit einem ähnlichen Problem, wenn sie das hier lesen 👍👍👍

      Herzlichst Emily

      Liken

  4. Ebenfalls von mir alles Gute nachträglich! Die Zahl 40, kann ich Dir versichern, sieht nur schlimm aus, wenn man sie vor sich hat. Danach geht es erst richtig los.

    Natürlich nur, wenn das Drumherum stimmt. Daher weiter viel Zuversicht, auch wenn vielleicht nicht alle Pläne klappen. Bei mir geht’s ja auch schon Jahrzehnte gut.

    Gefällt 1 Person

  5. Liebe Emily, da kann ich dir nur beipflichten! Dankbarkeit für das was man hat, leben im Hier und Jetzt.
    Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum 40sten … das war für mich auch eine Kehrtwende, denn damals vor 25 Jahren wäre ich fast an einer verschleppten Lungenentzündung eingegangen. Und doch sind wir noch hier … 🙂 ❤

    Gefällt 2 Personen

Schreibe eine Antwort zu Zoé, la Française Antwort abbrechen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: