Licht der Hoffnung Teil 1

Wie alles begann, meine Biografie

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Die Gitarrenmusik im Hörbuch wurde komponiert und gespielt von Egon Will!

Ängste, Depressionen, Sucht, selbstverletzendes Verhalten, Suizidversuche, traumatische Erfahrungen, Trauer, Tod, Mißbrauch… Alles das und noch viel mehr habe ich selbst erlebt und im Laufe der letzten Jahre endlich Wege gefunden, wie man sich ganz langsam aus all dem befreien kann… Einige davon habe ich in meiner Selbsthilfereihe „Wege der Selbstheilung“, ja bereits schon vorgestellt und im Anschluß mit ein paar hoffentlich anregenden Gedankengängen, aus der Reihe „Gedanken für Zwischendurch“, ergänzt.

Um diese aber nun noch besser verstehen zu können, erzähle ich hier von den Anfängen meines Lebens, bis hin in die heutige Gegenwart. Ich gehe nun noch einmal ganz in die tiefsten Winkel meiner Seele hinab und versuche mich zu erinnern.

Widmung:

Dieses Hörbuch widme ich den Menschen, die mich lieben und die immer an meiner Seite sind.
Den Menschen, die vor mir diese Welt verlassen mußten, jedoch immer in meinem Herzen bleiben werden.

Und natürlich Dir!

Dir will ich jetzt mein Herz ganz weit öffnen. Dir Du liebe Seele, die ich zwar nicht kenne- aber der ich trotzdem Hoffnung spenden will!
In Gedanken schicke ich Dir nun ein kleines Licht. Es ist das Licht der Hoffnung. Lasse es tief in Dein Herz! Es möge Dir stets den Weg hell erleuchten, Dich auch in Deinen dunkelsten Stunden niemals verlassen und wenn Du kannst, dann gebe es weiter. Gebe es weiter an all die, welche noch immer im Dunkeln herum irren, verlassen und allein. Auf das die Welt wieder etwas heller und liebevoller werden mag.

Zuletzt noch eine wichtige Information:

Alle Namen habe ich aus personenschutzrechtlichen Gründen geändert!Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind somit ungewollt und rein zufällig!

Ich will mich lösen,
von all der Verbitterung, die so tief in mir verwurzelt ist,
dem steten Mißtrauen, daß mich noch immer
von der Welt abschneidet und innerlich einsam macht.
Ich will meinem Herzen weiter folgen,
noch tiefer in meine Seele hinab steigen, als je zuvor
und alle Barrieren, die mich aufhalten, nieder reißen.
Ich sah Rosen, die im Schnee noch blühen.
So will auch ich wieder erfüllt von Leben sein und
der Kälte trotzen, weil die Liebe mich von innen wärmt.

©Emily-Star



KAPITEL 1:

Schmerzen, Übelkeit- mir ist so schwindelig… Wo bin ich? Ich fühle, wie mir etwas aus dem Hals und dann aus dem Mund gezogen wird. Es fühlt sich groß an, irgendwie ein bißchen kratzig. Dann wieder Stille in meinem Kopf. Eine Hand, irgend etwas macht sie. Durch halbgeöffnete Augen kann ich die Umrisse eines Gesichtes ausmachen. Es ist eine Frau und sie sagt etwas. Ich versuche den Worten Sinn zu geben, den dicken Nebel in meinem Kopf zu lichten. Doch so wirklich geht das nicht. Noch nicht. Dann meine ich endlich etwas zu verstehen. „Wenn sie Schmerzen haben, drücken sie einfach diesen Knopf…“ Welcher Knopf? Nur eine Frage, doch mein Mund scheint wie ausgedörrt zu sein. „Habe ich…???“ „Was?“ Ich versuche meinen Kopf anzuheben, um selbst nachzusehen. Doch er ist so schwer, daß ich sofort wieder in die Kissen zurück gleite. „ Ach so… nein.“ sagt sie beruhigend und erleichtert lasse ich meine schweren Augenlider wieder zufallen.

Etwas später, wie lange ist es her? Ich wache wieder auf. Ich falle… innerlich… immer tiefer… Angst… Ich muß… meine Augen öffnen. Sterbe ich? Ich will nicht sterben. Panik ergreift mich und langsam zwinge ich meine Augenlider sich wieder zu öffnen. Keiner mehr da, ich blicke nach links, doch sehe nicht viel, bis auf ein paar Geräte. Das Piepen, es scheint von einem der Monitore neben mir zu kommen. Ich sehe ihn zwar nicht, dafür müßte ich mich aufsetzen, doch ich weiß, daß es einer für die Vitalfunktionen ist. Meine Augen werden wieder schwer, doch ich versuche sie aufzuhalten. In meinem Hals ein weiterer Schlauch und zwei in meiner Nase. Ich ziehe an einem der beiden. In dem Moment kommt die Frau wieder. „Nein, der muß drin bleiben. Durch das Schmerzmittel wird manchmal Atemdepression ausgelöst. Das ist Sauerstoff, den brauchen sie dann.“ Ich bin einverstanden und stecke ihn wieder rein. Auf der rechten Seite sehe ich dann wohin der Schlauch in meinem Hals führt. Ein großer Ständer mit allen möglichen Beuteln und kleinen Kästen mit Ledanzeigen??? Der ganze Ständer ist geschmückt wie ein Weihnachtsbaum. Ich habe keine Ahnung was da alles dran hängt, doch als mein Blick zu meiner rechten Hand schweift, entdecke ich endlich auch den kleinen Knopf, von dem die Frau gesprochen hatte. Doch bevor ich ihn drücken kann, fallen meine Augen wieder zu. Schlaf ist gut, denke ich mir noch. Aber schon nach kurzer Zeit empfinde ich wieder nur Panik und Todesangst. Ein Gefühl auf gar keinen Fall einschlafen zu dürfen, löst in mir solche Angstzustände aus, daß ich immer wieder die Augen aufreißen muß. Vor lauter Verzweiflung laufen mir die Tränen über meine Wangen und als die Frau wieder da ist, erzähle ich ihr von dieser Angst. Sie versucht mich zu beruhigen, daß ich ruhig schlafen kann und mir nichts passieren wird. Doch ich habe panische Angst davor. Sie erzählt mir ebenfalls, daß das eine Nebenwirkung des Schmerzmittels sein kann und viele Patienten das berichten. Das ist bei Morphium so, aber mir wird nichts passieren. Ich versuche ihr zu glauben, meine Augen wieder zu schließen. Doch dasselbe passiert wieder und wieder. Ich drücke den Klingelknopf, den ich mittlerweile ebenfalls in der Nähe meiner rechten Hand ausmachen konnte. Ein Mann kommt. Ich schluchze: „Bitte machen sie das aus, das Mittel, es macht irgend etwas mit meinem Kopf.“ Er erklärt mir, daß das nicht geht, weil die Schmerzen dann zu schlimm für mich wären. Aber er wolle mal fragen, was man da machen kann. „Haben sie nicht ein anderes Mittel?“ „Nein, das ist schon das Stärkste!“ Jetzt laufen mir erst richtig die Tränen. Er scheint meine Verzweiflung erst genommen zu haben, denn nur etwas später kommt er mit einer anderen Frau ins Zimmer zurück. „Ich drehe ihnen das Mittel jetzt etwas zurück. Wir probieren das einfach mal. Wenn es nicht geht, dann klingeln sie einfach, dann drehen wir es wieder hoch. Und ansonsten haben sie immer noch den Knopf. Wenn sie den drücken, bekommen sie sofort eine neue Dosis von dem Mittel. Sie brauchen auch keine Angst zu haben. Der Computer ist so eingestellt, daß sie sich nicht überdosieren können.“ Dankbar schaue ich zu ihr auf und sehe, wie sie etwas an dem Weihnachtsbaumständer macht. Was es ist, kann ich nicht wahr nehmen, weil ich immer wieder in den Nebel zurück gleite. Es folgen kurze Schlafphasen, dann doch wieder Panik und erneutes Augen öffnen. Es wird zur Tortour. Irgendwann kommt wieder eine Frau ins Zimmer. Sie schiebt einen Fernseher hinein und drückt mir die Fernbedienung in die Hand. Ich war noch nie so dankbar für diese kleine Ablenkung. Ich kann zwar nicht wach bleiben. Der Nebel holt mich immer wieder zu sich. Aber ab und zu, sickert etwas durch. Ein Gefühl der Normalität, eine Erinnerung an früher. Ich schalte auf einen Kindersender um, ich brauche nichts was mir Angst macht. Den ganzen Tag kommen Zeichentrick und andere Kinderfilme. Kinderfilme… Kind… Hatte ich nicht schon einmal so was? Ich versuche meine Bettdecke anzuheben, doch bis auf eine Art dicken Verband sehe ich nichts. Ich versuche darunter zu schauen. Hoffnungslos. Also taste ich ihn ab. Wie lang… „Nein. Sie ist länger als damals. Der ganze Bauch diesmal, alles. Der Verband geht wirklich bis ganz runter.“ Meine größte Angst hatte sich bewahrheitet. Nämlich die, daß schon wieder mein ganzer Bauch aufgeschnitten wurde. Wie damals als ich 11 war. Das war schon die Hölle. Doch auch das war ja bereits das zweite Mal. Ich versuche mich zu erinnern, was ich noch von früher wußte. Aber wissen tat ich eigentlich gar nichts, weil man mir doch alles nur erzählt hatte. Was genau war das nur… Jaaa… Die Erzählungen von damals… Jetzt fällt es mir wieder ein…

Meine leibliche Mutter war seit meiner Geburt schon grenzenlos mit mir überfordert. Denn ich hatte ein schweres körperliches Problem. Ich konnte einfach keine Nahrung bei mir behalten. Man erzählte mir, daß ich immer wieder in unterschiedliche Kliniken gebracht und aufgepäppelt wurde. Man hat mich während dieser Aufpäppelphasen im Krankenhaus sogar mit Hilfe spezieller Seile senkrecht hin gehangen, damit die Nahrung nicht wieder heraus fließen konnte. Ich kann das nur schwer beschreiben, habe es aber ganz erstaunt auf einem alten Foto von mir gesehen.

Die Nerven aller Beteiligten waren damals zum zerreißen gespannt, weil ich langsam verhungerte und kein Arzt wußte wieso. Ich habe gelesen, daß die Erkennung heutzutage bereits im Mutterleib fest gestellt werden kann, aber damals war die Medizin leider noch nicht so weit. Man hat mir erzählt, daß meine leibliche Mutter irgendwann die Nerven verlor und mich aus purer Verzweiflung zu schlagen begann. Verwandte haben die blauen Flecken an mir gesehen und sie wohl auch darauf angesprochen. Ob sie es dann sein ließ, weiß ich natürlich nicht. Mein Vater hingegen mußte den ganzen Tag arbeiten, damit wir überhaupt etwas zu Essen hatten, da das Geld mehr als nur knapp war.

Wir wohnten in der oberen Etage des Hauses meiner Großeltern. Also der Eltern meines Vaters. Der einzige, der sich die Zeit nahm, war mein über alles geliebter Opa. Auch er mußte zwar arbeiten. Aber er stand extra eine Stunde eher auf und ging mit mir in ein separates Zimmer. Dann fing er leise an zu singen und mir die Flasche zu geben. Dafür brauchte er zumeist eine Stunde. Hätte er das nicht getan, wäre ich nicht einmal ein halbes Jahr alt geworden! Parallel dazu rannte mein Vater mit mir von einem Arzt zum anderen, aber keiner fand etwas. Ich lag somit zu 80% nur in Krankenhäusern und habe laut den Psychologen die so genannte Mutterliebe, die einem ja das Urvertrauen vermitteln soll, nicht erlebt.

Es dauerte sehr lange, bis die Ärzte endlich heraus fanden, was genau da eigentlich der Grund für mein ständiges erbrechen war. Als Kind erzählte man mir, daß es eine Magenklappe gewesen wäre, die mir fehlt. Jetzt weiß ich aber, daß das nur ein vereinfachter Erklärungsversuch für mich gewesen ist. In Wirklichkeit fehlte mir nämlich ein Teil meiner Speiseröhre, bzw. litt ich an einer Fehlbildung von eben dieser. Ich habe keine Ahnung, wie die Ärzte das genau wieder hin bekommen haben und es ist mir auch egal. Auf jeden Fall habe ich überlebt und die große breite Narbe, vom Brustansatz bis zum Bauch, erinnert mich daran…

Ich schlage die Augen auf und fahre mit meinen Fingern gedankenverloren über den Verband, worunter sich mein Bauch befindet. Doch fühlen kann ich nichts. Er ist zu dick. Ich seufze tief, öffne die Augen und frage mich, was ich heute wohl darunter vorfinde. Die Narbe von damals, sie war so unübersehbar groß, daß mich alle Kinder fragten, was ich denn da gemacht hätte. Ich hingegen kannte mich gar nicht anders. Auch später, als die Ärzte mir wieder alles aufschnitten, war die Narbe mein geringstes Problem. Aber jetzt… schon wieder, nach all den Jahren. Es reicht, ich habe so verdammt satt. Aber was nutzt es mir. Ich weiß ich kann jammern, doch es wird nichts ändern. Weder wird es mir meine Narbe, noch meine Schmerzen nehmen. Apropos Schmerzen, wo war eigentlich noch der verdammt Knopf. Ich ziehe meine Hand von meinem Bauch weg und schiebe sie langsam wieder rüber auf die rechte Seite. Mit meinen Fingern taste ich die Bettdecke ab, bis ich ihn endlich zu fassen bekomme. Erleichtert atme ich aus und drücke ihn. Nur wenige Sekunden später werden meine Augen wieder schwer und ich gleite zurück zu den Erinnerungen der Erzählungen von damals.

Nachdem ich aus dem Krankenhaus kam, war die allgemeine Erleichterung so groß, daß ich überlebt hatte, das so langsam etwas wie Normalität eintrat, bzw. hätte eintreten sollen. Meiner leiblichen Mutter war das wahrscheinlich zu normal. Vielleicht fragte sie sich auch, ob das jetzt alles gewesen sein sollte und fing an sich ihr Leben zu „versüßen“ indem sie von einer Party zur nächsten hüpfte. Recht bald dann auch von einem Bett ins nächste… Das ich ihr, als das störende, vielleicht sogar schlechte Gewissen im Nacken saß, glich sie damit aus, daß sie mich einfach vollständig aus ihrem Gesichts- und damit auch Gedankenkreis verbannte. Das bedeutete, daß sie mich in meinem Kinderzimmer einschloß und einfach stundenlang weg blieb.

Bis mein Vater irgend etwas davon merkte, war es schon viel zu spät. Ich war vollends verhaltensgestört…

Das sah dann so aus, daß ich meine Puppe äußerst aggressiv behandelte, unsere Katze in meinem Kinderzimmer an irgendeinem Möbelstück anband und ausflippte, sobald jemand auch nur versuchte die Tür zu schließen. Eine Frau, die später mal bei meinem Vater und mir einzog, erzählte mir dazu: “Ich erinnere mich noch intensiv an ein Erlebnis, als ich bei euch einzog. Ich war gerade in deinem Zimmer, hatte nach dir gesehen und wollte wieder herausgehen, als Du anfingst zu weinen und sagtest: „Aber bitte nicht abschließen, nicht Tür abschließen, nein?“ Daraufhin sagte ich nur: „Nein, tue ich nicht!“ Woraufhin du aus deinem Bett geklettert bist und zur Tür gegangen. Du hast sie immer wieder auf und zu gemacht, weil du einfach nicht glauben konntest, daß sie nicht abgeschlossen ist. Daraufhin haben dein Vater und ich ALLE Türen (bis auf die Haustür) im gesamten Haus aus gehangen, sogar die Klotüren. Es hat lange gedauert, bis du verstanden hast, daß dich niemand mehr einschließt…“

Meine leibliche Mutter trennte sich dann von meinem Vater als ich ca. 1 1/2 Jahre alt war. Oder, er hat sie sogar rausgeschmissen, genau weiß ich das nicht. Wir wohnten dann in einer Wohnung in Paderborn, die sie gemietet hatte. Was da alles vorgefallen ist, weiß ich ebenfalls nicht. Aber lange dauerte unser Zusammenleben eh nicht an, denn nur etwas später stellte sie mich im Körbchen bei meinen Großeltern ab, da mein Vater zu dem Zeitpunkt bei der Arbeit war. Sie sagte nur, sie hielte das nicht mehr aus, mit so einem Gör an der Backe und wolle nun endlich leben! Was dieser Satz bedeutete, konnte ich als Baby nicht ermessen. Habe es aber in meinem späteren Leben, immer wieder von anderer Stelle zu spüren bekommen.

Mein Vater und meine Großeltern nahmen mich also zurück, wie einen Umtauschartikel. Getreu dem Motto: „2 Jahre sind noch nicht um, kann ich doch wieder zurück geben!“ Nur, daß das bei Kindern nicht gilt, hat sie wohl irgendwie nicht mit gekriegt!

Es folgte dann also die Scheidung, wo meine leibliche Mutter ausdrücklich auf das Sorgerecht für mich verzichtete und es meinem Vater komplett übertrug. Dieser, schwer schuftend, da nach wie vor Geld und Essen knapp waren und meine Mutter sogar noch Unterhalt einforderte (obwohl ich bei ihm lebte), befand sich nun aber in der Bredouille, sich aufgrund all der Arbeit natürlich nicht wirklich gut um mich kümmern zu können. Für den Kindergarten war ich damals noch zu klein und so wurde ich ständig von einem Verwandten zum nächsten gereicht. Die meiste Zeit jedoch war ich natürlich bei meinen Großeltern. Entweder mit im Haus oder auch auf deren Arbeitsstelle. Ihre Arbeitgeber waren damals wohl sehr tolerant. Auf jeden Fall versuchten die Beiden mit ihrer Liebe zu kitten, was ihnen möglich war. Ich spürte das, auch wenn ich es nie benennen konnte. Und ich war wirklich so dankbar und regelrecht süchtig nach dieser Liebe. Ich bin froh, daß ich diese durch meine Großeltern kennen lernen durfte, denn ich weiß nicht, was ich sonst für ein Mensch geworden wäre, wenn nicht einmal meine Großeltern mir ein bißchen davon geschenkt hätten. Deshalb empfand ich die Beiden, als meine wirklichen Eltern. Daran konnte auch die neue Frau, die mein Vater etwas später kennen gelernt hatte und die mir auch von den Verhaltensstörungen erzählt hatte, nichts mehr ändern. Wen ein Kind liebt, den liebt es. Da kann kommen wer will!

Mein Vater, so meine Tante hat den Fehler gemacht, krampfhaft nach einer Mutter für mich zu suchen und nicht nach einer Lebenspartnerin. Das war natürlich sehr unfair gegenüber der neuen Frau. Sie – keine Ahnung von Haushalt, Kindern, noch in ihren jugendlichen Träumen und Naivität gefangen, wurde mit einem Mal vor die Wahl gestellt:

„Entweder ich und meine Tochter- oder keiner von uns Beiden!“

Aber um Schuld geht es hier auch nicht! Es sind die Umstände, die uns oft handeln lassen, wie wir handeln. So viele Faktoren. Zumindest was diese Bereiche meines Lebens betrifft…

Diese neue Frau, hat sich dann doch für meinen Vater und mich entschieden und wurde so zu meiner neuen Mutter. Ich werde sie ab jetzt aber auch nur noch Mom nennen. Sie ist die einzige, an die ich mich bewußt, als meine Mutter erinnern kann. Sie hat meinen Vater wirklich sehr geliebt und in ihrer jugendlichen Naivität ebenfalls gehofft, es würde schon werden! Was sollte denn schon schief gehen? Wenn sie gewußt hätte, was alles danach noch folgen würde, so sagte sie mir oft, hätte sie niemals diesen Schritt gewagt und die Entscheidung: ‚Wir schaffen das schon getroffen!‘

Wie wäre mein Leben dann verlaufen? Jetzt, da bis auf meine Tante niemand mehr von meiner richtigen Familie für mich da ist?! Wo ich immer nur das schwarze Schaf war. Wäre ich eines geworden? So viele Fragen. Doch sie sind müßig, da ich die Antwort darauf, niemals finden werde!

Ich öffne meine Augen und starre schwer atmend an die Zimmerdecke. Schon wieder Schmerzen… Wie spät es wohl ist? Mein Blick wandert durch das Zimmer, bis er an der Wanduhr hängen bleibt. Es ist 10. Hellichter Tag, doch das Licht kann ich nur erahnen. Hinter meinem Christbaumständer steht eine große Aufstelltrennwand. Dahinter ist bestimmt das Fenster. Wie schade, daß ich es nicht sehen kann. Andererseits ist es auch egal. Meine Augen kann ich eh nicht lange offen halten.

Auf der Intensivstation merkt man sowieso nicht, welche Tageszeit gerade ist. Alles ist wie im Nebel. Morphium, was für ein Teufelszeug. Ich muß mich ablenken. Diese Panik beim Augen schließen. Auch wenn ich weiß, daß das von dem Mittel kommt, so kann ich die Angst nicht abstellen. Also, wie ging es weiter- was kam danach…

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