Licht der Hoffnung Teil 3

Meine Biografie Teil 3

Warnung: Dieser Beitrag kann triggern!

Die Kommentarfunktion, habe ich bei allen Teilen dieser "Licht der Hoffnung" Reihe, deaktiviert! Die Veröffentlichung meiner Biografie, soll NUR und AUSSCHLIEßLICH dazu dienen, Menschen zu helfen! Aber nicht, zum be- oder verurteilen aufrufen! Bei wichtigen persönlichen Fragen, schreib mich doch bitte einfach über das Kontaktformular an.

Bei allen anderen Beiträgen und Kategorien, bleibt die Kommentarfunktion natürlich erhalten.

Um diesen Artikel vorgelesen zu bekommen, klick bitte auf folgenden Player:

Da ich nun weder meine Großeltern, noch Freunde, oder irgend einen anderen Menschen hatte, der mir Liebe und Zuneigung entgegen brachte, streifte ich die meiste Zeit, alleine durch die Gegend. Es war unglaublich schwer für mich, all die Ablehnung zu spüren. Die ständige Angst zu ertragen, weil ich nie wußte, wann ich mal wieder Prügel bekam und die unglaubliche Lieblosigkeit auszuhalten. Ich mußte raus gehen und so erlebte ich nicht nur einmal, wie andere Kinder mich bewußt mieden und nicht mit spielen wollten. Diese Einsamkeit, kann man sich nur schwer vorstellen und noch schwerer beschreiben. Wenn man da sitzt, mit den Fingern Kreise in den Boden malt und niemand da ist, der auch nur ein nettes Wort, mit einem spricht.

Doch eines Tages, wurde das anders. Bei einem meiner einsamen Streifzüge, kam ich mit einem Mal, an einem Bauernhof vorbei, wo ein kleiner Junge spielte, den ich noch nicht kannte. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen und das, obwohl der Ort wo wir lebten, ein ganz kleines Dorf war. Er war sehr freundlich zu mir und erzählte, daß er hier, bei seinen Großeltern, Urlaub macht. Anschließend lud er mich ein, mit ihm auf dem Hof, zu spielen. Hocherfreut nahm ich das Angebot an. Endlich hatte ich jemanden gefunden, der mit mir spielen wollte und war nicht mehr allein. Wir verbrachten tolle Tage und ich genoß es zum ersten Mal, so etwas wie einen Freund, zu haben. Etwas später, lernte ich dann auch seine Großeltern, kennen. Auch diese, waren sehr nett zu mir und boten mir an, jederzeit wieder kommen zu können, um die Tiere zu streicheln. Genau das tat ich dann auch. Irgendwann waren jedoch, die Ferien zu Ende und der kleine Junge, war nicht mehr da. Stattdessen aber sein Opa. Als ich erfuhr, daß er vorerst nicht mehr käme, war ich geknickt und sank traurig in mich zusammen. Mit gesenkten Schultern, streichelte ich noch einmal die Kuh, neben der ich stand und wandte mich zum Gehen. Doch da, lud mich der Bauer auf einmal ein, noch ein bißchen, da zu bleiben. Er hätte noch mehr Tiere und wenn ich die sehen wolle, müßte ich nur ein bißchen warten, bis er mit dem Füttern, fertig sei. Dann würde er wieder kommen und sie mir zeigen. Natürlich wartete ich und etwas später kam er tatsächlich und bedeutete mir, ihm zu folgen. Wir kamen zu einer Leiter und er erklärte mir, daß wir dort hoch gehen müßten, weil dort der Taubenschlag sei. Er ging vor und ich folgte ihm arglos. Auf dem Taubenschlag zeigte er mir dann allerdings nicht nur die Tauben, sondern auch Pornohefte und begann, mich im Anschluß, sexuell zu mißbrauchen…

Ich war damals 9 Jahre alt, nicht aufgeklärt und hatte keine Ahnung, daß das, was er mit mir machte, nicht in Ordnung war. Denn er sagte mir, daß dies alle so machen und es trotzdem aber, unser kleines Geheimnis bleiben soll. Es war mir sehr unangenehm. Aber ich dachte wirklich, daß das so sein muß. Später habe ich durch Zufall, einmal ein paar andere Mädchen getroffen und mich mit ihnen, darüber unterhalten. Bzw. als sie hörten, daß ich öfter bei dem Bauern war, fragten sie mich, ob der Bauer auch immer dies und das mit mir machte, wie mit ihnen. Ich stimmte zu, daß das bei mir genauso sei und das, war nur mehr die Bestätigung, daß das normal ist. Dachten wir… Wenn man auf dem Bauernhof, mit den Tieren spielen wollte, mußte man das eben, über sich ergehen lassen. Weder ich, noch die anderen Mädchen, haben damals gewußt, daß das, nicht normal ist. Ich kann mir nicht erklären, warum wir unseren Eltern nichts davon sagten. Bzw. warum sie, ihren Eltern, nichts davon sagten. Oder taten sie es doch und es glaubte ihnen nur keiner? Wiegelte es ab? Ich für meinen Teil, erzählte es nicht, weil ich sowieso kein Vertrauen, zu meinen Eltern, hatte. Und auch wenn es mir sehr unangenehm war, was der Bauer mit mir tat, so war er doch der einzige Mensch, der ansonsten nett zu mir war. Der mit mir redete… Erst mit 15 Jahren, erfuhr ich durch Zufall, daß so etwas kein normales Verhalten, von dem Bauern gewesen ist. Sondern sich sexueller Mißbrauch an Kindern nennt und strafbar ist! Auch wenn ich, von mir aus, hin gegangen bin. Es dauerte dann noch ein weiteres Jahr, bis ich mich 1996 überwand und ihn anzeigte. Jedoch nicht um meinetwillen, sondern wegen der anderen Mädchen. Ich nannte der Polizei, die drei Namen von den Mädchen, von denen ich noch wußte und an die ich mich erinnern konnte. Etwas später, war ich richtig gehend sprachlos, als ich erfuhr, wie viele es mittlerweile waren. Denn diese drei Mädchen, kannten wieder andere Mädchen und diese Mädchen, kannten noch andere Mädchen. Ich hatte, ohne es zu wissen, eine Lawine los getreten. Denn die Betroffenen wurden immer mehr und mehr. Und vor allem aber, immer jünger!

Später beim Prozeß vor Gericht, stand ich aber letzten Endes, ganz alleine da. Bis auf meine Mom und meine Rechtsanwältin, war ich auf völlig, verlorenem Posten. Es waren keine anderen Eltern da. Niemand hat seine Aussage, vor Gericht, wiederholt. Das hatte dann zur Folge, daß nur noch ich, mit meinen Aussagen übrig blieb. Diese verloren jedoch in dem Moment an Gewicht, als ich keine genaue Uhrzeit und Bekleidung benennen konnte. Ja richtig, man wollte von mir wissen, was ich an hatte. Das war ganz schön schwierig, denn als ich die Anzeige machte, waren schon viele Jahre vergangen. Und so plädierte der Bauer, trotz Teilgeständnis, auf schuldunfähig; in Form von „Ich wußte nicht, daß man das nicht soll!“ und kam am Ende, auch damit durch. Es ist ganz schön heftig, daß man sich als Opfer, an jede Kleinigkeit erinnern muß! Natürlich mag es auch Fälle geben, wo damit Schindluder getrieben wird und Menschen zu Unrecht, angeklagt werden. Aber in diesem Fall, wo es so unglaublich viele andere Kinder gab, die alle ähnliches aussagten; ist das doch eine ganz schöne Scheiße, wenn ich das mal so frei heraus sagen darf!

Das Gericht verurteilte ihn, aufgrund seines Teilgeständnisses, fortgeschrittenen Alters und weil er krank war, zu 2 Jahren auf Bewährung. Mit eingeflossen in das Urteil, ist dann noch, daß der arme Mann ja miterleben mußte, wie man seine Scheune in Brand steckte. Graffitis an die Hauswand sprühte und massenweise Eltern bei ihm aufkreuzten. Ich habe dann noch 3000 DM Schmerzensgeld bekommen und er mußte 6000 DM oder 7000 DM, genau weiß ich es nicht mehr, an eine Einrichtung für sexuell mißbrauchte Kinder, bezahlen. Ich hätte in Revision gehen können, aber ich habe es einfach aufgegeben. Es hätte keinen Sinn gemacht! Und es war ganz schön ernüchternd, letzten Endes alleine da zu stehen und nichts wirkliches erreicht zu haben. Das ist so ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das einzige, was mich tröstet, ist die Tatsache, daß ich einige Kinder, vor weiterem Mißbrauch geschützt habe. Ich kann noch immer nicht begreifen, wie in all den Jahren, keiner von den Erwachsenen etwas davon gewußt oder gemerkt haben will. Tut mir leid, aber das kann ich einfach nicht glauben!

Und was mir außerdem, immer wieder im Kopf herum geht, wenn ich an diese Zeit zurück denke, ist mein Vater… Mein Vater der mir nie glaubte, auch den Mißbrauch nicht! Der nicht an meiner Seite im Gerichtssaal saß, sondern eher die Meinung vertrat: „Selbst schuld, hättest ja nicht zu dem Bauern hingehen müssen. Dann wäre dir das, auch nicht passiert!“ Der mich irgendwann, aufgehört hatte, zu lieben… Einfach so!

Und das trotzdem er mich einst, zumindest so sehr geliebt hat, daß er bereit war mich zu versorgen, als meine leibliche Mutter mich nicht mehr wollte. Der arbeiten gegangen ist, tagein und tagaus. Nur damit wir, etwas zu Essen hatten. Ich erinnere mich auch durchaus, an sehr schöne Zeiten, die wir miteinander hatten. Wir spielten oft, irgendwelche Gesellschaftsspiele und kabbelten stundenlang, herum. Kitzelten uns gegenseitig an den Füßen und wetteten, wer länger durch hält. Wir gingen oft, gemeinsam schwimmen und es war jedes Mal, ein tolles Erlebnis, weil wir auch dort weiter herum alberten. Auch wenn er mich einmal, fast dabei ertränkt hätte, weil er meinen Kopf länger als üblich, unter Wasser drückte. Gott sei Dank, hat er dann, aber noch rechtzeitig bemerkt, daß das nun, kein Spiel mehr ist. Es war ein Versehen, hat mir jedoch viele Jahre, panische Angst vor dem Ertrinken, eingebracht. Weil ich immer wieder, die Situation vor Augen hatte, wie es ist: Wasser zu schlucken, husten zu müssen, dabei weiter unter Wasser gedrückt zu werden und noch mehr Wasser zu schlucken. Irgendwann wird man ruhiger, nur bis dahin, ist es ein sehr grausamer Weg. Das war es wohl letzten Endes auch, was ihn bemerken ließ, daß er diesmal, zu weit gegangen, war. Der Moment, in dem meine Gegenwehr, nach ließ. Wahrscheinlich lag es daran, daß es ihm ganz generell schwer fällt, Grenzen von anderen Menschen zu erkennen und einzuhalten. Ich glaube, daß er sich um viele Dinge, einfach keinen wirklichen Kopf, gemacht hat. Ich kann ihm also, noch nicht einmal Bösartigkeit vorwerfen. Er sah die Dinge halt, mit anderen Augen. Ich weiß also, daß er mich auf seine Art, mal sehr geliebt hat. Nur wann das aufgehört hat, das weiß ich bis heute nicht!

Überhaupt… diese extremen Gegensätze, die mein Vater in sich vereint. Sie entziehen sich, noch immer, meinem Verständnis. Wie kann ein Mensch so liebevoll und kurze Zeit später, so aggressiv sein? Solch einen Haß in sich tragen, daß man wirklich tiefe Angst und Furcht empfindet, sobald nur schon sein Tonfall, sich ändert? Aber der dann auch wieder, so erfüllt von Liebe sein kann, daß man quasi mit Aufmerksamkeit, überschüttet wird?

Er sagte mir mal, er hätte mich nicht gewollt. Meine Mutter hätte einfach so die Pille abgesetzt und ein anderes Mal sagte er, es wäre besser gewesen, man hätte mich abgetrieben. Dann etwas später, erzählte er mir, wieder das exakte Gegenteil. Vonwegen, sie hätten bewußt, an mir „gearbeitet“. Ich weiß nicht, was ich davon glauben soll und was nicht. Mal hü und mal hott.

Es war ein langer Weg, ihm die Ereignisse von früher, zu vergeben. Aber ich habe es geschafft. Was ich allerdings, bis heute nicht schaffe, ist ihm die Gleichgültigkeit und Kälte zu verzeihen, mit der er mich, in den letzten Jahren, bedacht hat. Das er mich mal liebte und dann wieder abschob- eiskalt und immer wieder!

Unter meiner Bettdecke, balle ich die Hände zu Fäusten und presse meine Zähne, fest aufeinander. Ich bin so unglaublich wütend! Am meisten aber, auf mich selbst. Wie konnte ich ihm all die Jahre, immer wieder hinterher rennen, wie ein dummes Huhn? Jeder hat deshalb schon den Kopf geschüttelt! Aber ich, ich konnte einfach nie aufhören, ihn zu lieben! Nicht mal jetzt, wo er wieder, nicht da ist. Wie immer, wenn es in meinem Leben mal wichtig war. Doch halt, ich muß mich beruhigen. Das tut mir nicht gut…

Während mir Tränen der Wut und Enttäuschung über die Wangen rinnen, drücke ich wieder den Knopf. Abschießen, am liebsten würde ich mich für immer, abschießen. In diese Nebelwelt. Aber was bringt es mir? Selbst hier, kann ich den Schmerz, ja noch spüren. Nein, es muß weiter gehen. Irgendwann, irgendwie muß ich aus dieser Bitterkeit, heraus, finden.

Plötzlich fällt mir etwas ein, blitzt auf, als kleiner Gedanke in dem Nebel meines Kopfes. Das hatte ich doch glatt vergessen. Nachdem der Enkel von dem Bauern ja nicht mehr kam, wandte ich mich an Marlon, den anderen kleinen Jungen aus unserem Dorf. Der, mit dem ich nie spielen durfte. Es aber dennoch tat, weil er der Einzige war, der sich wenigstens ab und zu, mit mir abgeben, wollte. Er war schon damals, ein besonderer Mensch. Sehr streng gläubig, künstlerisch über die Maßen begabt und darüber hinaus, sehr klug. Es scherte ihn nie, was andere von ihm dachten und er hatte das, was ich mir immer gewünscht hatte. Sehr liebevolle und freizügige Eltern. Dazu noch Pferde und einen wunderbaren Garten. Der sah aus, wie gemalt. Wieso ich mit ihm jedoch, von Moms Seite her nicht spielen durfte, habe ich bis heute übrigens, nicht verstanden. Ich vermute jedoch, es lag daran, daß er ein Junge war und meine Mom es lieber gehabt hätte, wenn ich mit Mädchen und Puppen spielte. Denn mit Jungen zu spielen hieß, öfter dreckig, nach Hause, zu kommen. Und dreckig nach Hause zu kommen, hieß für mich wiederum, zum einen eine Strafpredigt zu erhalten und zum anderen einen „Arsch voll“, weil Mom dann wieder waschen mußte.

Das Gesicht meiner Mom, habe ich aus personenschutzrechtlichen Gründen, selbstverständlich unkenntlich gemacht!

Deshalb versuchte ich, bevor ich nach Hause ging, entweder die Klamotten noch irgendwo in der Spüle sauber zu machen oder später in einer Pfütze auszuwaschen, wenn ich eine fand. Aber natürlich, machte ich dadurch alles, noch schlimmer. Der Fleck, den ich versucht hatte weg zu bekommen, war nur noch größer geworden und ließ sich auch nicht mehr, verstecken. Trotzdem konnte ich es, aber nicht sein lassen. Ich ging immer wieder zu Marlon hin, hoffte mich diesmal nicht dreckig zu machen und damit, auch nicht erwischt, zu werden. Aber leider ist es fast unmöglich, saubere Klamotten anzubehalten, wenn man auf dem Land wohnt und draußen spielt.

Nun ja, auf jeden Fall spielte ich trotz des Verbotes immer wieder mit ihm und so wurde Marlon, zu so etwas wie meine Kindergartenliebe. Auch wenn wir gar nicht mehr, im Kindergarten waren. Irgendwann, hatte ich dann einmal, eine verrückte Idee. Da ich heiraten, schon immer faszinierend fand; besonders natürlich wegen dieser wundervollen Kleider, welche die Frauen dann trugen, wollte ich das mit Marlon nun auch machen. Es ging zum Einen natürlich um den Spaß, aber zum Anderen um die Aufmerksamkeit, die ich mir immer so sehr gewünscht hatte. Ich wollte gesehen werden und bildete mir als Kind ein, daß das endlich eine Möglichkeit war, mein Ziel zu erreichen. Vielleicht ein paar Freunde finden? Freunde mit denen ich auch spielen durfte. In der Schule nicht mehr der ewige Außenseiter zu sein, der nie Beachtung fand und wenn überhaupt dann nur im Mülleimer. Ich meine die Mülleimer, mit den Holzspitzen. Sie steckten mich als Kind oft da rein, einfach nur, weil ich so klein war. Und ich war nicht nur ein Außenseiter, sondern auch das typische Opfer. Und das, hoffte ich durch diese Kinderhochzeit nun endlich ändern zu können. Marlon wußte von meinen Beweggründen natürlich nichts und als Kind, waren mir diese auch nur am Rande bewußt. Aber diese Art der Fantasien spiegelte eigentlich nur meine Traumwelt wieder, in die ich mich irgendwann einmal als Kind bewegt hatte. Diese irrige Hoffnung, durch etwas besonderes endlich die Aufmerksamkeit zu gewinnen, die ich mir so sehr wünschte und einfach nirgendwo bekam. Sei es nun durch diese Hochzeit, oder heimliche Träume von plötzlichem Ruhm als Sängerin. In diesem Fall überlegten Marlon und ich, den Tag einfach nur mit anderen Kindern aus unserer Klasse zu feiern und sie alle dazu einzuladen. Wir wollten Schnitzeljagd machen und grillen. Einfach nur Spaß haben.

Gemeinsam mit einer Schulfreundin von Marlon, suchten wir ein schönes Kleid aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter heraus. Als der ersehnte Tag endlich näher rückte, gaben wir all unseren Klassenkameraden und den anderen Kindern im Dorf bescheid. Nur meinen Eltern, denen sagte ich nichts, weil ich wußte, daß sie dagegen sein würden. Als meine Klassenlehrerin (die mich noch nie mochte) davon erfuhr, rief sie meine Eltern an, bzw. Mom. Die wiederum rastete völlig aus, weil ich ihr nichts gesagt hatte und prügelte mich windelweich. So weich, wie sie mich noch nie geprügelt hatte. Dann rief sie meinen Vater an und erzählte ihm alles. Ich vernahm im Anschluß nur noch die Worte: „Warte bis dein Vater nach Hause kommt, dann kannst du dich warm anziehen!“ Und er kam. Die Haustür knallte und ich hörte ihn wutentbrannt die Treppe hoch stampfen. Mir wurde fast schlecht vor Angst. Meine Mom sagte immer, ich solle vorher auf Klo gehen, damit ich mich nicht „einpuller“, wenn ich verprügelt wurde. Doch diesmal kam ich gar nicht mehr dazu. Sonst hat man mich immer erst auf Klo gehen lassen, bevor es Prügel setzte. Dieses mal jedoch nicht.

Und dann stand er vor mir, mein Vater. Der Vater, der immer so viel mit mir spielte. Von dem ich glaubte, daß er mich liebt. Er hat mich so sehr geschlagen, daß ich eine Woche nicht zur Schule gehen durfte, damit es keiner sah. Er hätte mich fast tot geschlagen, wenn meine Mom nicht völlig panisch immer wieder versucht hätte, ihn von mir weg zu ziehen. Ich höre noch heute ihre Schreie: „Du bringst sie um, hör auf oh mein Gott, so hör doch auf!“ Sie wurde immer hysterischer. Nachdem sie es geschafft hatte, mich irgendwie von ihm weg zu ziehen, machte er wahllos meine Spielsachen kaputt. Er nahm meinen Kassettenrekorder, von dem er wußte wie sehr ich ihn liebte, weil immer diese wunderbare Musik heraus kam, von der man in ein Reich der Sicherheit kommen konnte und trat ihn in tausend Stücke. Ich weiß noch, wie die ganzen Teile auf dem Boden lagen und er trat immer wieder darauf herum. „Du bekommst nie wieder einen, nie wieder! In 10 Minuten ist das aufgeräumt, sonst schlag ich dich tot …“ Meine Mom half mir dann beim aufräumen. Das war trotz alle dem, eine der wenigen Situationen, wo sie sich letzten Endes auf meine Seite stellte und mich vor noch schlimmeren bewahrte. Ich durfte dann wie schon erwähnt, eine Woche nicht zur Schule gehen, weil ja keiner sehen sollte, was mir widerfahren war. Zusätzlich wurde mir das feiern und sämtliche Geschenke für meinen kommenden 10. Geburtstag gestrichen. Ich hoffte trotzdem innerlich, daß das nicht so gemeint war. Aber immer wenn ich die Tage mit meinen Fingern abzählen wollte, wurde ich eines besseren belehrt. Selbst die Großeltern von meiner Mom die mich ebenfalls nicht mochten, sagten dann jedes mal „Es gibt keinen Geburtstag, du kannst aufhören zu zählen!“

Aber das war auch noch nicht alles. Denn etwas später hatte mein Vater dann eine Wohnung in Berlin gemietet, da er von seiner Firma dorthin versetzt wurde. Die ersten Wochen pendelte er zwischen Berlin und Nordrheinwestfalen hin und her. Aber alle wußten, alle außer mir, daß das auf Dauer, nicht so weiter gehen konnte. Lange stand sogar die Möglichkeit, nach Amerika zu gehen, offen. Das war immer der große Traum meines Vaters. Doch da Mom nicht alle Brücken hinter sich abbrechen wollte, wurde aus Amerika, Berlin. Kurz vor unserem Umzug, besuchten wir, meinen Vater. Ich denke, er wollte uns bzw. mehr Mom als mir, Berlin schmackhaft machen. Er holte uns dann, freudestrahlend vom Flughafen ab und wir fuhren anschließend in seine kleine Wohnung. Dann zeigte er uns viele Dinge von Berlin, die mich leider überhaupt nicht interessierten; so daß ich froh war, nach der mir scheinbar endlosen Sightseeingtour-Tour, auf meiner Luftmatratze zu liegen. Meine Eltern wollten auch noch weg gehen und ich freute mich wie ein Schneekönig nicht mit zu müssen. Bevor sie los gingen sagte mein Vater noch: „Du wirst kein Fernsehgucken!“ Als sie endlich weg waren, fing ich mich allerdings recht schnell an zu langweilen und mein Blick fiel auf den Fernseher. Ich grübelte hin und her. Nur mal kurz anmachen, dachte ich bei mir. Tat ich auch, wieder ein schwerer Fehler. Das wurde mir auch sofort bewußt und eine Minute nachdem ich ihn angemacht hatte, schaltete ich ihn panisch wieder aus. Mist dachte ich bei mir, wie hatte nur die verdammte Fernbedienung da gelegen? Irgendwie schlief ich dann doch ein und wurde durch einen brutalen Schlag ins Gesicht aus meinen Träumen geholt. Ich weiß nicht, wie mein Vater das herausgefunden hatte. Aber ich habe mir vor Entsetzen in die Hose gemacht, weil er mich schon wieder schlug. Meine Mom stöhnte nur: „Schon wieder waschen, ich tue den ganzen Tag ja fast nichts anderes mehr!“ Und so mußte ich dann die ganze Nacht in den eingepullerten Sachen schlafen! Das war dann also mein erster Vorgeschmack auf Berlin und nur ein paar Monate später war es dann so weit.

Nach langem Suchen, hatten meine Eltern eine große Wohnung in Berlin gefunden und nachdem sie sie eingerichtet hatten, holten sie mich in unser neues „Heim“ Die Stadt an sich faszinierte mich vom ersten Augenblick an. Vielleicht würde das ja endlich der versprochene Neuanfang werden. Denn Mom sagte mir: „Wenn wir erst einmal in Berlin sind, höre ich auf zu arbeiten und dann wird alles anders. Dann können wir auch öfters mal was zusammen machen. Zum Beispiel schwimmen gehen.“ Und auch ich hatte mir viel vorgenommen. Ich wollte auch einen Neuanfang machen. Weniger fernsehen und gut in der Schule sein. Denn als ich bei meinen anderen Großeltern war, tat ich fast nichts anderes als fernsehen. Das lag jedoch daran, daß diese nicht viel Lust hatten, sich mit mir zu befassen; und bevor ich auch dort wieder einsam herum streunte, zog ich es vor, mich vom Fernseher berieseln zu lassen. Die Kindersendungen die dort liefen, gaben mir wenigstens diese eine kleine Möglichkeit der Realität und Einsamkeit, für kurze Zeit entfliehen zu können.

Aber auch als wir in Berlin wohnten, kam auch schon wieder, das nächste Problem. Was natürlich, von mir ausging. Ich war schon wieder schwer krank. Die Operation, die mir im Babyalter einst das Leben gerettet hatte, war dennoch, nichts mehr als nur ein fauler Kompromiß gewesen. Ich hatte ständig Sodbrennen. Für mich war das normal. Ich kannte es ja nicht anders. Die Sache ist eigentlich nur, durch einen Zufall heraus gekommen. Ich sagte nach dem Essen zu Moms Frage: „Was ziehst’e denn jetzt schon wieder für’n Gesicht?“ „Es ist nur wieder dieser komische Geschmack im Mund!“ „Was für ein Geschmack? Häh, werde mal deutlicher!“ Dann erzählte ich ihr, daß ich nach jedem Essen auch Stunden später noch weiß, wie es geschmeckt hat. Sie war völlig entsetzt und so erfuhr ich zum ersten Mal, was Sodbrennen ist. Und wir machten Strichlisten. Dabei kamen wir im Schnitt auf ca. 16- 17 mal am Tag, die ich Sodbrennen hatte. Das an sich fand ich nicht schlimm. Wie schon erwähnt, ich kannte es gar nicht anders. Was schlimm war, war dieser fürchterliche Schluckauf, der immer schlimmer wurde . Daraufhin fuhren wir in die Charité und ich bekam Magenspiegelungen. Nachdem die Diagnose dann anschließend fest stand, wurde sogleich ein neuer OP Termin angesetzt. Das hieß, ich sollte zwei Wochen erneut im Krankenhaus liegen, was ich aber insofern gut fand, als daß ich endlich mal ein paar Tage Ruhe vor den Aggressionen meiner Eltern hatte. Ich habe mich sogar richtig darauf gefreut, denn ich wußte außerdem, daß es mir danach besser gehen würde. Zumindest hat man mir das versprochen. Als die Ärzte mich in den Operationssaal schoben, sagten sie zu mir, daß sie noch nie ein Kind gesehen haben, das sich so sehr auf eine Operation freut und dabei noch grinst wie ein Honigkuchenpferd. Und dann sagten sie noch und das werde ich wohl nie vergessen: „Du hast tatsächlich keine Angst, unfaßbar!“ Die Operation selbst, soll vier Stunden gedauert haben und als ich dann langsam wieder zu mir kam, wußte ich zum ersten Mal in meinem Leben, was körperlicher Schmerz ist. Aber ich hielt durch und wurde nach zwei Wochen entlassen. Es gab nur eine Sache, die ich wirklich schlimm fand. Schlimmer als all die körperlichen Schmerzen. Es war mein Wunsch, meine Eltern hätten mir nur einmal die Hand gehalten; eine zärtliche liebevolle Berührung. Doch stattdessen ging der Streß weiter. Es war eigentlich egal wo ich mich befand, selbst im Krankenhaus wurde ich wie ein Stück Scheiße behandelt. Und dennoch, es war vorbei. Ich würde nie wieder Sodbrennen haben. Allerdings auch eine andere Sache nie wieder können, mich übergeben.

Das hört sich erst mal toll an, aber das ist es nicht. Denn der Würgreiz, den ich bekomme wenn mir übel ist, der ist ja trotzdem geblieben. Und er geht auch nicht weg. Und das heißt, ich muß so lange würgen, bis irgendwann nur noch Blut kommt. Und deshalb ist es ein bißchen nervig, wenn die Menschen immer wieder zu mir sagen: „Du hast es gut. Du kannst machen was du willst und mußt nicht kotzen!“ Dann sage ich nur: „Nein, du hast es gut. Denn wenn du dich übergeben hast, geht es dir besser. Bei mir bleibt das stundenlang!“)

Und das war es also. Die zweite Operation und jetzt… Jetzt fühle ich es wieder. Den Schmerz von damals, verbunden mit dem Schmerz von heute.

Kommentare sind geschlossen.

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: