Licht der Hoffnung Teil 5

Meine Biografie Teil 5

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Eines schönen Tages fing ich an Beeren zu suchen. Ich schluckte sie alle eifrig. Aber da ich mich in Sachen Beeren nicht aus kannte, wußte ich auch nicht, welche giftig waren und welche nicht. Aber außer, daß mir schlecht wurde, passierte mir rein gar nichts! Doch ich gab noch lange nicht auf. Ich ging in die Drogerien und Apotheken und kaufte mir beruhigende und schlaffördernde Mittel. Da ich den Medikamentenschrank meiner Eltern nicht fand, mußte ich mich wohl oder übel damit begnügen. Doch es geschah wieder nichts, obwohl ich 22O Stück genommen hatte. Es wurde mir noch nicht einmal schlecht.

Es mag lächerlich erscheinen sich mit irgendwelchen Beeren umbringen zu wollen, geschweige denn mit Baldriandragees. Aber mit meinen damals 13 Jahren, dachte ich wirklich, daß das klappt! Es gab zu dieser Zeit einfach zu viele Gründe für mich, das zu tun. Der erste Punkt war, daß meine Mom wahnsinnig eifersüchtig auf mich war, weil mein Vater sich angeblich mehr mit mir beschäftigte, als mit ihr. Damals wußte ich all die Dinge, die ich heute über die „Nichtbeziehung“ meiner Eltern weiß, ja noch gar nicht. Ich wußte nur, daß sie sich ständig stritten und mein Vater war mit seinen Aussagen gegenüber ihr, genauso wenig zimperlich wie sie es dann letzten Endes ja auch bei mir gewesen ist. Sie hat es an mir ausgelassen, was ihr Fehler war. Andererseits verstehe ich sie sogar. Mein Vater hat ihr versprochen, daß mit diesem Umzug nun alles gut würde. Natürlich utopisch! Probleme hören nicht einfach mit einem Umzug auf. Auch die Vergangenheit nicht. Meine Mom zum Beispiel hing wirklich sehr an ihren Eltern und auf einmal waren diese nicht mehr so erreichbar wie sonst. Ich glaube sie hat sich dort immer irgendwie Kraft geholt, deshalb wurde unsere Beziehung ja erst in Berlin so richtig dramatisch. Sie hatte auch ihre Freunde in Nordrheinwestfalen gelassen und praktisch niemanden mehr, mit dem sie reden konnte. Ihren Frust los werden oder sich auch anderweitig einfach mal ablenken. Deshalb hat sie sich da wahrscheinlich so rein gesteigert. Auch Arbeit fand sie nicht mehr in Berlin. Sie hat ja wirklich alles aufgeben müssen. Als ich das begriffen hatte und ich konnte es ja auch nur begreifen, weil sie es mir später mal erzählt hat, konnte ich einen Teil meines Hasses auf sie loslassen. Ganz langsam, bis er irgendwann verschwunden war. Aber zurück zu meinen Erinnerungen.

Sie glaubte eine Lösung gefunden zu haben, daß mein Vater sich mehr mit ihr als mit mir beschäftigte. Und die bestand darin, mich bei ihm schlecht zu machen. Sie stellte mich als die Faule hin. Sie erzählte meinem Vater nur noch von schlechten Arbeiten, die bei uns Note vier waren und die ich Anfangs noch relativ selten schrieb. Da der Leistungsdruck aber immer stärker wurde, konnte ich mich irgendwann leider überhaupt nicht mehr konzentrieren und schrieb nun mehr Vieren, anstatt wie früher Einsen und Zweien.

Zu der Zeit aber, als ich noch wirklich wenig schlechte Arbeiten schrieb, pickte sie sich jede schlechte heraus und hielt sie meinem Vater vor die Nase. Von den Guten erzählte sie nichts, oder wenn, dann wirklich nur sehr, sehr selten. Als ich sie darauf ansprach, ob sie meinem Vater denn schon von den guten Arbeiten erzählt hatte, behauptete sie eiskalt, sie hätte es vergessen. Oder sie mache es noch. Aber sie tat es nicht. Als ich meinem Vater hingegen von den guten Arbeiten erzählte, sah er mich völlig verdutzt an und meinte: „Nein, Mama hat mir davon nichts erzählt!“ Als ich dann jedoch wirklich schlecht in der Schule wurde, schien sie alle Trümpfe in der Hand zu haben. Sie gab mir schadenfroh eine Woche Hausarrest, zwang mich von morgens bis abends zu lernen und ja nichts anderes zu tun. Natürlich hielt ich mich nicht immer daran. Als sie mich einmal beim Karten spielen erwischte, bezog ich von ihr und meinem Vater Prügel.

Und dann gab es auch mal eine Zeit, wo ich wahnsinnig gern Schokolade aß. Genau wie Mom. Obwohl sie mehr aß als ich, behauptete sie, ich wäre verfressen. „Irgendwann,“ so sagte sie „wirst du so in die Breite gehen!“ Sie zeigte einen großen Kreis um sich herum. Dabei aß ich nun wirklich nicht viel und fett war ich noch nie gewesen. Denn ich glaube nicht, daß ich mit 1,60 Meter und 38 kg zu dick war, oder jemals zu dick werden könnte. Man sagte mir stattdessen , ich wäre erbärmlich dünn und müsse etwas essen. Frau Engblum, so erzählte mir mal mein Vater, meinte sogar zu dem Zeitpunkt, ich wäre magersüchtig. Ich muß dazu sagen, daß ich mir irgendwann sogar einbildete zu dick zu sein. Wie dünn ich allerdings wirklich war, das merkte ich erst gar nicht. Von da ab aber, aß ich dann keine Schokolade mehr und Süßigkeiten nur noch heimlich.

Was mich allerdings am meisten nervte war die Aussage, daß ich Mom mit all meinen Fehlern die ich machte, immer und immer wieder ärgern wollte. Es wurde absolute Perfektion von mir erwartet und die ungeschriebenen Gesetze lauteten: Leistung, Disziplin und Ordnung. Sobald ich diese nicht einhalten konnte, setzte es immer wieder was. Darüber hinaus war es meinen Eltern auch überaus wichtig, nach außen hin, einen guten Eindruck zu machen. Probleme in der Familie, durften um gar keinen Preis nach außen gelangen. Es könnte ja peinlich werden und dem guten Ruf meiner Eltern schaden. Wie gut das klappte, zeigte sich daran, daß Mom in meiner Klasse sogar zur Elternsprecherin gewählt wurde!

Es war schrecklich, ständig gesagt zu bekommen, daß ich etwas sowieso nicht kann. Oder bis ich fertig wäre, würde Mom das zehn mal schneller als ich schaffen und auf meine Hilfe könne sie getrost verzichten. Auf der einen Seite beklagte sie sich, daß ich ja so faul und undankbar wäre. Und auf der anderen Seite, daß ihr niemand im Haushalt half. Aber faul und undankbar war ich nicht. Immer, wenn sie das zu mir sagte, versetzte sie mir einen Stich in mein Herz. Ich habe mich bei ihr für einfach alles bedankt. Und faul war ich erst recht nicht. Ich ging für sie einkaufen, zum Bäcker, zum Schuster, zum Zeitschriftenhändler, Bilder abholen und was weiß ich nicht noch alles. Ich putzte schon seit Ewigkeiten mein Zimmer selbst. Ebenso das Bad meiner Eltern und zwar nach jedem duschen, wie es von mir verlangt wurde. Und natürlich mein eigenes kleines Bad, was immer picobello aufgeräumt sein mußte. Das ging so weit, daß ich nach jedem einzelnen Hände waschen, das komplette Waschbecken sauber schrubbte. Es durfte nicht ein einziger Wassertropfen in meinem Waschbecken zu sehen sein.

Was meinen Vater betraf, so sprach er fast gar nicht mehr mit mir. Nur, wenn er irgend etwas an mir auszusetzen hatte. Dafür sprach Mom dann aber angeblich immer für Papa mit. Sie meinte zu mir, daß alles was sie sagte, auch Papas Meinung war. Aber daß, das fast nie der Fall war, erfuhr ich erst später. Zu Spät eigentlich, die Risse in meiner Seele waren da schon viel zu groß. Ich hätte meinen Vater natürlich auch fragen können, ob das alles auch wirklich stimmte, aber ich traute mich nicht. Noch dazu befand es mein Vater sowieso nicht für nötig mit mir zu reden, oder sonst irgend etwas zu tun, außer zu lernen. Aber selbst das paßte Mom natürlich wieder nicht. Denn wenn ich mal versuchte, irgend etwas anderes mit ihm zu machen, schickte sie mich mit den Worten: „mußt du nicht noch Vokabeln lernen?“ weg. Wenn das aber nicht der Fall war, dann hieß es meistens: „Räum gefälligst dein Zimmer auf. Das sieht ja schon wieder aus wie ein Saustall!“ Doch einmal, da wollte ich es genau wissen, ob das alles nur Ausreden von ihr waren, damit sie mich los wurde. Ich fragte sie: „Willst du mich los werden?“ und sie antwortete mit: „Ja!“

Ganz davon abgesehen wie Mom mich behandelte. Mein Kleiderschrank war die verbotene Zone für mich. Alles war piekfein aufgeräumt und wehe, wenn ich auch nur einen Finger an diesen aufgeräumten Schrank setzte, war auch schon wieder die Hölle los. Meine Kleidung war auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Meine Eltern hatten genug Geld, allerdings nicht für mich. Meine Mom legte mir sogar die Sachen raus, die ich eine Woche tragen mußte. Eigentlich hätte mich das nicht so gestört, wenn da nicht in meiner Klasse, das Problem mit den Markenklamotten geherrscht hätte. Wer sie nicht trug war out. Am Anfang störte mich das nicht. Doch irgendwann wollte ich auch dazu gehören. Denn in meiner Klasse gab es eine sehr große Clique, die ich bewunderte und von der ich so gern ein Teil gewesen wäre. Endlich auch mal „IN“ sein und Spaß haben. Die Mitglieder wirkten alle so furchtbar erwachsen und cool. Aber in ihren Augen war ich leider nur ein kleines Kind. Aufgrund meiner Kleidung, daß ich nicht rauchte, nicht trank, fast gar nichts durfte und überdies auch sehr albern wirkte. Mit einem Wort: „uncool“!

Jetzt im nachhinein bin ich übrigens sehr froh, nicht in diese Clique mit aufgenommen worden zu sein. Denn wie ich später erfuhr, haben die reichlich Drogen genommen. Unter anderem sogar schon LSD. Sie sind letzten Endes (nicht alle, aber doch sehr viele) in die Drogenszene abgerutscht und stehen jetzt eigentlich viel schlechter da als ich. Trotzdem ist es übel, wenn man jeden Tag gemobbt wird. Nur weil man nicht so rum läuft, wie es von einem erwartet wird.

Aus heutiger Sicht, ist mir auch klar, warum ich nicht zur „It-Clique“ gehören konnte. Zu meiner Zeit war das Aussehen, der coolen Mitschüler, ein definitiv anderes, als meins. Zudem nannte man mich oft Grinseface, weil ich, so oft es ging, mit einem (falschen) Dauergrinsen herum lief. Dies wirkte auf andere gewiß, sehr befremdlich. Besonders, da es mir in Wirklichkeit ja, ganz anders ging. Nur „durfte“ das, eben keiner sehen.

Was die Albernheit anging, so tat ich das hauptsächlich nur aus Selbstschutz. Das sah dann so aus, daß wenn mich jemand verletzte, ich ihn nur auslachte oder grinste. Meine Schwächen zu zeigen hingegen, das wäre mein Seelentod gewesen. Zumindest bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Denn je länger der Terror zu Hause andauerte, desto mehr wurde ich nicht nur in meinem inneren, sondern auch äußerlich gebrochen. Man muß etwas nur lange und intensiv genug durchführen. Ganz so wie bei den Hunden, die aggressiv gemacht werden sollen. Irgendwann, da kommt der Tag und die Hunde werden bissig. So begann ich hysterisch herum zu schreien und aggressiv zu werden, sobald ich mich angegriffen fühlte. Doch Tränen zeigte ich nie. Den Triumph wollte ich keinem gönnen. Zumal Mom die Fähigkeit zu weinen, ja auch schon recht gut aus mir heraus geprügelt hatte. Das ist dann eben das Ergebnis, wenn man so lange geschlagen wird, bis man aufhört zu weinen und statt dessen wie gewünscht lächelt.

An meinem Geburtstag fing Mom auf einmal an mir Vorwürfe zu machen, warum ich meinen Eltern, denn keinen ausgebe. Sie meinte ich halte ja nur die Hände auf, unter dem Motto: ‚Hauptsache ich kriege etwas und die anderen sind mir scheiß egal.‘ Ob ich denn noch nie was davon gehört hätte, meinen Eltern etwas auszugeben. Ich wäre ja so dumm. Ich wäre nicht 14, sondern vier! Ob ich nicht wußte, wie sehr Papa enttäuscht gewesen ist? Nein ich wußte es nicht. Ich wußte auf einmal gar nichts mehr. Ich fühlte mich leer und schuldbewußt. Und wieder rannen mir ungewollte Tränen der Verzweiflung über mein Gesicht. Ich antwortete ihr, daß ich das doch nie gemacht habe, außer früher in der Schule und nie machen mußte. Ich sah ihr dabei an, noch während ich sprach, daß sie auch gleich wieder explodieren würde. Und dann war es auch schon wieder passiert. Sie schlug mich und anschließend meine Zimmertür krachend zu. Aber dann kam sie etwas später, wie immer wieder herein und meinte, ich könnte bald meine Koffer packen und gehen. Schließlich bedauerte sie sich wieder selber und gab natürlich mir die Schuld an allem.

Obwohl ich mittlerweile alle ihre Predigten auswendig kannte, so verletzten sie mich doch immer und immer wieder! Ich konnte ihr nie widersprechen, sonst hieß es immer, ich solle ja nicht frech werden. Sonst könnte ich mich warm anziehen und ihr würde der Geduldsfaden reißen.

Einmal hatte ich mir ein Medaillon gekauft, in das ich die Bilder meiner geliebten verstorbenen Großeltern rein kleben wollte. Ich fragte Mom nach einem Foto. Anstatt es mir zu geben, gab sie mir zwei Ohrfeigen und ich weiß noch genau, wie sie sagte: “Du willst sie ja nicht vergessen. Deine scheiß Großeltern. Siehst du denn nicht, was sie dir angetan haben? Wegen denen mußtest du jetzt zum Psychologen rennen. Und ich sage dir, du mußt das zwei Jahre tun. Zwei Jahre!“ Sie schlug mit der Faust auf den Tisch und dann in mein Gesicht. „Heulst du etwa schon wieder? Heulen ist ja sowieso das einzige, was du kannst!“ Dann gab sie mir erneut zwei Ohrfeigen, knallte die Tür zu und ging…

Die Klassenfahrt stand bevor. Meine Eltern erlaubten sie mir. Oh mein Gott, war ich froh, diesem Horrorhaus wenigstens für eine kurze Zeit entfliehen zu können. Doch bei der Meinung, daß ich fahren durfte, blieb Mom nicht lange. Aufgrund meiner steigenden Selbstmordversuche wollte sie mich nicht fahren lassen. Das erzählte sie mir dann einen Tag vor der Abfahrt. Ich glaubte nicht richtig zu hören und somit griff ich dann wieder zu Tabletten, die ich mir in der Apotheke gekauft hatte. Ich wollte endlich sterben und abhauen. Zu meinem großen Pech hatte Mom in meinem Tagebuch gelesen und herausgefunden, daß ich mich aufhängen wollte. Doch leider war das in meinem Zimmer schon mal schier unmöglich und raus kam ich ja nicht. Oder zumindest nur sehr schwer. Wieder sprach sie davon mich in eine Psychiatrie, oder ins Heim zu stecken. Diese Aussage schnürte mir die Kehle zu. Ich hatte panische Angst vor beidem. Doch das was sie dann sagte, verletzte mich so tief, wie noch nie irgend etwas mich verletzt hatte. Sie sagte, daß ich mir doch den Strick nehmen sollte, um mich umzubringen, denn dann wäre sie mich endlich los. Da fing ich dann doch hemmungslos an zu weinen. Mein Magen drehte sich abrupt um und der innerliche Schmerz, steigerte sich ins Unermeßliche. Ich war schockiert und sprachlos zugleich. Anschließend fügte sie hinzu: „Und die Klassenfahrt, die kannst du dir abschminken! Stattdessen werden wir dich in der Psychiatrie anmelden. Da wo du hin gehörst. Zu den Irren, zu den Verrückten! Danach kommst du dann ins Heim für schwer erziehbare Kinder, wenn die so etwas, wie dich überhaupt nehmen.“ Nach dieser Kränkung, ging ich aufgelöst zu meiner Psychologin und versuchte ihr auf einmal innerhalb von einer halben Stunde, meine schier aussichtslose Situation klar zu machen. Und das noch ohne gleich alles erzählen zu müssen. Und es war schlimm für mich einer Psychologin gegenüber zu sitzen, der ich einfach nicht vertraute und ihr meine Situation klar zu machen, in der ich mich gerade befand. Noch dazu mit der Angst, die Katastrophe könnte sich noch mehr verschlimmern.

Ich weiß nicht wie, aber schließlich änderte Mom ihre Meinung doch noch und ich durfte mit fahren. Allerdings unter zwei Bedingungen. Die Eine war, daß ich nie wieder einen Selbstmordversuch machte und die Andere, daß ich nicht weine. Ich versprach es ihr. Doch wie sehr mir dieses Versprechen egal war, wußte sie Gott sei Dank nicht. Genauso, daß ich all die Dinge die vorgefallen waren und die sie zu mir gesagt hatte, in einem Brief aufgeschrieben und Frau Engblum zugesteckt hatte.

Natürlich vergaß Mom nicht mir zu sagen, daß sie den beiden Lehrerinnen die mit auf Klassenfahrt fuhren gesagt hatte, daß falls ich einmal weinen würde, sie mich nach Hause schicken sollten und ich dann wirklich in die Psychiatrie käme.

Die Klassenfahrt verlief äußerst chaotisch. Ich begann mich wieder vollkommen zu verschließen. Meine beiden Lehrerinnen warfen mir Blicke zu, die ich nicht deuten konnte. Ich bemühte mich stets keine Schwächen zu zeigen und somit auch keine Tränen. Denn ich glaubte immer noch daran, daß meine beiden Lehrerinnen, mich nach Hause schicken würden, sobald ich nur ein mal weinte. Doch wie immer, wollte dies mir nicht gelingen. Eines Abends brach ich dann hemmungslos in Tränen aus. Ich glaube, daß ich in meinem ganzen Leben noch nie so geweint habe, wie an diesem Tag. Ein Mädchen aus meiner Klasse meinte, sie hätte zumindest noch niemanden jemals so weinen sehen wie mich. Es dauerte auch gar nicht lange, da war dann die ganze Klasse um mich herum versammelt und versuchte mich zu trösten. Doch es gelang keinem. Sehr bald kamen dann auch meine beiden Lehrerinnen zu mir ins Zimmer. Ein dicker Kloß blieb mir im Hals stecken. Ich hatte Angst. Sie fragten mich, was denn los sei. Doch ich schwieg. Ich glaubte an meinen Tränen und meiner Angst ersticken zu müssen. Schließlich schickten meine Lehrerinnen jeden aus dem Zimmer. Als ich wieder einigermaßen sprechen konnte, schrie ich beide an: „Ihr fragt mich noch was ich habe? Ihr? Wenn ihr mich nach Hause schicken wollt, dann tut es doch! Aber aus mir bekommt ihr nichts mehr heraus. Euch sage ich nichts mehr. Nie mehr!“ „Wieso nach Hause schicken?“ „Na, ihr habt es meiner Mutter doch selbst gesagt, daß wenn ich nur einmal weine, ihr mich nach Hause schicken werdet.“ Fragend sahen sich die Beiden an und dann im Anschluß mich. Schließlich streichelten sie mir über den Kopf und dann über meine Hände. „Aber das stimmt doch gar nicht. Das haben wir nie gesagt. Wir haben nur gesagt, daß wir Bedenken haben dich mit zu nehmen, weil wir Angst hatten, daß du dich versuchen könntest umzubringen.“ Verwirrt sah ich die beiden Lehrerinnen an. Dann baten sie mich mit in ihr Zimmer zu kommen. Nach und nach erzählte ich ihnen, was vorgefallen war. Sie bezeichneten das als eine verbale, also eine seelische Mißhandlung. Über Nacht durfte ich dann bei einer der Lehrerinnen schlafen. Doch eine Lösung für mein Problem, fanden sie zunächst nicht. Dafür aber Frau Engblum, die mich am nächsten Tag anrief. Sie meinte am Telefon, sie habe bitterlich geweint. Dann sagte sie, ich könnte doch in eine Notunterkunft für selbstmordgefährdete Mädchen und Jungen ziehen. Doch ich hatte Angst. Was würden meine Eltern bloß sagen? Total am Ende ging ich eine Apotheke, um mir erneut ein sehr starkes Beruhigungsmittel zu holen.

Am letzten Tag der Klassenfahrt, trank ich fast über die halbe Flasche des Mittels aus, um mich irgendwie beruhigen. Doch der Baldrianextrakt wirkte nicht und so verfiel ich wieder in einen hysterischen Heulkrampf. Rasch kamen meine beiden Lehrerinnen in das Zimmer und holten einen Arzt. Nachdem er mich mit irgendeinem sinnlosen Zeug zu getextet hatte, verschrieb er mir ein wahnsinnig starkes Schlaf- und Beruhigungsmittel. Es schmeckte wie zehn Spalttabletten gleichzeitig. Sehr, sehr bitter. Ein wenig später aber, schlief ich dann ein. Am nächsten Morgen sagte ich, daß ich auf gar keinen Fall nach Hause zurück gehe.

Also riefen meine beiden Lehrerinnen in der Notunterkunft an und erstatteten meiner Psychologin einen kurzen Bericht. Anschließend riefen meine Lehrerinnen meine Eltern an und sagten Mom sie solle doch bitte schon mal meine Sachen packen. Auf der Rückfahrt hatte ich solch panische Angst, daß ich noch eine Tablette, des verschriebenen Beruhigungsmittels bekam. Und meine Angst war auch nicht unbegründet. Denn ich glaube, wenn meine Klassenlehrerin mich nicht mit nach Hause begleitet hätte, hätte Mom mich wahrscheinlich erschlagen. Diese erwartete uns bereits schon am Bus. Sie empfing mich mit einer Mine in der nur Wut, Haß und Angst abzulesen war. Ich merkte, wie schwer es ihr fiel, sich ihre Kommentare zu verkneifen. Und als wir zu Hause angelangt waren, hagelte es nur so von Vorwürfen und abfälligen Bemerkungen. Ihre Blicke zwangen mich zum Schweigen. Wie ein Häufchen Elend saß ich neben meiner Klassenlehrerin. Doch so schwer es mir auch fiel, ich zeigte keine Tränen. Gemeinsam warteten wir dann auf meinen Vater. Als dieser endlich kam, fuhren wir dann in die Notdienstelle für Selbstmordgefährdete. Als wir dort an kamen, klärte mein Vater noch ein paar Formalitäten. Anschließend zeigte meine Psychologin mir dann mein Zimmer. Es gefiel mir auf Anhieb. Schließlich brachte sie mich in das Betreuerzimmer. Dort mußte ich dann zum x-ten mal ein Versprechen abgeben mich nicht umzubringen, was mir aber ganz und gar nicht paßte. Aber ich mußte es geben, denn sonst hätte ich nicht dort bleiben können. Meine Eltern fuhren dann erneut nach Hause, um meine Sachen zu holen. Meine Klassenlehrerin verabschiedete sich dann auch noch von mir. So machte sich wieder eine Angst in mir breit, gegen die ich wie immer nichts tun konnte. Ich war wehrlos meinem Gefühlschaos ausgeliefert. Als meine Eltern dann wieder kamen, glaubte ich in eine tiefe Ohnmacht fallen zu müssen. Die Angst schnürte mir so sehr die Kehle zu , daß ich mehr als ein leises „Tschüß.“ nicht erwidern konnte. Wortlos gingen meine Eltern wieder. Mir saß die Angst noch eine ganze Weile in den Gliedern. Doch weinen konnte ich nicht mehr, denn das hatte ich, ebenso wie das wirkliche Lachen verlernt. So schlecht es mir auch ging, ich weinte nie. Manchmal versuchte ich es krampfhaft, um auf den in mir wütenden Schmerz aufmerksam zu machen. Und dadurch, daß ich immer und immer wieder versuchte, mich endlich zum Weinen zu bringen, verlief ich mich auf einmal in einem Labyrinth, tiefster Depressionen. Doch das bemerkte ich erst, als ich nicht mehr herausfand.

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