Licht der Hoffnung Teil 6

Meine Biografie Teil 6

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KAPITEL 4:

Einen Vorteil hatte es allerdings in der Notaufnahme zu sein. Endlich konnte ich ungestörten Kontakt zu Frau Engblum aufnehmen, welche ich von nun ab, mit ihrer Erlaubnis nur noch Blümchen nannte. Der Spitzname Blümchen bezog sich auf eine Verniedlichung des hinteren Teils ihres Zunamens „Engblum“ von Blume. Mit der Sängerin Blümchen hatte dies aber nichts zu tun, da es diese 1994 noch gar nicht in den Charts gab.

Ich wurde zu einer leidenschaftlichen Träumerin. In meinen Träumen war ich sicher vor jedem neuen Schmerz. Dachte ich zumindest. Am Anfang fühlte ich wohl und geborgen. Denn in meinen Träumen war ich die Herrscherin. Damit ich aber träumen konnte, brauchte ich Musik und diese war für mich wie ein Schlüssel, der mir verschiedene Gefühlsebenen aufschloß. Außerdem konnte ich nur durch das anhören, des immer gleichen Liedes, eine bestimmte Erinnerung mit dem dazugehörigen Gefühl abspeichern. Wenn ich später aus der Realität entfliehen wollte, oder auch einfach nur in eine frühere Situation zurück versetzen, brauchte ich nur das entsprechende Lied anzuhören. Deshalb habe ich meine selbst zusammen gestellten Musikkassetten auch früher nicht nach den Interpreten benannt, sondern der Zeit, in der ich diese gehört hatte. Ich kann bis zum heutigen Tage nur durch das anhören bestimmter Musik, mich in exakt diese Zeit zurück versetzen. Da es zu diesem Zeitpunkt aber noch keine schöne Zeit gab, an die ich mich hätte erinnern konnte, mußte ich mir einfach eine erfinden. Und so erschuf ich mir meine erste Traumwelt, in der ich mir versuchte vorzustellen, wie es wäre, wenn ich Blümchen als Mutter hätte und bei ihr leben würde. Am Anfang fiel mir das noch relativ schwer, aber nach einer Weile funktionierte es dann so gut, daß ich Traum und Realität immer schlechter voneinander trennen konnte.

Bei allem was ich tat dachte ich nur noch an sie. Ich versuchte mir die Situation bei ihr zu Hause vorzustellen. Und irgendwann verlor ich dann ganz den Boden unter meinen Füßen. Nur ab und zu, blitzte noch ein Funken Vernunft auf. Das waren dann die Augenblicke, wo mich die Realität kurzfristig wieder einholte. Wo mir klar wurde, daß sich meine Träume von einer liebevollen Mutter ja gar nicht erfüllen konnten, da Blümchen immer noch Krebs hatte und sterben würde. Und in den Momenten, wo mir das bewußt wurde, verspürte ich einen so tiefen und durchdringenden Schmerz, daß ich mich anschließend wieder recht schnell, in meine Traumwelt zurück zog und die Wahrheit einfach nur verdrängte.

Eines schönen Tages bekam ich einen Brief von Mom.

Das ist der Originalbrief. Natürlich habe ich alle echten Namen (inklusive meinem eigenen) unkenntlich gemacht und in der Geschichte verändert. Die Schrift ist teilweise schon verblaßt. Deshalb habe ich den Brief, unter dem Bild, nochmal sauber abgetippt.

Liebe Emily!

Deine Briefe haben mich sehr bewegt, das heißt sehr getroffen, aber das alles war mir ja nichts neues. Ich weiß, daß ich sehr viele Fehler gemacht habe. Ich glaube, das war ganz gut so, daß es so weit gekommen ist. Erst jetzt, wo du diesen Weg gewählt hast, sind mir glaube ich die Augen aufgegangen. Ich habe all die Jahre immer nur an mich gedacht, habe mich oft selbst bedauert, weil auch mir es nicht immer gut ging. Sei es die Beziehung zu Papa, oder Probleme, die meine Mutter hatte. Sei es mein Bruder Frank in Bezug auf Tina und Tobias.

Auch ich bin immer mit vielen Problemen konfrontiert worden, die ich irgendwie verarbeiten mußte. Dann das viele allein sein hier in Berlin. Ich könnte das weiter ausdehnen, aber ich glaube Du weißt was ich meine, und ich will auch nicht, daß der Brief riesenlang wird. Ich möchte Dir mit diesem Brief nur sagen, daß Du mir nicht gleichgültig bist, sondern daß ich Dich sehr lieb habe. Und glaube mir, wenn ich Dir oft Unrecht getan habe, dann habe ich abends oft darüber nachgedacht und es tat mir sehr leid. Aber ich hatte oft nicht den Mut zu Dir zu kommen und um Verzeihung zu bitten. Vielleicht deshalb nicht, weil ich es in meiner Erziehung nicht gelernt habe. Und weil es mir oft selbst nicht gut ging und ich viel zu viel über mich nachgedacht habe. Meine Aussagen, daß Papa und ich noch etwas erleben wollen (reisen, Haus in Spanien usw.), wenn Du aus dem Haus bist ist schon richtig. Aber natürlich erst dann, wenn Du Dein eigenes Leben führst. Wenn Du eigenes Geld verdienst usw. Vielleicht verstehst Du mich irgendwann einmal, wenn Du älter bist, vielleicht auch schon jetzt, daß dieser, der Wunsch vieler Eltern ist, wenn die Kinder erwachsen sind, dann noch mal was erleben zu wollen. Denn das Eltern viel zurück stecken und auf vieles verzichten müssen, weil sie Kinder haben, das ist nun mal so. Das hat aber nichts mit Dir persönlich zu tun. Ich möchte jetzt auch nicht weiter ins Detail gehen, aber wir können, wenn Du möchtest später gerne darüber reden. Ich möchte in erster Linie jetzt erst mal, daß Du weißt, daß ich weiß, daß ich vieles falsch gemacht habe. Und daß ich mir wünsche, daß Du wieder zu Papa und mir zurück findest. Vielleicht gibst Du mir ja die Möglichkeit vieles wieder gut zu machen. Auch ich habe mir oft gewünscht, daß wir richtige Freunde sind, aber ich konnte leider nicht über meinen eigenen Schatten springen. Ich hoffe, daß es für uns noch eine Möglichkeit gibt, daß wir wieder zusammen finden. Ich wünsche mir, daß Du mich vielleicht auch ein bißchen verstehst, daß auch ich meine Probleme habe. Aber ich werde in erster Linie jetzt erst mal an Dich denken. Wenn Du möchtest, können wir ja noch mal miteinander reden und es miteinander versuchen, und ich glaube, daß wir das auch schaffen werden. Ich möchte, daß Du glücklich bist, und dieses wirklich ehrlich gemeint ist. Deine, auch wenn Du es nicht glaubst Dich gern habende

Mama

(Papa hat den Brief natürlich auch gelesen, und möchte Dich auch wieder glücklich sehen.)

Gerührt legte ich den Brief zur Seite und griff zum Telefonhörer. Ich wählte Blümchens Nummer und las ihr den Brief vor. Sie meinte, daß der Brief bestimmt ehrlich gemeint wäre und riet mir dazu, zu Mom zu gehen und mit ihr über alles zu reden. Abschließend meinte sie noch, es wäre gut, wenn ich bereit wäre ihr zu verzeihen. Das heißt nicht, daß ich es vergessen soll, aber verzeihen.

Am nächsten Tag, direkt nach der Schule ging ich also zu Mom. Allerdings war mir ganz und gar nicht wohl in meiner Haut. Ich hatte Angst. Angst, daß der Brief doch nicht ernst gemeint war. Angst, daß sie wieder ausrasten würde. Schon alleine deshalb, weil ich es gewagt hatte mir die Haare zu tönen und das war eines der Dinge, die sie am allermeisten haßte. Noch dazu in lila. Doch zu meinem Erstaunen sagte sie gar nichts. Sie nahm es stillschweigend hin. Auch sie schien sichtlich nervös zu sein und ich hatte das Gefühl, daß sie schon geahnt hatte, daß ich kommen würde. Sie schrie mich nicht an, hatte aber meiner Meinung nach große Schwierigkeiten sich zu beherrschen und einen freundlichen Eindruck zu machen. Ich wagte es nicht, viel zu sagen oder gar zu weinen. Ich bedankte mich lediglich für ihren Brief und wartete ab. Auch bemühte ich mich keine Schwäche zu zeigen, was mir weiß Gott nicht leicht viel. Die Stimmung war erdrückend. Ängstlich wartete ich darauf, was wohl passieren würde. Dann fing Mom endlich an zu reden. „Schön, daß du kommst… Wie läuft es denn so in der Schule?“ Diese Frage mußte ja kommen, aber ich beantwortete sie ihr mit einem schmächtigen „Gut.“ „Wie geht es Dir sonst so? Ist es schön da?“ „Es geht so.“ Nachdem wir noch kurze Zeit um den heißen Brei herum geredet hatten, kamen wir endlich auf das eigentliche Thema. Sie bat mich zurück nach Hause zu kommen, worauf ich ihr entgegnete, daß ich mir das noch überlegen werde und eigentlich ins Heim gehen wollte. Daraufhin sah sie mich mit weit aufgerissenen Augen an und wußte absolut nicht was sie sagen sollte. Und wieder herrschte eine beklemmende Stille. Dann überhäufte sie mich mit Entschuldigungen, so daß ich gar nicht mehr wußte, was ich noch tun oder sagen sollte. Schließlich begann ich mit ihr eine stundenlange Diskussion zu führen. Noch etwas, was sie eigentlich haßte. Ich fragte sie, wie sie sich das denn vorstellt. Und noch bevor sie etwas sagen konnte, stellte ich einige Bedingungen. „Erstens, “ begann ich, „werde ich meine Wäsche selber waschen und bügeln. Zweitens, werde ich meine Kleidung selbst heraus legen und drittens, werde ich selber kochen!“ „Aber warum denn?“ „Damit du mich nie wieder anmachst, daß ich faul bin. Du machst deine Sachen und ich mache meine!“ Darauf hin sah sie mich verblüfft an. Schließlich verließ ich Mom wieder und fuhr zur Notdienststelle zurück. Als ich abends im Bett lag, war ich voll und ganz mit mir zufrieden. Zum ersten Mal in meinem Leben, hatte ich die Bedingungen gestellt.

Bei meinem nächsten Besuch fand ich eine nachdenkliche Frau in meinem ehemaligen zu Hause vor. Mom. Doch diesmal lag eine angenehmere Stimmung in der Luft. Das Gespräch, das ich mit Mom führte, verlief lockerer und entspannter. Sie war bereit auf die Bedingungen einzugehen. Daraufhin sprach ich dann meinen bisher sehnlichsten Wunsch aus. Nämlich ein Haustier halten zu dürfen und sei es auch noch so klein. Zu meiner Überraschung hatte sie nichts dagegen einzuwenden. Nach einer langen Diskussion einigten wir uns dann auf einen Wellensittich.

Der Reiz nun endlich ein Tier besitzen zu dürfen, lockte mich letzten Endes dann nach Hause. Nun, so war ich der Meinung, hatte ich endlich jemanden mit dem ich meine Sorgen teilen konnte und der mir keine endlosen Predigten hielt. Außerdem hatte ich so einen zusätzlichen Lebensinhalt. Dachte ich zumindest. Doch das sollte leider nicht lange so bleiben. Als ich zu Hause ankam, war die Situation längst wieder angespannt. Mein Vater lud mich zum Motorrad fahren ein, wobei mich Mom bereits wieder mit tödlichen Blicken konfrontierte. Sie versuchte es mir vorerst zu verbieten, aber mein Vater brachte sie zum schweigen. Sie meinte nur noch, das wäre doch viel zu gefährlich und ich könnte ja runter fallen, oder mir eine Erkältung zuziehen. Worauf hin ich ihr dann innerlich den Vogel zeigte. Mein Vater nahm mich dann einfach mit. Als wir so fuhren, war ich für Sekunden der glücklichste Mensch der Welt und als wir zu Hause ankamen, hatte Mom sich auch schon wieder beruhigt. Ich dachte an ihre Worte, daß sie alles wieder gut machen wollte. Allerdings sah und merkte ich in den nächsten Wochen nur sehr wenig davon.

Wir führten weiterhin Familiengespräche bei meiner Psychologin. Ab und zu sprach sie auch nur mit meinen Eltern und wie üblich jede Woche mit mir allein. In einem der letzten Familiengespräche, wäre ich dann beinahe in Ohnmacht gefallen. Bei dem was dann alles ans Licht kam glaubte ich schlecht zu hören. Ich erfuhr, daß mein Vater Mom ein Ultimatum gesetzt hatte. Er hatte ihr gesagt, daß wenn es bis zum Anfang des bevorstehenden Monats nicht mit uns Dreien klappen würde, sie gehen müsse und dann würde er sich im Anschluß von ihr scheiden lassen. Und dieses Ultimatum war nun abgelaufen. Ich wußte in diesem Moment weder ein noch aus. In mir wütete ein Sturm von unberechenbaren Gefühlen wie Wut, Trauer, Freude und Erleichterung. Ich wußte weder, ob ich lachen oder weinen sollte. Doch ich tat nichts von beidem. Wie elektrisiert saß ich auf meinem Stuhl und sagte kein Wort. Ich wußte zwar, daß Mom keinerlei Rechte mehr über mich hatte und mein Vater ihr meine Erziehung untersagte, aber das hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Ich hatte die Beiden wohl schon oft streiten hören und das Wort Scheidung war auch schon ab und zu gefallen. Aber das? Ich lehnte mich zurück und versank in meiner Traumwelt. Nur die kurzen Zwischenfragen holten mich in die grauenhafte Realität zurück. Als das Gespräch endlich beendet war, ging ich wortlos mit Mom nach Hause. Dort angekommen, versuchte ich mit ihr darüber zu reden. Doch sie weinte nur. Ich fühlte mich rat- und hilflos zugleich. Auch ich hätte gern geweint, aber es ging einfach nicht mehr. Ich saß nur stocksteif da und hörte, der schluchzenden Mom zu. Dann verzog ich mich in mein Zimmer und verkroch mich in meinem Bett. Ich schaltete die Musik an und träumte. Träumte von Blümchen und einer besseren Welt. Ich träumte wieder einmal wie es wohl wäre, wenn ich bei ihr wohnen würde. Ja wenn, wenn, wenn. Und wieder blitzte sie auf, diese kurzzeitige und unangenehme Erkenntnis. Verdammt noch mal es würde eh nicht wahr werden. Niemals!

Ich wußte trotzdem in meinen Träumen war ich sicher und unverwundbar. Ich bildete mir ein frei zu sein, wie ein Vogel und doch war ich in Wirklichkeit gefangen. Gefangen in mir selbst. Gefangen in meiner Traumwelt! Und der Gedanke daran machte mich fast wahnsinnig. Nirgendwo sah ich auch nur einen Funken Schönheit, oder gar einen Ausweg, aus dem endlosen Labyrinth meiner Depressionen.

Ich erinnerte mich noch an ein Erlebnis, wo meine Eltern noch zusammen lebten. An einem Abend waren die Beiden ausgegangen, während ich allein zurück blieb. Ich hörte Musik und war wie immer tief in meinen Träumen versunken. Doch dann vermischten sich meine Träume mit Szenen aus meiner Vergangenheit und meinen jetzigen Problemen. Worauf hin ich dann anfing fürchterlich zu schreien und völlig unkontrolliert um und auf mich einzuschlagen. Ja, ich schlug mich selber. Ich rannte mit dem Kopf vor die Wand und schrie. Mir war vollkommen egal was ich tat. Mein Körper zuckte und mein Herz schien in tausend Stücke zu zerbrechen. Ich weiß nicht, wie lange dieser Nervenzusammenbruch andauerte, aber er sollte sich ab diesem Tag noch oft wiederholen. Ich nannte ihn für mich selbst: `Anfall`. Zu meinem Pech hatten unsere Nachbarn meine Schreie gehört und erzählten das natürlich auch gleich brühwarm meinen Eltern. Ich hingegen stritt erst mal alles ab und dann schwieg ich vollkommen. Diesmal hatte ich keine Lust auf Diskussionen und ging einfach in mein Zimmer. Gott sei Dank, hakten sie da auch nicht lange nach.

Ein paar Tage später, zog Mom dann aus nach Westdeutschland, zu ihren Eltern. Doch mein Vater hielt erst einmal weiterhin Kontakt zu ihr. Wogegen ich den Kontakt stark einschränkte. Es hieß, man wolle erst mal nur Abstand halten.

Nun waren meine Eltern also getrennt und ich lebte mit meinem Vater allein. Am Anfang fand ich das noch wahnsinnig aufregend. Endlich konnte ich machen was ich will. Kein Geschrei mehr, nichts. Ich war frei und zudem hatte ich meinen Wellensittich, der mich in schweren Zeiten begleiten sollte. Und doch war ich viel allein. Mein Vater kam erst nachmittags oder abends nach Hause. Ich hatte zwar Narrenfreiheit und doch machte mich das nicht glücklich. Denn ich war gefangen in einem goldenen Käfig, den ich mir selbst gebaut hatte. Meine Traumwelt ließ es einfach nicht mehr zu, daß ich noch einen Blick in die Realität zurück warf. Doch ich wollte das einfach nicht wahr haben. Ich merkte noch nicht einmal, wie ich Tag für Tag den Sinn für die Realität verlor. Mit jedem neuen Tag, wurde mir mehr und mehr, alles was um mich herum geschah gleichgültig. Zumindest was die schönen Seitens des Lebens anging, die ich nicht sehen konnte und irgendwie auch nicht sehen wollte. Mit der Traumwelt ist es wie mit Drogen. Du tust es einmal, findest es gut und machst es dann immer wieder. Irgendwann verlierst du den Sinn für die Realität. Dir wird alles egal und kannst nicht mehr aufhören. Vor allem kommst du allein aus diesem Teufelskreislauf nicht mehr heraus. Du beginnst alles zu vernachlässigen. In meinem Fall war das dann die Schule, mein Aussehen, die Beziehung zu Freunden, Tieren, dem Haushalt und zu guter Letzt mich selbst. Das Problem dabei war, ich habe es erst bemerkt, als ich nicht mehr heraus kam.

Irgendwann hörte ich dann auf zu essen. Nur um endlich die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ich mir so sehr wünschte. Denn alle Hilfeschreie, die ich bisher ausgesandt hatte, waren ja unerhört geblieben. Jetzt aber, glaubte ich endlich eine Möglichkeit gefunden zu haben, die funktionieren würde. Ich redete mir ein, daß wenn ich ganz dünn werden würde, dadurch auch automatisch mein innerer Kummer und Schmerz für alle sichtbar war. Denn mir war schon damals klar geworden, was man nicht sehen kann, ist für meine Umwelt auch nicht vorhanden.

Ich seufze tief auf, öffne meine Augen einen Spaltbreit und muß innerlich den Kopf schütteln. Mein Gott, wie verzweifelt war ich nur gewesen, um auf so eine bescheuerte Idee zu kommen? Es war nicht nur ein fataler Fehler, sondern auch noch sehr gefährlich. Ich hätte nie gedacht, daß sich daraus eine ernsthafte Eßstörung entwickelt, mit der ich dann noch viele Jahre immer wieder zu tun hatte. Ich habe mir meine Probleme zu dem Zeitpunkt wirklich selber gemacht. Als ob ich nicht schon genug davon gehabt hätte…

An einem sonnigen und sehr heißen Tag fuhr ich mit dem Fahrrad in die Stadt. Ich stellte es ab und begab mich in die Geschäfte. Das, was ich brauchte, waren Abführmittel. Denn leider war es mir aufgrund meiner Operation ja unmöglich geworden, mich zu erbrechen. Also mußte etwas anderes her. Nur für den Fall, daß mich der Hunger doch mal überkommen sollte!

Und er war da. Ich haßte dieses Hungergefühl, welches es mir so schwer machte, mein Ziel ganz dünn zu werden, auch zu erreichen. Nachdem ich es mir in einer Apotheke gekauft hatte, begab ich mich auf den Heimweg. Doch plötzlich überkam mich mit einem mal so ein starkes Schwindelgefühl, daß ich anhalten mußte und abstieg. Noch während es mir schwarz vor meinen Augen wurde, stellte ich mein Rad zur Seite und steuerte die nächstgelegene Sitzbank an. Doch ich erreichte sie nicht, sondern sackte kurz davor auf dem Boden zusammen. ‚So ein Mist‘, fluchte ich innerlich. ‚Das war so nicht von mir geplant.‘ Ich atmete tief durch. Diese Schwärze beschwerte mein denken. Irgendwie mußte ich mich wieder sammeln und nach Hause kommen. Neben mir erklang eine besorgte Stimme: „Ist alles okay?“ „Ja.“ stöhnte ich leise. Langsam rappelte ich mich auf und torkelte zu meinem Fahrrad. Ich wußte nur eines, ich mußte hier unbedingt weg, sonst würde alles auffliegen. Wenn jetzt schon etwas schief ging, würde ich mein Ziel wohl nie erreichen. Ich weiß nicht mehr wie ich es schaffte in diesem Zustand mein Fahrrad nach Hause zu schieben, aber die Hauptsache war, daß ich es hin bekam. Alles was ich danach nur noch wollte, war in mein Bett zu hüpfen und zu schlafen.

Noch am gleichen Abend aber, nahm mich mein Vater mit in die Metro, einem sehr großen Kaufhaus. Dort gab es alles an Lebensmitteln und Süßigkeiten, was das Herz begehrte. Und genau das, kaufte mir mein Vater dann auch. Ich merkte nur noch, wie mir nach und nach das Wasser im Mund zusammen lief. Als wir wieder zu Hause waren, deckte mein Vater dann den Tisch und forderte mich zum essen auf. ‚Okay,‘ dachte ich bei mir, ‚dann nehme ich eben die Abführmittel ein!‘ Nachdem ich das gemacht hatte, setze ich mich wieder an den Eßtisch und stopfte alles in mich hinein, was ich essen konnte. Da ich eine viel höhere Dosis eingenommen hatte, als auf der Packungsbeilage empfohlen wurde, bekam ich dann nur etwas später grauenhafte Magenkrämpfe. Doch diese stand ich durch, bis ich schließlich den gewünschten Durchfall bekam. Trotz der unglaublichen Schmerzen, war dieser Tag der traurige Anfang eines jahrelangen Medikamentenmißbrauchs. Denn da mein Vater einfach nicht locker ließ, bis ich etwas aß; sah ich mich gezwungen, immer wieder zu den Abführmitteln zu greifen.

An einem Wochenende fuhr mein Vater mit mir auf dem Motorrad zum Zelten. Wahrscheinlich um mir die Schönheit dieses Lebens bewußt zu machen. Doch ich konnte sie leider einfach nicht mehr sehen. Ich war eingehüllt in meine Traumwelt und eingeschlossen in einem goldenen Käfig, den ich mir selbst errichtet hatte. Vor der Gegenwart verschloß ich immer und immer wieder meine Augen, so daß ich einfach blind war. Blind für die Schönheit des Lebens. Die Gegenwart machte mir fürchterliche Angst und ich wollte mit ihr nichts mehr zu tun haben. In meinen Augen war einfach alles nur noch schwarz, schlecht und hoffnungslos. Ich suchte nach dem Sinn des Lebens und fand ihn einfach nicht. Ich rannte weg. Ich rannte einfach vor meinen Problemen davon. Weg von allem schlechten und vor mir selbst. Noch nicht einmal mein Vater hat gemerkt, in welcher Welt ich geistig eigentlich lebte. Er bemerkte nur meine negative Veränderung im außen, was dann zu einer absoluten Katastrophe führte!

Ich flog mit meinem Vater an die Algarve. Diesen Portugalurlaub hatte er ursprünglich für Mom und sich gebucht. Da diese aber nicht mehr mit ihm zusammen war, nahm ich ihren Platz ein, um einen schönen Urlaub zu machen.

Das einzige Bild, was ich noch aus diesem Algarveurlaub habe

Ich muß dazu sagen, daß mein Vater viel versuchte, um mich aus meinen Depressionen heraus zu holen. Auch kaufte er mir all die Dinge, die ich mir schon immer gewünscht hatte. Aber es machte mich einfach nicht glücklich und man kann nicht all das, was jahrelang nicht gelaufen ist, in zwei Wochen aufholen! Was waren zwei Wochen gegen 14 Jahre? Sicherlich es gab Momente, wo wir einander nahe waren. Doch diese waren selten. Sehr selten geworden.

An einem der letzten Tage dieses Urlaubs, ging mein Vater mit mir in ein Restaurant, wo wir uns dann ausführlich über unsere „Nichtbeziehung“ unterhielten. Er war fest der Meinung, daß ich ihn nicht liebe, und das auch sowieso noch nie getan habe und damit könnte und wollte er nicht mehr leben. Ich war zutiefst erschüttert. Mein Magen kribbelte und ich hatte Angst. Angst vor meiner Zukunft und Angst in ein Internat zu müssen. Er ließ mir die Wahl. Entweder in ein Internat zu gehen, oder aber zu meiner leiblichen Mutter. Ich glaubte nicht richtig zu hören. Ich sollte zu meiner leiblichen Mutter ziehen? Zu einer Frau, die ich nicht kannte? Zu einer Frau, die so verlogen und falsch sein sollte? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Doch dabei sollte es leider nicht bleiben. Denn auf der anderen Seite interessierte mich meine leibliche Mutter schon. Wie sie wohl aussah und ob sie wirklich so schlecht war, wie man es mir immer gesagt hatte? Und vor allem aber, wer war mein fünfjähriger, kleiner Bruder von dem sie mir am Telefon erzählt hatte?

Kurz bevor ich mit meinem Vater an die Algarve geflogen war, hatte sie mich nämlich angerufen. Mein Herz schlug wie verrückt, als ich begriff, wer da am anderen Ende der Leitung war. Auch sie wußte zuerst nicht, was sie sagen sollte. Dann aber faßte sie sich wieder. Sie begann über frühere Zeiten zu reden. Zeiten, die schon über zwölf Jahre vorbei waren. Über damals. Schließlich lud sie mich zu einem Urlaub mit ihrem Freund und meinem Bruder ein.

Er war von einem anderen Mann als meinem Vater und somit eigentlich mein Halbbruder. Aber ich fand diese Bezeichnung blöd, denn dieses Wort treibt schon einen Keil in die Beziehung, bevor überhaupt eine aufgebaut worden ist. Also beließ ich es einfach bei der Bezeichnung Bruder.

Mein Bruder und ich. Auch, wenn mein Bruder mittlerweile ein hübscher Mann geworden ist und man ihn wohl kaum wieder erkennen würde, habe ich trotzdem, zu seinem persönlichen Schutz, seine Augen geschwärzt!

Nach dem Portugalurlaub nahm ich die Einladung an. Hier sind zwei Tagebucheinträge aus dieser Zeit:

1.8.1994

Ich sitze hier im Auto meiner zweiten Familie, auf dem Weg nach London. Gestern haben sie mich abgeholt. Mom und ihre Mutter haben geweint. Ich denke, sie wußten, daß sie mich verloren hatten. Mein Vater zeigte keine Reaktionen als ich ging. Obwohl ich einen tiefen Schmerz in mir hatte, weinte ich nicht. Am Anfang, bevor ich meine leibliche Mutter sah, verspürte ich eine tiefe Abneigung gegen sie. Aber dann, als ich sie erblickte, wurde mit einem Mal alles anders. Sie strahlte so viel Frische und Fröhlichkeit aus, daß ich mich irgendwie zu ihr hingezogen fühlte.

2.8.1994

Sie ist so lieb. Gestern hat sie mir ein Kleid geschenkt. Ihr Freund hat irgend etwas über Spiritualismus erzählt. Über Gläser rücken, oder so. Na ja und das er dann halt in so einer Gruppe war. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie, fand ich das, was er da erzählt hat, wahnsinnig interessant, denn damit könnte man Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen. Aber das wichtigste ist, daß wir zusammen beschlossen hatten, daß ich zu ihnen ziehen werde. Genau das, werde ich dann heute auch meinem Vater mitteilen. Denn ich glaube, daß ich hier genug Liebe bekommen werde. Außerdem meinte meine Mutter noch, daß sie mich ja ein Mal weg gegeben habe und das gewiß kein zweites Mal tun würde.

Und somit lebte ich dann bei ihr. Sie besprach sich mit ihrem Freund und wollte auf gar keinen Fall, daß ich in ein Internat ging. Aber so schnell zu ihr zu ziehen, war einer der größten Fehler, die ich je gemacht habe. Doch auch das erkannte ich wie immer, wieder einmal erst viel zu spät. Es war verschwendete Zeit gewesen. Nicht, daß sie mich eingeengte hätte, im Gegenteil. Es war ihr vollkommen egal, was ich tat!

Heute frage ich, ob es wirklich so gut war, diese Erfahrung auch noch mit zu nehmen. Andererseits sagte ich mir dann aber auch, daß sonst immer Zweifel in mir zurück geblieben wären. Denn auch wenn ich damals den Scheidungsordner, von meinem Vater bekommen hatte, um mir mein eigenes Bild, über meine leibliche Mutter und die Situation als ich ein Baby war machen zu können, so war das trotzdem etwas, was ich nur las. Aber nicht bewußt erinnern konnte. Kurzum, ich mußte mir einfach, meine eigene Meinung bilden. Und außerdem, war ich so hungrig nach Liebe, daß ich meiner Mutter einfach alles glaubte, was sie mir sagte. Weil ich es glauben wollte!

Doch Ihre wahren Beweggründe mich aufzunehmen, waren leider ganz andere. Nämlich nicht etwa die, daß sie reuig war und alte Gefühle für mich wieder entdeckt hätte. Nein! Sondern die Aussicht auf viel Geld, was mein Vater ihr, für meinen Aufenthalt bezahlte. Sie war also noch immer die Gleiche, wie früher schon. Abkassieren, ohne etwas dafür tun zu wollen! Allein schon die Frechheit, auf ihrer Homepage zu behaupten, sie hätte erfolgreich zwei Kinder groß gezogen, macht mich bis heute sprachlos. Oder haben mein Bruder und ich etwa noch zwei Geschwister, von denen wir nichts wissen?

Ich muß husten und öffne erneut meine Augen. So viel Haß in meinem Herzen, der ist nicht gut. Ich beiße die Zähne wieder aufeinander und versuche nicht, in meinen Rachegelüsten zu ertrinken. Es ist so leicht zu hassen und so verdammt schwer, zu vergeben. Warum eigentlich? Warum verfliegen die guten Gefühle und Vorsätze so schnell? Wohin gegen, die negativen Gedanken, sich fest saugen wie Zecken?

Ich werde nie den Moment vergessen, als ich meine leibliche Mutter zum ersten Mal sah. Noch während meine Mom in Tränen aufgelöst und mein Vater mit verkniffenem Gesichtsausdruck da standen, kam mit einem Mal ein Auto angerauscht. Es hielt und als sich die Tür öffnete, bot sich mir das Bild einer sehr dünnen Frau, mit einem hageren Gesicht. Ich war tatsächlich nur, die jüngere Version von ihr. Fast schon, wie ein Abziehbild. Ich sah ihr so verdammt ähnlich, daß ich auch heute noch nicht recht weiß, ob ich das nun gut oder schlecht finden soll. Was ich aber in jedem Fall weiß ist, daß die Beziehung zu ihr, genau zwei Wochen gut ging.

Das lag unter anderem mit Sicherheit auch noch daran, daß ich nicht mehr mit ansehen konnte, wie ihr Freund sie schlug. Es war die Hölle. Sobald dieser nach Hause kam, gab es Streß. Türen knallten, die Schreie tönten durch das ganze Haus und er schlug sie. Ich werde nie vergessen, wie er eines Tages vor mir stand und mich totschlagen wollte. Er war der Meinung, daß ich die Beziehung zwischen ihm und meiner Mutter kaputt gemacht hätte. Dafür haßte ich ihn. Einmal riß er meiner Mutter den Pullover kaputt, schlug sie zu Boden und nahm die halbe Wohnung auseinander. Als meine Mutter dann sagte, sie werde die Polizei rufen, riß er das Kabel vom Telefon aus der Wand und verschwand aus der Tür.

Doch irgendwann, war sogar meine Mutter derselben Meinung wie ihr Freund. Sie warf mir nicht nur vor, daran tatsächlich Schuld zu sein, daß ihr Freund sie schlug. Sondern auch noch, daß mein kleiner Bruder Verhaltensstörungen aufwies. „Seit du da bist, macht dein Bruder Probleme. Was stellst du mit ihm an?“ Ich schüttelte innerlich nur den Kopf. War fassungslos. über solch eine Anschuldigung und dachte mir nur ironisch: `Klar, mit deinem aggressiven Freund, kann sich mein kleiner Bruder ja so richtig normal entwickeln. Wenn man von der Geräuschkulisse absieht, die sich ergibt, sobald dein Freund die ganze Bude zerlegt!` Aber ich sparte mir meine Worte. Es hätte eh keinen Sinn gehabt. Meine Mutter merkte auf jeden Fall, daß es das Geld von meinem Vater, für meinen Aufenthalt, nicht mal so, im vorbei gehen gab. Also bezeichnete sie mich dann, als eine absolute Niete, große Schlampe und ein Miststück. Sie fügte noch hinzu, daß ich ihr außerdem, zu schlecht in der Schule sei, sie mir nicht helfen könnte und die Entscheidung, daß ich zu ihr kam, einfach zu schnell gefallen war. Angeblich wäre ja schon vor unserem gemeinsamen Urlaub, alles hinter ihrem Rücken abgesprochen gewesen. Außerdem würde ich ja eh nicht alles verstehen und sie würde mich nicht richtig kennen.

Und von nun an hörte ich auch hier, wie unerwünscht und ungeliebt ich war. Dann dachte ich mir eines Tages: `Na wenn mich eh keiner haben will, kann ich ja auch gehen!` Vor allem nach ihrem Brief an mich. Diesen fand ich, in meinem aufgeschlagenem Tagebuch. Darin stand:

Hier ist der Originalbrief. Natürlich habe ich auch hier, meinen echten Namen unkenntlich gemacht. Der besseren Lesbarkeit halber, habe ich den Brief, unter dem Bild, nochmal sauber abgetippt.

Liebe Emily!

Ich bin es langsam leid. Deinen teilweise unwirklichen Mist im Tagebuch zu lesen!! Und wenn Du meinst, daß das Deine Privatsache ist, so irrst Du Dich gewaltig!! Über andere Leute hinterm Rücken zu schreiben oder sprechen ist für mich schlimmer, als wenn ich es laut sage was ich denke!! Wenn Du Dein Tagebuch offen liegen läßt, so gehe ich davon aus, daß jeder, aber auch jeder egal wo Du hin gehst mit Deinem Buch, es lesen kann! Und wenn Du irgendwelche Dinge über mich oder egal welche Personen darin berichtest, so ist das nicht mehr Deine Privatsache!!! Da zum Teil diese Dinge von Dir verdreht und nur von Deiner Sicht beschrieben sind! Für nächste Woche Mittwoch haben wir einen Termin bei Frau Lepin und dann sehen wir weiter.

Deine Mutter

PS: Du mußt noch viele Dinge lernen, ich bin alt genug, um zu wissen was richtiger für Dich ist und was nicht!! Weil ich habe gelernt!

Als ich diesen Brief gelesen hatte, dachte ich vor Wut zu zerplatzen. Das war ja wohl die größte Unverschämtheit überhaupt. Mom und mein Vater hatten zwar auch immer, in meinem Tagebuch gelesen. Aber so eine Frechheit, ist noch nicht einmal ihnen, eingefallen. Ich war sehr froh, daß ich ihr nie wirklich, mein Herz geöffnet hatte. Und ab diesem Tag, begann ich sie zu hassen!

Anschließend nahm ich mir einen Strick und fuhr zu einer Ruine, um meinem Leben endgültig ein Ende zu setzen. Ich stieg auf eine halb verrostete Schubkarre und warf den Strick über den Balken. Mein Körper bebte, als ich mir den Strick, um den Hals zuband. Dann versuchte ich die Schubkarre zur Seite zu stoßen, doch es gelang mir nicht. Nach einigen Versuchen, die Schubkarre doch zur Seite zu treten, brach ich mein Vorhaben ab. Ich entfernte den Strick von meinem Hals und stieg runter. Dann griff ich zu einer Glasscherbe, die dort auf dem Boden herum lag und hackte sie mir tief in meinen Arm. Nach einiger Zeit bemerkte ich, wie mich nach und nach meine Kräfte verließen. Zugegebenermaßen hatte ich noch nie so viel Blut gesehen, wie in diesem Moment. Doch mit der Zeit merkte ich, daß ich meine Pulsschlagader trotzdem nicht getroffen hatte und es hörte auch, auf zu bluten. Das Endergebnis war hingegen, daß mein Arm so höllisch weh tat, daß ich ihn kaum noch, bewegen konnte. Irgendwann weinte ich dann vor Schmerz und brach die ganze Aktion ab. In einer dreckigen Pfütze, wusch ich das Blut ab und fuhr nach Hause zurück. Zu meinem Glück, waren weder meine Mutter, noch ihr Freund da. Ich wusch die Wunde dann gründlich aus und klebte ein Pflaster darüber. Vollkommen erschöpft, zog ich mir noch einen langen Pulli über, damit man das Pflaster nicht sah und legte mich anschließend ins Bett.

Da es Samstag war, war es mir unmöglich zu einem Arzt zu gehen, um meinen Arm nähen zu lassen. Ich überlegte krampfhaft was ich tun sollte, denn der Schmerz in meinem Arm, wollte einfach nicht nach lassen. Als es dann endlich Montag war, vertraute ich mich einigen Mädchen, und zu guter Letzt meiner Klassenlehrerin an. Sie erklärte sich sofort dazu bereit, mit mir zum Arzt zu gehen. Am späten Nachmittag, trafen wir uns dann und gingen gemeinsam hin. Ich zeigte dem Arzt meinen Arm und bat um ein Schmerzmittel. Dann musterte er mich und quetschte mich anschließend aus, wie eine Zitrone. Nach einer Weile, sah ich nervös auf die Uhr und sagte ihm, daß ich jetzt eigentlich nach Hause müßte. Doch weder der Arzt, noch meine Lehrerin ließen mich gehen. Dann schickte der Arzt mich ins Wartezimmer zurück, um mit meiner Klassenlehrerin unter vier Augen zu reden. Nach einiger Zeit, bat er mich wieder herein und ließ einen Krankenwagen kommen. Mit ihm wurde ich dann in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie gefahren. Jetzt würde ich erfahren, was es wirklich damit auf sich hatte. Ob meine Eltern Recht gehabt hatten, oder nicht. Im Großen und Ganzen, begriff ich aber eins. Ich wollte nicht mehr nach Hause zurück und hatte jetzt die Chance, was auch immer mich erwartete, vielleicht mit mir ins Reine zu kommen.

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