Licht der Hoffnung Teil 7

Meine Biografie Teil 6

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KAPITEL: 5

Als wir in der Psychiatrie ankamen, folgte zunächst ein Aufnahmegespräch. Ich hoffte, daß ich so lange wie möglich, dort bleiben könnte und nicht nach Hause zurück müßte. Und ich mußte es nicht.

Nach dem Aufnahmegespräch, brachte man mich, auf die geschlossene Station, wo man mich nach spitzen Gegenständen durchsuchte. Hätte ich welche bei mir gehabt, wären sie mir abgenommen worden. Genauso wie Haarspray, Deo und einfach alles, was in den Augen der Ärzte und Pfleger, als Gefahr angesehen wurde. Das mit dem Deo, verstand ich nicht ganz. Später erfuhr ich dann, daß manche Patienten sich dies in den Mund sprühten. Ich schüttelte mich innerlich. Auf so eine Idee, mußte man erst einmal kommen. Aber was sollte das bringen? Ja, es ginge da, um den Alkoholgehalt im Deo. Das war mir gedanklich alles zu schwierig und so war ich froh, als man mir mein Bett, in einem sehr großen und geräumigen 4 Bettzimmer zuteilte. Ich war so glücklich, nun nicht mehr zurück nach Hause zurück zu müssen, daß ich mir vor lauter Erleichterung gar keine weiteren Sorgen und Gedanken darüber machte, wo ich mich jetzt eigentlich befand. Und so legte ich mich geistig erschöpft in mein Bett.

Entgegen der Horrorvisionen meiner Eltern, waren meine Mitpatienten und selbst die Pfleger, aber alle sehr nett zu mir und zum ersten Mal fühlte ich mich geborgen. Ich war wirklich überrascht, daß gar nichts von dem stimmte, was man sich früher immer so, über Psychiatrien erzählt hatte. Gut, ich war in der Kinderpsychiatrie. Vielleicht lief es da ja wirklich, etwas anders ab. Nach dem Wecken, wurden wir alle, in Gemeinschaftsduschen gebracht. Eine war für die Jungs und die andere, für uns Mädchen. Dann saßen die Pfleger auf einem Stuhl und gaben acht, daß alles seinen gesitteten Gang ging. Danach, wurde gemeinschaftlich gefrühstückt. Schließlich fanden verschiedene Arten, von Therapien statt. Eine davon und wohl auch die häufigste, war eine Art Beschäftigungstherapie. Dort konnten wir dann entweder Körbe flechten oder aus Perlen, kleine Bäumchen basteln. Ab und zu, gab es dann, psychologische Gespräche oder Einzelunterricht. Nach dem Mittagessen, wurden die Therapien fort gesetzt. Abends aber, konnten wir uns die Zeit selbst vertreiben. Das bestand meistens aus Musik hören und quatschen. So dauerte es auch gar nicht lange, bis ich zum ersten Mal in meinem Leben, richtig viele Freundschaften schloß. Ich spürte sehr schnell, die Gruppengemeinschaft, in der ich nun war. Dieses gegenseitige Verständnis. Meinen neuen Freunden, mußte ich nicht viel erklären. Auch wenn unsere Probleme unterschiedlich waren, bemühte sich jeder, den anderen zu verstehen. Und wenn das nicht ging, ihn aber trotzdem nicht abzuwerten, sondern so zu akzeptieren, wie er eben war. Es war ein miteinander, was ich so intensiv, leider nie wieder, in meinem späteren Leben, antraf. Das Gefühl, endlich mal dazu zu gehören, nicht mehr die Außenseiterin zu sein, hat mir sehr viel Kraft gegeben. Trotz des strammen Tagesablaufs, hatte ich genug Zeit für mich, um zur Ruhe zu kommen. Die Pfleger waren zwar nicht übermäßig liebevoll, aber trotzdem, immer korrekt und freundlich.

Das traurige an der ganze Sache war eigentlich, daß ich mich erst hinter Panzerglas und abgeschlossenen Türen, zum ersten Mal, wirklich frei fühlte. Frei von meiner leiblichen Mutter, ihrem psychopathischem Freund und auch allen anderen Verwandten. Es gab eigentlich nur zwei Personen als Ausnahme, in meiner gesamten Familie für mich, die ich gern hatte und von denen ich wußte, daß sich das auf Gegenseitigkeit beruht. Das waren meine Tante, mit der ich auch heute noch Kontakt habe und ihr Mann. Diesen konnte ich zunächst nicht einordnen, da er sehr ruhig war und wenig sprach. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß er ein guter Mensch ist. Wie ich später erfuhr, wollten die Beiden mich zu diesem Zeitpunkt sogar dauerhaft zu sich nehmen, was mein Vater ihnen aber, verweigerte. Das kann ich bis heute, nicht verstehen! Wie dem auch sei. Die geschlossene Psychiatrie, wie ich sie in Marsberg erlebt habe, war eine kleine Welt für sich. Sie war für mich, wie das Auge, im Sturm des Lebens.

Ich verbrachte zwei Monate, auf der geschlossenen Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg. Als es auf Weihnachten zuging, fragte man mich, ob ich das mit meinem Vater, Mom und ihren Eltern verbringen wollte. Denn meine leibliche Mutter, lehnte jeden Kontakt zu mir ab. Sie hat mich nie besucht und ich denke heute, daß wenigstens das, eine wirklich gute Entscheidung, von ihr gewesen ist! Nach einiger Überlegung, lehnte ich es jedoch ab, schon wieder ein Weihnachtsfest im Sinne des Konsumrausches zu verbringen. Denn in unserer Familie, gab es auch zu Weihnachten, immer nur ein Thema: Wer hat wem, was und wie viel geschenkt. Dieses Berechnende… Ich weiß noch, wie Mom zu meiner heiligen Kommunion Listen erstellt hat, von wem welches Geschenk kam und genau die Summe, müßte man dann, auch bei nächster Gelegenheit, zurück schenken. Warum verdammt noch mal, schenkte man dann überhaupt etwas? Das war ja wohl, so was von bescheuert! Aber in unserer Familie war das so üblich. Auf jeden Fall, hatte ich keine Lust auf ein Weihnachten à la : „Dein Vater hat mir wieder nur, ein teures Parfum geschenkt!“ oder ähnliche Kommentare. Also bin ich am Weihnachtsabend, in der Kinderpsychiatrie geblieben. Es waren nur wenige Kinder da, aber trotzdem habe ich diese Entscheidung nicht bereut. Und auch das Silvester von 1994 auf 1995, war bis heute, mein schönstes, weil wir dort eine richtig tolle Silvesterparty machen durften.

Die Zeit in Marsberg 1994/95, bezeichnete ich jahrelang, als die glücklichste, in meinem Leben! Endlich konnte mich niemand mehr verletzen und ich hatte zum ersten Mal, so etwas wie Freunde. Abgelöst wurde dieses intensive Glücksgefühl, abgesehen von vereinzelten Erlebnissen, erst wieder vom Jakobsweg 2019. Natürlich hatte ich auch zuvor, ein paar gute Zeiten; konnte diese, aufgrund meiner starken Depressionen, aber nicht mehr als glücklich, empfinden. Die Depression, ist wie ein dicker Schleier, der nichts Schönes durch läßt. Oder eine Käseglocke, die die Seele vor weiterem Leid schützt (wie der Sänger Hubert Kah, mal zu mir sagte).

Man kann kaum glauben, wie fest die Bindungen und Beziehungen in der Psychiatrie sein können. Zumindest in der Kinderpsychiatrie.

Nach etwa zwei Monaten, wurde ich dann aufgrund meiner Fortschritte, als nicht mehr selbstmordgefährdet, von der Geschlossenen, auf die offene Station verlegt. Dort bekam ich dann sogar, mein eigenes Zimmer. Dieses hatte dann auch, kein Krankenhausbett mehr, sondern war eingerichtet, wie ein ganz normales Zimmer. Als ich dann zum ersten Mal, die Station verließ, stellte ich fest, daß ich mich auf einem sehr großen Klinikgelände, mit verschiedenen Häusern befand, in denen die unterschiedlichen Stationen untergebracht waren. Dieses war so groß, daß es sogar eine separate Schule gab, die ich dann auch recht bald, jeden Tag in der Woche, besuchen mußte. Es waren kleine Gruppen, mit einfühlsamen Lehrern, wo das Lernen zum ersten Mal, richtig Spaß machte. Aber das Beste war, das Zentrum, wo sich alle trafen, die „Ausgang“ hatten. Ich war wirklich tief beeindruckt. Da waren Billardtische, Kicker, eine Musikanlage und natürlich auch ein Kiosk, wo man sich etwas Süßes kaufen konnte. Wenn jemand Geburtstag hatte, wurde dort sogar groß und laut gefeiert. Diese Zeit habe ich lange, als die schönste und streckenweise auch glücklichste Zeit, in meinem ganzen Leben bezeichnet. Ich weiß noch, wie ich einmal mit einer Gruppe, hoch in den schneeverwehten Wald gestiegen und auf dem Rückweg auf dem Schlitten, wieder herunter gerodelt bin.

Und die Psychiatrie, hatte noch einen Vorteil für mich. Ich konnte endlich, ungestörten Kontakt, zu Blümchen aufnehmen. Ich schrieb ihr viel und sie, rief mich sehr oft an. Sie war nach wie vor, mein Ein und Alles. Und das wußte sie auch!

Doch trotz all dem Glück, trübte eine Sache, immer wieder alle meine Gedanken. Meine neuen Freunde, waren kein wirklicher Ersatz, für meine Familie. Und da ich meine Familie und meine toten Großeltern, nun mal auf Blümchen übertragen hatte, wollte ich natürlich, um jeden Preis nach Berlin zurück. Das Jugendamt, die Ärzte, keiner verstand das… Ich begründete es letzten Endes damit, daß mein Vater schließlich auch, in Berlin wohnte. Das war gemein von mir, denn eigentlich hatte ich gar keine Beziehung mehr zu ihm! Auch als ich ihn immer wieder fragte, ob ich zu ihm zurück kommen dürfte, verneinte er jedes Mal mit der Begründung, jetzt endlich auch mal leben zu wollen. Er wäre nun dran und merke gerade erst, wie schön das Leben doch ist, ohne mich, als Klotz am Bein! Dennoch habe ich ihn, als Grund angegeben und mit jeder Absage, wurden meine Gewissensbisse, ihn als Grund vorgeschoben zu haben, dann auch immer weniger.

Aber es war schwierig, einen Heimplatz für mich, in Berlin zu finden. Schließlich war das, ein ganz anderes Bundesland. Aber nach einer Wartezeit, die mir fast schon wie eine Ewigkeit vorkam, erreichte mich dann die Nachricht, auf welche ich schon so lange gewartet hatte. Kurz vor meinem 15. Geburtstag, hatte das Jugendamt in Berlin, einen Heimplatz für mich gefunden. So packte ich ganz aufgeregt meine Sachen und verabschiedete mich, schweren Herzens, von meinen neuen Freunden, den ganzen Ärzten, Sozialarbeitern und Pflegern. Man sagte mir, daß ich mir das Heim ruhig ansehen kann und wenn es mir nicht gefiel, ich auf jeden Fall zurück kommen könnte. Dann würde man mich, in einer Wohngemeinschaft, mit ein paar meiner neuen Freunde, unterbringen.

Mit Wehmut im Herzen, stieg ich in den Zug, nach Berlin. Aber trotz allem, überwog die Vorfreude. Endlich, nach so langer Zeit, würde ich Blümchen wieder sehen und in die Arme nehmen dürfen! Diese Vorfreude, war die letzte Freude, die ich in den ganzen nächsten Jahren, noch empfinden sollte. Hätte ich gewußt, was mich alles in Berlin erwartet… hätte mir das alles jemand gesagt… wäre ich trotzdem in den Zug gestiegen?

Eine Träne rinnt über mein Gesicht. Ich schluchze auf und wische sie von meiner Wange. Schon wieder eine falsche Entscheidung, in meinem Leben getroffen. Oder doch nicht? Ich überlege, wie anders mein Leben hätte verlaufen können, wenn ich nur in diese Wohngemeinschaft, in Nordrheinwestfalen gezogen wäre!? Begebenheiten, die sich so nie ereignet hätten, mich aber hier und heute, zu dem Menschen geformt haben, der ich jetzt bin. Der Mensch, welcher in diesem Augenblick im Krankenbett liegt. Mit all seinen Erfahrungen und der Hoffnung, doch noch das Leben führen zu dürfen, wovon er immer geträumt hat. Als der Mensch, der er immer sein wollte. Vor meinen Augen, formt sich ein Bild, mit Gesichtern. Es sind Menschen, die ich so sehr liebe. Denen ich etwas bedeute und genau die, hätte ich wohl nie kennen gelernt, wenn ich nicht, in diesen verdammten Zug, nach Berlin gestiegen wäre. Zufrieden seufze ich und lasse mich zurück, in meine Erinnerungen gleiten.

Nach einer sehr langen Zugfahrt, kam ich endlich, in Berlin an. Ich war euphorisch und spürte so eine Liebe zu dieser Stadt, wie noch nie zuvor. Die Frau vom Jugendamt, holte mich mit dem Auto, am Bahnhof ab und fuhr mit mir, in mein zukünftiges Zuhause. Nach der guten Erfahrung in der Psychiatrie, hatte ich nun keine Angst mehr, vor einem Heimaufenthalt. Natürlich wäre es mir nach wie vor, am allerliebsten gewesen, bei einer Pflegefamilie zu wohnen. Aber dafür war ich, leider schon zu alt. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, wenigstens Blümchen in der Nähe zu haben.

Ich war erstaunt, als wir uns immer mehr, von der Stadtmitte entfernten und irgendwann, durch ein kleines Waldgebiet fuhren. Da würde ich aber, eine lange Fahrt, auf mich nehmen müssen, dachte ich bei mir. Als das Auto, dann irgendwann anhielt, riß ich entsetzt die Augen auf. So hatte ich mir das, aber nicht vorgestellt. In diesem grauen Betonkasten, wollte ich nicht leben. Er wirkte düster, groß und abweisend. Ich schluckte schwer und stieg aus dem Auto. Ich machte mir klar, daß dieses Kinderheim, wahrscheinlich die einzige Chance war, in Berlin bleiben zu können und erinnerte mich daran, wie lange ich, auf diese Möglichkeit, hatte warten müssen. Also folgte ich der Frau vom Jugendamt und ging mit ihr, zum Vorstellungsgespräch. Ich versuchte mühsam, meine Tränen zu unterdrücken.

Das Vorstellungsgespräch verlief, ziemlich dramatisch. Plötzlich wurde mir, meine ganze verzweifelte Lage bewußt und ich wollte, nur noch weg. Ich mochte dieses Heim nicht. Tief in meinem Herzen spürte ich, daß ich hier nicht, glücklich werden würde und dieser Ort anders, als Marsberg war. Die ganze Atmosphäre wirkte kalt, dunkel und lieblos. Hier war also die gefürchtete Endstation für mich, die da hieß: Heimkind! Alles schien mit einem Mal besser zu sein, als hier zu leben. Und dann kam die irrige Vorstellung, es doch noch einmal, mit meinen Eltern versuchen zu können. Als Antwort bekam ich nur ein: „Dein Wunsch ist zwar verständlich, aber im Augenblick nicht realisierbar!“ Also trafen wir eine Vereinbarung. Ich sollte heute Nacht hier schlafen und könnte dann am nächsten Tag, zu meinem Vater zurück, um von da aus, nach einem anderen Heimplatz zu suchen. Denn dauerhaft wohnen, könnte ich dort, nach ihrem Erkenntnisstand, ja nicht mehr.

Völlig frustriert und zutiefst enttäuscht, ging ich anschließend mit Anke, die meine Bezugserzieherin hätte werden sollen, in eine Wohnung, unter dem Dach. Ich erfuhr, daß das gesamte Haus, in mehrere große Wohngruppen aufgeteilt worden war, in denen die Kinder nach Altersklassen, Geschlecht und Problematik untergebracht waren. Ich weinte immer noch. Durch den Tränenschleier, sah ich nicht viel von der Wohnung, bis auf ein paar Stühle um einen verschwommenen Tisch. Anke sagte: „Da rechts, findest du die Toiletten und Duschen. Hier links“ sie deutete auf ein Telefon, daß an der Wand angebracht war und unter dem eine kleine Coach stand „ist das Telefon. Von dort aus, kannst du aber nur, angerufen werden.“ Nach ein paar weiteren Schritten, blieb sie stehen und erklärte dann: „Hier ist die Eßecke und dahinter die Küche, wie du siehst.“ Dann begrüßte sie ein paar Mädchen, stellte mich vor und erwähnte aber sogleich, daß ich bereits morgen früh, wieder weg wäre. Anschließend ging sie weiter, durch die Küche und bog dann links, in einen großen Raum ab. „Und hier ist das Wohnzimmer. Da kannst du dann fernsehen. Aber nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit.“ Mit sich zufrieden, drehte sie sich um, ging zurück in Richtung Küche und zeigte noch schnell nach links. „Ach ja und das ist unser Zimmer. Hier hast du nichts zu suchen! Es sei denn, es gibt etwas ganz wichtiges, mit uns zu besprechen.“ Dann lächelte sie kalt und brachte mich in das Zweibettzimmer, wo ich heute Nacht schlafen sollte. Dieses war wirklich sehr klein. Aber das interessierte mich, auch nur am Rande. Völlig verzweifelt, schmiß ich mich auf das Bett, was noch frei war und überlegte, wie es nun weiter gehen sollte. Doch ich war völlig ratlos. Meine Gedanken, kreisten um Blümchen und Marsberg. Ich wußte, daß sie mir den Platz in Marsberg noch freihalten würden, falls es mit dem Heim doch nicht klappte. Doch was hätte ich denn, sagen sollen? „Hallo da bin ich wieder!“ Nein, nicht noch einmal Marsberg und die lange Zugfahrt. Auch wenn die Zeit dort, noch so schön gewesen war. Denn wenn ich dorthin zurück fuhr, war es das, mit Berlin. Dann würde ich Blümchen, wahrscheinlich nie wieder sehen. Sicher, die Wohngemeinschaft mit den anderen Mädchen war schön, aber verdammt nochmal, ich wollte doch…

Plötzlich wurden meine Gedanken unterbrochen. Ein dunkelhäutiges Mädchen, daß in dem anderen Bett geschlafen hatte, saß auf einmal auf meinem Bett und stellte sich mir freundlich, als Mary vor. Ich mochte sie sofort. Ihre freundliche, offene Art sorgte dafür, daß ich mich ihr öffnete und so kam es dann, daß wir uns fast die ganze Nacht unterhielten. Am nächsten Morgen, war mir dann klar, daß ich doch hier, in diesem Heim bleiben würde. Zum Einen war Mary sehr nett und zum Anderen, wollte ich endlich, Blümchen wieder sehen. Ich glaubte, daß wenn ich sie nur oft genug besuchen würde, das schon alles andere wett machte. Und ich wollte auf meine alte Schule zurück. Als ich meine Entscheidung dann Anke mitteilte, war diese, sehr verwundert. Sie sagte: „Das hätte ich nicht gedacht, daß du doch noch bleibst! Aber mit deiner Schule, da kann ich dir nichts versprechen. Die ist ja, in einem ganz anderen Stadtbezirk und so wie du mir das beschrieben hast, auch eine Privatschule, die bezahlt werden muß. Am besten, du gehst da hin und fragst einmal nach.“

Nachdem ich mich erkundigt hatte, wie ich dort hin kam, setzte ich mich in den Bus und fuhr los. Es war eine lange Fahrt, die man nicht mal so eben, jeden Tag, hinter sich bringt. Aber den Gedanken, verdrängte ich zunächst. Als ich dort ankam, erfuhr ich, daß Blümchen wieder im Krankenhaus lag. Sie hatte mir das verschwiegen und stets erzählt, daß es ihr gut ginge. Ich dachte, ich falle aus allen Wolken. Sie hatte mir doch gesagt, daß sie jetzt, wieder gesund werden, würde. Warum lag sie denn dann, wieder im Krankenhaus? Hatte sie mich belogen? Wieso? Es war ein furchtbarer Schock! Ich hatte nie, an ihren Worten gezweifelt, wahrscheinlich weil es auch mein Wunsch war. Trotz allem, versuchte ich mich, wieder zu sammeln und erst einmal, zur Direktorin zu gehen. Das mit Blümchen, konnte ich später, immer noch klären.

Als ich dann vor ihr stand und mein Anliegen vortrug, teilte sie mir jedoch bedauernd mit, daß kein Platz mehr in ihrer Schule, für mich frei wäre. Ob das stimmte, wußte ich natürlich nicht. Aber es war klar, daß auch wenn sie gelogen hatte, es für mich, kein zurück mehr geben würde. Völlig entgeistert, verließ ich anschließend das Schulgelände, mit all seinen Erinnerungen und fuhr traurig, zurück zum Heim. Dort erzählte ich dann, daß man mich, nicht mehr aufnehmen wollte. Trotzdem blieb ich bei meiner Entscheidung, in diesem Heim, wohnen zu bleiben. Ich hatte sogar das Gefühl, daß die Erzieher sich darüber freuten.

Zu meinem Erstaunen, lebte ich mich im Heim, aber sehr schnell ein und machte viele neue Bekanntschaften. Blümchen jedoch, war nach wie vor, im Krankenhaus. Ich versuchte sie, Tag um Tag, zu erreichen. Einmal hatte ich ihren Mann, am Telefon. Er richtete mir aus, sie hätte mich angelogen, weil sie mich nicht noch mehr belasten wollte und das täte ihr leid. Aber ich möge sie doch bitte, so in Erinnerung behalten, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Ich war fassungslos. Schließlich war ich doch nur wegen ihr, hierher nach Berlin gekommen. Ich war gekommen, weil ich geglaubt hatte, sie oft sehen und besuchen zu können. Weil sie mir gesagt hatte, daß sie nun doch geheilt war. Und auf einmal erfuhr ich, daß sie im sterben lag und noch nicht einmal, von mir, besucht werden wollte. Diese Erkenntnis, sie nie mehr lebend wieder zu sehen, brachte mich fast, um den Verstand. Und dann kam er irgendwann. Der gefürchtete Anruf, daß sie gestorben war!

Ein unglaublicher Schmerz, gepaart mit Ungläubigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung, zog sich durch meine Seele und mein zerbrochenes Herz. Ich wollte es nicht glauben und konnte es nicht fassen, daß sie den Kampf, gegen den Krebs verloren hatte. Ich rannte in mein Zimmer, fiel auf die Knie und schrie. Ich schrie so laut, wie ich in meinem ganzen Leben, noch nie geschrien hatte. Tränen überzogen mein Gesicht. Funken der Hoffnungslosigkeit, spiegelten sich in meinen Augen wieder. Alles in mir brach zusammen. Mein letzter Lebenswille erlosch.

Es gab nun nichts mehr, was mich hier noch hielt und so beschloß ich kurzen Prozeß zu machen. Ich besorgte mir Kreislaufmittel, aus der Apotheke und trank es komplett aus. Nach einiger Zeit, fing es an, in meinem Ohr zu piepen. Mir wurde schwindelig und wahnsinnig schlecht. Doch ich sagte nichts. Ich legte mich stattdessen, seelenruhig in mein Bett und ließ die Qualen, über mich ergehen. Da es sowieso Abend und damit Schlafenszeit war, fiel das, auch nicht weiter auf. Doch dann, lies auf einmal, mein Hörvermögen nach und mein Kopf drohte zu zerspringen. Schließlich wurde mir so schlecht, daß ich Würgkrämpfe bekam, aber mich aufgrund meiner Operation, ja leider nicht erbrechen konnte. Anschließend kamen noch schreckliche Magenkrämpfe hinzu. Immer, wenn ich meine Augen schließen wollte, holten mich die Krämpfe, wieder ins Bewußtsein zurück. Ich habe in meinem ganzen Leben, noch nie, solche Schmerzen erlitten. Das schien, gar kein Ende zu nehmen. Als ich dann das Gefühl hatte, es nicht mehr auszuhalten, sagte ich meiner Bettnachbarin Mary Bescheid. Es war wirklich, wie verhext. Denn kurz, nachdem ich es ihr gesagt hatte, fiel ich in eine tiefe Ohnmacht. Wenn ich das gewußt hätte, daß ich nur noch etwas, hätte durch halten müssen, hätte ich mir lieber auf die Zunge gebissen, als ihr etwas zu sagen. Aber ich dachte, es klappt ja sowieso wieder nicht und wollte einfach nur, die Schmerzen beenden. Durch Eiswürfel im Nacken, Stirn und Halsbereich wurde ich zurück geholt. Kurze Zeit später, kam dann der Krankenwagen. Doch ich sackte, immer öfter weg. Jetzt wollte ich, nur noch schlafen. Stattdessen wurde ich jedoch, durch lästige Fragen, die irgendwie immer dieselben waren und leichte Ohrfeigen in die Realität zurück geholt. Im Krankenhaus, wurde ich dann schnell untersucht. Nur um anschließend, den Magen ausgepumpt zu bekommen. Dazu schob man mir, einen dicken Schlauch in den Mund, den ich dann immer wieder runter schlucken sollte. Da ich dachte, daran ersticken zu müssen, was kein schöner Tod ist, schoben mir die Ärzte stattdessen, einen dünnen Schlauch, durch die Nase. Aber nicht so vorsichtig wie damals, bei der Magenspiegelung als Kind. Nein, das tat richtig weh. Ich schrie und schlug um mich. Doch es war vergebens. Ich wurde stattdessen, an Händen und Füßen fest gehalten und auf den Tisch gedrückt. Dazwischen maulte mich der Arzt, immer wieder an, daß ich selber Schuld wäre und aufhören sollte, einen solchen Aufstand zu machen. Arschloch, dachte ich mir nur. Das müßte man dir mal antun und dann wollen wir doch mal sehen, ob du immer noch so schlau, daher redest.

Als ich die Prozedur, dann endlich überstanden hatte, brachte man mich auf die Intensivstation. Entgegen meiner Erwartungen, ging es mir, trotz des ausgepumpten Magens, noch nicht besser. Alle Schmerzen, waren immer noch da. Na toll, dachte ich bei mir. Jetzt habe ich bescheid gesagt, damit die Schmerzen weg sind und stattdessen liege ich hier ganz allein, ohne Besserung und lebe immer noch. Ich hätte schon längst, bei Blümchen und meinen Großeltern sein können. Hier liebte mich keiner und das sollte ich am nächsten Tag, auch bestätigt bekommen. Nachdem ich die ganze Nacht geweint hatte, wurde ich am Nachmittag des folgenden Tages, von meinem Heimleiter persönlich abgeholt. Während der ganzen Fahrt, überschütte er mich mit Drohungen und Vorwürfen. Wenn er sich anstrengt, dachte ich so bei mir, kann er bald den Platz, von meiner Mom einnehmen. Ich haßte ihn und als ich wieder im Heim ankam, hörten die Vorwürfe, auch nicht auf. Er zwang mich dann, zu einem Psychologen zu gehen. Ich glaubte durchzudrehen. Ich wollte nicht schon wieder, zu einem Seelenklempner. Die konnten mir, ja sowieso nicht helfen und ändern, konnten sie erst recht nichts! Doch ich hatte keine Wahl. Andernfalls müßte ich wieder, in eine Psychiatrie gehen. Allerdings nicht in die, nach Marsberg. Das wollte ich aber, auf keinen Fall. Also ging ich zum Gespräch. Anschließend duschte ich und legte mich dann, erschöpft ins Bett.

Ein paar Tage später, war schließlich die Beerdigung. Es waren so viele Menschen gekommen, daß es fast wie eine kleine Karawane, wirkte. Meine Gefühle waren so durcheinander, daß ich nicht wußte, ob ich nur noch schreien oder einfach davon laufen soll. Auch kam mir kurzzeitig der Gedanke, einfach ins Grab zu springen. Doch natürlich, tat ich es nicht. Als die Beerdigung zu Ende war und ich mich wieder auf dem Nachhauseweg befand, fing ich mit einem Mal fürchterlich an zu lachen und wußte nicht einmal warum.

12.4.1995

Von Emily Für Dich!

Du kamst in mein Leben wie ein Stern in dunkelster Nacht.
Seitdem habe ich an Dich gedacht.
Ich kann Dich nicht vergessen!
Was hast Du bloß mit mir gemacht?
Mir war kalt, ich hatte keinen Halt.
Du nahmst mich in den Arm und da wurde mir wieder warm.
Doch wo bist Du geblieben?
Warum läßt Du mich allein?

Ich wünschte, Du könntest wieder bei mir sein!

Das ist das einzige Bild, was ich von Blümchen besitze und auch nur deshalb, weil ich es selbst gemacht habe. Damals gab es leider noch keine Handys. Da mußte man für ein Foto, gleich einen ganzen Apparat mitschleppen.

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