Licht der Hoffnung Teil 8

Meine Biografie Teil 8

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Seit meinem letzten Selbstmordversuch, führte ich regelmäßige Gespräche mit meinem Psychologen. Am Anfang blieb ich ihm gegenüber, sehr verschlossen. Doch als es mir noch schlechter ging, begann ich mich zu öffnen. Die Gespräche taten mir gut und hielten mich psychisch ein bißchen über Wasser. Trotzdem war ich frustriert und begann diesen Unmut, nun auch, auf immer negativere Weise zu zeigen. Ich lebte im Heim, meine Familie wollte mich nicht mehr haben und die Menschen, die ich geliebt hatte, waren tot. Also was sollte es? Ich zog mir an was ich wollte. Desto schriller meine Outfits waren, desto mehr innere Befriedigung verschaffte mir das. Dann begann ich mir meine Haare zu tönen. Aber nicht in harmlosen Farben, sondern nach und nach die ganze Farbpalette durch. Es gab glaube ich keine Farbe, die ich nicht schon mal, in meinen Haaren gehabt hätte. Ich wollte um jeden Preis, anders sein. Ich wollte protestieren. Gegen den Liebesentzug und die Verweigerung jeglicher Zuneigung, die ich mir doch so sehr gewünscht hatte. So ließ ich mir als Krönung vom Ganzen, sogar noch eine Hälfte meiner Haare abschneiden und tönte diese blau, während ich die lang verbliebene, in häßlichem moosgrün erstrahlen ließ. Passend dazu, besorgte ich mir, Springerstiefel mit roten Schnürbändern, zerrissene Jeanshosen und ernannte mich selbst zum Punk.

Aus heutiger Sicht kann ich sagen, daß es reine Provokation war und in gewisser Hinsicht, immer noch ein unbeholfener Schrei nach Liebe. Doch anstelle von Liebe, las ich eher den Hohn in vielen Augen meiner Mitmenschen. Ganz besonders den meiner Mitschüler, in meiner neuen Schule. Sie schlossen mich mehr und mehr aus. So wurde ich auch dort, zu einer Außenseiterin, wie ich es immer schon gekannt hatte. Leider war mir zu diesem Zeitpunkt aber nicht bewußt, daß diese Aktion genau das Gegenteil von dem bewirkte, was ich mir eigentlich wünschte. Umso überraschter war ich dann, als ich ab und zu, anstelle von Ekel, so was wie heimliche Bewunderung, in den Augen, einiger weniger Menschen sah. Ein paar der Menschen erzählten mir, daß sie auch gerne mal ausbrechen würden, sich das aber nicht trauten. Da war ich wirklich verblüfft! Vielleicht war es auch das, was mich dann wieder, etwas milder stimmte und so beschloß ich schließlich, meine kurze Punkphase, wieder zu beenden. Ich lies mir, die lange Seite meiner Haare, auch abschneiden, damit alle wieder gleich lang, bzw. eher gleich kurz, waren und besorgte mir hübsche Kleidung. Das einzige, was ich über Jahre bei behielt, war das Haare färben und tönen.

Als dann die Sommerferien begannen, fuhr ich widerwillig mit zwei Mädchen aus meiner Heimgruppe, nach Frankreich in die Pyrenäen. Nicht nur ich, sondern auch die anderen Beiden standen der Reise, mehr als kritisch gegenüber. Doch alles flehen und betteln war umsonst. Wir mußten mitfahren und hatten absolut keine Lust dazu. Verärgert saßen wir im Bus, vertrieben uns die Zeit mit Musik hören und ab und zu ein paar kurzen Gesprächen. Als wir, nach mehr als einem Tag Busfahrt endlich ankamen, bot sich uns der Anblick auf ein kleines Dorf, mit ganz viel Natur, mitten im nirgendwo. Unsere Minen entgleisten, fast bis zum Fußboden. Das war ja nicht gerade das, was man sich als Jugendlicher, so unter Spaß vorstellte. Nämlich mitten in einem Kuhkaff, wo es nicht mal einen vernünftigen Kiosk gab, seine Ferien verbringen zu müssen! Deshalb hatten wir es mit dem Ausstieg aus dem Bus, dann auch nicht ganz so eilig. Entgeistert ließen wir uns die Koffer in die Hand drücken und pferchten anschließend, unser Gepäck in die einzelnen Zimmer eines Hauses, was ein bißchen wie eine Jugendherberge aussah.

Nachdem wir alles ausgepackt und in die Schränke sortiert hatten, trafen wir uns zur allgemeinen Besprechung der Fahrt, mit der kompletten Gruppe. Dort wurde dann das Programm, für die nächsten zwei Wochen von den Erziehern erstellt und vorgetragen. Bei dem Wort `wandern`, drehte sich mir, bereits der Magen um. Es erinnerte mich an die Urlaube mit meinen Eltern, wo ich die Berge, hoch gescheucht wurde. Ich habe das so gehaßt. Gar nicht mal die Plackerei nach oben, sondern die Art wie mein Vater, Mom und mich dabei rücksichtslos antrieb. Er war ein totaler Egoist. Was er wollte, hatten alle zu machen und es war dabei niemals lustig! Sobald jemand zu langsam wurde, fing er an, spöttische Bemerkungen zu machen oder, wenn das nicht half, aggressiv zu werden. Manchmal lief er auch einfach vor, ohne sich darum zum scheren, ob wir in seinem Tempo überhaupt mit kamen. Er hat das meiner Meinung nach, nicht als Familienausflug angesehen, sondern nur als etwas, womit man im Anschluß, vor anderen Leuten angeben konnte. Ich versuchte die Erinnerung zu verscheuchen und ging deshalb, mit drei anderen Jugendlichen, aus der Gruppe spazieren. Langsam löste sich meine innere Anspannung und je länger wir durch die Gegend liefen, desto mehr hob sich die Stimmung. Schließlich alberten wir nur noch herum und das machte es mir letzten Endes auch möglich, die Schönheit der Natur wahr nehmen zu können. Hier war ich nun mit neuen Leuten. Meine Eltern waren weit weg. Meine innere Blockade löste sich langsam und ich sah zum ersten Mal, ganz bewußt, die Farbenpracht der Natur, die Schönheit der Berge und genoß kristallklares Wasser aus einem Brunnen. Auf dem Rückweg in die Unterkunft, erblickte ich ein Auto, mit einem Berliner Kennzeichen. Hocherfreut, tippte ich meiner neuen Bekannten an die Schulter und deutete dann auf den Wagen. Jubelnd winkten wir den Autofahrern zu. Schließlich hielten sie an, kurbelten das Fenster runter und fragten uns nach dem Weg zum Haus der Naturfreunde. Wir lachten schallend und zeigten in die entsprechende Richtung. Dann fuhren sie davon.

Als die Dunkelheit herein brach, traf sich anschließend die ganze Gruppe wieder zum Essen. Danach wurde eine Art Spielabend veranstaltet, der dazu dienen sollte, sich noch besser kennen zu lernen. Da sah ich dann auch die beiden Autofahrer wieder, denen wir den Weg gewiesen hatten. Sie waren immer noch bester Laune und so ging ich zu ihnen, um mich ein wenig zu unterhalten. Einer der beiden, hieß Joe und wurde am selben Datum geboren, wie ich. Nur neun Jahre eher. Wir verstanden uns auf Anhieb und zu meinem Pech, verliebte ich mich während des Urlaubs, in ihn. Er hingegen flirtete zwar mit mir, aber mehr wollte er nicht. Ich war untröstlich. Zum ersten Mal verliebt und dann so was. Das konnte auch nur mir passieren! Vor lauter Frust, rannte ich mitten in die dunkle Nacht hinein. Diese Absage, mußte ich erst mal verdauen und dafür wollte ich einfach nur allein sein.

Doch irgendwie, schien das mißverstanden worden zu sein, denn nach einiger Zeit, hörte ich die Rufe von einigen Gruppenmitgliedern. Ich fluchte innerlich, blieb aber wo ich war. Als ich Joe und ein paar Gruppenmitglieder dann immer näher kommen hörte, versteckte ich mich noch besser und grinste vor mich hin. Doch leider hielt dieser kindische Ausbruch von Schadenfreude, nur ganz kurz an und als ich schließlich hörte, daß die kleine Gruppe sich aufteilen wollte, zeigte ich mich ihnen.

Joe und eine andere Fahrtbetreuerin, setzten sich erleichtert neben mich und schwiegen sich aus. Nach einer Weile stand er auf und ließ mich mit ihr allein. Sie versuchte mich zu trösten und nachdem es mir dann wieder etwas besser ging, schlenderten wir langsam zur Gruppe zurück.

Trotz meines Liebeskummers, entpuppte sich diese Fahrt, nach und nach, als eine wundervolle Erfahrung. Die Gruppengemeinschaft war einfach toll! Alles verlief harmonisch und es gab nicht ein einziges Mal Streit. Stattdessen wurde viel getanzt, gesungen und gelacht. Wir feierten unsere eigenen Partys mit Lagerfeuer, Übernachtungen im Freien und viel Alkohol. Ich war oftmals so betrunken, daß ich kaum noch gehen konnte. Einmal saß ich mit zwei anderen Gruppenmitgliedern, auf einem Hügel und im Anschluß haben wir uns, einfach runter rollen lassen. Am nächsten Morgen, sahen wir natürlich auch dementsprechend aus. Blaue Flecke, Kratzer… Aber zu dem Zeitpunkt, wo wir das gemacht haben, waren wir so besoffen, daß wir während des Rollens, einfach nur schallend gelacht haben. Ich glaube, das war eines der lustigsten Sachen, die ich zu der Zeit gemacht habe. Man kann sagen, ich habe es im Alkoholrausch, jedes Mal so richtig krachen lassen. Irgendwann, brachte mich dann irgendwer, ins Hochbett und ich stieg wieder raus, weil ich keine Lust hatte, schon zu schlafen.

Was Joe anbetraf, versuchte ich trotzdem immer wieder mal, ihn doch noch umzustimmen. Aber er bleib standhaft. Er meinte, daß wenn ich etwas älter gewesen wäre, er mich gern als Freundin, gehabt hätte. So war ich ihm einfach zu jung. Das ärgerte mich natürlich, über die Maßen. Aber heute, freue ich mich darüber, daß wenigstens er, meine Verliebtheit nicht ausgenutzt hat. Stattdessen bot er mir, die Freundschaft an. Er schien mich wirklich zu mögen und schlußendlich, hatte ich dadurch, einen größeren Gewinn, als wenn er sich auf eine Beziehung, mit mir eingelassen hätte. Ganz davon abgesehen, daß das sowieso nicht erlaubt gewesen wäre, weil ich eben noch minderjährig war. Und so gewann ich dann, über viele Jahre, einen echten Freund.

KAPITEL 6:

Zurück in Berlin, fühlte ich mich ein Stück weit erholt und beschwingt. Doch schon sehr bald merkte ich, wie mir die Freiheit, die ich dort gehabt hatte und die harmonische Gruppengemeinschaft, zu fehlen begann. Ich fühlte mich plötzlich, nur noch eingesperrt und allein. Joe kam mich sogar im Heim besuchen. Aber das waren auch nur kurze Augenblicke, die das verloren gegangene Ganze, nicht ersetzen konnten. So kam es dann, daß ich am Ende der Sommerferien, erneut in tiefen Depressionen versank. Alles Schöne, schien nicht mehr greifbar zu sein. Die Erinnerungen und der, mit ihnen verbundene Schmerz jedoch, kamen in vollem Umfang zurück. Doch das behielt ich, aus Angst mir wieder die vielen Vorwürfe von Seiten der Erzieher im Heim, anhören zu müssen, lieber für mich. Diese kamen immer, wenn ich versucht hatte, über meine Gefühle und Gedanken zu reden. Sie lauteten: „Du willst ja eh nur Aufmerksamkeit!“, „Du willst dich, ja immer nur, in den Vordergrund stellen!“ oder „Du nimmst den anderen Mädchen, aus Deiner Gruppe, die Möglichkeit zu sprechen!“. Es machte mich wütend, mir diese eiskalten Sprüche anhören zu müssen und doch nichts dagegen tun zu können. Aber sie betrafen nicht nur mich.

Ich erinnere mich daran, wie Mary starke Schmerzen im Arm hatte und statt dessen lieber zum Arzt, als zur Schule wollte. Die Erzieher verboten ihr dieses mit den Worten, sie wolle ja nur die Schule schwänzen. Ich konnte mir das aber, beim besten Willen nicht vorstellen, denn ich hatte sie stets, als einen sehr gewissenhaften, pflichtbewußten Menschen erlebt. Also schwänzte ich mit ihr, gemeinsam die Schule, um doch zum Arzt zu gehen. Es kam heraus, daß der Arm gebrochen war und eingegipst werden mußte. Als wir im Anschluß ins Heim zurück kamen, war die einzige Entschuldigung die Mary bekam, eine Handgeschriebene, für den verpaßten Schultag. Mehr nicht. Aber das war halt so in diesem Kinderheim. Wir bekamen ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und Taschengeld. Aber eben keine Liebe!

Dieses Gefühlschaos, was in mir wütete, war niederschmetternd. So niederschmetternd, daß ich erneut an Selbstmord dachte. Ich suchte verzweifelt, nach einem Weg, der endgültig war. Ein Weg, von dem ich nie wieder, zurückkehren würde. Eines Tages glaubte ich, nun endlich richtige Schlaftabletten, aus der Apotheke bekommen zu haben. Auf die Idee, daß diese aber aus gutem Grund, verschreibungspflichtig sind und ich somit nur eine harmlosere Version, von der Apothekerin ausgehändigt bekommen hatte, kam ich nicht. Ich dachte Schlaftabletten, sind Schlaftabletten. Egal welche man nimmt. Doch das Medikamente, selbst in der Überdosierung, alle unterschiedlich wirken, sollte ich noch erfahren.

Ich nahm die ganze Packung, welche 20 der vermeintlich tödlichen Schlaftabletten enthielt, kurz vor dem Zubettgehen ein und wartete dann. sehnsüchtig auf meinen Tod. Das Einzige jedoch, was zunächst passierte, war ein leichter Brechreiz, der mich ab und zu überkam. Doch ich versuchte diesen so gut es eben ging, zu ignorieren und legte mich in der Hoffnung, bald einzuschlafen, ins Bett. Aber ich wurde einfach nicht müde. Frustriert stand ich wieder auf und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Irgendwann aber, begann ich auf einmal, Stimmen zu hören, die ich nicht kannte. Das fand ich wirklich sehr merkwürdig. Ich konnte niemanden erkennen und doch hörte ich diese Personen, so klar und deutlich, als würden sie, direkt neben mir stehen. Sie stellten mir Fragen und verlangten, daß ich ihnen antwortete. Meine Bettnachbarin Mary, die davon wach geworden war, fragte mich irritiert, mit wem ich denn da eigentlich redete. Doch im Gegensatz zu den Stimmen, die mir so viele Fragen stellten, nahm ich ihre Stimme, nur von weitem und damit ganz leise wahr. Ich mußte mich richtig konzentrieren, um sie zu verstehen. Verständnislos wies ich sie darauf hin, daß hier doch gerade ein paar Leute waren! Ob sie die, denn nicht hören würde? Darauf meinte sie nur, daß ich einen Knall habe, weil hier niemand ist und legte sich genervt wieder hin. Die Stimmen, ließen mich aber trotzdem nicht, zur Ruhe kommen und es dauerte auch gar nicht lange, da sah ich dann, wer mit mir sprach. Ich wunderte mich ein bißchen, über all die Leute an meinem Bett, die mir immer und immer wieder, irgendwelche Fragen stellten, auf die ich antworten sollte. Wer hatte die denn, hier rein gelassen? Und dann auf einmal, die ganzen Insekten, um mich herum. Ein lautes Summen, erklang in meinen Ohren. Dann begann es auf einmal, überall auf meiner Haut, zu kribbeln, weil diese über mich drüber krabbelten. Das war so ekelhaft! Ich schüttelte mich nur noch. Besonders, als ich eine dicke schwarze Spinne, auf mich zu krabbeln sah. Doch dann, ganz plötzlich wurde es auf einmal, still um mich. Die Stimmen verstummten und auch die Insekten verschwanden. Ich hatte das Gefühl, als würde mich meine ganze Kraft verlassen. Trotzdem schien mich eine innere Ruhe zu durchströmen und dann verließ ich beschwingt und vollkommen mühelos mein Bett. Als ich verwundert zum Bett zurück schaute, sah ich meinen Körper dort liegen. Wow ich habe es geschafft, freute ich mich und blickte an mir herab. Ein hellblauer Schein, umgab mich. Sonst konnte ich jedoch nichts erkennen. Ich sah mich im Zimmer um. Alles war so unglaublich still. Ich sah meine Schreibmaschine und versuchte sie zu berühren. Doch ich faßte durch sie hindurch. So oft ich auch versuchte, etwas zu berühren, es gelang mir nicht. Ich versuchte mich hin zu setzen, doch ich hatte das Gefühl, ich sitze nicht auf dem Stuhl, sondern falle eher, in hundert Meter Tiefe. Ich griff nach meinem Tabak, doch auch durch ihn, faßte ich hindurch. Das versuchte ich mehrere Male und nie klappte es. Wie sollte es denn auch, ohne richtige Hände, die zugreifen können? Irgendwann gab ich es auf und ging zur Tür. In der Hoffnung, dahinter vielleicht das Licht zu finden, von dem immer alle redeten. Das Licht, was mich zu Blümchen und meinen Großeltern bringen würde. Aber noch bevor ich hindurch gehen konnte, wurde alles schwarz und ich wachte stattdessen am nächsten Morgen wieder in meinem Bett auf. Das einzige, was mir von dem Erlebnis geblieben war, war eine Blässe im Gesicht, die tatsächlich, schon fast an den Tod erinnerte.

Total frustriert, ging ich in verschiedene Apotheken und kaufte mir gleich mehrere Packungen, des gleichen Medikaments, so daß ich diesmal auf insgesamt fünfzig Schlaftabletten kam. Zusätzlich noch ein Mittel, gegen Übelkeit. Da Mary mittlerweile, in ein eigenes Zimmer umgezogen war und ich noch keine neue Bettnachbarin bekommen hatte, machte ich mir nun keine Sorgen mehr, daß doch noch irgendetwas schief gehen könnte. Weil es so viele Tabletten waren und ich keine Lust hatte, die alle einzeln zu schlucken, löste ich sie stattdessen in einem Glas auf. Anschließend baute ich mir, einen kleinen Altar, in meinem Zimmer. In der Mitte des Altars, befand sich ein Porträt, von Blümchen. Links und rechts, standen zwei Topfpflanzen und in den Töpfen, brannten Räucherstäbchen. Am Rand standen viele Teelichter, in Form eines Kreuzes. Ich stellte das Glas in die Mitte und zündete die Kerzen an. Danach trank ich die Tütchen, gegen Magenkrämpfe und Übelkeit aus, die ich gekauft hatte. Ich legte meinen Abschiedsbrief auf den Schreibtisch und machte das Licht aus. Schließlich setzte ich das Glas an meinen Mund und trank den zähflüssigen Tablettenbrei, bis das Glas leer war. Ich schüttelte mich innerlich, pustete die Teelichter aus und legte mich dann ins Bett.

Doch diesmal, kam alles ganz anders. Am nächsten Morgen, gegen sechs Uhr, so erzählte man mir später, soll ich im Flur gesessen und laut vor mich hin halluziniert haben. Erinnern konnte ich mich aber weder daran, noch an das, was in der Nacht passiert war. Das einzige, was mir noch verblieben ist, waren kleine Erinnerungsfetzen. Bruchstücke, als ich zum Beispiel bei meiner Gruppenleiterin, die Nachtschicht gehabt hatte, im Auto saß. Dann nebelhafte Stimmen im Krankenhaus, die mich fragten, was ich genommen hätte. Schließlich wieder Bewußtlosigkeit, die von kurzem Erwachen abgelöst wurde, weil ich eine schwarze, dickflüssige Brühe trinken mußte, die an den Zähnen knirschte. So ging das ständig. Bewußtsein an/ Bewußtsein aus. Irgendwann, wurde ich dann, so richtig müde. Ich wollte nur noch schlafen. Ich bin dann noch einmal wach geworden, nachdem man mich auf die geschlossene Station, der Kinderpsychiatrie Wiesengrund in Berlin, gebracht hatte.

Eine der Dienst habenden Krankenschwestern hatte, so sagte sie mir später, von Anfang an ein komisches Gefühl, als sie mich so sah. Sie behielt mich im Auge und setzte sich an mein Bett. Sie war es und nur sie, die gemerkt hatte, daß im Krankenhaus etwas schief gelaufen sein mußte. Weil mein Atem immer schwächer wurde, ebenso mein Puls und der Blutdruck in gefährliche Bereiche herab sank. Sie sagte mir, daß ich nach einigen Grundsatzdiskussionen mit dem Dienst habenden Arzt, wieder zurück ins Krankenhaus gebracht wurde. Das hat mir dann letzten Endes das Leben gerettet. Die Kohle hatte nicht ausgereicht, um mein langsames Sterben, fast 24 Stunden später, zu verhindern. Also bekam ich das Gegengift. Im nachhinein war ich sehr überrascht zu erfahren, daß es jede Menge von diesen Gegengiften, extra für Medikamentenüberdosierungen in Krankenhäusern gibt. Eines ist mir da auf jeden Fall klar geworden. Nämlich, daß man nicht so einfach einschläft. Bis bei mir der so genannte Schlaf gekommen war, sind mindestens 18 Stunden vergangen! Was die Halluzinationen anging, die ich gehabt hatte, waren in soweit ich sie erinnern konnte, wirklich schrecklich! Besonders die Flashbacks, wo ich auch Jahre später immer wieder das Gefühl hatte, daß Insekten über meine Beine oder Arme krabbelten. Die ganze Tablettenaktion hat mir also nichts anderes als noch mehr Leid in Form von Folgeschäden im Gehirn eingebracht und einen weiteren Psychiatrieaufenthalt obendrein. Aber dieser sollte leider nicht so schön wie der in Marsberg werden!

Ich gewöhnte mich sehr schnell daran, wieder auf der geschlossenen Station eingesperrt worden zu sein. Die Fenster dort waren aus Panzerglas und das Besteck aus Plastik. Nach jedem Essen wurde es eingesammelt und durch gezählt, da Plastik ebenfalls sehr scharf ist und dazu benutzt werden kann, sich selbst zu verletzen. Meiner Meinung nach ist es sogar noch schärfer, als normales Besteck. Wenn man raus an die frische Luft gehen wollte, war das ebenfalls möglich, allerdings hatte die Sache, genau wie in Marsberg einen Haken. Man befand man sich zwar unter „freiem Himmel“, aber auch nur dann, wenn man die Gitterstäbe ringsherum geflissentlich übersah. Ich lag die meiste Zeit auf meinem Bett und starrte aus dem Fenster. Mit den anderen auf der Station verstand ich mich nicht so gut, wie mit denen in Marsberg und ich wollte auch eigentlich nur noch meine Ruhe haben. Ein einziges Mal habe ich mich dort mit einem anderen Jungen kurz geprügelt. Er war der Meinung, ich hätte ihn so dämonisch angesehen. Na ja. Das Spektakel dauerte auch nicht lange, da die Pfleger uns trennten und wir uns im Anschluß stets versuchten aus dem Weg zu gehen.

Dafür kam ich dann mit der Krankenschwester ins Gespräch, die mir durch ihre Aufmerksamkeit das Leben gerettet hatte. Sie war neugierig, was mich an diesen Ort geführt hatte und so erzählte ich ihr in groben Zügen von meinen Eltern, dem Kinderheim und dem Tod von drei geliebten Menschen, denen ich einfach nur folgen wollte, um wieder bei ihnen zu sein. Ich schien irgend etwas in ihrem Herzen berührt zu haben. Ich weiß nicht, ob es die Geschichte oder meine Art war. Auf jeden Fall griff sie mir so gut sie konnte unter die Arme und versuchte, mir ganz wie Blümchen damals, ein Stück Liebe und Geborgenheit zu vermitteln.

Als ich dann etwas später auf die offene Station verlegt wurde, nahm sie mich sogar ab und zu mit zu sich nach Hause. Natürlich machte ich mir irgendwann große Hoffnungen, vielleicht bei ihr und ihrem Mann leben zu können. Aber leider war das ausgeschlossen. Ich kann mir das bis heute nicht richtig erklären. Mochte sie mich wirklich?

Hatte ich sie an irgend etwas erinnert? Oder war alles nur ein Schub voller Mitleid? Parallel dazu freundete ich mich während einer Beschäftigungstherapie mit Tom, einem Mitpatienten meiner neuen Station an. Er war genauso alt wie ich und wir malten nebeneinander, jeder für sich ein Bild. Sogar über die normale Therapiestunde hinaus. Ich hatte mir ein Motiv aus einem Werbeprospekt für Poster ausgesucht. Es war ein Südseestrand, den ich dann vom kleinen Foto, auf eine riesengroße Leinwand übertrug. Was er gemalt hatte, weiß ich leider nicht mehr. Aber dafür, daß wir viele Stunden gemeinsam im Atelier der Klinik verbracht haben.

Auch die Wochenenden und wann immer wir allein in den Raum durften. Während wir malten, unterhielten wir uns oft stundenlang und kamen uns so freundschaftlich näher. Das ging so weit, daß wir auch zur großen Weihnachtsfeier in der Aula auf dem Klinikgelände, sogar einen gemeinsamen Auftritt planten und auch durchführten. Ich weiß noch, wie wir da gemeinsam auf der großen Bühne standen, uns an den Händen hielten und „Flugzeuge im Bauch“ von Herbert Grönemeyer sangen. Die Hintergrundmusik dudelte dabei, leise aus dem Kassettenrekorder. Der Auftritt war zwar nicht gut, aber dafür lustig! Davon mal abgesehen ist es in der Kinderpsychiatrie, wie bei Schulveranstaltungen. Irgendwer klatscht immer und wenn es wie in unserem Fall, nur die Aufsichtspersonen sind.

Dann im Frühjahr, nach insgesamt vier Monaten Wiesengrund, hatte der Sozialarbeiter auf meinen Wunsch hin, ein anderes Kinderheim für mich gefunden. Um Mary tat es mir leid. Aber diese hatte sowieso schon ihr eigenes Zimmer gehabt und war bald alt genug, um in eine eigene Wohnung zu ziehen. Ich hätte sie eh nicht mehr oft zu Gesicht bekommen. Voller Zuversicht und Hoffnung zog ich in dieses neue Heim ein. Das erste was mir auffiel war, daß die Wohngruppe viel kleiner und dafür die Zimmer, viel größer waren. Auch hatte ich jetzt ein Einzelzimmer und das freute mich besonders. Das Gelände war wirklich schön und parkähnlich angelegt. Überall waren kleinere Häuser, in denen sich unterschiedliche Wohngruppen befanden. Zu meinem großen Pech folgte der anfänglichen Freude, aber sehr schnell ein böses Erwachen. Denn meine neuen Mitbewohnerinnen, wollten kein neues Mädchen in ihrer Mitte haben. Und somit wurde ich nach allen Regeln der Kunst ausgenutzt und rausgeekelt. Ich durchwanderte in dieser Zeit verschiedene Angstzustände. Da ich aber keine Lust hatte verprügelt zu werden, wie man es mir angedroht hatte, zog ich es stattdessen vor, so oft wie möglich außerhalb des Heimes zu sein. Als meine Angst aber immer größer wurde, bat ich die Krankenschwester, die mich ab und zu mit zu sich nach Hause genommen hatte, schließlich um Hilfe. Diese gab mir dann eine Telefonnummer, von einer anonymen Notunterkunft, wo ich so lange wohnen könnte, bis man wieder ein neues Heim für mich gefunden hätte. Denn so wie es war, ging es einfach nicht weiter. Also rief ich dort an und erklärte am Telefon, daß ich es in dem Kinderheim nicht mehr aushielt, weil man mich ständig mobbte und mir Prügel androhte. Nachdem man mir gesagt hatte, daß ich kommen dürfte, fuhr mich die Krankenschwester mit dem Auto, zu einem verabredeten Treffpunkt. Ich stieg aus dem Auto aus, bedankte mich und wartete dann auf die Mädchen, welche mich abholen sollten. Kurz nachdem das Auto davon gefahren war, standen mit einem Mal zwei freundlich aussehende Mädchen vor mir und brachten mich dann in die Notunterkunft, welche sie Mädchenhaus nannten. Der Begriff war neu. Frauenhaus hatte ich schon mal gehört. Aber Mädchenhaus? Ich erfuhr im Aufnahmegespräch, daß das Prinzip dasselbe war. Nur mit dem Unterschied, daß hier eben junge Frauen hin kamen und die Adresse genau wie beim Frauenhaus, an niemanden weiter gegeben werden darf. Wer das dennoch machte, flog raus. Damit war ich einverstanden und so zeigten mir die beiden Mädchen, welche mich abgeholt hatten, zuerst das ganze Haus und dann mein Zimmer. Innerlich aufgewühlt, schmiß ich mich aufs Bett und ließ den Tag noch einmal Revue passieren. Ich konnte zufrieden sein. Hier würde mich nun hoffentlich keiner mehr verprügeln wollen und vielleicht fand man doch noch ein schönes Heim für mich. Gab es das denn überhaupt?

Es dauerte eine Weile, bis ich mich im Mädchenhaus eingelebt hatte. Die Mädchen kamen und sie gingen. Fast alle Mädchen waren von zu Hause ausgerissen und die Geschichten, welche sie erzählten, ließen mir das Blut in den Andern gefrieren. Ein Mädchen zum Beispiel, war eine junge Türkin, die vor ihrem brutalen Ehemann geflüchtet war. Ich war überrascht, daß sie mit 16 schon verheiratet war. Daraufhin erklärte sie mir, daß die Heirat in ihrer Heimat geschlossen worden war, weil ihre Eltern das so bestimmt hatten. Das fand ich sehr befremdlich und sie begann mir leid zu tun. Erst recht, als sie mir erzählte, wie brutal ihr Ehemann zu ihr war. Sollte der Mann nicht eigentlich der sein, welcher die Frau beschützt, damit ihr nichts mehr passiert? So zumindest hatte ich mir meinen Prinzen immer vorgestellt. Schon als Kind sagte ich mir, daß wenn ich mal heirate, der Mann stark sein soll, um mich zu beschützen. Doch ihr Mann beschützte sie nicht, sondern schlug sie stattdessen nieder. Und das ihre Geschichte stimmte, erlebte ich an genau dem Abend, als er sie fand. Und leider kam er auch nicht allein.

Ich weiß nicht, wie er sie gefunden hatte. War er ihr gefolgt? Hatte sie sich doch bei irgendwem verplappert? Ich wußte nur noch eins, daß wir ein auf einmal ein großes und gefährliches Problem hatten. Alles begann damit, daß wir unten in der Küche saßen. Ich, wie immer auf meinem Lieblingsplatz auf dem Fensterbrett. Plötzlich verzog eines der Mädchen, mit dem ich mich gerade unterhalten hatte entsetzt das Gesicht und rief panisch: „Emily komm da weg!“ „Wieso?“ fragte ich arglos. „Da ist jemand hinter dir am Fenster!“ Ich sprang auf, wie von einer Tarantel gestochen und nachdem ich mich umgedreht hatte, sah ich in ein wutverzerrtes Gesicht. „Wer ist das?“ fragte ich angsterfüllt. „Das ist mein Mann. Er hat mich gefunden!“ „Oh nein,“ flüsterte ich, „bloß weg hier aus der Küche.“ Noch während alle aufsprangen, schrie er von draußen, wir sollten ihn rein lassen. Schnell gingen wir in Richtung des Betreuerzimmers, wo die Betreuerin auch sofort die Polizei rief. Dann gab es auf einmal einen Knall. Das Geräusch der klirrenden Scherben auf dem Fußboden der Küche, versetzte fast alle in Panik. Das Fenster war eingeschlagen worden. Die Mädchen schrien entsetzt und auch ich hatte mit einem Mal panische Angst. Trotzdem konnte ich meine Angst so weit im Zaum halten, daß ich noch logisch und glasklar denken konnte. Das erstaunt mich bis heute. Vielleicht war es deshalb, weil ich die Angst schon so gut kannte und im Laufe der Jahre jeden Tag mit ihr leben und trotzdem klar kommen mußte. Weil ich gelernt hatte, meine Gefühle zeitweise abzustellen. Doch was immer auch der Grund gewesen war, es kam mir zu Gute. So scheuchte ich die panisch schreienden Mädchen nach oben und verteilte sie auf die zwei Bäder, die man abschließen konnte. Die Betreuerin war unten geblieben, um auf die Polizei zu warten. Ich habe sie in dem Moment wirklich nicht darum beneidet und hoffte einfach nur, daß ihr nichts passierte. Als die Polizei dann mit Blaulicht und lauter Sirene endlich kam, waren die Männer natürlich alle weg. Na ja.

Ich habe dort wirklich viele Mädchen kennen gelernt, deren Geschichten mich sprachlos machten und überdies bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil es mir dagegen noch recht gut ging. Später hat mir ein Psychologe erklärt, daß es nicht darum geht, wer schlimmere Dinge erlebt hat und somit das Recht erwirbt, traurig zu sein. Sondern, daß es für jeden schlimm ist, wenn er etwas erlebt, womit er nicht klar kommt und es wichtig ist, seine Trauer auch zu leben! Denn erst dann kann man sie los lassen. Heute weiß ich, daß er Recht hatte. Meine Trauer zu fühlen, wäre besser gewesen, als sie zu verdrängen. Dadurch, daß ich sie verdrängt habe, habe ich ihr Macht gegeben. Nämlich die Macht, aus meinem Unterbewußtsein heraus, zerstörerisch auf mein jetziges Leben zu wirken. Sei es auf die Beziehung zu meinen Mitmenschen oder ganz besonders mir selbst.

Stärke im falschen Moment zu zeigen,
bringt genau da, die Schwäche hin!

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