Licht der Hoffnung Teil 9

Meine Biografie Teil 9

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Im Mädchenhaus war es trotzdem sehr schön, aber es ist halt kein Wohnort für längere Zeit. Außerdem wollte mich das zuständige Jugendamt in mein altes Heim, aus dem ich doch gerade abhauen war, zurück schicken. Doch mit der Hilfe meiner beiden Bezugsbetreuerinnen, mußte ich letztendlich doch nicht dorthin zurück. Aber bleiben konnte ich natürlich auch nicht. Das war wieder ein ganz typisches Dilemma. Sobald ich mich anfing irgendwo wohl zu fühlen, mußte ich wieder weg. Das hatte ja früher schon mit meinen Großeltern angefangen und wurde nun, hier fort gesetzt. Manchmal fragte ich mich, ob ich das unbewußt so machte wie mein Vater. Der zog auch ständig woanders hin. Klar, anderer Arbeitsplatz- anderer Wohnort. Aber irgendwie wurde ich nie das Gefühl ganz los, daß noch mehr dahinter steckte. Nirgendwo anzukommen heißt nämlich auch, sich auf nichts ernsthaft einlassen zu müssen und das wiederum, kann einen auch vor neuem Schmerz schützen. Verbunden mit der irrigen Hoffnung, daß jetzt mit dem neuen Wohnort alles besser wird, ist das eine ziemlich brisante Mischung. Denn das Hinterhältige daran ist, daß der Schmerz, die Angst und all das Negative in einem drin, immer mit umzieht und die Enttäuschung dadurch nur umso größer ist. Wie auch bei mir.

Ich war zwar innerlich ein Stück weit im Mädchenhaus angekommen, fühlte mich sogar ein bißchen wohl und hatte trotzdem meine inneren Schmerzen immer bei mir. Das zeigte sich allein schon daran, daß ich nicht nur damit begann, mir immer wieder mal die Arme aufzuschneiden, um dadurch etwas von meinem inneren Schmerz raus lassen zu können. Sondern mich auch in einer Art Bulimie abzureagieren, die ich mittlerweile entwickelt hatte. Das hieß dann, an manchen Tagen wahllos Essen in mich hinein zu schaufeln, bis absolut nichts mehr rein ging. Ich vermute heute, daß es der verzweifelte Versuch war, die innere Leere in meinem Herzen, aufzufüllen. Leider funktionierte das aber nicht und so verwandelte sich die kurzfristige Zufriedenheit anschließend in das erschreckende Gefühl, aufzugehen wie ein Hefekuchen und dadurch noch weniger liebenswert zu sein, als ohnehin schon. Also mußte alles sofort wieder raus und zwar, noch bevor es ansetzen konnte. Da ich mich aber nicht erbrechen konnte, kaufte ich mir wie damals bei meinem Vater wieder Abführmittel. Ich begann mit der normalen Dosierung von zwei Tabletten und fühlte mich nach jedem Gang aufs Klo wieder besser. Ich hatte dabei nicht nur das Gefühl, das Essen wieder heraus zu bekommen, sondern auch ein Stück von meinem seelischen Schmerz. Nur leider habe ich mich da irgendwie, in einen Wahn hinein gesteigert. Irgendwann sah ich in den Spiegel und hatte das Gefühl ich sei aufgrund meiner endlosen `Freßanfälle`, fett geworden. Denn essen konnte man diese Attacken ja nun wirklich nicht mehr nennen! Also nahm ich noch mehr von den Abführmitteln ein. Irgendwann war ich dann bei einer Dosis von 13 Stück angekommen und bekam solche Magenkrämpfe, daß ich dachte, ich müßte jetzt sterben. Die Betreuerinnen des Mädchenhauses fuhren mich daraufhin ins Krankenhaus und es gab wieder mal Kohle zu trinken. Anschließend schickten sie mich zu einer Beratungsstelle für Eßstörungen und führten überdies regelmäßige Gespräche mit mir.

Und weil bei mir ein Problem ja auch nicht reicht, kam dann auch noch gleich das nächste mit hinzu! Wie immer, gab es auch hier im Mädchenhaus wieder eine Person, der ich nicht nur nach und nach mein Vertrauen schenkte, sondern auch mein Herz öffnete. Und diese Frau hieß Tina. Als ich erfuhr, daß diese lesbisch ist, bekam ich erst einmal einen Ruck. Aber dann dachte ich mir, klar warum auch nicht? Kann man ja mal probieren. Und fast schon wie auf Kommando, verknallte ich mich in sie. Mich erstaunte das schon ein bißchen, wie schnell das auf einmal ging. Zumal ich mich vorher, doch in Joe verliebt hatte. Ich stellte mir auf einmal ernsthaft die Frage, ob ich auch Blümchen auf eine andere Art geliebt hätte. Vielleicht hatte ich gar keinen Mutterersatz gesucht, sondern stand schlicht und ergreifend auf Frauen?! Das wäre ja nicht schlimm gewesen. Doch heute weiß ich, daß es anders war. Das ich eigentlich, gar nicht wirklich, verliebt gewesen bin. Sondern unbewußt nur hoffte, die Menschen so, an mich binden zu können. Da das, mit dem Elternersatz, eben nicht geklappt hatte, versuchte mein Unterbewußtsein, es eben auf diese Art. Und das sollte noch zu einem richtigen Fluch für mich werden. Bei Tina fing es an. Denn als ich ihr das offenbarte, erteilte sie mir freundlich, aber bestimmt eine Abfuhr. Und nicht nur das, sie wollte noch nicht einmal den Kontakt zu mir aufrecht erhalten, wenn ich das Mädchenhaus verließ. Auch die anderen Betreuerinnen übrigens nicht. Das war eine Grundsatzregel, die ich nicht verstand und genau deshalb nahm ich sie so persönlich. Ich war sprachlos, konnte mir vorstellen, daß ich so schlimm sein sollte, daß man keinen Kontakt mehr zu mir wollte, wenn ich hier mal ging. Und als mein Aufenthalt im Mädchenhaus dann tatsächlich irgendwann zu Ende ging, weil diesmal ein Platz in einer Wohngemeinschaft für mich gefunden worden war, kam all die Ablehnung der letzten Jahre, verbunden mit der jetzigen in mir zum Vorschein.

Nachdem ich noch einmal versucht hatte, mit Tina über die Kontaktsperre nach meinem Auszug zu reden und dieses Gespräch nicht gerade zu meinen Gunsten ausgegangen war, stürmte ich verzweifelt aus dem Betreuerzimmer. Und mit einem Ruck knallte ich die Dienstzimmertür hinter mir zu. Anschließend drehte ich meinen CD- Player voll auf, rauchte nervös eine Zigarette nach der anderen und ging im Wohnzimmer auf und ab. Dann schlug mir ein Mädchen, der ich von meinem Kummer erzählt hatte vor, doch einfach alles aus mir heraus zu schreien. Sie bot mir an, sogar mit mir mitzumachen. Also gingen wir vor die Haustür und schrien laut in die Nacht hinein. Als wir uns dann wieder zu den Anderen setzten, holte ich einen Stift und malte ein kleines Schild. Das hängte ich dann an die Tür des Betreuerzimmers, in dem sich noch immer Tina befand und kam mit Tränen in den Augen zur Gruppe zurück. Aber das reichte mir nicht. Also ging ich zurück zum Dienstzimmer und las noch einmal, was auf dem Schild geschrieben stand:

„Tina, ich hasse Dich für das was Du mir angetan hast!“

Anschließend stürzte ich ohne anzuklopfen in den Raum und schrie mit aller Kraft, daß Tina mich mal könnte. Danach knallte ich die Tür geräuschvoll hinter mir zu. Als ich zurück zur Gruppe kam, sah ich, wie die anderen Mädchen mich angrinsten. Doch mir, war nach wie vor nicht zum lachen zumute und so setzte ich mich mit Schmollmine an den Küchentisch und starrte trotzig an die Wand. Nach einiger Zeit kam Tina dann aus dem Büro und fragte mich, was das eigentlich gerade gewesen war. Doch ich antwortete nicht und steuerte nur Richtung Haustür. Tina fragte mich, was ich jetzt schon wieder vor hätte. Doch ich blieb stumm. Ich setzte mich dann auf die Außentreppe und daraufhin schlug Tina die Haustür resigniert hinter mir zu. Tausend Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Ein Gefühl tiefer Verzweiflung sorgte dafür, daß es mich nun einen Dreck scherte, nur mit einem T-Shirt bekleidet auf der eiskalten Treppe zu sitzen. Ich konnte es einfach nicht fassen, wie herzlos Tina sich mir zeigte. Ausgerechnet sie, in die ich so viel Vertrauen und Hoffnung gesetzt hatte. In der Nacht faßte ich einen Entschluß. Egal, wo ich in meinem Leben noch hin käme. Ich würde nie wieder jemandem so weit mein Herz öffnen, daß er noch einmal die Macht bekäme, mir weh zu tun. Hätte ich mich doch nur daran gehalten! Wenigstens was die nächsten Jahre anging.

Nach einiger Zeit kam Tina wieder und baute sich vor mir auf. Wie ein Drachen, dachte ich still bei mir. Ich sah sie nur kurz an und senkte anschließend meinen Blick, um ihr zu demonstrieren, daß ich das Muster des Fußbodens wesentlich interessanter fand als sie. Und plötzlich war es mir egal, was sie jetzt sagen würde. Denn ich hatte sie ja sowieso verloren. Sie befahl mir herein zu kommen. Doch ich sah keinen Anlaß dazu und so blieb ich stillschweigend sitzen. Außerdem hatte ich es nicht nötig mir von ihr noch irgend etwas sagen zu lassen. Ich würde ja eh am nächsten Tag ausziehen. Also was hatte ich schon zu verlieren? Und weil ich keinerlei Reaktionen auf sie und das was sie mir befahl zeigte, kam sie auf mich zu und begann mich hoch zerren zu wollen. In dem Moment kam Kathrin, eines der anderen Mädchen und besänftigte Tina. Dann ließ diese endlich von mir ab und ging zurück ins Haus. Schweigend saßen Kathrin und ich auf der Treppe. Ich brachte außer ein paar Tränen, noch immer nichts aus mir heraus. Ich fühlte eine innere Spannung und hatte den Drang einfach weg laufen zu wollen. Doch ich tat es nicht und mittlerweile wurde es mir dann doch zu kalt. So ging ich schließlich mit Kathrin ins Haus zurück. Aber nachdem die Haustür ins Schloß gefallen war, trennten sich unsere Wege auch schon wieder. Während sie sich zu den anderen Mädchen gesellte, rannte ich die Treppe hinauf in eines der Bäder, weil das ja die einzigen Räume im Haus waren, die man abschließen konnte. Ich stieg auf den Toilettendeckel und suchte auf der Ablage nach einer Rasierklinge. Denn ich hatte sie vor einigen Tagen dort entdeckt. Jetzt, so fand ich war die Zeit dazu da, um sie für mich zu nutzen. So schnitt ich mir anschließend tief in den Arm und bildete mir dabei ein, einen Teil meines Schmerzes los zu werden.

Es war für mich wie eine Art Tauschgeschäft. Durch den körperlichen Schmerz, spürte ich für kurze Zeit meinen seelischen nicht mehr und bildete mir deshalb ein, daß dies ein guter Ersatz für all die echten Tränen sei, die ich einfach nicht mehr weinen konnte. Obwohl ich es wollte! Also brauchte ich eben andere und das waren dann leider die “roten Tränen“ aus meinem Arm. Doch die vermeintliche Erleichterung, die mir das ritzen einbrachte, war immer nur von kurzer Dauer und hatte überdies noch einen sehr großen Nachteil. Jeder Schnitt, der dafür nötig war hinterließ Narben, die immer zu sehen sein würden. Die zwar mit der Zeit verblaßten, aber doch nie ganz verschwanden. Die dazu führten, immer wieder schief angeschaut zu werden. Rede und Antwort stehen zu müssen und ganz besonders von Ärzten, eine schlechtere Behandlung meiner Gesamtperson zu erfahren, weil sie mich für bekloppt hielten. Das alles war mir damals leider nicht bewußt, als ich mit dem ritzen anfing. Ich dachte nur an die schnelle Erleichterung, die es mir verschaffte und die ich meinte anders nicht bekommen zu können. Genau wie mit dem rauchen und dem Tablettenmißbrauch. Alles waren nur Krücken und ständig gingen sie einem kaputt.

Einige Zeit später hatte ich mich beruhigt und ein Problem. Ich brauchte jemanden, der mir half an ein Pflaster zu kommen. Denn wenn Tina sah, daß ich geritzt hatte, würde sie höchstwahrscheinlich ausflippen. Was also tun? Ich selbst konnte schlecht hin gehen, war auch noch nicht so weit, daß ich wie später immer alles zum selbst verarzten schon da hatte. Da fiel mir Kathrin ein. Also versteckte ich meinen Arm unter meinem langen Pulli und ging wieder nach unten in den Flur. Als ich Kathrin sehen konnte, rief ich sie: „Kathrin, kannst du mal bitte schnell kommen?“ Sie starrte mich zwar fragend an, doch als ich mich nicht von der Stelle bewegte und sie nur verzweifelt ansah, kam sie langsam auf mich zu. Als sie endlich vor mir stand, nahm ich ihren Arm und ging langsam mit ihr die Treppe hoch. Leise raunte ich ihr zu: „Also paß auf, ich habe geritzt. Siehst du? Hier! Könntest du Tina nach einem Pflaster fragen, denn bei mir wüßte sie ja sofort was los ist?“ Sie nickte und ich atmete erleichtert auf. Doch ich hatte mich zu früh gefreut, denn auf einmal hörten wir polternde Schritte, die schnell die Treppe hoch kamen. Wie von einem wilden Hund gejagt, rannte ich die Treppen ganz nach oben und verschwand wieder im Bad. Doch gerade als ich die Tür schließen wollte, setzte jemand seinen Fuß dazwischen. Voller Panik drückte ich zu. Da hörte ich Kathrins Stimme und öffnete auf ihren Wunsch hin die Tür ganz. Sie trat ein und ich schaffte es mit ihrer Hilfe die Tür vor Tinas Nase wieder zu schließen. Mit einer unheimlichen Geschwindigkeit säuberten wir das Bad. Tina hämmerte inzwischen wie eine Verrückte an die Tür. Als fast alle Blutspuren beseitigt waren, ließen wir sie herein. Mit verschränkten Armen stand sie mir nun gegenüber. Dann klappte sie den Klodeckel herunter und setzte sich darauf. Kathrin ließ sich auf dem Boden nieder und ich mich auf dem Badewannenrand. Vorwurfsvoll sah mich Tina an und verlangte urplötzlich nach meinem Arm. Doch diesen Gefallen wollte ich ihr natürlich nicht tun. Also schüttelte ich den Kopf, da ich es nicht für nötig hielt, mit ihr zu reden. Und wieder einmal war Kathrin es, die mich dazu brachte ihr meinen Arm zu zeigen.

Tränenüberströmt sah ich Tina in die Augen, während sie mir später meinen Arm verband. Sie sagte kein Wort und ich schwieg ebenfalls. Doch nach einer Weile sah sie mich ganz plötzlich an und ihr Blick wurde weich. Anschließend begannen wir stundenlang zu reden. Aber egal was ich ihr auch sagte, wie sehr wir auch diskutierten. Sie blieb bei ihrer Meinung, keinen Kontakt mehr zu mir zu wollen und daran gab es auch nichts zu rütteln.

Am nächsten Morgen war es dann so weit. Ich mußte das Mädchenhaus verlassen, um in meine neue Wohngemeinschaft zu ziehen. Ich war tief traurig, denn ich wußte, daß ich Tina fortan nie wieder sehen würde. Dementsprechend schlecht gelaunt, kam ich dann auch in meinem neuen Zuhause an.

KAPITEL 7:

Aber eigentlich wollte ich gar nicht in meinem neuen Heim ankommen, noch nicht einmal schlecht gelaunt! Wozu auch? Um noch einmal enttäuscht zu werden? Im Mädchenhaus war es endlich mal schön gewesen. Wer weiß, was mich da erwarten würde?

Diese Wohngemeinschaft war eine therapeutische und zwar ausschließlich für sexuell mißbrauchte Mädchen. So wie ich vorher nicht gewußt hatte, daß das, was ich mit dem Bauern erlebt hatte sich bereits sexueller Mißbrauch nannte; war ich nun umso erschrockener, als ich erfuhr, daß fast alle Mädchen, die in dieser Gemeinschaft lebten, diesen Mißbrauch von ihren eigenen Eltern erfahren hatten. Ich war richtig gehend sprachlos und das bin ich eigentlich noch immer. Von all den schrecklichen Dingen, die ich im Laufe der Jahre selbst erlebt und von anderen gehört habe, ist das mit Abstand das schlimmste Verbrechen! Was geht da eigentlich in den Köpfen der Eltern vor sich? Und hatte ich bisher geglaubt, daß das nur Mädchen beträfe, so wurde ich auch da eines besseren belehrt. Denn die gleiche Wohngemeinschaft gab es auch für Jungen.

Emily-Star Jugend

Trotzdem ich sowohl von den dort lebenden Mädchen, als auch von den Betreuern freundlich in mein neues Zuhause aufgenommen worden war, trauerte ich noch immer Tina und dem Mädchenhaus hinterher. Und als ich nur ein paar Tage später verzweifelt und traurig durch eine Einkaufsstraße ging, hörte ich aus der Ferne einen eigenartigen Gesang. Immer noch in Gedanken versunken ging ich ihm entgegen. Auf der anderen Straßenseite hatte sich ein Kreis, um eine ziemlich bunt aussehende und fröhlich singende Gruppe gebildet. Neugierig überquerte ich die Straße und lauschte einem Moment der entspannenden Musik. Dann sah ich ein großes Schild, auf welchem `Hare Krischna` stand. Erstaunt las ich die Aufschrift noch einmal und dachte einen Moment nach. Was hieß das denn? Hare Krishna. War das der Bandname? Irgendwie kam mir der doch bekannt vor. Den hatte ich schon mal gehört. Nur wo?

Und da fiel es mir auf einmal wie Schuppen von den Augen. Unsere Religionslehrerin in Marsberg, hatte die mal als eine Sekte erwähnt. Sie gehörten zwar zu den harmloseren, aber waren trotzdem als Sekte eingestuft. Ich erinnerte mich an den Film über eine amerikanische Sekte, den sie uns im Unterricht gezeigt hatte. Ich glaube er hieß: Falsche Freunde. Dieser wirkte auf mich jedoch eher anziehend, als abschreckend. Denn im Grunde war nicht viel anderes zu sehen gewesen, als eine Hippiekommune, wo es viele Lagerfeuer, Gitarrenklänge und Gruppengemeinschaft gab. Sie glaubten zwar an irgend etwas, durften auch nicht alles essen und haben sich tagsüber entweder um Mitgliederwerbung oder um Arbeiten auf dem Wohngelände gekümmert. Aber alles in allem, fand ich weder den Film, noch die Gruppe wirklich schlimm. Im Gegenteil! Ich war eher begeistert von dieser Gemeinschaft, als daß ich Angst vor ihr bekommen hätte. Wenn es so in Sekten zuging, ja damit konnte ich doch prima leben. Ein Dauerferienlager sozusagen. Außerdem wurde ja sowieso alles, was nicht katholisch oder evangelisch war, generell als Sekte eingestuft. Mit einem mal spürte ich eine altbekannte Sehnsucht in mir aufsteigen und zwar nach genau dieser, von mir idealisierten Gemeinschaft, wie ich sie im Film gesehen hatte. Also ging ich fest entschlossen zu einem der bunt gekleideten Krishnasänger, um mir die Adresse zu besorgen. Mit einem Strahlen reichte er mir einen Prospekt, wo diese drin stand.

Euphorisch schwebte ich zurück in meine neue Wohngemeinschaft und erzählte natürlich sogleich von meinem spannenden Erlebnis. Allerdings traf ich da dann eher auf Ablehnung und Entsetzen, als auf Begeisterung und Freude für mich. Hätte ich mir eigentlich auch denken können. Aber irgendwie hat es mir da vor lauter Luftschlösser, wohl mein Hirn verhagelt. Natürlich warnten sie mich davor, dort hin zu gehen. Allerdings beeindruckte mich das nicht im geringsten. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, hat mich bisher noch nichts davon abgehalten. Das waren zwar selten gute und weise Entscheidungen. Aber immerhin meine Entscheidungen und damit dann auch meine Erfahrungen und Konsequenzen, die ich zu tragen hatte. Und in diesem Fall, waren das dann auch jene, die auf meinen Besuch hin folgten.

Emily-Star Jugendfoto

Als ich den nach Räucherstäbchen riechenden Kellerraum betrat, in den man mich geführt hatte, fand ich dort einen kleinen Altar und mit vielen Sitzkissen vor. Gespannt nahm ich auf einem der Kissen Platz und wartete auf das, was wohl kommen würde. Ich stellte mir insgeheim die Frage, ob man mich als Neuankömmling überhaupt so richtig bemerken würde. Ob man um mich werben würde und wenn ja, wie. Denn das hatte ich nicht nur im Film gesehen, sondern auch im allgemeinen so über Sekten gehört. So kauerte ich mich mit all meinen Fragen, still in der Ecke auf ein Kissen und wartete ab. Nach und nach betraten anderen bunt aussehende Menschen den Raum und setzten sich auf die anderen Kissen. Von all den Leuten, schenkte mir jedoch niemand Beachtung, was mich ein bißchen enttäuschte. Dann endlich, nach einer schier endlosen Wartezeit kam schließlich eine Art Redner, in den mittlerweile gut gefüllten Kellerraum. Er begrüßte mich freundlich mit den Worten, daß ich keine Angst haben müßte, da hier sowieso der einzige Ort ist, wo man keine Angst zu haben braucht. `Okay`, dachte ich bei mir. `Klingt ja schon mal gut, hoffentlich ist das dann auch so!` Dann blickte er gespannt in die Runde und erzählte einen kleinen Teil vom allgemeinen Weltschmerz. Also genau die Art von Dingen, denen jeder so zustimmen würde. Die jeder gerne wollte. So Sachen über das Miteinander, Mitgefühl, wie schlecht die Welt ist usw. Interessiert hörte ich zu und konnte dem Gesagten eigentlich auch nur zustimmen. Und wie um das zu unterstreichen, wurde die Stimmung durch harmonische Gruppengesänge dann auch so richtig schön entspannt. Der Text war auch nicht wirklich schwierig, da er aus nur wenigen Passagen bestand, die alle auf einem Schild standen. Nach spätestens dem 3. Lied mit dem immer gleichen Text, hatte wahrscheinlich auch der langsamste Denker diesen verinnerlicht. Die Lieder waren so wahnsinnig lang, daß die anfängliche Entspannung, die ich empfunden hatte, nun eher einer großen Langeweile wich und ich mich immer öfter fragte, ob da jetzt noch irgend etwas spannendes passierte. Kurz vor dem einschlafen, endete mit einem Mal der Gesang und es folgte ein 40 Minütiger Vortrag, den ich nicht kapierte. Letzten Endes, wünschte ich mir irgendwann sogar wieder den Gesang herbei. Aber Gott sei Dank, war nach dem langen Vortrag endlich Schluß und es wurde ein phantastisches indisch/vegetarisches Essen serviert. Ich muß zugeben, daß ich so etwas leckeres noch nie in meinem Leben gegessen habe und bis zum heutigen Tag ist indisches Essen, das allergrößte für mich. Natürlich nur, wenn es gut zubereitet ist und das war bei den Krishnas definitiv der Fall! Außerdem kostete es nichts. Das entschädigte mich dann auch für die gut zwei Stunden Dauerlangeweile und direkt nach dem Essen gesellte sich ein netter Mann an meine Seite. Wir gingen gemeinsam nach draußen und ich zündete mir erst mal eine Zigarette an. Ich spürte zwar den mißbilligenden Blick des Krischna Jüngers, aber er sagte nichts negatives dazu. Stattdessen fragte er mich ein bißchen nach meinem Leben aus und massierte mir, weil ich über Rückenschmerzen klagte, währenddessen meinen Fuß. Er erklärte mir, daß in den Füßen alle Nerven zusammen laufen und es deshalb wichtig für das Allgemeinbefinden ist, sich gut um seine Füße zu kümmern. Da hatte er Recht, denn nach einiger Zeit war ich tatsächlich so entspannt, daß ich gar nicht mehr an meinen Rücken dachte, bzw. bemerkte, daß ich überhaupt einen besaß.

Schließlich ging ich völlig entspannt zurück nach Hause. Alle Sorgen schienen mit einem Mal verschwunden zu sein. Selbst Tina stand nun etwas im Hintergrund meines Denkens und Fühlens. Und das war auch dann der Grund, warum ich trotz der einschläfernden Musik und des langweiligen Vortrags immer öfter zu den Krishnas ging. Ich wollte dieses Gefühl immer und immer wieder haben. Außerdem war immer jemand da, der sich meiner annahm und mich im Anschluß sogar wieder mit dem Auto fast bis nach Hause fuhr. Denn meine ganze Adresse wollte ich nun doch nicht preis geben. Irgend etwas in meinem Inneren riet mir, meinen Wohnort lieber erst einmal für mich zu behalten. Da ich noch minderjährig war und sowieso nicht bei den Krishnas hätte wohnen dürfen, drangen sie da auch nicht weiter in mich.

Dafür durfte ich mir jedoch in meiner neuen Wohngemeinschaft immer wieder kritische Gespräche und Seitenkommentare, über die Krishnas als Sekte anhören. So fühlte ich mich zunehmend hin und her gerissen und begann mir eines Tages selbst zweifelnde Fragen über die Gruppierung zu stellen. Das die bunten Püppchen, denen täglich essen und trinken hin gestellt wurde auch aßen, glaubte ich schon mal gar nicht. Auch wenn es fehlte, aber das hatte menschliche Ursachen und das es dort kein Klopapier gab, ging mir ebenfalls ganz erheblich auf die Nerven. Stattdessen sollte man die Hand benutzen und nach jedem Gang duschen. Was für eine Wasserverschwendung! Ich brachte mir immer selbst Papier mit. Denn irgendwie war ich da wohl auch zu westlich aufgewachsen. Mit einer Hand wurde gegessen und mit der anderen na ja… Aber auch die Ideologie konnte ich einfach nicht glauben. Das war mir zu abgehoben. Im Grunde war ich dort nur, wegen der Gemeinschaft und des guten Essens. Und das konnte auf Dauer ja sowieso nicht gut gehen. Ich sprach mal mit einem der Jünger darüber und es hieß, daß wenn ich an Krischna glauben würde, ich nicht mehr auf diese Welt zurück müßte. Denn die Wiedergeburt, woran die Krishnas glauben, wird als Bestrafung angesehen. Dann sagte er mir noch das alles Negative, was ich derzeit erlebte, nur Hindernisse seien, die Krischna mir in den Weg legte, um zu testen, ob ich es auch wirklich ernst meine oder nicht. Das würde jedem Neuen so ergehen. Das sind Prüfungen, die einem auferlegt werden und wenn ich die erst einmal bestanden hätte, würde ich so richtig glücklich werden. Ich muß sagen, daß diese Unterhaltung tatsächlich erste Zweifel an meiner eigenen Wahrnehmung aus säte. Bisher wußte ich, daß all das für mich unglaubwürdig war. Ich mich jedoch wohl in der Gruppe fühlte und deshalb immer wieder hin ging. Nach diesem Gespräch jedoch, wußte ich das zum ersten Mal nicht mehr. Dafür wußte ich aber, daß ich mich so langsam aber sicher, zwischen der WG und den Krishnas entscheiden mußte. Denn beides gleichzeitig ging auf Dauer nicht. Ich wußte auch schon längst nicht mehr, welcher Druck stärker auf mich ausgeübt wurde. Der, der von den Krishnas oder der, der von der WG ausging. Aber ich begann zu spüren und zu begreifen, daß ich an all dem Streß ja selbst auch Schuld war. Was mir die Entscheidung, aber leider auch nicht abnahm.

Letzten Endes war es aber etwas ganz triviales, was mir half eine endgültige Entscheidung zu treffen. Nämlich, daß die anfängliche Aufmerksamkeit, mit der man mich als Neuankömmling bei den Krishnas bedacht hatte, so weit nach ließ, daß mein Erscheinen immer mehr zur Selbstverständlichkeit wurde und das war etwas, was ich nicht mochte. Als ich dann meine Entscheidung dem Gruppenleiter verkündete und im Anschluß zur Haustür ging, meinte er, daß ich wohl jemanden bräuchte, der nur für mich da ist. Am besten eine Frau. Und mit diesen Worten war mein Widerstand auch schon so gut wie gebrochen. Ich ging brav wieder hin und mußte zu meinem Pech aber feststellen, daß da keine Frau war, die mir allein zugeteilt wurde und die Frauen die ich sah, mir eher kalt und abweisend vorkamen. Mein Spruch, den ich mir schon lange verinnerlicht hatte, kam somit zur Geltung: Ohne Liebe kann mich keiner auf Dauer halten und genau das verhalf mir dann schließlich zum endgültigen Austritt aus der Krishnagruppe. Die Betreuer und auch einige der Mädchen aus meiner WG freuten sich über meine Entscheidung. Was sie aber nicht wußten war, daß ich mich bereits nach einer anderen Gruppe umsah. Im Prinzip suchte ich genau das, was ich damals in dem Film gesehen hatte. Die schöne, heile Welt die es in der Form ja gar nicht gab und trotzdem suchte ich weiter und weiter. Kaufte mir sogar Bücher, in denen über alle möglichen Gruppierungen berichtet wurde und wurde trotzdem nicht fündig.

27.5.1996

Mein Kopf ist voll mit Informationen, läßt mich nicht zur Ruhe kommen. Eine Woche sitze ich nun schon über den Sektenbüchern. Doch ein Ideal scheint es nicht zu geben. Ich will etwas, wo ich in vollkommener Harmonie, Liebe und angstfrei mit Anderen zusammen leben kann. Doch das scheint es auf dieser Welt wohl nicht zu geben. Ich habe immer mehr das Gefühl ungeliebt und ungewollt zu sein. Doch warum nur? Angst zieht meinen Magen zusammen und beschattet meine Seele. Mein Gott ich will doch nur glücklich sein können. Hört mein Pech denn nie auf? Es ist so ungerecht. Ich fühle mich so allein! So unvollkommen.

Also blieb mir nur eines. Ich mußte mich damit abfinden, nicht mehr im Mädchenhaus zu sein, Tina nicht mehr zu sehen und künftig in dieser neuen Wohngemeinschaft zu leben.

KAPITEL: 8

Ich öffne meine Augen. Es ist hell. Eine Schwester kommt und erzählt mir freundlich, daß ich verlegt werde. Weg von der Intensivstation hin zur normalen. Dagegen habe ich absolut nichts einzuwenden. So bin ich endlich den piependen Monitor neben mir los und muß auch nicht mehr vor diesen blöden Paravent gucken. Ich will unbedingt die Sonne sehen. Ein bißchen Licht in die Dunkelheit des Krankenzimmers und damit Trost in meine düsteren Gedanken bringen. Noch während die Krankenschwester mir meine Sachen aufs Bett packt, damit sie hier nicht vergessen werden, mache ich meine Augen wieder zu. Mir kommt es wie eine kleine Ewigkeit vor, die ich nun schon in diesem Bett liege und doch nicht richtig schlafen kann. Ich kenne das, es ist mir nicht neu. Nur dieses Mal kam es so überraschend. Dieses Mal war es nicht mein eigenes Verschulden. Vor allem aber, dieses Mal will ich weiter leben! Denn im Gegensatz zu früher, habe ich nun endlich das gefunden, wonach ich mein ganzes Leben lang gesucht habe. Das Bett ruckelt und ich öffne meine Augen wieder, um nach dem Grund zu sehen. Ich werde gefahren. Erleichtert atme ich auf. Während das Bett nicht nur zu einer neuen Station und dadurch neuer Hoffnung entgegen rollt, verschwimmt die Außenwelt vor meinem Blick. Der Schwindel überkommt mich so stark, daß ich mit einem Mal froh bin schon zu liegen, weil ich so ja nicht mehr fallen kann.

Vor meinem inneren Auge formt sich das Bild des Menschen, den man mir in meinem neuen Zuhause als Bezugsbetreuer zugeteilt hatte. Anfangs verachtete ich ihn, einfach nur weil er ein Mann. Ich wollte ihm aus dem Weg gehen. Nur leider war das unmöglich, da Bezugsbetreuer dazu da sind, eine Bindung zu dem betreffenden Mädchen aufzubauen. Und das bedeutete in dieser Wohngemeinschaft, regelmäßige Gespräche mit ihm zu führen und auch etwas gemeinsam zu unternehmen. Ich fluchte innerlich und konnte nicht verstehen, warum man mir einen Mann als Betreuer und keine Frau, wie viele andere Mädchen sie hatten, zugeteilt hatte. Nach einer Weile fiel mir jedoch auf, daß irgendwie jeder ihn zu mögen schien und seine Gesellschaft genoß. Nur etwas später, fand ich dann selbst heraus wieso. Er war nicht der typische Machomann, den ich so ablehnte. Er schien stattdessen irgendwie, für alles Verständnis aufzubringen. Ich hatte den Eindruck, daß er tief in sich selbst ruhte. Er war, wie ein Fels, in der Brandung. Geradlinig, verläßlich und dabei trotzdem sensibel. Das beeindruckte mich und formte in mir das Ideal des perfekten Mannes. Genauso mußte er sein! Mein Vertrauen gewann er letzten Endes dadurch, daß er sich zum Einen, nicht von meinen männerfeindlichen Bemerkungen und zum Anderen, von meinen selbst zerstörerischen Aktivitäten abschrecken ließ. Das brachte mich dazu mein Versprechen mir selbst gegenüber, nämlich mich nie wieder einem Menschen zu öffnen, aufzulösen und so passierte, was passieren mußte. Ich verliebte mich eines Tages in ihn und das Gefühl war um Welten intensiver, als es bei Joe oder Tina der Fall gewesen war. Aber natürlich durfte und wollte er keine Beziehung mit mir führen. Das an sich war mir ja nichts neues. Neu war jedoch, daß ich einfach nicht aufhören konnte, ihn zu lieben. Und es lag auch nicht daran, daß er nicht aufhören konnte, mein Betreuer zu sein. Sondern, daß er ein Ideal verkörperte. Genau das, was ich mir von einem Partner wünschte. Aufmerksamkeit, Verläßlichkeit, Liebe zur Musik und noch ein paar hinzu phantasierte Eigenschaften wie zum Beispiel ein Sinn für Romantik, Leidenschaft usw. Und genau das sorgte fast 20 Jahre dafür, daß ich einer Illusion hinterher lief, der eigentlich keiner, meiner kommenden Partner, je gerecht werden konnte. Ob Mann, ob Frau. Im Stillen verglich ich alle mit Jack und niemand, war wie er. Natürlich nicht, da jeder einzigartig ist!

Was ich am meisten an ihm liebte? Das er mich verstand! Ich liebte diese Wunschvorstellung so fanatisch, daß ich einfach nicht akzeptieren wollte, daß Jack mich zwar mochte, nicht aber, ebenfalls liebt. Ich sah in ihm den Retter, aus all meinem Elend. Auf die Idee, daß nur ich selbst mich und damit meine Seele retten konnte, kam ich gar nicht und genau das stürzte mich tief ins Verderben hinein. Denn weder meine idealisierte Liebesvorstellung von ihm als den perfekten Partner für mich, noch der Schmerz über meine Vergangenheit ließen mich danach noch zur Ruhe kommen. Jack war der Anfang vom Ende. Das Sprungbrett zum Beginn meines langsamen Absturzes und zwar bis ganz zum Boden!

Doch nicht er hatte dieses Sprungbrett für mich dahin gestellt wo es stand, sondern nur ich ganz allein. Genauso wie nicht er es war, der mich so hat handeln lassen, wie ich es tat. Man sagt ja immer so gerne: „Du hast mich dahin getrieben!“ Aber eigentlich, wenn wir ganz ehrlich zu uns selber sind, stimmt das so nicht. Man hat immer noch die Wahl, anders zu reagieren. Aber wer will sich schon eingestehen, daß nur er selbst für seine Taten verantwortlich zu machen ist? Das sich die Schuld weder aufteilen, noch weg schieben läßt?

Dafür, daß ich mir da ein Traumbild zusammen gebastelt hatte, was regelmäßig in sich zusammen fiel; weil Jack mir mal wieder sagen mußte, daß es mit uns leider nichts wird, konnte niemand etwas, außer dem Erschaffer selbst. Ich! In all den Jahren bin ich immer nur auf die Menschen zugegangen, von denen ich dachte, daß sie diesem romantischen Ideal entsprächen. Was ich aber stattdessen vor fand, war weit, ganz weit weg davon! Und nicht nur das. Es war überdies auch ziemlich unfair. Denn in Wahrheit hatte nie jemand wirklich eine Chance dauerhaft in meinem Herzen bleiben zu können, der nicht Jack war. Ich glaube unbewußt, hat das jeder einzelne dieser Menschen, mit denen ich je eine Beziehung führte gespürt. Weshalb ich eine Enttäuschung nach der nächsten erlebte und letzten Endes fast alle meine Partner verließ. Nur ein einziger verließ mich zuerst. Aber selbst, wenn er es nicht getan hätte, wäre ich nicht bei ihm geblieben. Er war einfach nur schneller als ich gewesen! Das Problem an der Sache war, daß ich nach einem Menschen suchte, den es nicht gab. Auch Jack selbst, hätte diesem Bild irgendwann nicht mehr entsprochen. Niemand hätte das. Auch wenn er es noch so sehr gewollt hätte. Nur habe ich all das damals leider nicht erkannt. Wie auch, ich war 16 als ich mir dieses Ideal in meinem Kopf zusammen zimmerte. Danach habe ich es nicht etwa korrigiert, sondern immer mehr ausgebaut! Jetzt hingegen bin ich endlich aus dieser Illusion erwacht! Habe sie zerschlagen. Ich atme langsam ein und wieder aus.

20 Jahre, wie schnell diese verstrichen sind. Aber nicht in meinem Gedächtnis. Da ist noch so vieles unverarbeitet. Immer noch. Es ist zwar etwas verblaßt, aber unvergessen. Manchmal ist es so, als wäre es erst gestern gewesen. Am liebsten würde ich alles Negative aus meinem Gedächtnis streichen. Meine komplette Vergangenheit einfach nur vergessen. Doch das geht nicht. Denn noch immer quält es mich tief in meinem Herzen. Wirkt aus dem Unbewußten. Holt mich jeden Tag, an dem ich mich nicht davon ablenken kann, wieder ein. Zeigt sich durch innere Unruhe, Stimmungsschwankungen und ein Gefühl der Rastlosigkeit. Ich halte es nie lange aus, ruhig an einem Ort zu liegen und einfach nur zu relaxen. Manchmal mache ich mehrere Dinge zur gleichen Zeit. Einfach nur, um das innere Gefühlschaos nicht spüren zu müssen. Und jetzt, jetzt kann ich gar nichts von all dem tun. Liege da in meinem Krankenbett, unfähig mich von all dem abzulenken. Die Erinnerungen quälen mich, fallen wie wilde Tiere über mich her. Ich weiß gar nicht, was mir mehr weh tut. Mein Bauch von der Operation oder meine Seele, die immer noch vor Verzweiflung laut aufschreit?

Ich wünsche mir so sehr ein neues Leben. Endlich frei zu sein von all dem Schmerz, der Wut und ja teilweise sogar noch dem Haß, der mich immer wieder mal quält! Ich wünsche mir inneren Frieden in meinem Herzen. Doch ich finde ihn einfach nicht. Die kurzen Momente, in denen er mal bei mir zu Gast war, sind selten geworden.

Zu selten und auch das, habe ich in gewisser Hinsicht selbst provoziert. Wie oft schon, habe ich mir in den letzten Wochen die Frage gestellt, warum ich diesen einen Fehler gemacht habe? Ich hätte mir so viel Leid ersparen können. Hätte ich doch damals nicht… Aber dann fällt mir auch wieder ein, daß ich so nichts von all dem Guten und Schönen erlebt hätte. Denn das gab es ja schließlich auch noch. Also kann sogar eine schlechte Entscheidung, nachträglich noch etwas Gutes hervor bringen. Manchmal muß man erst durch die Scheiße gehen, um etwas wirklich schönes zu finden. Nur das die gleich so tief sein mußte?! Trotzdem ist das vorerst der wohl einzige Trost, der mir im Augenblick bleibt.

Das Rollen hat aufgehört. Ich öffne meine Augen wieder. Die Schwester lächelt freundlich, nimmt meine Sachen vom Bett und verläßt das Zimmer. Ich sehe mich suchend nach dem Fenster um. Licht, wo ist es? Rechts neben liegt eine ältere Frau und schläft. Auf der linken Seite ist ein weiteres Bett mit einer anderen Frau, die ebenfalls zu schlafen scheint und dahinter … endlich … das Fenster. Zufrieden lächle ich und schlafe wieder ein.

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