Mein Jakobsweg – Nachtrag

10. Juni 2019

Als ich am nächsten Morgen erwachte, beschloß ich, es langsam angehen zu lassen. Ich war früher als geplant in Santiago gewesen und hatte dementsprechend genug Zeit, mich zu erholen. Ich ärgerte mich ein bißchen, nicht von vornherein an Finisterra gedacht zu haben, wo viele im Anschluß an Santiago noch hin pilgerten, oder mit dem Bus fuhren. Aber das war finanziell einfach nicht mehr drin und wäre auch zeitlich zu knapp gewesen. Nun gut, dann eben nächstes Mal, versuchte ich mich zu trösten. Nachdem ich wieder den Pilgergottesdienst besucht hatte, machte ich mich auf den Weg zur eigentlichen Kathedrahle, um die Jakobsstatue zu umarmen. Man sagt, daß erst dann, der Jakobsweg wirklich abgeschlossen ist. Also stellte ich mich in die lange Schlange und fand es sehr bedauerlich, daß die ganze Kathedrahle, tatsächlich nur noch eine riesige Baustelle war. Irgendwann ging es dann die Treppe hoch und ich kam von hinten, zum Kopf, der wirklich riesigen, Jakobsstatue. Ich umarmte also diese Figur und wünschte mir, für meine Seele, Frieden. Als ich die Kathedrahle wieder verließ, sprach mich auf einmal der alte Mann aus Tamel an, mit dem ich mich dort so gut unterhalten hatte. Er sagte, er hätte auch gestern bereits nach mir Ausschau gehalten und unbedingt wissen wollen, ob ich gut angekommen sei. Das rührte mich. Er erzählte, daß er in einem Kloster untergekommen wäre. Das fand ich sehr interessant und so begleitete ich ihn dort hin, um mal einen Blick darauf werfen zu können. Und während wir uns unterhielten, kreuzte auf einmal noch Su unseren Weg. Das war ein tolles Wiedersehen. Da auch Su das Kloster sehen wollte, kam sie ebenfalls mit uns mit. Besonders viel, gab es bis auf die schöne Aussicht auf die Stadt, dort allerdings nicht zu sehen. Aber die Kantine war hier sehr günstig. Nur leider gerade geschlossen. War ja klar. Da ich Hunger hatte, machte ich mich schließlich auf den Weg zum Supermarkt. Der war zwar 2 km entfernt, aber das machte mir absolut nichts aus und so legte ich die Strecke, auch recht zügig zurück. Zufrieden setzte ich mich nach dem Einkauf, auf eine Wiese und genoß in Ruhe, mein gekauftes Essen. Anschließend ging ich langsam zurück in die Innenstadt. Wieder dort angekommen, lauschte ich einem phantastischem Sänger, der aber nicht gefilmt werden wollte und merkte, wie langsam die Anstrengung, der letzten zwei Wochen, von mir abfiel. Und plötzlich kam eine neue Frage auf. Die lautete „Und jetzt? Was jetzt?“ Das mein Vater nicht mehr kommen würde, war mir mittlerweile auch klar und so fiel ich innerlich in ein Loch. Nachdenklich ging ich zurück in meine Unterkunft und fühlte mich traurig und leer. Ich hatte davon gehört, daß viele Pilger, nach ihrer Ankunft, kurzzeitig in ein emotionales Loch fielen. Das konnte ich mir zuvor gar nicht vorstellen. Aber nun ging es mir auch so. (Woran das genau liegt, kann ich nur vermuten. Jeden Tag hat man etwas vor, ist voller Energie und glücklich wenn man das gesteckte Ziel erreicht hat. Das ist schon ein extrem emotialer Cocktail und wenn das Endziel erreicht ist, fällt dieser ja dann plötzlich weg. Das erzeugt vielleicht deshalb, bei vielen Pilgern, dieses vorübergehende Tief.)

11. Juni 2019

Am nächsten Morgen hatte ich dann, den absoluten Tiefpunkt, erreicht. Es war alles besichtigt, die Souvenirs waren auch gekauft und das Wetter war kalt und eklig. Außerdem sah es finanziell, mittlerweile extrem, mau aus. Ich würde mich, wenn ich noch bis zum Abflug auskommen wollte, wohl oder übel, mit ein paar Broten begnügen müssen. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit mir anfangen sollte und war unglaublich deprimiert. Also ging ich erst mal in die Kirche und hoffte, daß mir im Anschluß etwas einfallen würde. Und während ich mich neben eine extrem genervt aussehende Frau, auf die Kirchenbank setzte, hörte ich, wie jemand meinen Namen rief. Ich war so glücklich, als ich sah, daß es die Amerikanerinnen waren und setzte mich sofort zu ihnen. Da die Messe noch nicht begonnen hatte, unterhielten wir uns noch etwas. Als Sharon mich nach meinem Alter fragte, und ich ihr antwortete, daß ich 39 sei, sah sie mich tadelnd an und sagte: „Emily, wir sind hier in der Kirche. Da darfst du nicht lügen!“ Ich habe ihr dann später, meinen Personalausweis gezeigt, weil sie mir mein Alter partout nicht glauben wollte. (Das finde ich heute immer noch lustig, wenn ich daran zurück denke.) Im Anschluß an die Messe, fragte mich Sharon, ob ich nicht mit ihnen etwas essen gehen wollte. Es war mir zwar total peinlich, aber ich mußte ihr leider sagen, daß ich das ablehnen muß, weil es mir finanziell nicht möglich war. Da sahen mich die anderen an, lachten und sagten: „Sharon zahlt das schon, mach dir mal keine Sorgen!“ Ich sah Sharon verwirrt an und sie nickte zur Bestätigung. Dann gingen wir gemeinsam, in ein nettes, kleines Pizzarestaurant. Ich war wirklich dankbar für die Einladung und freute mich außerdem, von so lieben Menschen umgeben zu sein. Gerade noch, wußte ich nichts mit mir anzufangen, war abgebrannt und deprimiert. Dann plötzlich, war genau das Gegenteil der Fall. Ich war von lieben Menschen umgeben, wurde zum Essen eingeladen und konnte tolle Gespräche führen.

Camino Portugues Santiago de Compostela

Im Anschluß machten wir einen tollen Spaziergang durch Santiago und ich hatte sogar wieder Lust, aufs Fotografieren, bekommen:

Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela

Dank dieser wunderbaren Menschen und der Zeit, die ich noch einmal mit ihnen verbringen durfte, kam ich dann auch glücklicherweise schnell, aus meinem Tief, wieder heraus. Ich habe Sharon die Geschichte mit meinem Vater erzählt und sie sagte daraufhin, etwas sehr schönes, zu mir: „Manchmal, können auch wirklich gute Freunde, deine Familie sein!“ Das stimmt, auch wenn die Eltern, durch nichts ersetzt werden können, so ist es doch ein großer Trost, Freunde zu haben! Es fiel mir schwer, diese lieben Menschen später zu verabschieden. Ich beschloß aber, diese Begegnungen mit ihnen, immer, in meinem Herzen zu behalten!

Am Abend, erlebte ich an demselben Platz, wo schon vor zwei Tagen das Klassikkonzert war, diesmal eine ganz besondere Überraschung. Und zwar eine Tanzgruppe, die alle Anwesenden, zum mitmachen einlud. Trotz meiner Hüfte, versuchte ich mein bestes und hechelte begeistert eine Runde mit. Die Stimmung war einfach toll und ich war außerdem froh, wieder aus dem Tief heraus gekommen zu sein. Dem mußte ich einfach irgendwie Ausdruck verleihen. Hier ist ein Video, um mal die Stimmung dort, ein bißchen wieder geben zu können:

Im Anschluß machte ich noch ein paar letzte Bilder, denn schon Morgen, würde es zurück nach Porto gehen:

Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela
Camino Portugues Santiago de Compostela

12. Juni 2019

Glücklicherweise lag mein Hostel nicht weit weg, vom Busbahnhof. Für 30 Euro hatte ich eine günstige Rückfahrt im Bus bekommen und nicht nur das. Gegen einen geringen Aufpreis, hatte ich sogar den Platz direkt hinter dem Busfahrer buchen können und so eine schöne Aussicht. Als der Bus los fuhr, war es ein eigenartiges Hochgefühl, was mich überkam. Jetzt an all den Orten noch mal vorbei zu fahren, die ich durchlaufen hatte. Was konnte es für einen schöneren Abschluß geben? Und auf einmal, spürte ich endlich in mir den Frieden, nachdem ich auf meinem Weg gesucht hatte.

Camino Portugues Santiago de Compostela

Der Bus brauchte nicht lange bis nach Porto und ich war richtig froh, daß dort die Sonne schien. Als erstes, ging ich zu meinem Hostel und war erleichtert, daß es eine wirklich schöne Unterkunft war. Viel besser, als die, bei meiner Ankunft. Da ich am nächsten Tag schon nach Hause fliegen würde, machte ich mich sofort wieder auf den Weg, um die Zeit noch sinnvoll zu nutzen und mir Porto anzusehen.

Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto

Schließlich ging ich zum Startpunkt meines Weges an der Kathedrahle in Porto und gab meine abschließenden Gedanken über die kompletten Reise, in diesem Video wieder:

Zufrieden ging ich dann zum Rio Douro, genoß den Anblick auf den schönen Fluß und zwar aus unterschiedlichen Perspektiven (weil ich ja eh nicht ruhig auf meinem Hintern irgendwo sitzen bleiben kann).

Nachdem die Sonne untergegangen war, machte ich mich langsam auf den Rückweg:

Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto

13. Juni 2019

Nun war der Tag meines Rückflugs gekommen und nachdem ich gepackt hatte, ging ich ein letztes Mal spazieren.

Camino Portugues Porto
Camino Portugues Porto

Im Anschluß setzte ich mich in einen kleinen Park, nahe des Hostels. Der Frieden vom Vortag, war noch stärker geworden und ich wünschte mir so sehr, daß er anhalten würde. Ich empfand eine solche Liebe und Dankbarkeit, das war einfach unbeschreiblich.

Camino Portugues Porto

Dann sah ich die Tauben auf dem Rasen und schenkte ihnen, mein restliches Essen. Ich empfand so viel Liebe, für diese Tiere und war deshalb auch nicht wirklich überrascht, daß sie mir aus der Hand fraßen. Ich dachte mir nur, guck an, was man mit Liebe und Güte im Herzen, alles erreichen kann und konnte nicht verstehen, warum viele Menschen Tauben so schlecht behandeln. Wenn das jemand mit ihnen täte.

Als alles verfüttert war, machte ich mich auf den Weg zur U-bahn. Dort sprach mich eine Frau an, die ein Buch über Pilger schrieb. Sie fragte mich nach meiner Motivation den Jakobsweg zu gehen und was mir dieser Weg gebracht hatte. Nachdem ich ihr das in Kurzform wieder gegeben hatte, kam meine Bahn. Als ich ihr zum Abschied winkte, sah ich, daß sie Tränen in den Augen hatte. Ich weiß nicht was sie so berührt hat, aber es ergriff mich, daß ich mit irgendetwas aus meiner Geschichte, ihr Herz berühren konnte.

Als ein paar Stunden später der Flieger beschleunigte und schließlich abhob, liefen mir die Tränen vor Glück.

5. September 2019 (heute!)

Es war schön, den Jakobsweg durch die Berichte noch einmal Revue passieren zu lassen und mit Liebe auf all die Erlebnisse und getroffenen Menschen zurück zu blicken. Diesen Weg zu gehen, war die beste Entscheidung, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Meine Hüfte, hat sich nach zwei Kortisonspritzen und viel Ruhe, wieder einigermaßen beruhigt. Die Schleimbeutelentzündung ist leider, eine ziemlich langwierige Sache. Aber ich bin froh, mittlerweile wieder normal laufen zu können.

Auch meinem Herzen geht es wieder gut. Nachdem ich von der Reise zurück war, habe ich mit der Einnahme der (schon vor der Reise verschriebenen) Herzmedikamente begonnen und diese sogar, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, relativ gut vertragen.

Ende Oktober habe ich einen erneuten Termin zur Gewebeentnahme in meiner Speiseröhre, da mein Arzt die Vermutung hegt, daß das entartete Gewebe (bisher gutartig!!!) in meiner Speiseröhre, aufgrund der Beschreibung meiner Beschwerden, weiter entartet sein könnte. Diese Vermutung war auch der Grund, warum dieser Nachtrag, so lange auf sich warten ließ. Das mußte ich erst mal verdauen, bzw. bin immer noch dabei.

Mein Jakobsweg – vierzehnter Tag von A Picaraña bis zum Ziel in Santiago de Compostela

Diesmal hätte ich keinen Wecker gebraucht. Da ich so aufgeregt war und unbedingt bis um 12 Uhr in Santiago sein wollte, stand ich bereits vor der geplanten Zeit auf. Ich machte mir etwas Wasser in der Mikrowelle warm und kippte, etwas von dem Bröselkaffee in meine Plastiktasse. Anschließend packte ich sie zurück in meinen Rucksack und ging in den Flur. Dort war ein wunderschöner, alter Spiegel an der Wand. Ich stellte mich davor und betrachtete mich für einen Augenblick. Dies war nun der zweite Spiegel auf dem Jakobsweg, dem ich etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte, als üblich. Heute würde ich zu Ende bringen, was ich vor zwei Wochen angefangen hatte und das hoffentlich bis um 12 Uhr Mittags. Denn dann begann die Pilgermesse. Heute war Pfingstsonntag, da würde sicher ganz schön was los sein. Viele Pilger, hatten sich dieses Datum, als Ankunftszeitpunkt gesetzt und diesen besonderen Pfingstgottesdienst, gab es nur am Sonntag. Denn Pfingstmontag wurde in Spanien nicht gefeiert. Es war halb acht und noch 16 km. Das würde ich doch wohl spielend bis um 12 Uhr hin bekommen, oder? Ich setzte einen entschlossenen Blick auf und machte davon ein Bild.

Camino Portugues - Tag 14-073724

Aber hallo, natürlich würde ich das hin bekommen! Dann würde heute eben nicht so rum geklüngelt werden, wie sonst. Entschlossen verließ ich die Unterkunft und genoß ein letztes mal, diese atemberaubend schöne Gegend, mit all den alten Steinhäusern.

Camino Portugues - Tag 14-074244
Camino Portugues - Tag 14-074320

Und nur kurze Zeit später, ging es in ein Waldstück. Die großen Steine auf dem Weg, fand ich einfach nur toll.

Im Anschluß an dieses Waldstück, kam eine Möglichkeit zum Frühstücken. Aber da ich nicht sicher war, wie schnell ich sein würde, verzichtete ich lieber darauf. Dafür bewunderte ich für einen Augenblick, all diese weißen und blauen Bänder, die von dutzenden Pilgern beschriftet und am Zaun, hinterlassen worden waren.

Camino Portugues - Tag 14-080539
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Wenn ich geglaubt hatte, der Weg sei schnell zu bewältigen, wurde ich eines besseren belehrt;, da ein Hügel, nach dem nächsten kam. Es ging rauf und runter. Immer abwechselnd. Das hatte ich mir leichter vorgestellt und japste vor mich hin. Aber auch hier entschädigte mich, die wunderbare Natur, mit den tollen Steinhäusern, für die Anstrengung.

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Camino Portugues - Tag 14-081430
Camino Portugues - Tag 14-081721
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Camino Portugues - Tag 14-084852
Camino Portugues - Tag 14-084721

Ich bedauerte, nicht eher los gelaufen zu sein. Denn durch den Zeitdruck, spürte ich die Anstrengung, des auf und abs viel intensiver, als wenn ich mir mehr Zeit, eingeplant hätte. Ich war schweißüberströmt und gönnte mir trotzdem, keine Pause. Das das so anstrengend, auf die letzten km sein würde, hatte ich mir auch nicht träumen lassen. Als ich dann noch diese Jakobsfigur sah, wußte ich nicht, ob der mich an- oder auslacht.

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Ich hechelte wie ein kleines Hündchen und kämpfte innerlich mit mir. Es war das erste Mal auf dem Jakobsweg, daß ich richtig schnell lief. Das anhaltende Glücksgefühl und ein geheimer Wunsch waren es; die mich entgegen jeder Vernunft und Rücksichtnahme auf Herz- und Hüftprobleme, immer wieder antrieben. Den ganzen Jakobsweg über, hatte ich nämlich gehofft, daß mein Vater am Ziel auf mich warten würde. Das er meine Berichte gelesen hatte und stolz auf mich sein würde. Das er endlich mal über seinen Schatten springen, alles Negative vergessen und einfach nur her kommen würde.

Natürlich waren das naive Wünsche und ich war mir auch nicht sicher, ob er mich vielleicht dafür verachten würde, daß ich meinen Rucksack abgegeben hatte. Viele hatten meinen Ehrgeiz zwar bewundert. Aber, sah das mein Vater, auch so oder würde er denken: „Nicht mal das kann sie richtig machen!“ Ich würde die Antwort erhalten, wenn ich in Santiago war. Ich schwankte zwischen Hoffen und Bangen. Ich war emotional so aufgewühlt, daß ich innerlich und äußerlich zitterte.

Ich war richtig froh, als ich zu diesem Schild kam. Jetzt waren es nur noch 8 km und dies war die letzte Kapelle, vor Santiago. Hier gab es neben dem Stempel, noch eine Pilgerauskunft, was die Pilgermessen in Santiago anging:

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Als ich die Kapelle betrat, war ich etwas verwundert über die Musik und die Stimmung, die sie in mir auslöste.

Nachdem ich das Video gedreht hatte, konnte ich meine Tränen, nicht mehr zurück halten und verlies die Kapelle. Am Infostand, fiel ich einer Frau in die Arme, die mich herzlich drückte. Da mußte ich gleich noch mehr weinen. Ich versuchte mich innerlich zu sammeln, da ich ja weiter mußte.

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Für meinen Vater und die, welche meinen Weg mitverfolgten, machte ich dieses kurze Infovideo, was ich auf meinem Facebookaccount veröffentlichte. Zwei Fliegen, mit einer Klappe. Falls mein Vater kommen würde, sollte er wissen, wo ich war und daß ich auf jeden Fall bald in Santiago ankäme.

Nach einer kurzen Strecke, bekam ich dann den ersten Blick auf Santiago und eine Gänsehaut. Da war es, mein Ziel. Nur noch 8 km. Mein Gott, ich war so aufgeregt.

Und passend zu diesem Schild, kamen immer mehr Pilger. Es war fast unmöglich, noch allein zu laufen. Hatte mich das gestern noch genervt, machte es mich heute glücklich. Die Vorfreude war so deutlich von jedem einzelnen zu spüren, daß sich zusätzlich noch ein Gemeinschaftsgefühl bei mir einstellte. Ich war Teil einer großen Gemeinschaft von Pilgern, die alle das gleiche Ziel hatten und es rückte immer näher.

Camino Portugues - Tag 14-103250
Camino Portugues - Tag 14-104700

Ab jetzt ging es nur noch bergab und ich genoß ein letztes Mal, den Anblick der Weinstöcke und wunderschönen Natur, bevor es in die Stadt hinein ging.

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Camino Portugues - Tag 14-105454

Da mittlerweile so viele Menschen da waren, schloß ich mich ab Ortseingang einfach spontan, einer Pilgergruppe an.

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Ich war ein bißchen baff, daß der Weg noch so weit war und fühlte mich trotz der Anstrengung, wie getragen. Es war 11:14 Uhr und noch immer 2 km. Da alle in die Messe wollten, hetzten wir den Weg hoch. Ich hatte doch jetzt nicht so Gas gegeben, um es nicht rechtzeitig zu schaffen. Ich japste und keuchte. Bald, bald wäre es so weit… Und dann sah ich sie endlich. Die Kathedrale. Ich holte mein Handy heraus und filmte die letzten 3 Minuten, bis zum Eintreffen. Dann brach ich in Tränen aus:

Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, bat ich jemanden aus der Gruppe, ein Foto von mir zu machen:

Camino Portugues - Tag 14-113502

Ich war überwältigt, von all meinen Glücksgefühlen und suchte mit meinen Augen den Platz nach meinem Vater ab. War er gekommen und hatte mich nur noch nicht gesehen? Dabei fiel mir auf, wie riesig der Vorplatz war und wie viele Pilger dort waren. Es war unglaublich. Ich beschloß noch ein Video zu machen und lud beide bei Facebook hoch. Er sollte wissen, daß ich da war. Das ich es geschafft hatte.

Da ich keine Zeit mehr hatte, noch hier stehen zu bleiben, ging ich in die Kirche, in der ersatzweise die Pilgermesse statt fand. Ich war beeindruckt, wie viele Menschen dort waren und wo sie überall saßen. Zwischen den Figuren, auf dem Fußboden. Ich konnte das gar nicht glauben, wie locker das gehandhabt wurde. Ich glaube das wäre in Deutschland unvorstellbar. Ich fand es so toll. Genauso sollte es doch sein, finde ich. Die Kirche soll für den Menschen da sein und nicht umgekehrt. Einfach menschlich, warmherzig und offen. Genauso wie Jesus das ja auch war.

Camino Portugues - Tag 14-123227
Camino Portugues - Tag 14-123235

Ich setzte mich ebenfalls auf den Boden. Die Kühle war sehr angenehm, besonders, da mir immer noch heiß, von der Rennerei war. Als dann der Gesang anfing, hatte ich eine unglaubliche Gänsehaut. Es waren mehrere Pfarrer, aus verschiedenen Ländern da. Als dann jeweils die Fürbitten, in unterschiedlichen Sprachen vorgetragen wurden, bekam ich die nächste Gänsehaut. Hier ist mal der Beginn der Messe, um etwas von der Stimmung wieder zu geben, die dort herrschte. Es hatte einfach etwas, was über eine normale Messe hinaus ging. Die Gemeinschaft all der Pilger, die Priester aus allen möglichen Ländern, dieser feierliche Gesang und überall ergriffene Gesichter. Menschen die weinten, beteten, sich umarmten und dann zu dieser Musik. Das war so unglaublich berührend und atemberaubend schön. Ob man jetzt bewußt an Gott glaubt oder nicht…

Als der Teil der Messe kam, wo man die umstehenden Menschen umarmt oder ihnen als Zeichen des Friedens die Hand gibt, wurde ich traurig. Mir begann zu dämmern, daß mein Vater wohl nicht kommen würde und ich brach in Tränen aus. Er war nicht da. Er wollte keinen Frieden. Die Frau, welche ich gerade umarmt hatte, spürte meine Tränen und hielt mich fest. Sie lies mich weinen und ich weinte bitterlich. Etwas später zwang ich mich aber, mich wieder aus der Umarmung zu lösen und setzte mich zurück auf den Boden. Als die Messe vorbei war, sprach die Frau mich an und es stellte sich heraus, daß sie zu einer Gruppe Musikern gehörte, die durch die ganze Welt reisten, um bei Kirchen zu singen. Alle aus der Gruppe, hatten wunderschöne und sehr große Metallkreuze, um den Hals. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich habe Zuhause, zwar auch oft, ein großes Reliquienkreuz um. Allerdings unter der Kleidung. Ich sagte ihnen, wie beeindruckt ich, von diesen Kreuzen war und daß ich so etwas, noch nie zuvor gesehen hatte. Sie erzählten mir, daß dies besondere Kreuze seien und zwar Jakobuskreuze. Die gäbe es hier nicht im Souvenirladen. „Wow“, staunte ich. Dann nahm eine Frau ihr Kreuz ab und reichte es mir. „Waaaaas?“, fragte ich ungläubig. „Wieso???“ „Weil du ein gutes Herz hast!“, sagte sie und legte es mir um den Hals. Mir stand der Mund offen. Die kannten mich doch gar nicht. Die Gruppe fragte mich, ob ich Hunger hätte und luden mich zum Essen ein. Da ich aber immer noch hoffte, daß mein Vater vielleicht doch noch irgendwo sei, lehnte ich dankend ab. Sie gaben mir eine Visitenkarte und ich steckte sie dankbar ein. Dann verabschiedeten wir uns. Ich machte noch ein paar Fotos von der Kirche und bestaunte die riesengroßen Figuren. Das war schon beeindruckend!

Camino Portugues - Tag 14-131939
Camino Portugues - Tag 14-132406

Danach verließ ich die Kirche und machte mich auf den Weg, um meine Compostela abzuholen:

Ich staunte nicht schlecht, wie lang die Schlange der Wartenden war. Die Wartezeit betrug fast eine Stunde. Aber da ich mit vielen netten Pilgern zusammen in der Schlange stand, verkürzten wir uns die Zeit mit tollen Gesprächen. Mit dabei war ein Vater, ebenfalls mit seiner Tochter. Sie waren gemeinsam den 800 km langen! Camino France gelaufen und zwar in Trekking SANDALEN!!! Übers Gebirge, mit Sandalen?!? Unglaublich! Beide hatten übrigens keine Blasen an den Füßen und sahen einfach nur glücklich aus.

Camino Portugues - Tag 14-140059
Camino Portugues - Tag 14-140107

Als ich endlich an der Reihe war, entschied ich mich zusätzlich zur Compostela, mir für einen geringen Betrag noch eine persönliche Urkunde über die zurück gelegten km, ausstellen zu lassen. Wenn schon, denn schon. Der Name auf der Urkunde, ist im übrigen mein RICHTIGER Name auf LATEIN. Denn Emily ist mein „Spitzname“, den ich zwar seit vielen Jahren (auch außerhalb des Internets) führe, aber der nicht in meinem Personalausweis steht! Und alles, was da nicht drin steht, gilt bei der Compostela auch nicht.

Camino Portugues - Tag 14-150531

Kurz bevor ich zur Kasse wollte, sah ich dort noch einen Souvenirladen und Du wirst nicht glauben, was ich da endlich fand. Richtig, meinen Muschelanhänger und zwar in silber, damit er mir nicht irgendwann mal anlief. Hatte ich ihn also doch noch bekommen. Hier am Ziel! Ich bezahlte und machte mich auf den Weg zu meiner Unterkunft. Erst mal duschen, umziehen und Sachen waschen.

Als ich das alles erledigt hatte, ging ich zurück in die Stadt. Mittlerweile war meine Hoffnung, meinen Vater noch zu sehen, nur noch gering. Warum war er nicht gekommen? Es war der Rucksack, ganz sicher der Rucksack… Ich war ihm sicher wieder mal nicht gut genug. Meine Leistung war nix. Ich hörte innerlich seine Stimme und griff mir an mein Herz. Es tat weh, daß er nicht da war. Es tat weh, daß er nicht stolz auf mich war. Ich war so traurig und spürte, wie die Enttäuschung langsam die Euphorie vertrieb. Zurück blieb Leere und Trauer. Dann erfaßte meine Hand das Kreuz. Gott hatte das gewußt, daß er nicht kommen würde. Auch er bewegt keinen Menschen zu etwas, was der nicht will und dennoch, wollte er mich trösten. Mir war es, als hätte er mir durch das geschenkte Kreuz sagen wollen, daß es für ihn genügt hatte. Auch wenn es für meinen Vater wohl nicht so war. Das gab mir, zumindest wieder so viel Energie, daß ich mich auf die Suche, nach einem Lokal machte. Das fand ich auch, erfuhr aber auch hier, daß die Küche erst viel später öffnen würde. Na toll, dachte ich deprimiert und kaufte mir stattdessen ein Pizzastück zum minehmen, bei einem Imbiss. Dann setzte ich setzte mich auf einen Stein und besah meine Füße. Endlich konnten sie sich erholen.

Camino Portugues - Tag 14-192144

Dann hielten vor mir zwei andere Pilger, begutachteten ebenfalls meine Füße und so kamen wir anschließend ins Gespräch. Sie erzählten mir von einem Klassikkonzert, daß es gleich gratis geben würde. Erfreut machte ich mich auf den Weg dorthin und vergaß natürlich nicht, das eine oder andere Foto zu machen:

Camino Portugues - Tag 14-214237
Camino Portugues - Tag 14-154819
Camino Portugues - Tag 14-214231
Camino Portugues - Tag 14-215802

Als ich den Platz endlich gefunden hatte, was ein ganzes Weilchen gebraucht hat, setzte ich mich zu den anderen Menschen auf die Treppe und hörte erfreut zu. Normalerweise höre ich nicht gerne klassische Musik. Nicht weil ich sie nicht mag, sondern, weil sie mich immer so traurig macht. An diesem Abend aber, freute ich mich trotzdem darüber.

Nach einiger Zeit, wurde es mir jedoch so richtig kalt und ich wollte nur noch eins und zwar einen Pullover. Ich fror wie Espenlaub und schluckte schwer, als ich dann 25 Euro für einen, wenigstens halbwegs, warmen Touripullover berappen mußte. Aber was sollte ich machen, einen Jackenshop gab es da ja nicht. Im Anschluß, ging ich dann, in das zwar teure, aber doch sehr gemütliche Lokal zurück, wo ich zuvor schon gewesen war. Ich war richtig froh, noch einen kleinen Tisch abbekommen zu haben.

Camino Portugues - Tag 14-222528
Camino Portugues - Tag 14-222539
Camino Portugues - Tag 14-222616

Schließlich machte ich noch ein Erinnerungsselfie und verlies etwas später das Lokal. In mir tobten so viele verschiedene Gefühle, die ich einfach nicht gebändigt bekam. Ich war deshalb richtig froh, als ich in der Unterkunft fröhliche und nette Pilger antraf, die mich ein wenig von all dem ablenkten. Da ich so platt und emotional überfordert war, schrieb ich erst am nächsten Tag in mein Tagebuch:

10. Juni 2019

Der Tag war sehr ergreifend, wie auch der komplette Jakobsweg überhaupt etwas besonderes war. Ich war so unglaublich glücklich, es wirklich geschafft zu haben. 260 km in 2 Wochen mit einem Tag Pause. Ich habe jeden einzelnen Tag genossen, selbst die Tage, in denen ich große Schmerzen hatte.

Diese Erfahrung war die beste meines Lebens und am liebsten würde ich gleich weiter laufen. Der Jakobsweg ist für jeden etwas anderes. Aber wer sich wirklich darauf einläßt, der kann jeden Tag kleine Wunder erleben.

Ich habe nichts mehr spüren können, kein Vertrauen mehr zu Menschen gehabt und aus Prinzip erst mal alles und jeden in einem ungesunden Maß hinterfragt.

Hier habe ich gelernt, daß nicht jeder Mensch schlecht ist, mich bestehlen oder nieder machen will. Natürlich gibt es auch hier Menschen, da harmoniert es einfach nicht. Aber die habe ich dann recht schnell gemieden. Zum Schluß, war für mich das große Wunder, daß ich von 2 verschiedenen Gruppen angesprochen wurde. Das ist unglaublich, aber bestätigt dabei auch, was ich mir schon gedacht habe.

Gott hat für jeden den passenden Schlüssel parat und damit bekommt jeder auch genau das auf seinem Jakosweg präsentiert, was er für sein Herz und spirituelles weiter kommen braucht und zwar in geballter Form! Bei mir waren es all die kleinen und zum Schluß großen Erlebnisse, mit all den unterschiedlichen Menschen, die mein Herz gebraucht hat. Bei jemand anderen, mit (ich sag mal) anderen Baustellen, werden es auch andere Erlebnisse sein. Man muß dafür auch nicht besonders gläubig sein. Es passiert jedem, sofern er bereit ist, sich auch auf etwas ganz neues, einzulassen.

Mein Glaube an Gott, war viele Jahre nicht da. Nun bin ich ihm gefühlsmäßig so nah, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Deshalb hatte ich auch nie Angst auf meiner Reise. Ich wußte, ich bin beschützt. Es ist interessant, daß das fremde Menschen gesehen haben. Ich frage mich immer noch, woran sie das gesehen haben. Ich habe ja nicht nonstop davon erzählt.

Genauso wie die Gruppe gestern. Woher wissen sie, daß ich ein gutes Herz habe? Das wußte ich noch nicht mal von mir selbst. Ich habe mich selbst bisher eher nicht so wohlwollend betrachtet. Mich mehr für einen Looser usw. gehalten. Und dann kommen an zwei Tagen hintereinander, solche Menschen mit dieser Botschaft, auf mich zu.

Das geht mir noch immer nach…

Etwas später entdeckte ich im Internet dieses Bild:

Am Pfingstsonntag sind 1736 Pilger in Santiago angekommen und ich war einer davon…