Mein Jakobsweg – vierzehnter Tag von A Picaraña bis zum Ziel in Santiago de Compostela

Diesmal hätte ich keinen Wecker gebraucht. Da ich so aufgeregt war und unbedingt bis um 12 Uhr in Santiago sein wollte, stand ich bereits vor der geplanten Zeit auf. Ich machte mir etwas Wasser in der Mikrowelle warm und kippte, etwas von dem Bröselkaffee in meine Plastiktasse. Anschließend packte ich sie zurück in meinen Rucksack und ging in den Flur. Dort war ein wunderschöner, alter Spiegel an der Wand. Ich stellte mich davor und betrachtete mich für einen Augenblick. Dies war nun der zweite Spiegel auf dem Jakobsweg, dem ich etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte, als üblich. Heute würde ich zu Ende bringen, was ich vor zwei Wochen angefangen hatte und das hoffentlich bis um 12 Uhr Mittags. Denn dann begann die Pilgermesse. Heute war Pfingstsonntag, da würde sicher ganz schön was los sein. Viele Pilger, hatten sich dieses Datum, als Ankunftszeitpunkt gesetzt und diesen besonderen Pfingstgottesdienst, gab es nur am Sonntag. Denn Pfingstmontag wurde in Spanien nicht gefeiert. Es war halb acht und noch 16 km. Das würde ich doch wohl spielend bis um 12 Uhr hin bekommen, oder? Ich setzte einen entschlossenen Blick auf und machte davon ein Bild.

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Aber hallo, natürlich würde ich das hin bekommen! Dann würde heute eben nicht so rum geklüngelt werden, wie sonst. Entschlossen verließ ich die Unterkunft und genoß ein letztes mal, diese atemberaubend schöne Gegend, mit all den alten Steinhäusern.

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Und nur kurze Zeit später, ging es in ein Waldstück. Die großen Steine auf dem Weg, fand ich einfach nur toll.

Im Anschluß an dieses Waldstück, kam eine Möglichkeit zum Frühstücken. Aber da ich nicht sicher war, wie schnell ich sein würde, verzichtete ich lieber darauf. Dafür bewunderte ich für einen Augenblick, all diese weißen und blauen Bänder, die von dutzenden Pilgern beschriftet und am Zaun, hinterlassen worden waren.

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Wenn ich geglaubt hatte, der Weg sei schnell zu bewältigen, wurde ich eines besseren belehrt;, da ein Hügel, nach dem nächsten kam. Es ging rauf und runter. Immer abwechselnd. Das hatte ich mir leichter vorgestellt und japste vor mich hin. Aber auch hier entschädigte mich, die wunderbare Natur, mit den tollen Steinhäusern, für die Anstrengung.

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Ich bedauerte, nicht eher los gelaufen zu sein. Denn durch den Zeitdruck, spürte ich die Anstrengung, des auf und abs viel intensiver, als wenn ich mir mehr Zeit, eingeplant hätte. Ich war schweißüberströmt und gönnte mir trotzdem, keine Pause. Das das so anstrengend, auf die letzten km sein würde, hatte ich mir auch nicht träumen lassen. Als ich dann noch diese Jakobsfigur sah, wußte ich nicht, ob der mich an- oder auslacht.

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Ich hechelte wie ein kleines Hündchen und kämpfte innerlich mit mir. Es war das erste Mal auf dem Jakobsweg, daß ich richtig schnell lief. Das anhaltende Glücksgefühl und ein geheimer Wunsch waren es; die mich entgegen jeder Vernunft und Rücksichtnahme auf Herz- und Hüftprobleme, immer wieder antrieben. Den ganzen Jakobsweg über, hatte ich nämlich gehofft, daß mein Vater am Ziel auf mich warten würde. Das er meine Berichte gelesen hatte und stolz auf mich sein würde. Das er endlich mal über seinen Schatten springen, alles Negative vergessen und einfach nur her kommen würde.

Natürlich waren das naive Wünsche und ich war mir auch nicht sicher, ob er mich vielleicht dafür verachten würde, daß ich meinen Rucksack abgegeben hatte. Viele hatten meinen Ehrgeiz zwar bewundert. Aber, sah das mein Vater, auch so oder würde er denken: „Nicht mal das kann sie richtig machen!“ Ich würde die Antwort erhalten, wenn ich in Santiago war. Ich schwankte zwischen Hoffen und Bangen. Ich war emotional so aufgewühlt, daß ich innerlich und äußerlich zitterte.

Ich war richtig froh, als ich zu diesem Schild kam. Jetzt waren es nur noch 8 km und dies war die letzte Kapelle, vor Santiago. Hier gab es neben dem Stempel, noch eine Pilgerauskunft, was die Pilgermessen in Santiago anging:

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Als ich die Kapelle betrat, war ich etwas verwundert über die Musik und die Stimmung, die sie in mir auslöste.

Nachdem ich das Video gedreht hatte, konnte ich meine Tränen, nicht mehr zurück halten und verlies die Kapelle. Am Infostand, fiel ich einer Frau in die Arme, die mich herzlich drückte. Da mußte ich gleich noch mehr weinen. Ich versuchte mich innerlich zu sammeln, da ich ja weiter mußte.

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Für meinen Vater und die, welche meinen Weg mitverfolgten, machte ich dieses kurze Infovideo, was ich auf meinem Facebookaccount veröffentlichte. Zwei Fliegen, mit einer Klappe. Falls mein Vater kommen würde, sollte er wissen, wo ich war und daß ich auf jeden Fall bald in Santiago ankäme.

Nach einer kurzen Strecke, bekam ich dann den ersten Blick auf Santiago und eine Gänsehaut. Da war es, mein Ziel. Nur noch 8 km. Mein Gott, ich war so aufgeregt.

Und passend zu diesem Schild, kamen immer mehr Pilger. Es war fast unmöglich, noch allein zu laufen. Hatte mich das gestern noch genervt, machte es mich heute glücklich. Die Vorfreude war so deutlich von jedem einzelnen zu spüren, daß sich zusätzlich noch ein Gemeinschaftsgefühl bei mir einstellte. Ich war Teil einer großen Gemeinschaft von Pilgern, die alle das gleiche Ziel hatten und es rückte immer näher.

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Ab jetzt ging es nur noch bergab und ich genoß ein letztes Mal, den Anblick der Weinstöcke und wunderschönen Natur, bevor es in die Stadt hinein ging.

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Da mittlerweile so viele Menschen da waren, schloß ich mich ab Ortseingang einfach spontan, einer Pilgergruppe an.

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Ich war ein bißchen baff, daß der Weg noch so weit war und fühlte mich trotz der Anstrengung, wie getragen. Es war 11:14 Uhr und noch immer 2 km. Da alle in die Messe wollten, hetzten wir den Weg hoch. Ich hatte doch jetzt nicht so Gas gegeben, um es nicht rechtzeitig zu schaffen. Ich japste und keuchte. Bald, bald wäre es so weit… Und dann sah ich sie endlich. Die Kathedrale. Ich holte mein Handy heraus und filmte die letzten 3 Minuten, bis zum Eintreffen. Dann brach ich in Tränen aus:

Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, bat ich jemanden aus der Gruppe, ein Foto von mir zu machen:

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Ich war überwältigt, von all meinen Glücksgefühlen und suchte mit meinen Augen den Platz nach meinem Vater ab. War er gekommen und hatte mich nur noch nicht gesehen? Dabei fiel mir auf, wie riesig der Vorplatz war und wie viele Pilger dort waren. Es war unglaublich. Ich beschloß noch ein Video zu machen und lud beide bei Facebook hoch. Er sollte wissen, daß ich da war. Das ich es geschafft hatte.

Da ich keine Zeit mehr hatte, noch hier stehen zu bleiben, ging ich in die Kirche, in der ersatzweise die Pilgermesse statt fand. Ich war beeindruckt, wie viele Menschen dort waren und wo sie überall saßen. Zwischen den Figuren, auf dem Fußboden. Ich konnte das gar nicht glauben, wie locker das gehandhabt wurde. Ich glaube das wäre in Deutschland unvorstellbar. Ich fand es so toll. Genauso sollte es doch sein, finde ich. Die Kirche soll für den Menschen da sein und nicht umgekehrt. Einfach menschlich, warmherzig und offen. Genauso wie Jesus das ja auch war.

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Ich setzte mich ebenfalls auf den Boden. Die Kühle war sehr angenehm, besonders, da mir immer noch heiß, von der Rennerei war. Als dann der Gesang anfing, hatte ich eine unglaubliche Gänsehaut. Es waren mehrere Pfarrer, aus verschiedenen Ländern da. Als dann jeweils die Fürbitten, in unterschiedlichen Sprachen vorgetragen wurden, bekam ich die nächste Gänsehaut. Hier ist mal der Beginn der Messe, um etwas von der Stimmung wieder zu geben, die dort herrschte. Es hatte einfach etwas, was über eine normale Messe hinaus ging. Die Gemeinschaft all der Pilger, die Priester aus allen möglichen Ländern, dieser feierliche Gesang und überall ergriffene Gesichter. Menschen die weinten, beteten, sich umarmten und dann zu dieser Musik. Das war so unglaublich berührend und atemberaubend schön. Ob man jetzt bewußt an Gott glaubt oder nicht…

Als der Teil der Messe kam, wo man die umstehenden Menschen umarmt oder ihnen als Zeichen des Friedens die Hand gibt, wurde ich traurig. Mir begann zu dämmern, daß mein Vater wohl nicht kommen würde und ich brach in Tränen aus. Er war nicht da. Er wollte keinen Frieden. Die Frau, welche ich gerade umarmt hatte, spürte meine Tränen und hielt mich fest. Sie lies mich weinen und ich weinte bitterlich. Etwas später zwang ich mich aber, mich wieder aus der Umarmung zu lösen und setzte mich zurück auf den Boden. Als die Messe vorbei war, sprach die Frau mich an und es stellte sich heraus, daß sie zu einer Gruppe Musikern gehörte, die durch die ganze Welt reisten, um bei Kirchen zu singen. Alle aus der Gruppe, hatten wunderschöne und sehr große Metallkreuze, um den Hals. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich habe Zuhause, zwar auch oft, ein großes Reliquienkreuz um. Allerdings unter der Kleidung. Ich sagte ihnen, wie beeindruckt ich, von diesen Kreuzen war und daß ich so etwas, noch nie zuvor gesehen hatte. Sie erzählten mir, daß dies besondere Kreuze seien und zwar Jakobuskreuze. Die gäbe es hier nicht im Souvenirladen. „Wow“, staunte ich. Dann nahm eine Frau ihr Kreuz ab und reichte es mir. „Waaaaas?“, fragte ich ungläubig. „Wieso???“ „Weil du ein gutes Herz hast!“, sagte sie und legte es mir um den Hals. Mir stand der Mund offen. Die kannten mich doch gar nicht. Die Gruppe fragte mich, ob ich Hunger hätte und luden mich zum Essen ein. Da ich aber immer noch hoffte, daß mein Vater vielleicht doch noch irgendwo sei, lehnte ich dankend ab. Sie gaben mir eine Visitenkarte und ich steckte sie dankbar ein. Dann verabschiedeten wir uns. Ich machte noch ein paar Fotos von der Kirche und bestaunte die riesengroßen Figuren. Das war schon beeindruckend!

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Danach verließ ich die Kirche und machte mich auf den Weg, um meine Compostela abzuholen:

Ich staunte nicht schlecht, wie lang die Schlange der Wartenden war. Die Wartezeit betrug fast eine Stunde. Aber da ich mit vielen netten Pilgern zusammen in der Schlange stand, verkürzten wir uns die Zeit mit tollen Gesprächen. Mit dabei war ein Vater, ebenfalls mit seiner Tochter. Sie waren gemeinsam den 800 km langen! Camino France gelaufen und zwar in Trekking SANDALEN!!! Übers Gebirge, mit Sandalen?!? Unglaublich! Beide hatten übrigens keine Blasen an den Füßen und sahen einfach nur glücklich aus.

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Als ich endlich an der Reihe war, entschied ich mich zusätzlich zur Compostela, mir für einen geringen Betrag noch eine persönliche Urkunde über die zurück gelegten km, ausstellen zu lassen. Wenn schon, denn schon. Der Name auf der Urkunde, ist im übrigen mein RICHTIGER Name auf LATEIN. Denn Emily ist mein „Spitzname“, den ich zwar seit vielen Jahren (auch außerhalb des Internets) führe, aber der nicht in meinem Personalausweis steht! Und alles, was da nicht drin steht, gilt bei der Compostela auch nicht.

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Kurz bevor ich zur Kasse wollte, sah ich dort noch einen Souvenirladen und Du wirst nicht glauben, was ich da endlich fand. Richtig, meinen Muschelanhänger und zwar in silber, damit er mir nicht irgendwann mal anlief. Hatte ich ihn also doch noch bekommen. Hier am Ziel! Ich bezahlte und machte mich auf den Weg zu meiner Unterkunft. Erst mal duschen, umziehen und Sachen waschen.

Als ich das alles erledigt hatte, ging ich zurück in die Stadt. Mittlerweile war meine Hoffnung, meinen Vater noch zu sehen, nur noch gering. Warum war er nicht gekommen? Es war der Rucksack, ganz sicher der Rucksack… Ich war ihm sicher wieder mal nicht gut genug. Meine Leistung war nix. Ich hörte innerlich seine Stimme und griff mir an mein Herz. Es tat weh, daß er nicht da war. Es tat weh, daß er nicht stolz auf mich war. Ich war so traurig und spürte, wie die Enttäuschung langsam die Euphorie vertrieb. Zurück blieb Leere und Trauer. Dann erfaßte meine Hand das Kreuz. Gott hatte das gewußt, daß er nicht kommen würde. Auch er bewegt keinen Menschen zu etwas, was der nicht will und dennoch, wollte er mich trösten. Mir war es, als hätte er mir durch das geschenkte Kreuz sagen wollen, daß es für ihn genügt hatte. Auch wenn es für meinen Vater wohl nicht so war. Das gab mir, zumindest wieder so viel Energie, daß ich mich auf die Suche, nach einem Lokal machte. Das fand ich auch, erfuhr aber auch hier, daß die Küche erst viel später öffnen würde. Na toll, dachte ich deprimiert und kaufte mir stattdessen ein Pizzastück zum minehmen, bei einem Imbiss. Dann setzte ich setzte mich auf einen Stein und besah meine Füße. Endlich konnten sie sich erholen.

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Dann hielten vor mir zwei andere Pilger, begutachteten ebenfalls meine Füße und so kamen wir anschließend ins Gespräch. Sie erzählten mir von einem Klassikkonzert, daß es gleich gratis geben würde. Erfreut machte ich mich auf den Weg dorthin und vergaß natürlich nicht, das eine oder andere Foto zu machen:

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Als ich den Platz endlich gefunden hatte, was ein ganzes Weilchen gebraucht hat, setzte ich mich zu den anderen Menschen auf die Treppe und hörte erfreut zu. Normalerweise höre ich nicht gerne klassische Musik. Nicht weil ich sie nicht mag, sondern, weil sie mich immer so traurig macht. An diesem Abend aber, freute ich mich trotzdem darüber.

Nach einiger Zeit, wurde es mir jedoch so richtig kalt und ich wollte nur noch eins und zwar einen Pullover. Ich fror wie Espenlaub und schluckte schwer, als ich dann 25 Euro für einen, wenigstens halbwegs, warmen Touripullover berappen mußte. Aber was sollte ich machen, einen Jackenshop gab es da ja nicht. Im Anschluß, ging ich dann, in das zwar teure, aber doch sehr gemütliche Lokal zurück, wo ich zuvor schon gewesen war. Ich war richtig froh, noch einen kleinen Tisch abbekommen zu haben.

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Schließlich machte ich noch ein Erinnerungsselfie und verlies etwas später das Lokal. In mir tobten so viele verschiedene Gefühle, die ich einfach nicht gebändigt bekam. Ich war deshalb richtig froh, als ich in der Unterkunft fröhliche und nette Pilger antraf, die mich ein wenig von all dem ablenkten. Da ich so platt und emotional überfordert war, schrieb ich erst am nächsten Tag in mein Tagebuch:

10. Juni 2019

Der Tag war sehr ergreifend, wie auch der komplette Jakobsweg überhaupt etwas besonderes war. Ich war so unglaublich glücklich, es wirklich geschafft zu haben. 260 km in 2 Wochen mit einem Tag Pause. Ich habe jeden einzelnen Tag genossen, selbst die Tage, in denen ich große Schmerzen hatte.

Diese Erfahrung war die beste meines Lebens und am liebsten würde ich gleich weiter laufen. Der Jakobsweg ist für jeden etwas anderes. Aber wer sich wirklich darauf einläßt, der kann jeden Tag kleine Wunder erleben.

Ich habe nichts mehr spüren können, kein Vertrauen mehr zu Menschen gehabt und aus Prinzip erst mal alles und jeden in einem ungesunden Maß hinterfragt.

Hier habe ich gelernt, daß nicht jeder Mensch schlecht ist, mich bestehlen oder nieder machen will. Natürlich gibt es auch hier Menschen, da harmoniert es einfach nicht. Aber die habe ich dann recht schnell gemieden. Zum Schluß, war für mich das große Wunder, daß ich von 2 verschiedenen Gruppen angesprochen wurde. Das ist unglaublich, aber bestätigt dabei auch, was ich mir schon gedacht habe.

Gott hat für jeden den passenden Schlüssel parat und damit bekommt jeder auch genau das auf seinem Jakosweg präsentiert, was er für sein Herz und spirituelles weiter kommen braucht und zwar in geballter Form! Bei mir waren es all die kleinen und zum Schluß großen Erlebnisse, mit all den unterschiedlichen Menschen, die mein Herz gebraucht hat. Bei jemand anderen, mit (ich sag mal) anderen Baustellen, werden es auch andere Erlebnisse sein. Man muß dafür auch nicht besonders gläubig sein. Es passiert jedem, sofern er bereit ist, sich auch auf etwas ganz neues, einzulassen.

Mein Glaube an Gott, war viele Jahre nicht da. Nun bin ich ihm gefühlsmäßig so nah, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Deshalb hatte ich auch nie Angst auf meiner Reise. Ich wußte, ich bin beschützt. Es ist interessant, daß das fremde Menschen gesehen haben. Ich frage mich immer noch, woran sie das gesehen haben. Ich habe ja nicht nonstop davon erzählt.

Genauso wie die Gruppe gestern. Woher wissen sie, daß ich ein gutes Herz habe? Das wußte ich noch nicht mal von mir selbst. Ich habe mich selbst bisher eher nicht so wohlwollend betrachtet. Mich mehr für einen Looser usw. gehalten. Und dann kommen an zwei Tagen hintereinander, solche Menschen mit dieser Botschaft, auf mich zu.

Das geht mir noch immer nach…

Etwas später entdeckte ich im Internet dieses Bild:

Am Pfingstsonntag sind 1736 Pilger in Santiago angekommen und ich war einer davon…

Mein Jakobsweg – dreizehnter Tag von Caldas de Reis bis A Picaraña

Da Su im Kloster Herbón übernachten und dort aber kein Rucksack hingeliefert werden konnte, würden sich ab jetzt unsere Wege trennen. Ich hatte mir für den kommenden Abend, ein Einzelzimmer gebucht, da es die letzte Etappe vor Santiago sein würde. Da wollte ich in Ruhe, noch einmal alles Revue passieren lassen, bevor es dann an den letzten Abschnitt ging. Ein bißchen wehmütig sah ich auf mein Armband. Su hatte dasselbe um. Wir hatten die Armbänder, als Erinnerung an den Weg und einander in Tui, gekauft. Ab jetzt würde jede von uns, die letzten km, allein gehen. Denn der Weg nach Herbón war ein anderer, als der reguläre. Ich tröstete mich damit, daß es jetzt eh nur noch zwei Tage waren, bis ich in Santiago sein würde und somit am Ziel. Su schenkte mir zum Abschied, den letzten, der von ihr in Portugal gekauften Müsliriegel; weil sie wußte, wie sehr ich diese Sorte liebte. Das rührte mich. Ich steckte ihn ein und machte mich auf den Weg. Denn 30 km, waren kein Pappenstiel. Ich ärgerte mich noch immer, daß ich das Kleingedruckte „A Picaraña“ bei der Unterkunft nicht gelesen hatte. Das gehörte zwar zu Padrón, war aber eben nicht Padrón. Man, man… Als ich auf die Straße trat, war ich sehr froh, daß es nicht regnete und beschloß, kurz vor dem Ortsausgang, nochmal ein paar Bilder zu machen :

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Die Trauerweide, paßte wirklich schön zum Wasser. Es sah, wenn man die Häuserfront gedanklich mal weg nahm, ein bißchen aus, wie auf einem alten Ölgemälde. Außerdem erinnerte mich die Trauerweide, an meine Kindheit. Damals, hatten sowohl meine geliebten Großeltern, als auch meine Eltern, eine im Garten. Ich habe mich dann oft darunter gesetzt. Als ich noch kleiner war, habe ich sogar, gegen die herab hängenden Äste ausgedachte „Schwertkämpfe“ geführt. (Das Schwert existierte natürlich nur in Gedanken.):

Kurz nach dem Ortsausgang, bemerkte ich immer mehr Pilger. Wie üblich setzte ich mich hin und lies sie vor gehen, da ich es nicht mag, wenn jemand direkt hinter mir läuft. Ich nutzte die Zeit, für ein weiteres Foto:

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Zu meiner großen Frustration, stellte ich jedoch fest, daß immer neue Pilger, nach kamen. So viele, konnte ich gar nicht vorgehen lassen, sonst würde ich am Abend noch da sitzen. Ich erinnerte mich kurz an den Film von Hape Kerkeling. So eine ähnliche Szene, gab es da nämlich auch. Nur war der ja, eine ganz andere Strecke gelaufen, als ich. Aber ich glaube, daß es egal ist, welche Strecke man nimmt. Kurz vor Santiago, kommen die ganzen Pilgermassen. Wo waren die eigentlich vorher alle gewesen?

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Zugegebenermaßen, verhagelte mir das erst mal gehörig, die Laune. Ich hatte 30 km an diesem Tag vor mir und wenn ich Pech hatte, war es das wohl mit der Ruhe, gewesen. Ich versuchte, mich trotzdem auf die Gegend zu konzentrieren und machte weiterhin, meine Bilder und Videos:

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Etwas später, kam ich dann an einem Cafe an. Dort war es zwar gerammelt voll, aber ich dachte mir nur, was solls. Ein heißer Kaffee, würde vielleicht meine Laune wieder heben. Ich quetschte mich zur Theke, weil es dort keine Bedienung am Tisch gab und wartete, bis ich mit meiner Bestellung an der Reihe war. Zu meinem Leidwesen, saß der überhebliche Katzenfotograf, genau gegenüber und wollte auch sogleich ein Gespräch anfangen. Der hatte mir jetzt noch gefehlt und ich war richtig erleichtert, als eine ältere Frau aus der Gruppe der Amerikanerinnen, mit denen ich vor zwei Tagen durch den Regen gelaufen war, zu mir kam und mich von diesem Typ erlöste! Sie sagte, sie wolle mir gerne ein Cappie schenken, das sei auch ganz neu. Das hätte noch keiner vor mir getragen. Ich war etwas verwirrt und fragte sie nach dem Grund. Da sagte sie: „Dieses Cappie ist eins von vieren, das die Eltern eines, an einem seltenen Gehirntumor verstorbenen Mädchens, uns vor unserer Reise, als letzten Willen mitgegeben haben. Wir sollten vier Menschen finden, die den Jakobsweg wirklich mit Gott gehen und Du bist einer davon. Das Mädchen hieß Lindsay und begann während ihrer Therapie Cappies für eben jene Patienten herzustellen, die durch die Therapie ihre Haare verloren hatten. Sie schrieb darauf eine Botschaft und die lautete: „b strong“ für: „Bleib stark!“ Heute sollen diese Cappies alle Menschen bekommen, die vor großen Herausforderungen stehen und kämpfen müssen. Wir haben dich beobachtet und fest gestellt, daß Du einen sehr starken Glauben hast und eine Kämpferin bist. Du gehst wirklich Deinen Weg mit Gott und deshalb wollen wir Dir dieses Cappie schenken. Damit Du nie aufgibst und immer stark bleibst!“

Als mir klar wurde, was sie da eigentlich gesagt hatte, brach ich in Tränen aus. Ich nahm das Cappie und sie bat mich um ein Foto. Da diese Fotos sowieso alle öffentlich zu sehen sind, werde ich sie auch hier, in meinem Eintrag, veröffentlichen:

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Dann führte sie mich, zu den anderen aus der Vierergruppe und ich sah zu meiner Freude und Überraschung, Barbara wieder. Sie war ebenfalls eine, der vier Personen, die ein Cappie bekam. Jetzt wußte ich auch, warum wir uns gleich so gut verstanden hatten und wer ihre Mädels waren, denen sie von mir erzählt hatte.

Hier nochmal ein Bild von uns vieren, zusammen mit Sharon, die mir mein Cappie überreicht hatte.

Camino Portugues Tag 13
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Clara (links) hat von Laura (rechts) ihr Cappie bekommen

Camino Portugues - Tag 13-bestrongday (3)

Barbara (links) hat von Myra (rechts) ihr Cappie bekommen

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Mia (links) hat von Marcia (rechts) ihr Cappie bekommen

Camino Portugues - Tag 13-bestrongday

Und ich von Sharon

Ich brauchte eine Stunde, um mich zu beruhigen und habe während des Laufens weiter geweint. Aber diesmal nicht vor Trauer, sondern, weil es so schön war. Ich habe mich nie, für einen wertvollen Menschen gehalten. Im Gegenteil. Ich wußte von klein auf, daß ich anders war. Und zwar im unangenehmen Sinne. Ich hatte als Kind keine wirklichen Freunde, war meistens allein und ausgegrenzt. Ich wußte nicht, was ich falsch machte. Aber irgendetwas hatte ich wohl an mir, was die Menschen abstieß. Immer schon. Es war wie ein unsichtbarer Fluch. Ich war alles mögliche, nur nicht normal. Nicht so wie andere und deshalb meistens allein. Oder aber von Menschen umgeben, die meinen Hunger nach Liebe ausnutzten, indem sie mich zu ihrem Vorteil manipulierten. Ich spürte dieses anders sein, täglich. Jahrelang, wie ein Dorn in meinem Herzen, der sich einfach nicht entfernen ließ. Das war, mit einer der Gründe, weshalb ich mich in den letzten Jahren, komplett zurück gezogen hatte. Bevor ich noch mal solche Menschen anzog, wollte ich lieber allein sein und merkte gar nicht, wie sehr ich vereinsamte… Und auf einmal, zum überhaupt allerersten Mal, waren da Menschen, die sahen etwas in mir, was ich nicht sehen konnte. Und sie waren real. Versteh mich nicht falsch, ich freue mich darüber, daß Du bei mir liest und vielleicht auch schreibst. Aber doch ist das Internet anonym. Nicht so recht greifbar. Du und ich, wir haben eine Distanz. Die war bei diesen Menschen einfach nicht da, weil sie real vor mir standen. Ich konnte sie „anfassen“ und sie mochten mich. Trotzdem sie mich in echt sahen. Wie konnte das sein? Und woher wußten sie so genau, daß ich mit Gott meinen Weg ging? Ja, ich hatte natürlich meine Bindung zu Gott verstärkt, aber damit ging ich ja nicht hausieren. Es sei denn, ich wurde gefragt.

Ich hatte, nichts mehr von diesem Leben erwartet und wurde deshalb umso mehr überrascht. Es hat mich wirklich von den Socken gehauen. Ich, die immer anders war, bekam so ein Geschenk. Das bedeutete mir so unglaublich viel, das kann ich auch heute, nicht mal im Ansatz wieder geben. Wenn man immer denkt, man sei lästig, überflüssig und paßt hier nicht in diese Welt- zu den anderen, zu den normalen… Dann ist so etwas, überwältigend! Und trotzdem ich während des Laufens weinte, versuchte ich noch, ein paar Videos und Bilder zu machen. Denn schon morgen würde der Weg zu Ende sein. Je kürzer die Strecke wurde, umso wertvoller, erschien mir jeder einzelne Augenblick:

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Camino Portugues - Tag 13-112249
Camino Portugues - Tag 13-112509
Camino Portugues - Tag 13-112521
Camino Portugues - Tag 13-131929
Camino Portugues - Tag 13-131937

Als ich etwas später an einer Statue vom Jakobus vorbei kam und die Fotos von den Menschen dort sah, die sicher auch noch lebten; holte ich das Paßbild hervor, was ich jüngst für meinen Ausweis hatte machen lassen und legte es dazu. Damit es sich nicht gleich, beim ersten Regenguß in Wohlgefallen auflöste, packte ich es in die Folie, zu einem anderen Paßbild. Es war das erste Mal, daß ich etwas von mir persönlich, auf dem Jakobsweg hinterlassen hatte…

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Camino Portugues - Tag 13-132304

Etwas später kam ein weiteres Cafe, mit angeschlossenem Supermarkt. Ich traf Sharon und auch Su wieder. Das freute mich. Sharon zeigte mir auf ihrem Handy nochmal die Interseite, der b-strong Organisation und Lindsays Geschichte. Ich notierte sie mir, um sie mir später in Ruhe ansehen zu können. Für jeden, der das auch tun möchte, ist hier die Adresse: www.bstrong.ca Danach setzte ich mich zu Su an den Tisch.

Etwas später, raffte ich mich wieder auf und ging weiter. Mein Weg war noch immer sehr lang und mir taten jetzt schon die Füße weh. Appropo Füße, das fand ich ja auch wieder ganz lustig. Am liebsten, hätte ich meine Schuhe mit dazu gehangen. Aber barfuß laufen, war dann doch keine Option. Die Blasen waren zwar am verheilen. Dennoch schmerzten meine Füße und das kam durch die falschen Schuhe. Ich lies also meine Schuhe an, begnügte mich mit einem Foto und ging weiter.

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Dieses Haus fand ich auch richtig toll und der alte Trecker im Garten, hatte ebenfalls etwas. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre:

Camino Portugues - Tag 13-144207
Camino Portugues - Tag 13-150903

Kurze Zeit später, mußte ich wieder anhalten, weil ich die Ziegen so niedlich fand:

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Und dann endlich war es so weit und ich kam in Padrón an:

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Camino Portugues - Tag 13-160000
Camino Portugues - Tag 13-155942
Camino Portugues - Tag 13-152738

Es war wirklich schade, daß ich mir die Stadt nicht richtig angucken konnte, weil mein eigentliches Ziel, noch 8 km entfernt war. Das deprimierte mich schon sehr. Besonders, als ich Musik hörte, die immer lauter wurde. Ich folgte den Klängen

und war total überrascht, auf einem Fest gelandet zu sein. Trotz meiner Schmerzen, versuchte ich ein bißchen, mit zu tanzen und freute mich, über diese schöne Abwechslung. Auch das war Spanien und zum ersten Mal, fühlte ich mich, wie im Urlaub.:

Im Anschluß, suchte ich wie üblich die Kirche auf, um sie mir anzusehen und den Stempel zu holen:

Dort kaufte ich mir, einen schönen Rosenkranz aus Olivenholz, zündete eine Kerze an und machte mich schweren Herzens, wieder auf den Weg. Meine Füße taten wirklich weh und deshalb versuchte ich, mehr mit den Stöcken zu arbeiten. Die Landschaft, durch die ich jetzt ging, war ein Traum und entschädigte mich für die Schmerzen, die ich beim Laufen hatte:

Camino Portugues - Tag 13-162422
Camino Portugues - Tag 13-165742
Camino Portugues - Tag 13-171111
Camino Portugues - Tag 13-180253
Camino Portugues - Tag 13-180319
Camino Portugues - Tag 13-181041
Camino Portugues - Tag 13-202610

Als ich irgendwann endlich an meiner Unterkunft ankam, wäre ich am liebsten ins Bett gefallen. Aber natürlich ging das nicht und ich hatte vor allem eins: Hunger! Als ich die Pilger, die dort waren fragte, wo man hier etwas essen gehen könnte, drückten sie mir, mit der Aufforderung „Iß!“ eine Tüte in die Hand. Ich nahm mir nur ein bißchen davon und gab ihnen den Rest dankbar zurück, da ich trotzdem noch etwas warmes, essen wollte. Und diesmal konnte es auch ruhig teurer sein, denn dieser Abend, war für mich, etwas ganz besonderes. Nicht nur wegen dem, was ich mit den Amerikanerinnen erlebt hatte, oder daß ich laut meinem Tracker an die 30 km gelaufen war; sondern hauptsächlich, weil es die letzte Etappe vor meinem Ziel war.

Das Essen selbst, war trotz des höheren Preises, nicht der Burner. Aber heute, störte mich das ausnahmsweise mal, nicht so sehr. Ich war innerlich viel zu aufgewühlt. Als ich zurück in meiner Unterkunft war und allein in meinem Einzelzimmer lag; da vermißte ich mit einem Mal, das Geschnarche der anderen und fühlte mich einsam. Wahnsinn, das hätte ich nie gedacht! Zwei Wochen nur und ich war so verändert. Noch nie sind mir so viele Wunder geschehen, wie auf diesem Weg und wie sich später heraus stellte, sollten das auch nicht die letzten gewesen sein. Nachdenklich schrieb ich in mein Tagebuch:

8. Juni 2019

Die heutige Strecke war extrem lang und trotzdem, für mich, die bisher schönste. Deshalb habe ich auch sehr viele Bilder und Videos gemacht. Ich liege hier, zum ersten Mal seit Reisebeginn, in einem Einzelzimmer und bin ein bißchen wehmütig, da morgen, zumindest dieser Jakobsweg, vorbei ist.

Aber ich habe Blut geleckt und möchte irgendwann noch, den großen 800 km Camino France gehen. Allerdings, körperlich besser vorbereitet und mit den passenden Wanderschuhen. Denn meine sehen zwar gut aus, haben sich aber, als für meine Füße, falsch entpuppt. Ach ja, nicht zu vergessen auch das vernünftige Regencape (wird vorher unter der Dusche getestet!) und Regen Verhüterlis für die Schuhe. (Die habe ich bei Su gesehen und wiegen auch nicht viel). Denn meine Wanderschuhe waren trotz Imprägnierung und Goretex, innen sowas von naß, daß sie auch mit Fön, nicht richtig trocken wurden. 😂😂😂 Der Kissenbezug hingegen, kann Zuhause bleiben und das Hirschtalgcremezeug kann mich mal kreuzweise!

Aber zurück zum Eigentlichen. Dieser Tag war sehr emotional. Von anfänglichem Genervtsein über die Pilgerhorden, hin zu einer absoluten Tränenflut wegen dem Cappie (ich habe mich bestimmt eine Stunde nicht eingekriegt und während des Laufens weiter geweint), bis zu totaler Euphorie bei dem Fest in Padrón, wo ich versucht habe, ein bißchen mitzutanzen. Dann ging es weiter, in einer absolut malerischen Traumkulisse, bis zu meiner Unterkunft.

Ja und morgen, bin ich in Santiago de Compostela. Ich bin überwältigt von dem Gedanken, dann den portugiesischen Jakobsweg, trotz aller Schmerzen, geschafft zu haben. Teilweise mußte ich wirklich kämpfen und ich bin nicht die einzige, die sich viele Ibus rein geworfen hat, weil einfach alles weh tat. Bei mir ja sogar hüftmäßig besonders heftig.

Nun versuche ich zu schlafen und freue mich morgen auf die letzten km.

Mein Jakobsweg – zwölfter Tag von Pontevedra nach Caldas de Reis

Da unsere nächste Unterkunft bereits gebucht war, teilten Su und ich, das gekaufte Essen vom Vortag, unter uns auf und verließen anschließend in aller Ruhe die Wohnung. Mein Schuhe, waren immer noch nicht ganz trocken. Aber es half ja nichts, da mußte ich jetzt eben durch. Dafür waren die restlichen Sachen, wieder einigermaßen getrocknet. Ich zog vorsichtshalber, meine Regensachen wieder über und hoffte, daß es heute nicht so stark regnen würde, wie am Vortag. Da ich wieder meinen Bröselkaffee, mit lauwarmen Leitungswasser getrunken hatte, verzichtete ich darauf in ein Cafe zu gehen und verließ gemütlichen Schrittes, Pontevedra.

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Nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erinnerte mich das Jakobsbild und etwas später, die Schrift auf der Mauer wieder daran, daß ich meinem Ziel immer näher kam und ich bekam eine Gänsehaut. Lange würde es nicht mehr dauern und ich war in Santiago. Allein der Gedanke, löste eine solche Vorfreude in mir aus, die ich mit keinem Wort, beschreiben kann!

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Das Wetter hingegen, nervte mich total. Mal fing es an zu regnen und dann, wenn ich endlich wieder die volle Montur an hatte, hörte es plötzlich auf und wurde sehr warm. Es war ein ständiges an- und ausziehen, was meinem 8 Euro Regencape, gar nicht gefiel. Am Anfang, hatte ich nur Belüftungsschlitze, unter den Armen. Danach, kamen immer mehr Löcher hinzu. Wenn Du das Foto mal vergrößerst, siehst Du unter meinem Arm auf der rechten Seite im Achselbereich, bereits das erste große Loch. Ich versuchte es mit Humor zu sehen. Ich lachte sowohl über mein, sich auflösendes Regencape, als auch über meinen neuen Flirt, den das überhaupt nicht interessierte:

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Etwas später, sah ich dann diesen schönen Engel:

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Nach einer Weile, kam ich an einen der vielen Rastplätze für Pilger, wo Getränkeautomaten standen und man nicht nur gratis ein Klo benutzen durfte, sondern auch noch hätte duschen, können. Wer wollte, konnte etwas spenden, mußte es aber nicht. So etwas, habe ich bisher, ja noch nirgendwo gesehen. Bei uns zahlt man ja schon 50 cent für dreckige WCs und hier, konnte man sogar umsonst duschen! Das fand ich so toll, daß ich sogar ein Bild davon, gemacht habe:

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Da ich nicht duschen mußte, trank ich zur Unterstützung der Sache, stattdessen eine kalte Limo, aus dem Automaten und versuchte ein Foto von einer schneeweißen Katze, mit zwei verschiedenen Aufgenfarben zu machen. Das stellte sich, als gar nicht so einfach, heraus. Einem anderen Pilger, gelang dann ein schönes Bild. Ich fragte ihn, ob er mir das per bluetooth auf mein Handy schicken könnte. Aber er verneinte das, mit den Worten, das er das Foto verkaufen will. Okay…….

Also versuchte ich es weiter und er beobachtete mich dabei. Ich glaube, ich brauche nicht weiter zu erklären, wie unsympathisch, dieser Mensch mir wurde. Ich war froh, als ich es dann endlich geschafft hatte und präsentierte ihm aus Trotz das Ergebnis. Davon abgesehen, hatte er mir eh schon die ganze Zeit, auf mein Handy geschielt. „Hast es ja doch geschafft.“ meinte er überheblich. Ja, hatte ich! Als er mir dann noch oberlehrerhaft erklären wollte, daß ich die Augenpartie, ja noch ausschneiden könnte, habe ich ihm in dann Gedanken, ein paar nicht so freundliche Ausdrücke, an den Kopf geworfen… Für wen hielt der sich eigentlich? Ich war froh, als er weiter ging und ich lies ihm auch noch einen großzügigen Vorsprung. War besser, als irgendwann, doch noch mal ausversehen, „laut“ zu denken.

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Im gleichen Ort, sah ich eine Werkstatt mit einem Vorhang aus Blechdosen. Das fand ich ja originell und war mir auf jeden Fall ein Foto wert. Was das hier an Pfand wäre- lool

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Und dann endlich, ging es wieder hinein, in die wunderschöne Natur. Vorbei an Bachläufen und kleinen Miniaturwasserfällen. Ein absoluter Traum zum Filmen, Fotografieren und Verweilen:

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Da ich aber, noch eine lange Strecke vor mir hatte, konnte ich leider nicht allzu lange an den schönen Plätzen bleiben. Schließlich, war ich aufgrund meiner Hüftprobleme, eh schon extrem langsam. Nicht, daß mich das sonderlich gestört hätte, aber so hatte ich insgesamt nicht so viel Zeit, wie ich gerne an manchen Orten, verbracht hätte. Dafür beschloß ich dann aber, an diesem schönen Cafe anzuhalten und zur Abwechslung mal, einen heißen Kaffee, zu trinken.

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Am Tisch gegenüber, saß eine junge Frau, mit einem älteren Mann. Es stellte sich heraus, daß es Vater und Tochter waren, die den Jakobsweg gemeinsam gingen. Sie lachten, waren glücklich und sprachen über die noch bevor stehenden Etappen. Wieder wurde ich traurig. Ich freute mich für die Beiden. Aber jedes Mal, wenn ich Eltern mit ihren erwachsenen Kindern den Jakobsweg gehen sah, versetzte es mir einen Stich und diese sah ich öfter. Ich versuchte, mich von dem Bild der Beiden loszumachen und auf etwas anderes zu konzentrieren.

Mein Regencape zum Beispiel. Bzw. das, was davon, noch übrig geblieben war. Ich riß mir ein ausreichend großes Stück davon ab, um mein Baguette als Regenschutz darin einzuwickeln und schmiß den Rest davon, in den Mülleimer. Dann stand ich auf und hoffte, daß sich für den Rest des Tages, der Sonnenschein durchsetzen würde. Glücklicherweise hielt sich das Wetter, bis auf ein paar ganz leichte Regenschauer, auch tatsächlich.

Weiter ging es, durch ein paar wirklich kleine Orte, mit nur vereinzelten Häusern; die aber dennoch, ihren ganz eigenen Charme, hatten. Besonders dieser tolle Bauerngarten, hatte es mir angetan:

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Und passend dazu, kam nur etwas später, dieses tolle Straßenschild:

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„Höre nie auf zu träumen!“ Wahre Worte und ich fragte mich auch sogleich, was meine Träume waren? Ich hatte Träume, bevor ich los ging. Waren es eigentlich noch immer dieselben? Ich stellte fest, daß ich keine Antwort mehr auf diese Frage hatte.

Ich hatte genau gewußt, was ich will. Nur wie ich es umsetzen könnte, war mir nicht klar. Aber mittlerweile, war so viel in mir passiert. Wollte ich jetzt immer noch dasselbe, was ich vor dem Jakobsweg gewollt hatte? Mein Traum war es stets, wieder im Spreewald zu wohnen. Das erste Gebiet, wo ich mich in meinem Leben, wirklich Zuhause gefühlt hatte. Auch wenn ich nicht gebürtig, von dort kam.

Bei meinem letzten Berlinurlaub, war ich wieder dort gewesen. Nach so vielen Jahren. Das Haus im Wald, was ich mit meinem Exmann bewohnt hatte, war nicht mehr dasselbe. Es war umgebaut und anschließend verlassen worden, weil die Baugenehmigung dafür gefehlt hat. Die Menschen, die früher in der Waldsiedlung gewohnt hatten, waren fast alle weg gezogen oder gestorben. Nur zwei alte Nachbarinnen, lebten noch dort. Sie erzählten mir, was in der Zwischenzeit alles geschehen war. Der ganze Ort, inklusive der Waldsiedlung, die etwas außerhalb lag, waren bis auf wenige Menschen verlassen. Es hat mir fast das Herz zerrissen. Aber komischerweise TROTZDEM nichts, an meinem Zuhausegefühl, geändert. Als ich aus dem Bus stieg, fühlte ich, ich war Zuhause und ich wußte, daß dieser Ort in meinem Herzen, immer mein Zuhause bleiben würde. Genauso spürte ich intensiv, daß ich irgendwann einmal, dorthin zurück kehren wollen würde.

Irgendwann… Irgendwie… Wenn es dort wieder so etwas, wie eine Infrastruktur gäbe. Das war mein Traum. Zurückgezogen leben, mitten im Wald. Wie früher. Mit nur wenigen Nachbarn, Ruhe und Frieden. Nicht im selben Haus, wie damals. Aber irgendwo dort, in der Nähe.

Doch wollte ich das NOCH IMMER? Hier auf dem Jakobsweg, hatte ich gemerkt, wie schön es sein kann, auch mal unter Menschen zu sein. Zumindest ab und zu. Ich würde nie ein Stadtmensch werden, das war klar. Aber ein totales Eremitendasein wie bisher? Bis an mein Lebensende? Hatte ich wirklich, immer noch denselben Traum? Ich war mir nicht mehr sicher und ging gedankenversunken weiter.

Schließlich kam ich zu diesem Straßenschild und dachte nur ganz erstaunt: „WOW!“ Über die Autobahn wären es nur noch 40km bis zum Ziel! 40!!!

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Ich bekam wieder eine Gänsehaut. Nur noch wenige Tage, dann war ich da. Mein Gott! Etwas später, zeigte dann der Wegweiser des Jakobswegs 50 km an und auch das, war einfach nur, ein Wahnsinnsgefühl! Ich konnte es nicht fassen. So weit gelaufen, trotz allem und schon bald war ich am Ziel…

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Und weiter ging es, durch wunderschönen Weinstöcke:

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Bis zu diesen süßen Eseln, denen ich ebenfalls eine Weile zusah:

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Dann kam wieder, ein liebevoll gestalteter Rastplatz, für Pilger. An diesem habe ich jedoch nichts getrunken, weil ich weiter wollte. Trotzdem fand ihn so schön gestaltet, daß ich davon mal zwei Fotos gemacht habe:

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Nur etwas später, kam ein weiteres Stopschild, mit einem anderen Text:

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„Hör auf zu jammern und fang an glücklich zu sein!“ Prinzipiell nicht so einfach, aber in diesem Augenblick, konnte ich es. Schließlich war das Wetter besser, die Landschaft schön und es waren weniger als 50 km bis zum Ziel. Wenn das nicht glücklich machte, dann wußte ich es ja auch nicht! Und wie zur Belohnung, kam ich schließlich auch, in Caldas de Reis an. Als erstes, steuerte ich natürlich, die Unterkunft an. Su hatte mir von unterwegs, bereits eine whatsapp geschickt, daß das Hostel super wäre und ich mich schon mal freuen könnte. Tatsächlich. Hier gab es eine Küche, ein gemütliches Zimmer, zwei Bäder und auch genug Platz, um Wäsche aufzuhängen.

Allerdings, wollte der erst mal gefunden werden. Su sagte nur, beim Badfenster. Aber ich stand davor und sah einfach nichts. Irgendwann war ich so verzweifelt, daß ich es öffnete. „Ach nö…“, dachte ich mir nur. Da waren also, die Wäscheleinen. Ich schaute nach unten. Wir waren recht weit oben und es wäre echt blöd, wenn mir da was runter fiel. Also zog ich die Leine, immer schön langsam zu mir heran und kontrollierte jede Wäscheklammer, doppelt. Ich hatte nämlich keine Ahnung, wie ich in den Innenhof kommen könnte, falls mir doch ein Wäschestück nach unten flog. Ich war richtig erleichtert, als endlich alles hing.

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Anschließend ging ich wieder in die Stadt, um nach etwas eßbarem Ausschau zu halten. Am Ortseingang hatte ich etwas, von einem günstigen Pilgermenü gelesen und machte mich, auf den nicht ganz unweiten, Weg. Immerhin, konnte ich mir so, noch mal die Naturlandschaft innerhalb des Ortes ansehen und war begeistert:

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Natürlich, wollte ich auch die Kirche, in Caldas de Reis besuchen und hatte wie am Tag zuvor Glück, daß der Gottesdienst kurz bevor stand. Das Beste daran war allerdings, daß es diesmal keine Orgelmusik, sondern Gitarrenmusik gab. Neben dem offiziellen Sänger, sang auch die ganze Gemeinde, Lied für Lied mit. Als dann zum Abschluß noch das Lied „blowing in the wind“ auf spanisch erklang, hatte ich nicht nur Gänsehaut, sondern auch Tränen in den Augen. So wunderschön war das! Ich war viel zu ergriffen, um das zu filmen. Außerdem wollte ich es erleben und spüren. Mit einer Kamera in der Hand, geht das nicht so gut! Aber ich machte dafür im Anschluß ein Foto. Rechts sind also der Gitarrenspieler, mit dem Hauptsänger zu sehen:

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Für diejenigen, welche das Lied nicht kennen, habe ich es, als ich wieder Zuhause war, mal nachgesungen. Egon hat mich dann dazu, auf seiner Gitarre begleitet. Zur Erinnerung, an diesen wundervollen Gottesdienst. Nein, natürlich nicht professionell oder gar auf spanisch. Die Sprache, beherrsche ich leider nicht. Aber dafür spontan und auf englisch:

Nachdem der Gottesdienst vorbei war, freute ich mich, endlich etwas essen zu können. Als ich mich bis zum Ortseingang, der auf einem Hügel lag, hoch gekämpft hatte; bestellte ich mir, das angepriesene Pilgermenü. Aber irgendwie war der Geschmack, doch extrem bescheiden und ich aß deshalb nur, das Allernötigste. Auf dem Rückweg freute mich innerlich bereits, auf die Reste meines Baguettes, das ich noch übrig hatte. Ich machte noch ein paar Fotos und genoß dabei, den schönen Abendspaziergang:

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In der Unterkunft angekommen, begutachtete ich stolz, meinen Pilgerausweis:

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Dann las ich noch einmal meinen Tagebucheintrag durch, den ich in der Bar geschrieben hatte, während ich versuchte, mir das Pilgermenü herunter zu würgen:

7. Juni 2019

Der heutige Tag war echt anstrengend. Besonders am Anfang gab es einen ständigen Wechsel zwischen Regen und Sonne. Kaum hatte ich mein Regencape aus, weil es nicht mehr regnete und schnell heiß wurde, kam der Regen zurück und umgekehrt. Irgendwann hatte mein schwarzes 8 Euro Regencape, dann eine Achselbelüftung, dicht gefolgt von einzelnen Lüftungsschlitzen. Ja… Ich habe mir dann einen Teil abgerissen, was absolut keiner Anstrengung bedurfte und es so als Baguettetrockenhalter umfunktioniert. 😂😂😂

Jetzt sitze ich in einer Bar, mit recht beschiss… ähm bescheidenem Essen, aber schnellem wlan. Man muß ja immer das Gute im Schlechten suchen 😜

Es war wunderbar, durch die ganze Weinreben zu laufen. Landschaftlich, mit eines meiner absoluten Highlights, auf dem Jakobsweg.

Ich hatte das Glück, wieder ein Gottesdienst abpassen zu können und diesmal gab es dazu Gitarrenmusik. Das Lied „blowing in the wind“ auf spanisch, von der Gemeinde gesungen. Was soll ich sagen? Gänsehaut pur und mir liefen wieder die Tränen. Einfach schön!

Morgen habe ich einen Gewaltmarsch von 30 km vor mir, sofern mir nicht vorher die Füße abfallen. Das ist aber meine eigene Schuld, da ich bei der Buchung meiner Unterkunft nicht bemerkt habe, wie weit sie von meinem ursprünglichen Ziel „Padrón“ entfernt ist. Das war der kleine Zusatz „bei Padrón…“ 🙈🤣🙈 Aber als kleiner Trost, check in ist bis 21 Uhr und es liegt eh auf dem Weg. Dafür sind die letzten 2 Etappen dann auch extrem chillig!

Jetzt werde ich mich gleich ins Bett schleppen und wahrscheinlich Komaschlaf halten.

Ps: Und so verboten rum rennen, kann man auch nur hier als Pilger. Stört absolut keinen! Ich war sogar so in der Kirche.

Alle meine Sachen sind auf der Wäscheleine und die Schuhe zieht jeder aus, damit die Füße Luft kriegen. 😂😂😂

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Mein Jakobsweg – zehnter Tag von O Porriño nach Cesantes

Da ich glaubte, die schlimmsten Hüftschmerzen bereits hinter mir zu haben, nahm ich gar keine Schmerztablette, vor dem Schlafen. Umso furchtbarer war dann allerdings, mitten in der Nacht das Erwachen, als alle Schmerzmittel restlos aus dem Körper geschwemmt und die Schmerzen somit wieder da waren. Ich hatte mich verschätzt. Durch die ständige Einnahme, des Ibusprofens, hatte ich geglaubt, daß die Schmerzen weg wären. „Wie blöd, kann man nur sein?“, schimpfte ich innerlich mit mir und bekam Panik, daß ich meinen Rucksack tragen müßte. Ich hatte ihn nämlich nicht zum Transport angemeldet, weil ich ja von meiner Heilung überzeugt war. „Oh mein Gott, wenn ich den jetzt tragen muß. Wie soll ich das denn schaffen? Nein!“ Ich betete innerlich zu Gott, daß es am nächsten Tag, doch noch irgendwie möglich wäre, den trotzdem noch weg zu schicken. Und tatsächlich. Ein paar Sunden später, kam eine der netten Betreiberinnen des Hostels und rief den Transportservice an. Ich war positiv überrascht, daß es sogar nur noch 5 Euro kostete. Su und ich, die sich ebenfalls wieder, spontan fürs verschicken entschieden hatte, guckten ganz erstaunt. Die Mitarbeiterin lachte: „Was habt ihr bezahlt? 7 Euro? Da haben sie euch aber übers Ohr gehauen. Das kostet hier in Spanien immer nur 5 Euro, pro Etappe.“ Su und ich waren aber viel zu erleichtert, um uns darüber zu ärgern und beschlossen, gemeinsam zu frühstücken. Um die Ecke, gab es ein tolles Cafe und dort war es üblich, zu dem extrem günstigen Kaffee, noch gratis etwas Gebäck zu bekommen. Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Denn so ein kostenloses Extra, gibt es in Deutschland, meines Wissens nicht. Und als wir dort saßen, setzte sich auch noch eine andere nette Pilgerinnen zu uns an den Tisch. Es war ein wirklich schöner und entspannter Morgen.

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Nach dem Frühstück, trennten sich unsere Wege erst mal wieder und ich war froh, daß es zwar total bewölkt, aber wenigstens nicht regnerisch war.

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Besonders amüsant fand ich dann dieses Straßenschild. Während bei uns vor Wildwechsel gewarnt wird, wurde hier vor Pilgern gewarnt. Ich finde es immer noch lustig und muß beim Anblick des Fotos, erneut grinsen:

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Ich war richtig froh, als es sich nach und nach etwas aufklarte. Es ist wirklich schöner, mit wenigstens einem Hauch von Sonnenschein zu pilgern. Als alles nur, grau in grau, zu sehen.

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Gegen 11 Uhr kam ich dann an dieser schönen Kirche in Mos an und ging hinein:

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Ich war beeindruckt von all den schönen Figuren und der Atmoshäre. Aber auch davon, wie viel man in einen so kleinen Raum packen kann. Wahnsinn. Teils wirkte die Kirche, wie so eine kleine Höhle mit einer großen Schatzkammer, voller kostbarer Figuren.

Als ich zu den ganzen Kerzen kam, spürte ich mir, das tiefe Bedürftnis, eine für meinen Vater zu entzünden. Ich hatte die ganze Zeit über an ihn denken müssen. Eigentlich jeden Tag. Versunken in guten, wie in traurigen Erinnerungen. Ein Teil von mir, vermißte ihn noch immer. Auch wenn er, diesen Kontakt ablehnte und mir nicht mal mehr auch nur eine Zeile schrieb. Dennoch ist da ein Teil, das innere Kind in mir, welches von ihm verlassen wurde und ihn trotzdem jeden einzelnen Tag vermißt. Ich habe ja in meinem letzten Beitrag davon berichtet. Ich hatte nur nicht erwähnt, daß es mein größter Schmerz war, von meinem Vater verlassen worden zu sein und nicht nicht der, von einem Mann, wie du vielleicht dachtest.

Auch wenn das bereits einmal passiert war. Aber der Schmerz darüber, ist lange verwunden. Der Schmerz zu meinem Vater hin, jedoch nicht.

Ich weiß, daß ich ihm nie genügen kann. Es gibt wohl nichts, was er nicht im praktischen Sinne, besser beherrscht als ich und sowas wie mit der Hüfte, wäre ihm gewiß nie passiert. Dafür ist er viel zu erfahren. Ich wußte all diese Dinge und doch hatte ich in meinem Herzen ganz stark das Bedürftnis, ein Zeichen der Liebe und Hoffnung zu setzen. Ich hatte das Gefühl zu spüren, daß er diese Kerze nötig hatte. Das irgend etwas in seinem Inneren traurig war. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet und es war meine eigene Traurigkeit, die ich auf ihn projiziert habe?

Ich machte für ihn, diese Kerze an und ich wollte, daß er das auch weiß. Das er es spürt oder wenigstens liest. Das hätte aber voraus gesetzt, daß er sich für meine Facebookeinträge interessiert. Geschweige denn, daß er sich überhaupt für mich interessiert. Heute weiß ich, daß er das wohl nicht getan hat und all dies nur meinem Wunschdenken entsprach. Trotzdem war es mir in diesem Augenblick wichtig und gab mir für einen kostbaren Moment, ein Stück weit inneren Frieden und eine innere Verbundenheit. Wenn auch nur in meinen (Wunsch-) Gedanken.

Als ich aus der Kirche hinaus trat, sah ich Su wieder, die mir einen tollen Ring präsentierte, den sie, in einem Tourishop gekauft hatte. Ich war begeistert und ging ebenfalls hinein. Ich hoffte nach wie vor, eine schöne Kette, mit einer kleinen silbernen Jakobsmuschel zu finden. Aber auch hier, war das nicht der Fall. Dafür kaufte ich mir, diesen schönen Ring. Innen drin steht Ultreia und außen sind abwechselnd, die Pfeile und Jakobsmuscheln zu sehen. Ultreia ist übrigens ein alter Pilgergruß, der aufmuntern und mutmachen soll. Er bedeutet so viel, wie „Vorwärts! Weiter!“

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Es gibt sogar ein deutsches Pilgerlied dazu. Hier ist der Text:

‚Ultreia‘ – Lied der Pilger am Jakobsweg Melodie und Worte: Jean-Claude BENAZET, F 1989 * deutscher Liedtext , 2017, Meinrad Schneckenleithner

1. An jedem Morgen, müssen wir weiter, am Morgen treibt es uns hinaus und Tag um Tag erklingt ein Lied so hell, ertönt der Ruf, von Compostelle!

Ref.: Ul – tre – i – a, Ul – tre – i – a, Su – sei – a, Deus ad – juva nos!

2. Der Weg verbindet ganz Europa, von weit im Osten, bis nach West, im Guten leben wir hier zusammen, es soll nichts kommen was uns trennt! Ref.:

3. Ein Weg auf Erden, ein Ruf des Glaubens, an Jesus Christ, den Menschensohn, so haben wir ein Bild vor Augen, Nur keine Angst – die Liebe lohnt! Ref.:

4. Zu Jakobs Grab sind schon viele gegangen, geführt von Sternen, Tag und Nacht, so geh’n auch wir den Weg zusammen. ans End‘ der Welt, nach Finisterre! Ref.:

Das ist ein wirklich schönes Lied und die Musik dazu, erinnert ans Mittelalter.

Irgendwann fiel mir an den Wegweisern auf, daß die letzten 100 km bereits überschritten waren und ich sah diesen kleinen Teddybär, an einen von ihnen gelehnt. Ich fragte mich, welchem Kind er wohl gehört hatte. Wie ich bereits schrieb, hinterlassen die Pilger, viele Dinge. Man kann nur erahnen, welche tiefere Bedutung dahinter steckt. Der Anblick des Teddybärs machte sowohl mich als Erwachsene, als auch mein inneres Kind sehr traurig und für einen Moment stand die Welt in mir still:

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Nachdem ich eine ganze Weile schweigend und in mich gekehrt, weiter gegangen war, kam ich an einen interessanten Platz, wo eine Statue, sofort meine Aufmerksamkeit erregte. Ich erkannte mich in ihr wieder. Wie oft ging es mir so, wie dieser Steinfigur und deshalb nahm ich einen Stein vom Boden auf und legte ihn der Figur, ebenfalls in den Arm. Besonders berührte mich, daß auch andere Pilger dieser Frau, bereits viele Steine in den Arm gelegt hatten. Schläge, seien sie nun seelisch oder körperlich verursachen Demütigung und unglaublichen Schmerz… wie viele Male, hatte ich das in meinem Leben schon erdulden müssen. Und es tröstete mich die Anteilnahme, in Form dieser kleinen Steine zu sehen.

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Im Anschluß folgte wieder eine schönen Strecke durch den Wald und das Beste war, daß immer mehr die Sonne durch kam.

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Nach dem Wegstück durch den Wald, wechselte wieder das Panorama und meine Laune hob sich:

Besonders, als ich in der nächsten Ortschaft, diese liebevolle Dekoration, von den Anwohnern, für die Pilger in Form dieser bepflanzten Wanderschuhe sah. Genauso wie umgekehrt, die Antwort der Pilger, durch die mit lauter Steinen, gefüllte Jakobsmuschel:

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Das sind alles so Kleinigkeiten, die dem Herzen gut tun, wenn man sie entdeckt.

Je näher es auf Redondela zuging, desto schöner fand ich die Landschaft. Ich liebe ja Weinreben, Berge und überhaupt die Natur. Es war so ein Balsam für meine Seele, all das um mich herum gehabt zu haben:

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Kurz vor Redondela, sah ich dann wieder eine dieser lustigen Figuren und bat den nächsten vorbei kommenden Pilger, um ein Foto:

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Es dauerte auch tatsächlich nicht mehr lange, bis ich in Redondela selbst ankam. Kurz nach dem Ortseingang, traf ich Su. Da unsere nächste Herberge etwas abgelegen war, hatte die Besitzerin angeboten, Su abzuholen, da sie sowieso in der Nähe zum einkaufen war. Su fragte, ob ich auch mit fahren wollte, aber ich lehnte dankend ab. Ich wollte mir lieber Redondela ansehen und würde schon irgendwie dahin finden. Schließlich hatte ich ja noch die Googlemapsapp auf meinem Handy.

Und es lohnte sich auch Redondela zu besichtigen. Ich fand es sogar sehr bedauerlich, nur so wenig Zeit dort verbringen zu können. Denn im Gegensatz zu O Porriño, war Redondela wirklich ein schönes Städtchen:

Camino Portugues - Tag 10-160339

Ich überlegte kurz, ob ich noch irgendwo etwas essen sollte, entschied mich, aufgrund der Preise, aber dagegen. Ich beschloß, einfach später etwas einzukaufen und lieber selbst zu kochen.

Durch meine Sightseeingtour, war ich etwas vom Weg abgekommen und schaltete Googlemaps ein. Was ich dabei aber nicht beachtet hatte, war, daß ich wohl die Version fürs Auto an hatte. So wußte ich auch erst gar nicht, warum die Autofahrer, auf der viel befahrenen Straße, ständig wie wild hupten. Irgendwann ging mir auf, daß ich da wahrscheinlich gar nicht laufen durfte. 🙈 Also überlegte ich fieberhaft, wie ich jetzt von dieser Straße wieder weg kommen könnte und kletterte runter zu einem kleinen Bach. Dank meiner Wanderstöcke, konnte ich diesen auch sehr gut überqueren. Nachdem ich mich ein wenig, durchs Gestrüpp gekämpft hatte, kam ich dann über Feldwege endlich nach Cesantes. Das war wirklich abenteuerlich. Besonders mit meiner Hüfte, die sich bei jedem Kletterversuch erneut beschwerte. Ich war richtig glücklich, als ich endlich in der Herberge ankam. Nachdem ich Su begrüßt hatte, stellte ich erstaunt fest, daß die Herberge ja kaum besucht war und ich somit freie Bettwahl hatte. Na das war mir ja auch noch nie passiert. Ich entschied mich für eine Liege, die direkt am Fenster stand und war begeistert! Das besonders Tolle aber war, daß an diesem Tag, nicht nur wenige Pilger da waren, sondern auch alle aus Deutschland kamen, was die Verständigung extrem leicht machte. Es kam auch recht schnell eine Stimmung, wie im Zeltlager auf. Wir verstanden uns alle auf Anhieb gut und unterhielten uns freudig.

Camino Portugues - Tag 10-190603

Nachdem ich geduscht hatte, lernte ich Ralf kennen. Dieser kam ebenfalls aus Deutschland, wohnte und half vorübergehend in der Herberge mit. Er war es dann auch, der mich endlich darüber aufklärte, warum sich meine Blasen, immer wieder füllten und wie ich dem Ein für Allemal ein Ende setzen konnte. Ich sollte Fäden, durch die Blasen ziehen und diese am besten über Nacht drin lassen. Dadurch konnten die Blasen richtig auslaufen und würden sich auch nicht mehr füllen.

Camino Portugues - Tag 10-214045
Camino Portugues - Tag 10-214052

Und genau so war es dann auch. (Die Blasen füllten sich nicht mehr und heilten endlich aus.) Ich wünschte, daß hätte ich vorher schon gewußt. Es hätte mir unglaublich viel Leid erspart. Desweiteren erklärte er mir, daß meine Wanderschuhe, viel zu groß für meine Füße waren. Ich habe 38 1/2 und meine Wanderschuhe hatte Größe 41! 40 hätte locker ausgereicht. Also alles in allem, ein Desaster und kein Wunder, wenn ich Blasen an den Füßen hatte. Dazu noch die Wollsocken und nicht zu vergessen, daß ständige Einschmieren mit Hirschtalgcreme. Die Füße konnten ja gar nicht mehr abtrocknen. Ich hatte nämlich sogar noch vor jedem losgehen, meine Füße fleißig damit, eingeschmiert.

Als Fazit, hatte ich so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Innerlich schlug ich mir mit der flachen Hand vor den Kopf und schüttelte, über mich selbst, den Kopf.

Nachdem das Problem endlich geklärt war, fragte ich, wo es hier einen Supermarkt gäbe und die ernüchternde Antwort war, daß es in diesem Ort keinen gab. Ich ging vor die Tür, weil ich das irgendwie nicht glauben wollte. Lief eine Weile im Ort herum und tasächlich. Hier in Cesantes, gab es bis auf eine schöne Aussicht, irgendwie nichts.

Ich wollte jetzt aber auch nicht zurück nach Redondela laufen und kramte stattdessen in meinem Rucksack, um zu schauen, was ich noch an eßbaren da hatte. Sah nicht gut aus. Da ich wirklich Hunger hatte, machte mich das richtig traurig. Ich hätte zwar etwas zu Essen bestellen können. Das war mir aber mit 10 Euro? (genau weiß ichs nicht mehr) auch zu teuer. Also stellte ich mich deprimiert auf einen Diättag ein.

Nur etwas später, fragte mich eine der anderen Frauen aus Deutschland, ob ich etwas von ihrem Essen ab haben wollte, was sie sich bestellt hatte. Es war ihr zu viel und selbst ihre Mutter, die mit aß, konnte schon nicht mehr. Ich war so erleichtert und nahm das Essen dankbar entgegen. Und noch einen Augenblick später kam Su ebenfalls in die Küche und sagte, daß ich ihr unbedingt mit dem gekauften Essen helfen müßte, weil sie einfach zu viel geholt hatte und keine Lust, das alles Morgen wieder mit zu schleppen. Und auf einmal hatte ich mehr zu Essen, als ich essen konnte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich war und ich dankte Gott dafür. Wieder ein Wunder. Ich hatte nichts gesagt, aber auf einmal hatte ich etwas zu essen. Solche Dinge, habe ich so geballt, noch nie erlebt. Für dich mag es ein Zufall gewesen sein. Aber für mich war es ein Wunder. Eins, von so vielen. Ich hatte Hunger, nichts zu essen und auf einmal, da hatte ich mehr, als ich überhaupt essen konnte. Das war so wunderbar und wieder einmal spürte ich, daß Gott mich niemals allein ließ. Wenn ich etwas auf dem Weg wirklich brauchte, habe ich es erhalten. Immer. Das ist ein Gefühl, was ich nicht beschreiben kann. Auch der Begriff Dankbarkeit, trifft es nicht mal im Ansatz!

Als ich etwas später am Abend, meine Bilder in meinen Facebookaccount hoch lud, sah ich auf einmal Ralf wieder. Dieser war bei Nachbarn zu Besuch gewesen und erstaunt, daß ich noch wach war. Ich hatte mich in die Küche zurück gezogen, damit die anderen nicht, durch das Licht meines Handydisplays, gestört wurden. Er setzte sich zu mir und wir unterhielten uns sehr lange. Ralf ist einer von den Menschen, zu dem ich sofort eine totale Sympathie empfand und nicht nur das. Es stellte sich heraus, daß er als Polizist gearbeitet und so auch mit Opfern von häuslicher Gewalt zu tun gehabt hatte. Das konnte kein Zufall sein, da ja genau das, das Thema ist, was mir besonders am Herzen liegt und worüber ich (auch künftig noch) aufklären will. Ich erzählte ihm, die Sicht des Opfers und warum es zum Beispiel oft keine Anzeige erstattet. Er hingegen, machte mich auf einige wichtige Punkte aufmerksam, die ich, sobald ich die „Befrei Dich!“ Videoreihe fortsetze, unbedingt als Information an die Opfer, weiter geben möchte. Aber auch darüber hinaus, waren das sehr schöne Gespräche. Ich weiß nicht, ob du das auch kennst? Du triffst jemanden und könntest dich stundenlang mit ihm unterhalten. Nicht aus Verliebtheit, sondern einfach aus einer totalen Sympathie heraus. Das ist wirklich etwas besonderes! (Wir haben übrigens noch immer Kontakt.)

Leider mußten wir das Gespräch irgendwann unterbrechen, da ich ja am nächsten Tag, wieder weiter laufen und wenigstens noch etwas Schlaf abbekommen wollte. Ich schrieb in mein Tagebuch:

5. Juni 2019

Es ist so unglaublich, was für Wunder auf meinem Weg passieren. Da gibt es so viele Sachen, die kann ich gar nicht alle aufzählen. Und das geht nicht nur mir so. Der Jakobsweg ist nicht einfach irgend eine Wanderstrecke. Er ist etwas ganz besonderes und obwohl ich ihn allein gehe, habe ich keine Angst, sondern fühle mich so beschützt, wie noch nie in meinem Leben. Egal was ich bisher brauchte, es kam immer irgendwie zu mir und wie gesagt, das ist nicht nur bei mir so.

Auch die Pilger, welche nicht gläubig sind, erleben Wunder. Man muß sie nur wahr nehmen und zu schätzen wissen. Ich bin so dankbar und glücklich, diesen Weg gegangen zu sein und noch zu Ende zu gehen. Der Jakobsweg hat etwas in mir verändert, was ich schwer beschreiben kann und doch da ist.

Die Kerze für meinen Vater habe ich angezündet, weil es mir ein Bedarf war. Es ist nicht, weil er tot ist, sondern, weil ich in mir das ganz starke Gefühl hatte, daß er es braucht und weil ich ihn liebe!

Im Übrigen wurde ich wieder bewundert, daß ich bisher trotz meiner Schmerzen nicht aufgegeben habe. Für mich war das selbstverständlich. Aber für andere wohl nicht. Das wiederum erstaunt mich total und ja, es freut mich auch sehr.