Mein Jakobsweg – dreizehnter Tag von Caldas de Reis bis A Picaraña

Da Su im Kloster Herbón übernachten und dort aber kein Rucksack hingeliefert werden konnte, würden sich ab jetzt unsere Wege trennen. Ich hatte mir für den kommenden Abend, ein Einzelzimmer gebucht, da es die letzte Etappe vor Santiago sein würde. Da wollte ich in Ruhe, noch einmal alles Revue passieren lassen, bevor es dann an den letzten Abschnitt ging. Ein bißchen wehmütig sah ich auf mein Armband. Su hatte dasselbe um. Wir hatten die Armbänder, als Erinnerung an den Weg und einander in Tui, gekauft. Ab jetzt würde jede von uns, die letzten km, allein gehen. Denn der Weg nach Herbón war ein anderer, als der reguläre. Ich tröstete mich damit, daß es jetzt eh nur noch zwei Tage waren, bis ich in Santiago sein würde und somit am Ziel. Su schenkte mir zum Abschied, den letzten, der von ihr in Portugal gekauften Müsliriegel; weil sie wußte, wie sehr ich diese Sorte liebte. Das rührte mich. Ich steckte ihn ein und machte mich auf den Weg. Denn 30 km, waren kein Pappenstiel. Ich ärgerte mich noch immer, daß ich das Kleingedruckte „A Picaraña“ bei der Unterkunft nicht gelesen hatte. Das gehörte zwar zu Padrón, war aber eben nicht Padrón. Man, man… Als ich auf die Straße trat, war ich sehr froh, daß es nicht regnete und beschloß, kurz vor dem Ortsausgang, nochmal ein paar Bilder zu machen :

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Die Trauerweide, paßte wirklich schön zum Wasser. Es sah, wenn man die Häuserfront gedanklich mal weg nahm, ein bißchen aus, wie auf einem alten Ölgemälde. Außerdem erinnerte mich die Trauerweide, an meine Kindheit. Damals, hatten sowohl meine geliebten Großeltern, als auch meine Eltern, eine im Garten. Ich habe mich dann oft darunter gesetzt. Als ich noch kleiner war, habe ich sogar, gegen die herab hängenden Äste ausgedachte „Schwertkämpfe“ geführt. (Das Schwert existierte natürlich nur in Gedanken.):

Kurz nach dem Ortsausgang, bemerkte ich immer mehr Pilger. Wie üblich setzte ich mich hin und lies sie vor gehen, da ich es nicht mag, wenn jemand direkt hinter mir läuft. Ich nutzte die Zeit, für ein weiteres Foto:

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Zu meiner großen Frustration, stellte ich jedoch fest, daß immer neue Pilger, nach kamen. So viele, konnte ich gar nicht vorgehen lassen, sonst würde ich am Abend noch da sitzen. Ich erinnerte mich kurz an den Film von Hape Kerkeling. So eine ähnliche Szene, gab es da nämlich auch. Nur war der ja, eine ganz andere Strecke gelaufen, als ich. Aber ich glaube, daß es egal ist, welche Strecke man nimmt. Kurz vor Santiago, kommen die ganzen Pilgermassen. Wo waren die eigentlich vorher alle gewesen?

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Zugegebenermaßen, verhagelte mir das erst mal gehörig, die Laune. Ich hatte 30 km an diesem Tag vor mir und wenn ich Pech hatte, war es das wohl mit der Ruhe, gewesen. Ich versuchte, mich trotzdem auf die Gegend zu konzentrieren und machte weiterhin, meine Bilder und Videos:

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Etwas später, kam ich dann an einem Cafe an. Dort war es zwar gerammelt voll, aber ich dachte mir nur, was solls. Ein heißer Kaffee, würde vielleicht meine Laune wieder heben. Ich quetschte mich zur Theke, weil es dort keine Bedienung am Tisch gab und wartete, bis ich mit meiner Bestellung an der Reihe war. Zu meinem Leidwesen, saß der überhebliche Katzenfotograf, genau gegenüber und wollte auch sogleich ein Gespräch anfangen. Der hatte mir jetzt noch gefehlt und ich war richtig erleichtert, als eine ältere Frau aus der Gruppe der Amerikanerinnen, mit denen ich vor zwei Tagen durch den Regen gelaufen war, zu mir kam und mich von diesem Typ erlöste! Sie sagte, sie wolle mir gerne ein Cappie schenken, das sei auch ganz neu. Das hätte noch keiner vor mir getragen. Ich war etwas verwirrt und fragte sie nach dem Grund. Da sagte sie: „Dieses Cappie ist eins von vieren, das die Eltern eines, an einem seltenen Gehirntumor verstorbenen Mädchens, uns vor unserer Reise, als letzten Willen mitgegeben haben. Wir sollten vier Menschen finden, die den Jakobsweg wirklich mit Gott gehen und Du bist einer davon. Das Mädchen hieß Lindsay und begann während ihrer Therapie Cappies für eben jene Patienten herzustellen, die durch die Therapie ihre Haare verloren hatten. Sie schrieb darauf eine Botschaft und die lautete: „b strong“ für: „Bleib stark!“ Heute sollen diese Cappies alle Menschen bekommen, die vor großen Herausforderungen stehen und kämpfen müssen. Wir haben dich beobachtet und fest gestellt, daß Du einen sehr starken Glauben hast und eine Kämpferin bist. Du gehst wirklich Deinen Weg mit Gott und deshalb wollen wir Dir dieses Cappie schenken. Damit Du nie aufgibst und immer stark bleibst!“

Als mir klar wurde, was sie da eigentlich gesagt hatte, brach ich in Tränen aus. Ich nahm das Cappie und sie bat mich um ein Foto. Da diese Fotos sowieso alle öffentlich zu sehen sind, werde ich sie auch hier, in meinem Eintrag, veröffentlichen:

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Dann führte sie mich, zu den anderen aus der Vierergruppe und ich sah zu meiner Freude und Überraschung, Barbara wieder. Sie war ebenfalls eine, der vier Personen, die ein Cappie bekam. Jetzt wußte ich auch, warum wir uns gleich so gut verstanden hatten und wer ihre Mädels waren, denen sie von mir erzählt hatte.

Hier nochmal ein Bild von uns vieren, zusammen mit Sharon, die mir mein Cappie überreicht hatte.

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Clara (links) hat von Laura (rechts) ihr Cappie bekommen

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Barbara (links) hat von Myra (rechts) ihr Cappie bekommen

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Mia (links) hat von Marcia (rechts) ihr Cappie bekommen

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Und ich von Sharon

Ich brauchte eine Stunde, um mich zu beruhigen und habe während des Laufens weiter geweint. Aber diesmal nicht vor Trauer, sondern, weil es so schön war. Ich habe mich nie, für einen wertvollen Menschen gehalten. Im Gegenteil. Ich wußte von klein auf, daß ich anders war. Und zwar im unangenehmen Sinne. Ich hatte als Kind keine wirklichen Freunde, war meistens allein und ausgegrenzt. Ich wußte nicht, was ich falsch machte. Aber irgendetwas hatte ich wohl an mir, was die Menschen abstieß. Immer schon. Es war wie ein unsichtbarer Fluch. Ich war alles mögliche, nur nicht normal. Nicht so wie andere und deshalb meistens allein. Oder aber von Menschen umgeben, die meinen Hunger nach Liebe ausnutzten, indem sie mich zu ihrem Vorteil manipulierten. Ich spürte dieses anders sein, täglich. Jahrelang, wie ein Dorn in meinem Herzen, der sich einfach nicht entfernen ließ. Das war, mit einer der Gründe, weshalb ich mich in den letzten Jahren, komplett zurück gezogen hatte. Bevor ich noch mal solche Menschen anzog, wollte ich lieber allein sein und merkte gar nicht, wie sehr ich vereinsamte… Und auf einmal, zum überhaupt allerersten Mal, waren da Menschen, die sahen etwas in mir, was ich nicht sehen konnte. Und sie waren real. Versteh mich nicht falsch, ich freue mich darüber, daß Du bei mir liest und vielleicht auch schreibst. Aber doch ist das Internet anonym. Nicht so recht greifbar. Du und ich, wir haben eine Distanz. Die war bei diesen Menschen einfach nicht da, weil sie real vor mir standen. Ich konnte sie „anfassen“ und sie mochten mich. Trotzdem sie mich in echt sahen. Wie konnte das sein? Und woher wußten sie so genau, daß ich mit Gott meinen Weg ging? Ja, ich hatte natürlich meine Bindung zu Gott verstärkt, aber damit ging ich ja nicht hausieren. Es sei denn, ich wurde gefragt.

Ich hatte, nichts mehr von diesem Leben erwartet und wurde deshalb umso mehr überrascht. Es hat mich wirklich von den Socken gehauen. Ich, die immer anders war, bekam so ein Geschenk. Das bedeutete mir so unglaublich viel, das kann ich auch heute, nicht mal im Ansatz wieder geben. Wenn man immer denkt, man sei lästig, überflüssig und paßt hier nicht in diese Welt- zu den anderen, zu den normalen… Dann ist so etwas, überwältigend! Und trotzdem ich während des Laufens weinte, versuchte ich noch, ein paar Videos und Bilder zu machen. Denn schon morgen würde der Weg zu Ende sein. Je kürzer die Strecke wurde, umso wertvoller, erschien mir jeder einzelne Augenblick:

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Als ich etwas später an einer Statue vom Jakobus vorbei kam und die Fotos von den Menschen dort sah, die sicher auch noch lebten; holte ich das Paßbild hervor, was ich jüngst für meinen Ausweis hatte machen lassen und legte es dazu. Damit es sich nicht gleich, beim ersten Regenguß in Wohlgefallen auflöste, packte ich es in die Folie, zu einem anderen Paßbild. Es war das erste Mal, daß ich etwas von mir persönlich, auf dem Jakobsweg hinterlassen hatte…

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Etwas später kam ein weiteres Cafe, mit angeschlossenem Supermarkt. Ich traf Sharon und auch Su wieder. Das freute mich. Sharon zeigte mir auf ihrem Handy nochmal die Interseite, der b-strong Organisation und Lindsays Geschichte. Ich notierte sie mir, um sie mir später in Ruhe ansehen zu können. Für jeden, der das auch tun möchte, ist hier die Adresse: www.bstrong.ca Danach setzte ich mich zu Su an den Tisch.

Etwas später, raffte ich mich wieder auf und ging weiter. Mein Weg war noch immer sehr lang und mir taten jetzt schon die Füße weh. Appropo Füße, das fand ich ja auch wieder ganz lustig. Am liebsten, hätte ich meine Schuhe mit dazu gehangen. Aber barfuß laufen, war dann doch keine Option. Die Blasen waren zwar am verheilen. Dennoch schmerzten meine Füße und das kam durch die falschen Schuhe. Ich lies also meine Schuhe an, begnügte mich mit einem Foto und ging weiter.

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Dieses Haus fand ich auch richtig toll und der alte Trecker im Garten, hatte ebenfalls etwas. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre:

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Kurze Zeit später, mußte ich wieder anhalten, weil ich die Ziegen so niedlich fand:

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Und dann endlich war es so weit und ich kam in Padrón an:

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Es war wirklich schade, daß ich mir die Stadt nicht richtig angucken konnte, weil mein eigentliches Ziel, noch 8 km entfernt war. Das deprimierte mich schon sehr. Besonders, als ich Musik hörte, die immer lauter wurde. Ich folgte den Klängen

und war total überrascht, auf einem Fest gelandet zu sein. Trotz meiner Schmerzen, versuchte ich ein bißchen, mit zu tanzen und freute mich, über diese schöne Abwechslung. Auch das war Spanien und zum ersten Mal, fühlte ich mich, wie im Urlaub.:

Im Anschluß, suchte ich wie üblich die Kirche auf, um sie mir anzusehen und den Stempel zu holen:

Dort kaufte ich mir, einen schönen Rosenkranz aus Olivenholz, zündete eine Kerze an und machte mich schweren Herzens, wieder auf den Weg. Meine Füße taten wirklich weh und deshalb versuchte ich, mehr mit den Stöcken zu arbeiten. Die Landschaft, durch die ich jetzt ging, war ein Traum und entschädigte mich für die Schmerzen, die ich beim Laufen hatte:

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Als ich irgendwann endlich an meiner Unterkunft ankam, wäre ich am liebsten ins Bett gefallen. Aber natürlich ging das nicht und ich hatte vor allem eins: Hunger! Als ich die Pilger, die dort waren fragte, wo man hier etwas essen gehen könnte, drückten sie mir, mit der Aufforderung „Iß!“ eine Tüte in die Hand. Ich nahm mir nur ein bißchen davon und gab ihnen den Rest dankbar zurück, da ich trotzdem noch etwas warmes, essen wollte. Und diesmal konnte es auch ruhig teurer sein, denn dieser Abend, war für mich, etwas ganz besonderes. Nicht nur wegen dem, was ich mit den Amerikanerinnen erlebt hatte, oder daß ich laut meinem Tracker an die 30 km gelaufen war; sondern hauptsächlich, weil es die letzte Etappe vor meinem Ziel war.

Das Essen selbst, war trotz des höheren Preises, nicht der Burner. Aber heute, störte mich das ausnahmsweise mal, nicht so sehr. Ich war innerlich viel zu aufgewühlt. Als ich zurück in meiner Unterkunft war und allein in meinem Einzelzimmer lag; da vermißte ich mit einem Mal, das Geschnarche der anderen und fühlte mich einsam. Wahnsinn, das hätte ich nie gedacht! Zwei Wochen nur und ich war so verändert. Noch nie sind mir so viele Wunder geschehen, wie auf diesem Weg und wie sich später heraus stellte, sollten das auch nicht die letzten gewesen sein. Nachdenklich schrieb ich in mein Tagebuch:

8. Juni 2019

Die heutige Strecke war extrem lang und trotzdem, für mich, die bisher schönste. Deshalb habe ich auch sehr viele Bilder und Videos gemacht. Ich liege hier, zum ersten Mal seit Reisebeginn, in einem Einzelzimmer und bin ein bißchen wehmütig, da morgen, zumindest dieser Jakobsweg, vorbei ist.

Aber ich habe Blut geleckt und möchte irgendwann noch, den großen 800 km Camino France gehen. Allerdings, körperlich besser vorbereitet und mit den passenden Wanderschuhen. Denn meine sehen zwar gut aus, haben sich aber, als für meine Füße, falsch entpuppt. Ach ja, nicht zu vergessen auch das vernünftige Regencape (wird vorher unter der Dusche getestet!) und Regen Verhüterlis für die Schuhe. (Die habe ich bei Su gesehen und wiegen auch nicht viel). Denn meine Wanderschuhe waren trotz Imprägnierung und Goretex, innen sowas von naß, daß sie auch mit Fön, nicht richtig trocken wurden. 😂😂😂 Der Kissenbezug hingegen, kann Zuhause bleiben und das Hirschtalgcremezeug kann mich mal kreuzweise!

Aber zurück zum Eigentlichen. Dieser Tag war sehr emotional. Von anfänglichem Genervtsein über die Pilgerhorden, hin zu einer absoluten Tränenflut wegen dem Cappie (ich habe mich bestimmt eine Stunde nicht eingekriegt und während des Laufens weiter geweint), bis zu totaler Euphorie bei dem Fest in Padrón, wo ich versucht habe, ein bißchen mitzutanzen. Dann ging es weiter, in einer absolut malerischen Traumkulisse, bis zu meiner Unterkunft.

Ja und morgen, bin ich in Santiago de Compostela. Ich bin überwältigt von dem Gedanken, dann den portugiesischen Jakobsweg, trotz aller Schmerzen, geschafft zu haben. Teilweise mußte ich wirklich kämpfen und ich bin nicht die einzige, die sich viele Ibus rein geworfen hat, weil einfach alles weh tat. Bei mir ja sogar hüftmäßig besonders heftig.

Nun versuche ich zu schlafen und freue mich morgen auf die letzten km.