Mein Jakobsweg – fünfter Tag von Tamel nach Ponte de Lima

Nachdem ich mich immer wieder hin und her gewälzt hatte, weil ich vor lauter Hitze nicht schlafen konnte, beschloß ich um 5 Uhr, mich leise nach unten in den Aufenthaltsraum zu schleichen. Dort stand nämlich ein Kaffeeautomat, der zu meinem Entsetzen, nur eine Pfütze Kaffee heraus gab. Also steckte ich noch einmal Geld hinein, um wenigstens meinen Becher voll zu kriegen. ^^

Ich hatte zwar fast gar nicht geschlafen, war aber trotzdem hellwach und dachte mir, daß es eigentlich nicht verkehrt wäre, heute mal früher los zu gehen. Schließlich würde es wieder sehr heiß werden und da war es einfach besser, wenn ich noch ein paar km im Morgengrauen zurück legen könnte. Nachdem ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte, holte ich leise meine Sachen aus dem Schlafsaal und packte im Anschluß meinen Rucksack im Aufenthaltsraum.

Das hat etwas mit Respekt vor den anderen zu tun. Nicht jeder hält sich daran, es gibt auch ein paar Konsorten, die ihr Zeug, samt Rascheltüten, direkt im Schlafsaal packen. Denen ist es dann egal, daß andere vielleicht nicht, wie sie selbst, um 5 Uhr aufstehen wollen. Aber das scheint wohl leider auch mit zum Pilgern dazu zu gehören. 😉

Als ich fast fertig war, sah ich auch schon andere, die schnell zur Tür hinaus eilten. Ganz so eilig, hatte ich es dann doch nicht. Wenn ich eins nicht ab kann, dann ist das nämlich Streß am Morgen! Also lies ich die ganz Eiligen mal vorlaufen und machte mich nachdem der erste Schwung von Pilgern weg war, schließlich selbst auf den Weg.

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Es hat schon etwas, in der Frühe los zu gehen. Zumal ich für gewöhnlich, einen ganz anderen Tagesablauf habe. Ich bin nämlich eher ein Nachtmensch, der die Stille genießt und dafür aber bis Mittags schläft. Da ich Rente bekomme, kann ich das auch tun. Aber ich gebe zu, daß ich selbst damit nicht immer so glücklich bin.

Jetzt auf diesem Jakobsweg hingegen, war alles anders als sonst und hatte deshalb seinen ganz eigenen Zauber für mich. Die Sonne aufgehen zu sehen, das war schon etwas schönes! Und dann noch, durch diese wunderbare Natur zu wandern, unbeschreiblich.

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Die ersten 5 km kam ich sehr zügig voran, doch irgendwann kam der Punkt, wo die Sonne immer mehr an Energie gewann. Je heißer es wurde, desto langsamer wurde ich. Bestimmt um die Hälfte. Und es war noch gar nicht Mittag, als ich mich bereits immer wieder, in irgendwelche Schattenecken zwängte, um mich kurz auszuruhen.

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Irgendwann fiel mir auf, daß ich ja gar nichts zu Essen bei hatte. Darauf achtete ich eigentlich immer sehr. Aber in Tamel gab es kein Geschäft und der Herbergsvater war auch nicht da gewesen, um etwas aus dem Kühlschrank zu verkaufen. Mist, das hatte ich total verbockt. Hätte ich mal am Abend zuvor noch etwas geholt. Ich ärgerte mich über mich selbst, da ich schon gemerkt hatte, wie wichtig kleine Mahlzeiten, bei körperlicher Anstrengung sind. Nach einer Weile, bekam ich leichte Panikzustände und heulte Gott wieder mal die Ohren voll. Denn egal, wo ich auch herging, Es kam einfach kein Geschäft, um etwas zu kaufen. (Der Arme, was der sich alles während der Reise schon am Gejammer, von mir anhören mußte! 😉) Dann plötzlich, sah ich auf einmal das:

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Jede Menge selbst gebackene Muffins und andere Sachen, für nur einen Euro. Das war wirklich günstig. Da war nicht nur ein Muffin in der Tüte, sondern wirklich viele! Ich war unglaublich erleichtert und dankbar. Auch dieses Gefühl kann ich nicht mit Worten wieder geben!

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Etwas später, kam ich dann in ein kleines Örtchen und sah dort eine Wasserquelle. Da tauchte ich erst einmal meinen Kopf unter. Das war schon toll. Mein Hitzkopf, im angenehm kalten Wasser! 😂 Danach setzte ich mich, im Schatten der Kirche, auf eine Mauer und genoß die Ruhe.

Nach und nach, sah ich dann die Pilger aus Tamel auf mich zu kommen. Ich zeigte auf den Brunnen und einige von ihnen, nutzten ebenfalls die Gelegenheit, um sich etwas abzukühlen.

Es ist wirklich interessant. Egal wie schnell oder langsam man ist. Irgendwann, macht jeder eine Pause und in diesen überholt man entweder diejenigen, die vor einem waren oder umgekehrt. Ich habe mich immer total gefreut, wenn ich wieder Pilger gesehen habe. Auch hier ist es so, daß zwar jeder für sich geht (manche auch zusammen), aber es trotzdem eine große Gruppe ist. Eine Gemeinschaft. Ein unsichtbares Band von Menschen, die sich nicht kennen, aber doch miteinander verbunden sind. Es ist ein tolles Gefühl. Man geht zwar allein, aber ist doch nie allein. Es dauert nicht lange, dann kommt immer wieder jemand. Das ist auch etwas, was mir Sicherheit gegeben hat. Ich wußte genau, egal was wäre. In spätestens 3-5 Minuten, ist der nächste Pilger bereits da. Und irgendwann kommt auch der Punkt, da fängt man an, sich an die anderen zu gewöhnen. Sich zu freuen, wenn man sie sieht. Sie zu mögen. Aber auch hier fällt es mir schwer, diese speziellen Erlebnisse angemessen in Worte zu kleiden. Das muß man selbst erleben, um zu wissen, was ich meine.

Während man pilgert ist es, als wäre man Teil einer großen Familie. Und dabei spielt es keine Rolle welche Herkunft, Mentalität oder Sprache man hat. Das ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl, was ich in der Form, noch nie erlebt habe. Etwas ganz besonderes und man duzt sich auch. Noch ein Zeichen, der Verbundenheit und Nähe zueinander. Ich habe mich darüber auch mit einigen Pilgern unterhalten, die das genauso empfanden wie ich. Ob es das gemeinsame Leiden ist, was so zusammenschweißt? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch einfach etwas, was sich nicht in Worte fassen läßt. Weil es größer ist, als jedes Wort, daß wir Menschen haben.

Nach dieser schönen Pause, raffte ich mich schweren Herzens wieder auf und quälte mich durch die Mittagshitze. Irgendwann merkte ich aber wieder meine Blasen an den Füßen und wurde immer langsamer, bis ich nur noch vor mich hin humpelte. Ich war richtig glücklich, als ich in ein Waldstück kam, was wenigstens etwas Schatten spendete. Nach einer Weile glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Dort waren Engelstrompeten in Baumform und Callas ohne Ende. Es sah aus, wie in einem Märchenwald. Ich traf auf ein Pilgerpaar, die ebenfalls ganz verzaubert davon waren. Ich sagte zu ihnen, daß es sei wie in einem Märchenwald und jetzt eigentlich nur noch Schneewittchen fehlt. Da machte die Frau ein Foto von mir und meinte: „Jetzt ist das Schneewittchen auch da!“ Das fand ich lustig und wir lachten gemeinsam. Danach gingen sie weiter und ich genoß noch eine Weile diesen wunderschönen Anblick. Dieser Teil, war für mich der schönste auf meinem Jakobsweg. Ich habe versucht das zu filmen, aber so richtig, geben auch die Videos, diesen Zauber nicht wieder:

Schweren Herzens humpelte ich schließlich auch weiter und fragte mich, wie ich mit den Schmerzen und in der langsamen Geschwindigkeit, jemals in Ponte de Lima ankommen soll. Da blieb eigentlich nur noch eins. Die Blasen, welche mich am Gehen hinderten, aufzustechen. Und auch hier, wie durch ein Wunder, kam mit einem Mal, dieser wunderschöne Platz mit einem kleinen Bach.

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Sein Wasser war so kalt, daß meine Füße beim reinhalten, recht schnell betäubt waren. Und so, konnte ich die Blasen im Anschluß mit meiner Nähnadel, relativ schmerzfrei aufstechen!

Als ich alles verarztet hatte, zog ich meine Schuhe wieder an und machte mich erneut auf den Weg. Es war zwar noch immer elendig heiß, aber die wundervolle Aussicht, entschädigte mich sehr schnell für das Schwitzen:

Etwas später sah ich diesen schönen Baum, wo Pilger etwas von sich zurück gelassen hatten. Wahrscheinlich mit einem Gebet oder Wunsch verbunden:

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Auch hier wieder ein sehr schöner Platz, angelegt von Anwohnern für uns Pilger zum Rasten:

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Und an diesem Fluß wird Wäsche gewaschen:

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Ich war richtig glücklich, als ich irgendwann die Kaskaden von Ponte de Lima sah:

Und habe wahrscheinlich wieder mal ganz sparsam geguckt, weil ich mich fragte, woher diese Musik kam. Etwas später fand ich es heraus. Und zwar sind in den Straßenlaternen, Lautsprecher angebracht. Das ist schon ein sehr seltsames Gefühl, wenn man in die Stadt rein läuft und dann diese Art von Musik hört. Ich kam mir vor, wie in einen Film oder auch eine andere Zeit versetzt.

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Total erleichtert, kam ich irgendwann in der Pilgerherberge an und war überrascht, wie groß, das Haus war. Zu meinem Pech, bekam ich hier ein Bett, unter dem extrem warmen Dach zugewiesen!

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Als ich den riesigen Raum betrat, sprach mich ein mir bekanntes Pärchen aus der Tamelgruppe an und sagten: „Wir haben gerade über dich gesprochen und uns gefragt, ob alles in Ordnung mit dir ist und du noch kommst.“ Das fand ich irgendwie schön und berührte mich. Zu wissen, daß sich zwei Menschen Gedanken machten, ob alles mit mir in Ordnung war. Das überhaupt jemand „Fremdes“ über mich nachdachte! Ich war immer einer der letzten Pilger, die in einer Unterkunft ankam. Das lag zum Einen an meinen Blasen und der Langsamkeit. Und zum Anderen, daß ich immer wieder viele Bilder, Videos und vor allem Pausen gemacht habe. Nicht nur, weil ich nicht so sportlich bin, sondern, weil ich all das Schöne, auch auf mich wirken lassen wollte. Es richtig wahr nehmen. Schließlich hatte ich nur 2 1/2 Wochen und wußte nicht, ob und wann ich jemals nochmal so etwas machen könnte. (Denn nun habe ich einen Dispokredit am Hals und der ist, bei meiner kleinen Rente nebst Grundsicherung, nicht mal eben abbezahlt. Klar möchte ich gerne den Camino France gehen, aber wahrscheinlich wird sich realistisch betrachtet, die Jahreszahl aus finanziellen Gründen, dann doch extrem nach hinten verschieben.) Das alles waren also Gründe, weshalb ich sehr langsam lief und umso überraschter war ich, daß sich zwei Menschen mit denen ich eigentlich nichts zu tun hatte, darüber Gedanken machten. Das hätte denen ja auch egal sein können, was hatten sie denn mit mir zu tun? Es war ihnen aber anscheinend nicht egal und auch diese Erkenntnis, hat mich wieder sehr berührt!

Was mein Schlafproblem anging, so sah ich, daß der riesige Raum einen schmalen Balkon hatte und deshalb beschlossen eine andere Pilgerin und ich, einfach unsere Isomatten auf den Balkon zu quetschen und dort zu schlafen.

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Nachdem ich aus finanziellen Gründen, nur eine Gemüsesuppe gegessen hatte, war ich ziemlich müde und freute mich schon, auf mein provisorisches Bett auf dem Balkon. Von unten klang noch Musik eines Festes zu mir herauf und ich muß ehrlich sagen, so einen schönen Ausblick, hatte ich wirklich selten in meinem Leben:

Nachdem ich auch das noch eine Weile auf mich wirken ließ und mich über die angenehm frische Luft freute, schrieb ich in mein Tagebuch:

31. Mai 2019

Der heutige Tag hat mich extrem gefordert, aber mir auch Orte gezeigt, die so schön sind, wie ich sie noch nie gesehen habe. Ich bin trotz der Schmerzen, immer wieder ergriffen von all der Schönheit um mich herum und den liebevollen Menschen. Und jedes Mal bin ich so unglaublich glücklich, wenn ich es trotz all der Blasen, Schmerzen in Hüfte und auch Knien trotzdem geschafft habe. Jetzt habe ich meine Isomatte raus geholt und schlafe mit einer anderen Frau auf dem Balkon. Nicht noch eine schlaflose Nacht. Die Aussicht ist doch der absolute Hammer! Morgen geht es ans schwierigste Stück der ganzen Strecke. Einen Berg hoch, wo auch schon andere Pilger wohl sehr geschnauft haben.

Mich motiviert auch, wenn ich anderen begegne, die dasselbe Ziel haben. Das sind alles innere Erlebnisse, die ich nicht mit Worten beschreiben kann!

Mein Jakobsweg – vierter Tag von Barcelinhos nach Tamel

Am nächsten Morgen sah ich in meine Facebookgruppe und entdeckte etliche Likes und Nachfragen für die Unterkunft, unter meinem Eintrag. Ich lächelte und sagte dem Besitzer, daß ich glaubte, daß in Zukunft gewiß mehr Gäste kämen. Er sah mich verständnislos an und ich zeigte ihm den Facebookeintrag, den ich in der Gruppe als Empfehlung, geschrieben hatte. Er erzählte mir, daß damals mal in dem gelben Reiseführer Werbung gemacht worden wäre, aber in den nachfolgenen Versionen, sei der Eintrag dann nicht mehr erschienen. Das konnte ich gar nicht verstehen, da es hier wirklich schön und meiner Meinung auch preislich absolut in Ordnung war.

Ich machte mich fertig, packte, wie jeden Tag meinen Rucksack und freute mich schon auf den Markt in Barcelinhos. Ich hoffte, dort vielleicht eine schöne Kette mit einer Jakobsmuschel zu bekommen, denn bisher hatte mir noch nichts gefallen, was ich gesehen hatte. Dann suchte ich erst mal eine Weile den Besitzer, um meine Rechnung zu begleichen, da mir siedend heiß einfiel, daß das gestern irgendwie unter gegangen war. Denn für gewöhnlich bezahlt man immer sofort, bzw. vorab. Irgendwann fand ich ihn dann, zusammen mit seiner Tochter auf einer Bank sitzend und erinnerte ihn daran, daß er noch Geld von mir bekäme. Er sprach mit seiner Tochter, grinste mich an und sagte mir, daß ich nichts bezahlen müßte. Ich guckte sehr sparsam, dachte, er hätte mich irgendwie nicht richtig verstanden oder vergessen, daß ich gestern ja gar nicht bezahlt hatte. Dann sagte die Tochter zu mir: „Doch, doch, mein Vater will kein Geld von dir. Du mußt nichts bezahlen.“ Ich fragte wieso und es kam die selbe Antwort, wie von den Afrikanern bei der Frage, warum sie mir die Kärtchen schenkten: „Weil mein Vater meint, daß du ein guter Mensch bist.“ Dann stand er auf und sagte „Warte, ich habe noch ein Geschenk für Dich.“ Als er wieder kam, drückte er mir eine Mischung aus Kopftuch und Stirnband mit Jakobsmuscheln als Motiv, in die Hand (wie heißen die Dinger eigentlich?). Ich mußte schon wieder schlucken, als ich sah wie beide (Vater und Tochter mich anlächelten) und winkte ihnen zum Abschied. Das war bestimmt wegen dem Artikel, dachte ich bei mir. Ich hoffte, daß noch viele Menschen, aus der Gruppe, dort vorbei kämen. Aber laut dem, was ich an Reaktionen gesehen hatte, hegte ich daran auch keinen Zweifel. Und wieder dachte ich, wie großartig es doch eigentlich war, daß uns allen ein Geschenk zuteil wurde. Mir die Unterkunft (und das gerade nach dem gestrigen Tag, wo ich unterwegs noch große Ängste wegen einer günstigen Unterkunft ausgestanden und Gott damit innerlich nonstop vollgelabert hatte) und für diese nette Familie, die es wirklich verdient hatten, daß mehr Gäste kämen, weil es dort nicht nur sehr schön war, sondern sie auch sehr liebe Menschen waren. Die Mischung aus Kopftuch und Stirnband erwies sich übrigens als absoluter Segen, da ich unter den Hüten und Kappies bisher viel mehr geschwitzt hatte. Mit diesem Tuch, war das wesentlich angenehmer. Das wird auch in Zukunft, immer meine erste Wahl bei Wanderungen, in heißen Gegenden, bleiben. Vor allem, da ich es schnell waschen und trocknen kann.

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Etwas später, kam ich dann in Barcelinhos selbst an und machte die ersten Fotos. Ein nettes kleines Städtchen, wie ich fand:

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Es dauerte nicht lange, da fand ich den Markt und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der war so unglaublich riesig, das hatte ich noch nie gesehen. Wäre ich nicht mit dem Rucksack unterwegs gewesen, hätten wir jetzt wahrscheinlich 2 Katzen, ein paar Vögel und etliche tropische Pflanzen mehr. 😉 So in etwa stelle ich mir die großen orientalischen Märkte vor, die man manchmal auf Fotos, oder im Fernsehen sieht. Es gab dort fast alles. Ich war überwältigt und wäre mein Rucksack nicht so schwer gewesen, hätte ich noch viel mehr Zeit dort verbracht. Die Düfte nach Obst, Essen, Fisch… Die bunten Farben der Kleider, die tolle Stimmung. Es war ein Erlebnis. Fotos zu machen, war mir nicht möglich. Dafür war alles zu gedrängt. Etwas später trennte ich mich schweren Herzens von diesem schönen Markt und setzte mich auf eine Bank im Schatten, um zu frühstücken. Zu mir setzte sich ein sehr altes Ehepaar. Wir versuchten uns zu verständigen, was aber kaum möglich war, da sie nur portugiesisch sprachen und so blieben nur Hände und Füße. Das sollte mir auf meinem Weg noch öfter passieren. Die Erfahrung einer totalen Sympathie, obwohl über die gesprochene Sprache, keine Kommunikation möglich war. Als ich fertig war mit Essen und wieder alles zusammen packte, stand der alte Mann auf und half mir, meinen Rucksack aufzusetzen. Wieder war ich sprachlos. Denn er selbst wirkte auf mich, sehr zerbrechlich. Beide umarmten mich zum Abschied und winkten mir hinterher. Und genau das ist es, was ich meine, wenn ich hier immer wieder von kleinen Wundern spreche. All diese Begegnungen mit hilfsbereiten, herzlichen Menschen in geballter Form. Das ist für mich, in dieser heutigen kalten und schnellebigen Zeit ein unaussprechliches Wunder! Besonders nach den letzten Jahren, in denen ich in fast jedem fremden Menschen erst einmal einen potentiellen Angreifer, Verräter oder Feind sah. Hier begegnete mir genau das Gegenteil und das war es, was mein Herz brauchte, um wieder aufzutauen. Auftauen heißt ja nun auch nicht leichtfertig zu sein und naiv jedem blind zu vertrauen. Sondern mit einer „gesunden“ Mischung aus Offenheit und Vorsicht, auf Menschen zuzugehen. Ich war so mißtrauisch, daß ich sogar ein Fahrradschloß für meinen Rucksack mit geschleppt hatte, damit mir auch keiner meinen Rucksack klaut. (Als ob einer meine Stinkesocken will). Ja, jetzt kann ich darüber lachen, aber als ich das Schloß kaufte, war ich regelrecht von Mißtrauen zerfressen. Das soll nur einmal veranschaulichen, wie schlimm es eigentlich um mein Herz stand. Da ist es aus heutiger Sicht auch eigentlich kein Wunder, daß das irgendwann tatsächlich auch organisch mein Herz angegriffen und krank gemacht hat. Bevor ich los ging, bekam ich (unter anderem) von meinem Arzt Betablocker, weil mein Herz krank ist. Ich habe sie Zuhause gelassen, weil ich wußte, daß ich mit den Dingern, den Weg nicht schaffen kann und darauf vertraut, daß Gott mich den Weg über beschützen wird. Was er ja auch tat. Manch einer mag das leichtfertig nennen, für mich war es Gottvertrauen pur. Außerdem war ich mit meinem Leben innerlich eh schon fertig. Es war mir da nur nicht so wirklich bewußt. Ich meine, wenn ich einen Kredit aufnehme, um den Weg zu gehen, was bei mir schon wirklich etwas heißen will, dann zeigt auch das, wo ich vor dem Jakobsweg innerlich stand. Auch wenn ich jetzt die nächsten Jahre, diesen Weg abbezahlen muß, bereue ich es nicht. Es war einfach ein Punkt in meinem Leben gekommen, da ging es (innerlich) für mich nicht mehr weiter. Ich steckte fest und mußte einfach gehen. Die Diagnose mit dem kranken Herz und der früheren Diagnose von den ganzen Tumoren an meiner Speiseröhre, die jederzeit bösartig werden können (und die zu viele sind, um sie alle weg zu operieren), hat mir gezeigt, wie schnell es (für mich) vorbei sein kann. Und dann zu sterben, mit so einem inneren Unfrieden. Das wollte ich nicht. So hatte auch dieses schlechte, nämlich der Diagnosen, wieder etwas Gutes. Und zwar, daß ich überhaupt los gegangen bin. Den inneren Punkt „Ist mir jetzt scheißegal, was das kostet, oder ob das vernünftig ist! Ich mache das jetzt einfach und danach, schauen wir einfach mal…“ zu erreichen!

Während es heißer und heißer wurde, schleppte ich mich zu einer kleinen Kirche und setzte mich dort nochmal für einen Moment in den Schatten.

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Danach ging es weiter, vorbei an diesem Waschbrunnen (Die Menschen waschen dort wirklich noch ihre Wäsche, das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Im heutigen Waschmaschienenzeitalter, kaum vorzustellen.) und Heiligenhäuschen, wovon es wirklich unglaublich viele auf dem Weg gibt. Selbst an Hauswänden, finden sich riesige Heiligenbilder. Das ist wirklich schön anzusehen und zeigt auch die Einstellung der Menschen, den Pilgern gegenüber. Zumindest auf diesem Jakobsweg. In Santiago habe ich erfahren, daß diese Pilgerwege bereits im Mittelalter gegangen wurden. Sie sind also sehr alt und nicht erst, aus einer spontanen Laune heraus entstanden, weil dem heutigen Menschen, mal langweilig geworden ist. Im Gegenteil, früher wußte keiner der Pilger, ob er überhaupt zurück kam, oder nicht unterwegs überfallen und/oder ermordet wird. Diese Wege, die wir Pilger heute gehen, sind also sehr alt und etwas ganz besonderes. Doch dazu später mehr.

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Irgendwann fuhr ein Trecker an mir vorbei und ich war überrascht, als der Bauer anhielt und von ihm herunter in meine Richtung, sprang. Meine erste innere Reaktion, war eher erschrocken, als erfreut. Als er mir dann aber auf englisch sagte, daß gleich der Berg hoch nach Tamel käme und es ratsam wäre, in dem Cafe zuvor besser noch etwas zu trinken, weil danach nichts mehr kommt, entspannte ich mich wieder. Es war wirklich unglaublich heiß und nachdem auch er mich kurz umarmte, sprang er wieder auf seinen Trecker und fuhr weiter. Etwas später sah ich dann das wohl einzige Cafe im Ort und traf auch dort wieder auf nette Menschen. Neben mir am Tisch saß ein deutsches Ehepaar, die darüber sinnierten, ob sie es wohl bis nach Santiago schaffen würden oder nicht. Der Mann klang sehr frustriert, weil seine Frau so langsam war und sie sich nicht genug Zeit genommen hatten. Ich war wieder einmal froh, daß ich alleine gegangen war. Es ist für beide Seiten blöd. Der, der mehr laufen will, ist frustriert, weil es so langsam gehen muß und der andere Part, der nicht schneller laufen kann, weil er nicht mehr kann. Nee, das werde ich mir nie antun. Ich habe auch später noch andere frustrierte Pärchen getroffen, die sich anmotzten, weil es entweder nicht schnell genug, oder am Morgen nicht früh genug los ging. Um Gottes Willen, das ist doch nicht der Sinn vom Jakobsweg. Wobei, für manche vielleicht schon. 😉 Die Beiden erzählten mir, daß sie den Bauern auch getroffen hatten und er ihnen den selben Rat gegeben hatte. Wir lachten gemeinsam und auch ein anderer Mann aus Deutschland gesellte sich zu uns. Er war seiner Frau zuliebe hierher gezogen, war aber todunglücklich, weil man hier nicht so viel Geld verdiente und es auch krankenversicherungsmäßig, nicht so toll aussah, wie in Deutschland. Er sagte, hier Urlaub zu machen sei toll, aber hier zu leben nicht. Nachdem ich mir wieder eine Flasche Wasser gekauft, Salz hinein gekippt und das ganze in meinen Trinkbeutel umgefüllt hatte, trennten sich unsere Wege wieder und der anstrengende Aufstieg nach Tamel begann. Die Schwierigkeit lag hierbei nicht im Anstieg, sondern in der Hitze. Von unten sah ich in einem Bereich bereits Qualwolken von einem Waldbrand aufsteigen und hoffte nur, daß das nicht genau da war, wo wir alle hin wollten. Glücklicherweise war es das auch nicht.

Da es fast gar keinen Schatten mehr gab, wurde jede noch so kleine Mauer genutzt, um sich hinzu setzen und kurz auszuruhen. Und das taten alle, die ich unterwegs sah. Wie ich später erfuhr, sogar die alten Hasen. Es geht einfach nicht anders, sonst klappst du irgendwann einfach zusammen. 32 Grad im Schatten- OHNE Schatten, ist unglaublich heiß. Dann noch mit Gepäck UND den Berg hoch. Das war glaube ich, der zweit anstrengendste Tag, der ganzen Reise. Die 1 1/2 Liter Wasser waren schon leer, bevor ich überhaupt oben angekommen war und ich war wirklich froh, auf den Bauern gehört zu haben und noch mal ordentlich getrunken zu haben, bevor ich wieder los ging.

Unterwegs traf ich zwei Italienerinnen, die leider auch kein englisch konnten. Aber da war trotzdem sofort eine absolute Sympathie, das kann ich gar nicht wieder geben. Manche Pause machten wir gemeinsam, entweder setzten sie sich zu mir oder umgekehrt. Dann hingen wir zu dritt, nach Luft japsend entweder unter einem kleinen Strauch, oder einem Stück Mauer. Das sind Momente, die ich nie vergessen werde.

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Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich dann endlich in Tamel an und konnte mein Glück kaum fassen, endlich oben zu sein. Ich war so ergriffen, daß ich schon wieder heulen mußte, als ich dem Herbergsvater dort erzählte, wie glücklich mich dieser Weg, trotz all der Anstrengungen machte. Er sagt: „Ja das sehe ich. Es ist so, alle gehen zwar den gleichen physischen Weg, aber im Herzen und der Seele, geht jeder seinen eigenen!“ Dann sah er mein mittlerweile schon sehr löchriges Merinoshirt und zeigte mit dem Finger auf eine Box. Da stand „If you don`t need it, leave it!“ . Dort hatten Pilger zurück gelassen, was sie nicht mehr brauchten. Nach kurzem Wühlen fand ich dann ein Shirt und ein Hemd, was mir exakt paßte und war wieder einmal so ergriffen, daß ich Tränen der Dankbarkeit in meinen Augen hatte. Auch dieses Problem war jetzt geklärt. Ich konnte endlich mein kaputtes Merinohemd ausziehen und hatte von nun an, robuste Funktionsbekleidung, die nicht nur paßtewie angegossen, sondern auch kein einziges Loch mehr bekam!

Als ich duschte, hörte ich sogar dort noch das Glockenspiel der Kirche nebenan. Das war vielleicht ein Sound. Haha ^^

Anschließend setzte ich mich auf den Rasen und ließ ein paar Fotos von mir machen. Als ich sie hinterher betrachte, fiel mir etwas auf:

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Diese Offenheit und Gelöstheit in meinem Blick, hatte ich schon lange nicht mehr bei mir selbst, gesehen. Das war es, was mein Jakobsweg mit mir machte. Er öffnete auf wundersame Weise, nach und nach mein Herz.

Als ich auf der Wiese saß, setzte sich ein älterer Mann zu mir und erzählte, daß er seine Wohnung aufgegeben hatte und bereits seit zwei Jahren in der ganzen Welt, unterwegs war. Er gab mir ein paar wertvolle Tips. Wie zum Beispiel den, die Wäsche immer während des Duschens zu waschen. Denn bei den Waschstellen, ist es immer nur kalt. Fortan, habe ich das auch genauso gehandhabt. Außerdem riet er mir, nicht so oft auf mein Handynavy zu gucken. Er sagte: „Die Suche nach dem (gelben) Pfeil ist nur eine Sache der Aufmerksamkeit. Der Aufmerksamkeit für all das, was dich umgibt. Du bekommst irgendwann einen Blick dafür, wo er versteckt ist. Aber nur, wenn du aufhörst, ständig auf dein Handy zu sehen. Mal ist er auf einer Mauer, mal auf einem Laternenmast, mal auf dem Boden, mal auf einem Schild. Es ist ein Spiel und heißt: Such den Pfeil! und während du das tust, nimmst du auch viel mehr, von deiner Umgebeung wahr.“ Auch das, habe ich seitdem so gehandhabt und nur noch zwei, oder drei Mal das Navy benutzen müssen, als ich mich doch verlaufen hatte. Irgendwann hatte ich tatsächlich einen geschärften Blick für die Pfeile und wo sie sich befanden, bekommen. Ganz wie er es mir prophezeit hatte.

Nach dem sehr teuren Pilgermenü in der einzigen Gaststätte vor Ort, saß ich noch ein bißchen im Garten der Pilgerherberge und genoß das Zirpen der Grillen.

Um kurz nach 22 Uhr, mußten wir leider alle rein. Die Luft war so unglaublich heiß, daß ich in dem Schlafsaal, fast gar nicht geschlafen habe. Dafür konnte ich aber wenigstens die Eulenrufe noch mit meinem Handy aufnehmen. Das war schon schön. Ein kleines Dorf in den Bergen. Oben der Sternenhimmel, unten die Lichter. Grillenzirpen und Eulenrufe. Trotz Schlafmangel, unvergeßlich schön!

Ich schrieb in mein Tagebuch:

30.Mai 2019

Der Weg nach Tamel war aufgrund der enormen Hitze unglaublich anstrengend. Unterwegs habe ich immer wieder Pilger sitzen und ausruhen sehen. Ich habe heute ebenfalls beschlossen, hier zu bleiben und nicht weiter zu gehen. Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn man den einen oder anderen wieder trifft. Überhaupt ist die ganze Pilgermentalität so offen und ich mußte heute schon wieder heulen. Einfach weil ich so viele freundliche und liebe Menschen kennengelernt habe, wie (in so kurzer Zeit) noch nie in meinem Leben. Ich glaube, das hat mein Herz wieder ein bißchen geöffnet. Ein bißchen 😉