Mein Jakobsweg – neunter Tag von Tui nach O Porriño

Der Tag begann extrem regnerisch und da Su und ich unsere nächste Unterkunft bereits gebucht hatten, bestand auch absolut kein Grund zur Eile. Ich kramte noch meine Regenhose aus dem Rucksack und zog sie, samt der Regenacke über. Es war schon ein komisches Gefühl, so ganz ohne Regenschirm in den strömenden Regen zu gehen und vor allem nicht zu wissen, wann der aufhört. „Willkommen in Galicien!“, dachte ich da nur schmunzelnd. „Kaum da, schon fängt der Regen an!“ Das war auch der Grund, warum ich recht wenig Fotos machte. Denn mein Handy hat zwar eine super Kamera, aber regendicht, ist das leider nicht. So ganz ohne Fotos, konnte ich dann aber doch nicht auskommen und beeilte mich mit dem Knipsen:

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Nach einem kleinen Stück, vorbei an der Autobahn; führte der Weg dann, in ein wunderschönes Waldstück, wo ich eine kurze Regenpause dazu nutzte, schnell etwas zu Essen. Auch hier, hatten wieder viele Pilger etwas von sich hinterlassen:

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Lange währte die regenfreie Zeit aber nicht. Deshalb packte ich schnell alles ein und ging weiter. Leider stellte sich relativ schnell heraus, daß meine superteure Regenjacke alles war, nur nicht dicht! Teile der Jacke mit einer angeblichen Wassersäule von 20.000 Litern (das ist theoretisch extrem dicht), klebten jetzt naß an meinem Rücken. Na ganz toll! Ich war extrem frustriert und ärgerte mich. Irgendwann kam ich zu einem Cafe, wo ich auch Su wieder traf. Ich setzte mich zu ihr, bestellte einen Cafe und sah auf dem Weg zur Toilette, Regencapes für 8 Euro. Die sahen nicht sonderlich vertrauenserweckend aus, aber waren ja hoffentlich besser als nichts! Und so kaufte ich mir, das äußerst fragil aussehende Teil. Ob es dicht war, lies sich an diesem Tag aber nicht mehr heraus finden, denn natürlich hörte es, nachdem ich das Ding gekauft und mich wieder auf den Weg gemacht hatte, auf zu regnen. War ja klar. Aber immerhin, konnte ich so, diese süßen Tierfotos machen:

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Kurz danach, kam ich wieder in ein wunderschönes Naturgebiet. Ich habe mal versucht, dieses während des Laufens zu filmen, um ein Gefühl davon zu vermitteln, wie schön es ist, dort hindurch zu pilgern:

Auch das Quaken der Frösche, überhaupt die ganze Strecke durch die Natur, war ein absoluter Traum:

Nach einer Weile kam ich dann an diesen Ort. Ich habe nicht nachgelesen, was das sein soll. Aber irgendwie wirkte es interessant:

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Etwas später jedoch, mußte ich richtig grinsen. Vor diesen zwei Schilder, hatte sich bereits eine kleine Traube Pilger versammelt und als ich genauer hinsah, wußte ich auch wieso:

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Einer der Pilger kramte aus seinem Rucksack, den Reiseführer und las ganz konzentriert darin. Nachdem er fertig war, verkündete er allen Umstehenden:

„Nach links, geht es durch die Natur. Aber der Weg dauert länger. Nach rechts, geht es durch ein Industrieviertel. Das geht schneller.“ Drei Mal darfst du raten, wofür sich alle (einschließlich mir) entschieden haben. Richtig, den Naturweg natürlich. Durchs Industrieviertel, wollte absolut keiner. Auch wenn der Weg kürzer war. Ich kannte zwar die Alternative des Industriewegs nicht, war aber im Anschluß sehr glücklich, über meine getroffene Wahl. Ganz besonders, als die Sonne, wieder richtig schön zum Vorschein kam:

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Nach einer Weile kam ich zu einer Stelle, wo an einem Baum ein Spiegel hing. Das fand ich sehr interessant und fragte mich, warum der dort hing. Dieser Platz, lag abseits des Weges und war ein bißchen versteckt. Man konnte diesen Baum mit dem Spiegel, nicht sofort entdecken. Zumindest nicht, wenn man schnell ging. Ich hingegen, erblickte ihn sehr rasch und als ich näher hin kam, betrachtete ich mich darin. „Reflektion“, ging es mir durch den Kopf. „Wer bin ich, wie wirke ich? Um mich zu finden, muß ich suchen, genau hin sehen. Aufmerksam sein. Ich bin innerlich nicht immer da, wo man mich vermuten würde. Genau wie dieser Spiegel an dem Baum.“ Denn wie schon gesagt, die Stelle, war ein bißchen versteckt.

Ich sah Pilger an mir vorbei gehen und zwar ohne, daß sie mich, den Baum oder gar den Spiegel entdecken. Die Idee, war wirklich klasse. Willst du diesen Spiegel finden, dann mußt du eben besonders aufmerksam sein. Und wenn du ihn gefunden hast, beginnt schon die nächste Herausforderung. Denn nur, weil du in den Spiegel siehst, heißt das noch immer nicht, daß du dich auch wirklich erkannt hast. Aber du bist vielleicht auf einem guten Weg dorthin.

Nun, ich bin ja, den Jakobsweg NICHT gegangen, weil ich mich selbst finden wollte. Ich wußte genau wer ich war und zwar mit all meinen Stärken und Schwächen. Ich lächelte, doch war das Lächeln eigentlich echt? Oder war es nur eingeübt, automatisiert. So wie bei Fotos „Cheese!“ gesagt wird. Ich stellte fest, daß es unecht war. Warum?

Ich wußte wer ich war, also wo lag das Problem? Warum konnte ich trotzdem nicht mit dem Herzen lächeln? Genauso wie weinen? Wo waren alle meine Gefühle eigentlich? Was war da los? Was stimmte denn nicht mit mir? Ich haßte mich mit einem Mal und dann sah ich es. Das Problem. Ich wußte zwar wer ich war, aber ich konnte mich nicht annehmen. Fühlte mich immer minderwertig. Egal was ich machte, es reichte nie. Es war nie gut genug. Sei es künstlerisch oder auch in anderen Bereichen. Egal wo, immer war jemand besser und letzten Endes wurde ich verlassen. Weil ich nicht gut genug war. Weil ich schwach war. Weil ich krank war. Weil ich Fehler machte. Weil ich nicht perfekt war. Weil man mich nicht vorzeigen konnte. Weil ich keine Kinder haben konnte, ja nicht mal das. Weil ich einfach gar nichts im Leben erreicht habe. Weil alles, was ich aufgebaut habe, doch wieder abgerissen wurde. Ich bin nichts und ich habe nichts wirklich wichtiges zu geben. Geld am wenigsten. Und trotzdem will ich jemand sein, der geliebt werden kann. „Aber einen Menschen wie mich, kann man den überhaupt lieben?“

„Halte ich mich selbst eigentlich für liebenswert?“ „Nein!“, die Antwort war ganz einfach „Nein!“ Es reichte also nicht, mich selbst zu finden. Ich mußte lernen, mich selbst zu lieben. Nur dann, konnte ich wirklich etwas in meinem Leben verändern.

Heißt es nicht auch „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst?“ Ich habe aber weder meinen Nächsten und erst recht nicht, mich selbst geliebt. „Überhaupt, was ist Selbstliebe? Was ist der Unterschied, zwischen Selbstliebe und Egoismus?“ Tief in Gedanken versunken, ging ich weiter. Wie sollte ich denn lernen, mich selbst zu lieben? Mich anzunehmen, ohne egoistisch zu sein? “ Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ „Ja, ja… Sagt sich so leicht. Ist es aber nicht!“ Wie geht das denn? Geht das überhaupt? Ich hatte keine Ahnung und war absolut ratlos!

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Irgendwann lenkten mich meine Blasen an den Füßen, von meinen Gedankengängen ab. Ich konnte nur noch humpeln und wußte, was jetzt wieder dran war. Schuhe ausziehen, Nadel desinfizieren und Blasen aufstechen. Es tat, wie immer, höllisch weh! Ich nahm eine der letzten 600 er Ibus und hoffte, daß sie schnell wirken würde. Eigentlich wollte ich mir die für die Nacht zum Schlafen aufbewahren, aber Laufen mußte ich ja auch noch irgendwie. Die Tablette nahm meine Schmerzen zwar nicht komplett weg, aber machte sie soweit erträglich, daß ich wieder einigermaßen normal laufen konnte. Zum Einen, was die Probleme in der Hüfte anging (von denen sich jetzt heraus gestellt hat, daß sie durch eine Schleimbeutelentzündung hervor gerufen wurden, die im Übrigen, immer noch nicht weg ist) und dann natürlich, die aufgestochenen Blasen. Ich verband meine Füße, so gut es eben ging und humpelte einfach weiter. Ich kannte die Prozedur nun schon in und auswendig. Ein bißchen warten, dann würde die Tablette wirken und ich könnte wieder besser Laufen. (Meine Wanderstöcke, waren mir dabei übrigens auch eine große Geh-Hilfe.) Das das Ganze, nicht ideal war, wußte ich natürlich. Aber ich wollte partout nicht aufgeben!

Das erzählte ich auch Barbara, einer sehr lieben Frau aus Amerika, die sich wunderte, daß ich zwar langsam humpelte, aber trotzdem, immer noch weiter ging. Ich sagte ihr voller Entschlossenheit, daß ich niemals aufgeben werde und beim Arzt rumheulen, könnte ich ja dann immer noch genug, wenn ich wieder Zuhause wäre. Sie sprach mir offen, ihre Bewunderung aus und das, freute mich total. Denn manchmal hatte ich schon ein schlechtes Gefühl, weil ich, im Gegensatz zu manch anderen, meinen schweren Rucksack, nicht mehr trug. Aber wenigstens, ging ich überhaupt noch.

Dann verabschiedeten wir uns wieder und ich war auch froh, endlich in O Porriño angekommen zu sein. Allerdings hatte Su mit ihrer Aussage „O Porriño ist nicht schön!“ Recht gehabt. O Porriño war auch in meinen Augen, absolut nicht schön! Von all den Orten, wo ich bisher war, empfand ich diesen, als den mit Abstand häßlichsten. Er paßte, nach all den tollen Orten und Landschaften, so gar nicht zum Idyll des Jakobsweg! Aber wenigstens, war das Hostel in Ordnung und ich fand die Idee mit den zuziehbaren Vorhängen, ganz toll. Da hatte ich zum ersten Mal wieder ein bißchen Privatsphäre:

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Nachdem ich meine Sachen zum Trocknen aufgehangen hatte, traf ich im Aufenthaltsraum das Pärchen aus Rubiães wieder. Sie sagten noch einmal, wie froh sie gewesen waren, daß ich ihnen gezeigt hatte, wo der Eingang zum „Supermarkt“ war. Sie hätten den, nämlich ohne mich, nicht gefunden. Anschließend fragten sie mich nach meiner Motivation, den Jakobsweg zu gehen. Ich antwortete ihnen, daß ich auf der Suche nach innerem Frieden, Vergebung, meinen Gefühlen und einem tieferen Kontakt zu Gott sei. Sie erzählten mir daraufhin, daß sie jeden Pilger, den sie trafen, nach seiner Motivation fragten und ich sei erst die Zweite, die auch aus religiösen Gründen heraus geht. Ich sagte ihnen, daß sie da noch ein paar Menschen mit hinzu nehmen könnten. Nämlich die Pilger aus der italienischen Gemeinde, welche ich getroffen hatte. Ganz so trostlos, sah es dann ja doch nicht aus. 😉 Ich weiß nicht, warum sie alle Pilger fragten, sie selbst konnten mir da auch keine wirkliche Antwort darauf geben. Ihre Motivation war touristisch. Ich dachte an die Worte des Herbergsvaters in Tamel und mußte grinsen:

„Selbst die Pilger, welche sich ja NUR die Natur angucken wollen, werden spätestens, wenn sie Zuhause sind merken, daß sich irgendetwas in ihnen verändert hat, was sie vorher gar nicht gedacht hätten! Das wissen sie nur noch nicht!“

Da ich mir aber trotzdem noch die Stadt ansehen und danach etwas essen gehen wollte, verabschiedete ich mich von den Beiden.

Besonders viele alte Bauwerke, die mich zum fotografieren gereizt hätten, sah ich leider nicht:

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Also ging ich in die Kirche und war dort sehr beeindruckt, von dem schönen Lichteinfall. Dies war mir aber unmöglich, mit der Handykamera, einzufangen. Doch wie immer, versuchte ich es wenigstens. In der letzten Szene, (der Spiegelung von Jesus Grab), sieht man es ein bißchen auf dem Fußboden. Es war wirklich so schön anzusehen. Auf den Figuren, dem Fußboden… Schade, daß man es nicht so gut sehen kann. Dafür, bräuchte ich wahrscheinlich, eine richtige Kamera:

Dann faszinierte mich noch dieses Kirchenfenster, wegen der durchtrennten Fesseln. Denn gefesselt fühlte ich mich auch und zwar in vielerlei Hinsicht. Ich wünschte mir so sehr, daß auch meine inneren Fesseln, irgendwann durchtrennt werden können:

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Im Anschluß, deckte ich mich bei der Apotheke mit Pflastern in allen möglichen Variationen ein. Auch die 600 er Ibus versuchte ich zu bekommen, aber leider, waren die, wir auch hier in Deutschland, verschreibungspflichtig. „So ein Mist!“, fluchte ich leise vor mich hin. Also lies ich mir 400 er geben. Die halfen allerdings, wie sich später heraus stellte, überhaupt nicht und ich fragte mich, ob man mir Placebos angedreht hatte. Gut, daß ich das zu dem Zeitpunkt, aber noch nicht wußte. Sonst hätte es mir wahrscheinlich die Laune verhagelt!

Da sich auch hier kein Pilgermenü unter 8 Euro finden lies, bestellte ich eine günstige Pizza und amüsierte mich über dieses kleine Beilchen. Die Pizza war zwar geschmacklich nicht der Renner, aber sie machte wenigstens satt!

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Als ich später zurück im Hostel war, schrieb ich in mein Tagebuch:

4. Juni 2019

Der heutige Tag fing sehr regnerisch an und leider war meine Regenjacke nicht dicht🤪Beim ersten Kaffee auf dem Weg habe ich mir dann für 8 Euro eine Mischung aus Poncho und Regenjacke gekauft. Ob der dicht ist, weiß ich noch nicht, denn natürlich hörte es danach auf zu regnen 🙈😂

Meine Blasen habe ich schon wieder ausgestochen und irgendwie nervt das langsam. Deshalb habe ich mich nicht nur mit Pflastern eingedeckt, sondern auch mit Ibus. Die sind hier besonders billig. Meine Hüfte fühlt sich auch wieder gut an, so daß ich ab Morgen den Rucksack wieder selber trage. Ich habe ihn drei Tage lang zu den Hostels schicken lassen. Das ist hier ein Service für 7 Euro, den vor allem ältere Leute in Anspruch nehmen oder auch welche, die vorübergehend Probleme haben. Ich denke aber, daß mein Hüftproblem erledigt ist und werde es Morgen einfach mal wieder probieren.

Die nächste Etappe geht doch etwas weiter, da es ein schöneres und günstigeres Hostel in einem anderen Ort gibt. Das macht aber nichts, dann ist die Etappe am Tag darauf, ja kürzer.

Mein Jakobsweg – achter Tag von Rubiães (Portugal) nach Tui (Spanien)

Da es nicht mehr so heiß war, sondern eher bewölkt, beschloß ich an diesem Tag etwas später los zu gehen. Ich war schon aus dem Tor der Unterkunft, da erblickte ich auf der Wäscheleine, noch einen weißen Slip von einer Pilgerin. Ich beschloß ihn mitzunehmen und hoffte, die entsprechende Frau noch auf dem Weg zu treffen. Wenn man wie die meisten, nämlich nur zwei, bis maximal drei Unterhosen bei hat, dann ist das ein ganz schöner Verlust. Da war es dann schon wieder ein bißchen blöd, daß fast alle weg waren. Aber ich war trotzdem optimistisch, die Frau noch zu finden. (Leider, fand ich sie aber nie. Die muß verdammt früh los gegangen sein, denn keiner der Pilgerinnen, die ich traf, gehörte er. Ein paar Spaßvögel, natürlich die Männer der befragten Frauen, meinten, ich solle ihn doch an den Rucksack hängen. Ja, ja… Ihr mich auch 😉 )

Nach nicht mal einer halben Stunde, kam ich dann zu dieser phantastischen Stelle, im Wald. Es war so entspannend, das Wasser plätschern zu hören und fast schon schade, daß ich nicht länger dort verweilen konnte:

Und kaum hatte ich meine Handykamera wieder weg gepackt, sah ich diesen wunderschönen Käfer und holte sie erneut hervor:

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Nicht unweit, kam ich wieder an eine der vielen Waschstellen, wo tatsächlich noch Wäsche gewaschen wird. Das finde ich so beeindruckend. Das erinnerte mich wieder an eine Zeit, wo ich mit meinem Exmann im Wald gewohnt hatte. Dort hatten wir Anfangs auch keine Waschmaschine gehabt und so, alles mit der Hand waschen müssen. Das war verdammt mühsam, besonders das spätere auswringen, was richtig in die Hände geht. Ich war so glücklich, als liebe Nachbarn uns dann eine Schleuder schenkten. Überhaupt habe ich in dieser Zeit viele Dinge zu schätzen gelernt, die ich vorher für selbstverständlich gehalten hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Etwas später traf ich eine Pilgergruppe aus Italien. Sie waren mit einigen Gemeindemitgliedern unterwegs und unglaublich nett. Das waren die ersten Personen, die ich traf, die (außer mir) auch aus religiösen Motiven unterwegs waren. Das hatte mich generell sehr erstaunt, da ein Pilger laut Definion, ja jemand ist, der aus religiösen Gründen eine „Wallfahrt“ unternimmt. Oder wie ein Priester in Santiago es erklärte: Ein Pilger ist jemand, der Gott sucht bzw. in Kontakt mit ihm treten will. Das heißt natürlich nicht, daß nicht jeder andere auch pilgern darf. Selbstverständlich! Ich war einfach nur total erstaunt darüber! Besonders, weil mich viele immer recht ungläubig ansahen, wenn ich sagte, daß ich an Gott glaube. „Echt???“, kam dann oft zurück. Das war schon etwas eigenartig für mich. Auf einer Pilgerrreise, erstaunte Blicke, für meinen Glauben zu erhalten. Ich gehe ja nun wirklich keinem damit auf den Geist, denn das hätte mir selbst, früher auch nicht gefallen. Es gab viele Jahre, wo ich den Kontakt zu Gott verloren hatte und wenn jemand nur das Wort Gott erwähnte, bin ich schreiend weg gelaufen. Ich war wirklich kein Kind von Traurigkeit, habe es so richtig krachen lassen. Wenn ich Gott um Vegebung bitte, dann hat das auch seine Gründe! Das kannst Du mir glauben. (Nur um einmal zu verdeutlichen, wie gut ich es verstehen kann, wenn jemand mit Gott nichts am Hut haben will. Ging mir ja selber mal so.) Aber, wenn man mich danach fragt, ja dann erzähle ich davon. Einfach weil ich erfahren habe, um wie viel leichter und schöner das Leben mit Gott für mich ist. Ich halte nichts von Angstmacherei. Selbstverständlich liebt Gott alle Menschen, auch wenn man nicht zur Kirche geht! Wenn man sich korrekt verhält, oder sich zumindest darum bemüht, ist alles gut. Denn Gott hat nichts mit Angst zu tun!

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Der Unterschied für mich persönlich vom „nur korrekt verhalten“ zu „Gott in mein Leben und Herz zu lassen“, ist jedoch, daß mein Glaube mir genau da Kraft und Frieden schenkt, wo ich vorher nur Leere und Schmerz hatte. Ich sehe meinen Glauben, als Bereicherung, nicht als Drangsalierung. Es ist schade, wenn manche, das so an Menschen weiter geben. Da ist es wirklich kein Wunder, daß so viele weg rennen. Aber das nur anbei.

Camino Portugues - Tag 8-092754

Zu dem Thema hatte mir der Herbergsvater in Tamel, übrigens, etwas sehr schönes gesagt: „Selbst die Pilger, welche sich ja NUR die Natur angucken wollen, werden spätestens, wenn sie Zuhause sind merken, daß sich irgendetwas in ihnen verändert hat, was sie vorher gar nicht gedacht hätten! Das wissen sie nur noch nicht!“

Camino Portugues - Tag 8-092515

Etwas später kam ich zu einem sehr schönen Cafe, wo ich diese italienische Pilgergruppe und auch Su wieder traf. Ich setzte mich zu Su an den Tisch und genoß meinen Kaffee. Ich hätte zwar auch gerne etwas zu Essen bestellt, hatte aber immer noch mit meinem Finanzchaos zu tun. Besonders, da ich fast kein Bargeld mehr hatte und erst wieder einen Bankautomaten finden mußte. Am Nebentisch, saß eine junge Frau, aus der italienischen Gemeinde. Sie hatte sich zwei Omlettes bestellt. Als sie ihren Teller bekam, fragte sie mich, ob ich etwas abhaben wollte und gab es mir dann. Das fand ich auch wieder so unglaublich schön. Ich hatte sie wirklich nicht danach gefragt. Das hat sie von sich aus gemacht. Im Anschluß ließ ich noch ein Foto von mir, vor den ganzen Wegweisern machen und dann ging es auch schon weiter. 135 km nur noch bis Santiago. Na wenn das nicht gut klang!

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Su und ich trafen immer wieder aufeinander und irgendwann gingen wir doch ein kurzes Stück zusammen. Sie setzte mir ihre kabellosen Kopfhörer auf und machte ein wunderschönes Lied an. Das werde ich glaube ich niemals vegessen. Wir gingen langsam nebeneinander her, damit die bluetooth Verbindung nicht abbrach und ich hörte über ihre tollen Kopfhörer, ein wunderschönes und sehr langes Instrumentalstück. Solche Musik hatte ich auch noch nie gehört und vor allem nicht, in dieser tollen Landschaft (Funkadelic- Maggot Brain). Es war einfach nur wunderbar. Und dann, sahen wir auf einmal, diesen weißen Pfau? Fasan? Ich habe keine Ahnung. Aber so ein schönes Tier, hatte ich noch nirgends gesehen. Su auch nicht. Leider, war er aufgrund dieser Gitterstäbe, sehr schlecht zu fotografieren. Aber ich versuchte mein Glück, trotzdem.

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Im Anschluß trennten wir uns wieder. Irgendwann kam ich dann endlich in Valenca an. Das bedeutete, es waren nur noch wenige Meter bis zur Brücke von Portugal nach Spanien.

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Kurz nach dem Ortseingang, kam ich zu einer wirklich alten Kirche. Die hatte schon einen gewissen Zauber. (Bis auf die Puppe? im blauen Sarg?, die fand ich ehrlich gesagt, doch etwas gruselig.) Aber trotzdem habe ich versucht, all das auf Video fest zu halten, was aber leider, auch nur bedingt möglich war:

Als ich etwas weiter kam, verlockte mich, dieser atemberaubende Ausblick von Valenca, hinüber nach Tui zu einem erneuten Video:

Schließlich raffte ich mich auf und ging durch dieses Tor, Richtung Brücke:

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Wieder traf ich auf Su. Wir hofften, noch in Portugal einen letzten Kaffee trinken zu können. Aber leider, hatte das einzige Cafe vor der Brücke, geschlossen. Also gingen wir so herüber. Die Brücke selbst, ist wirklich sehr hoch. Das kommt auf den Fotos glaube ich nicht so gut rüber:

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Und dann war es endlich so weit. Wir waren in Spanien.

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Galacien- wow. Ich war so glücklich. Denn das bedeutete, daß die Hälfte, der Strecke bereits geschafft war. Ich hatte Freudentränen in den Augen. Das war ein so überwältigender Moment! Ab jetzt würde ich jeden Tag zwei Stempel im Pilgerausweis benötigen, um in Santiago, die Compostela erhalten zu können. (Die letzten 100 km) Jetzt in Spanien, kommt der Endspurt. Das ist so ein Glücksgefühl, was man nicht kaufen kann:

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Nach kurzer Zeit, kam dann auch Tui selbst, in Sicht:

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Besonders gefallen, haben mir die kleinen Gassen:

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Und auch unsere Unterkunft, war erneut, ein absoluter Traum:

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Ich hatte es zum Hostel geschafft und das, trotzdem alle meine Blasen nicht nur, wieder neu voll gelaufen waren, sondern sich auch noch eine Blutblase, direkt unter einer anderen gebildet hatte:

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Die habe ich dann auch wieder ausgestochen und hoffte, daß nicht noch mehr der Art kämen. Etwas später, machten Su und ich uns auf, um etwas zu Essen. Da ich mittlerweile Geld vom Automaten geholt hatte, wollte ich mir heute zur Feier des Tages, doch mal ein etwas leckeres zu Essen gönnen. Wir waren ein bißchen platt, daß hier vor 20 Uhr gar nichts offen hat und da wir Hunger hatten, war das echt blöd. Aber das ist eben Spanien, nicht Deutschland 😉 Ich ging dann in die dortige Cathedrale, um sie zu besichtigen und mir einen Stempel, für meinen Pilgerausweis abzuholen. Allerdings habe ich dort ausnahmsweise, mal nicht fotografiert.

Als ich wieder heraus kam, sah ich, daß Su sich gut mit einem anderen Pilger unterhielt. Um sie nicht dabei zu stören, setzte ich mich schon an den Tisch. Etwas später, setzte sie sich zu mir und nach einer gefühlten Ewigkeit, konnten wir auch endlich etwas essen.

Als wir wieder zurück in der Unterkunft waren, betrachtete ich stolz, meine bisher erworbenen Stempel:

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Und weil ich so begeistert, von der schönen Unterkunft war, hinterließ ich auch einen Eintrag ins Gästebuch:

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Anschließend schrieb ich in mein Tagebuch:

3. Juni 2019

Heute taten meine Füße besonders weh und trotzdem ich die Blasen schon mehrfach aufgestochen habe, kommt immer wieder neue Flüssigkeit hinein. Ich weiß nicht, was ich falsch mache. Ich habe bereits einen Monat vorher die Schuhe eingelaufen, täglich mit Hirschtalgcreme die Füße behandelt und extra teure Wandersocken gekauft. Trotzdem nehmen die Blasen kein Ende. Habe mir dann eine Ibu eingepfiffen, damit ich trotzdem laufen kann.

Ansonsten aber bin ich sehr glücklich, schon so weit gekommen zu sein und habe mir die Etappen so gestreckt, daß ich am Montag zur Pilgermesse in Santiago einlaufen kann. Schade, daß die Kathedrale wegen Restaurierungsarbeiten (bis 2021) keine Messen mehr macht. Denn das gehört doch irgendwie als schöner Abschluß dazu. Ich muß mich noch erkundigen, wo diese stattdessen statt findet.

Jaaaa, jetzt bin ich in Spanien, die Uhr wurde wieder eine Stunde vorgestellt und das heißt, eine Stunde weniger Schlaf. Glücklicherweise ist es aber etwas kühler und so besser zu laufen. Durch das bereits gebuchte Bett im Hostel habe ich auch keinen Zeitdruck und kann so viel mehr genießen und an Eindrücken in mich aufnehmen.

Ich habe mittlerweile mit so vielen Menschen zu tun und das nicht nur über das Internet, es ist eine andere Welt und irgendwie schön. Natürlich laufe ich die meiste Zeit allein, aber manchmal spricht man kurz ein paar Worte und dann geht jeder wieder seinen Weg. Ich habe mit Menschen aus Amerika, Australien, Italien, Afrika und sogar Japan „gesprochen“. Besonders die Italiener, welche ich getroffen habe, sind extrem herzlich zu mir und das hat mich schon teilweise sehr berührt.

Aber auch die Hilfsbereitschaft untereinander ist unvergleichlich und mir in der Form und Intensität, noch nirgendwo begegnet. Das gibt mir ein bißchen den Glauben an das Gute im Menschen und im Leben zurück. Mir wird immer klarer, daß es vielleicht das ist, was mir Gott auf meinem Camino zeigen will. Weil es genau das ist, was wieder etwas Frieden in mein Herz bringt und diese unglaubliche Verbitterung und das extreme Mißtrauen in meiner Seele mildert.