Mein Jakobsweg – zweiter Tag von Angeiras nach Vila do Conde

Nach meinem ersten Kaffee, made by relativ warmen Wasser aus der Dusche (denn vom regulären Wasserhahn war keins zu erwarten) und mitgebrachtem Bröselkaffee aus der Zippbeuteltüte, merkte ich, daß es doch besser gewesen wäre, die Sonnencreme nicht Zuhause zu lassen. Meine Haut war feuerrot und brannte heftig. Okay, dachte ich bei mir, dann mußt du wohl in den sauren Apfel beißen und Sonnecreme kaufen. Denn besser wirds nicht mit dem Sonnenbrand! Ich packte also mein Zeug zusammen und steuerte den erstbesten Supermarkt in Angeiras an. (Nicht, daß es da viele gäbe.) Genau das war dann auch der Grund, daß ich dachte ich fast vom Glauben abzufallen! Sonnencreme, egal welche knapp 11 – 12 Euro. Oh mein Gott!!! Jetzt ärgerte ich mich richtig, die zwar Zuhause gekauft, aber wieder aus dem Rucksack ausgepackt zu haben. Mist, ich dachte echt, die Sonne macht mir nichts aus. Was für ein Irrtum, den ich jetzt im wahrsten Sinne des Wortes, teuer bezahlen mußte. Schweren Herzen legte ich also das Geld auf den Tisch und schrieb mir gleich noch was hinter die Ohren: Immer Sonnenschutz mitnehmen! Die Sonne ist dort tatsächlich heftiger, als hierzulande. Das kostet dann nämlich auch keine 12 Euro! Der einzige Trost nach dem teuren Laden, waren dann aber diese wunderschönen Figuren, die ich ohne in den Laden zu gehen, nie gesehen hätte.

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Und auch diese hübschen Fischerboote wären mir entgangen, denn der kürzere reguläre Weg, wäre ein anderer gewesen. So hatte selbst dieses Ärgernis, nämlich die teure Sonnencreme kaufen zu müssen, doch wieder etwas gutes. Trotzdem werde ich das nächste Mal welche einpacken!

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Nachdem ich meinen kleinen Umweg beendet hatte, kam ich zu den mir bekannten Holzplanken zurück.

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Der Wind war noch immer extrem stürmisch und streckenweise waren ganze Abschnitte des Holzsteges mit Sand überfüllt. Im Sand zu laufen ist, besonders bei schwerem Gepäck und heftigen Windböen, extrem mühsam. Wer das schon mal gemacht hat, weiß, wovon ich da rede. Und so war ich jedes Mal froh, wenn wieder Holz unter den Sandmengen zu sehen war. Zwischenzeitlich kam ich noch an einen wundervollen Aussichtspunkt, was ich auch sogleich gefilmt habe:

Etwas später sah ich auf der Strecke, dann diese wundervollen Häuser und war tief beeindruckt.

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Das Schöne am Weg an der Küste ist nicht nur der typische Meeresgeruch und die Weite des Horizonts, sondern vor allem, daß man noch relativ oft allein gehen kann. Und auch wenn man mal jemanden trifft, so wie ich eine fremde Frau getroffen hatte und wir uns spontan entschlossen, in einem Kaffee etwas zusammen zu trinken, trennten sich danach die Wege wieder. Diese Spontanität und absolute Freiheit, ist etwas ganz wundervolles. Natürlich nur, wenn man allein geht. Deshalb habe ich mich auch später nie einer Gruppe, oder überhaupt anderen Person angeschlossen. Natürlich hat ein jeder seine eigenen Beweggründe, diesen Weg zu gehen; aber diese Freiheit selbst zu bestimmen, wie schnell man läuft, wo man Pause macht und im Zweifel auch wie weit man geht, hat man eben nur allein. Das heißt nicht, daß man sich nicht unterhalten kann. Ich habe so viele Gespräche mit unterschiedlichen Menschen aus der ganzen Welt geführt, wie noch nie in meinem Leben. Aber trotzdem war ich im Anschluß immer wieder froh und dankbar, meine absolute Entscheidungsfreiheit zu haben! Außerdem hatte ich mich ja auch für den Jakobsweg entschieden und nicht nur eine normale Wandertour. Für mich bedeutet das dann auch, innere Einkehr zu halten und die geht nun mal am besten, wenn man alleine läuft! Aber wie schon geschrieben, ich versuche auch in meinen Berichten, immer hübsch bei mir zu bleiben. Das bedeutet, daß ich jede andere Meinung genauso gelten lasse und als ebenso wertvoll betrachte. (Was bedauerlicherweise nur die wenigsten Menschen können. Meistens soll das Gegenüber einem immer zustimmen. Das kann ich nicht leiden und werde das deshalb auch nicht praktizieren! Jeder darf meinen und glauben, was immer er will, solange dadurch kein anderer zu Schaden kommt!)

Ich war überrascht, als ich endlich in Vila do Conde ankam, daß die Pilgerherberge schon so früh öffnet (ich glaube das war 15 Uhr oder so) und mehr kostete, als die angepriesenen 5-6 Euro. Aber so ist es eben auf dem Camino. Plane mit dem Geld besser nicht zu knapp, es kann immer etwas anders kommen. Das habe ich sehr schnell lernen müssen und extrem zu spüren bekommen. Wie auch immer. Ich war begeistert von der schönen Terrasse und habe dort, wie alle anderen auch, sofort meine gewaschene Wäsche zum Trocknen aufgehangen. Glücklicherweise hatte ich (einer inneren Eingebung folgend), unterwegs eine gefundene Wäscheklammer mitgenommen. Denn Wäscheklammern sind auf dem Camino sehr rar. Und wenn es dann noch windig ist, kann die Wäsche schnell mal weg wehen. Das ist extrem ärgerlich, da man ja nur so wenig Kleidung dabei hat. Also habe ich mein Handtuch und Tshirt mit einer Klammer zusammen auf der Leine fixiert. Das war der nächste Punkt auf der Merkliste: Nimm nächstes Mal unbedingt, zwei Wäscheklammern mit! Am besten aus Plastik, die sind leicht. Während des aufhängens stellte ich jedoch fest, daß mein gewaschenes hochangepriesenes Shirt aus Merinowolle nicht nur exrem nach Schaf stank (was noch zu vertreten gewesen wäre), sondern zu allem Übel schon die ersten Löcher in Höhe der Hüftgurte aufwies. Ich war echt frustriert, weil die ganzen Merinosachen so teuer gewesen waren. Aber für das ständige Scheuern durch den Rucksack sind sie wohl auch nicht ausgelegt. Ich hatte mich mit den Merinosachen komplett eingedeckt, weil es hieß, daß man darin auch nach einigen Tagen nicht stinkt!

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Dazu jetzt mal noch etwas. Jeder, aber auch wirklich jeder! geht sofort duschen und wäscht alles, nachdem er in der Unterkunft ist. Bei 32 Grad im Schatten (ohne Schatten) ist nämlich einfach alles nur noch naß. Von daher, hätte ich mir das Geld absolut sparen können. Ich war hier schließlich auf dem Camino, noch dazu in Portugal und nicht auf einer Skihüttentour im Winter. Also nächster Punkt auf der Merkliste: Einfache Funktionskleidung tut es auch. Ist billiger, robuster und trocknet viel schneller als Merinowolle! Klar gibt es Merinowolle in unterschiedlicher Materialstärke. Das ist dann auch robuster. Aber mal ehrlich, wer hat Bock mit einem extradicken Merinowollshirt bei 32 Grad im Schatten rum zu laufen??? Also ich nicht!!!

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Da ich gut in der Zeit gewesen war, konnte ich mich nicht nur mit anderen unterhalten, sondern mir auch noch Vila do Conde ansehen. Es war ein wundervoller Spaziergang. Allerdings in Badeschlappen. Das ist noch etwas, woran man sofort jeden Pilger erkennt. Denn das erste, was jeder tun sollte, ist seine Wanderschuhe auszuziehen, damit die Füße Luft kriegen. (Das ist jetzt echt kein Witz!) Und Appropo Wanderschuhe. Für den Camino Portugues, tun es auch andere Schuhe. Ich habe jeden einzelnen Tag aufs neue, meine dicken, luftundurchlässigen Wanderschuhe verflucht. Das ständige Schwitzen darin, hat mir irgendwann so viele Blasen eingebracht, daß ich streckenweise nur noch gehumpelt bin, vor lauter Schmerzen! Aber zu dem Thema komme ich zu einem späeren Zeitpunkt noch mal genauer zurück.

Auf meinem Weg durch Vila do Conde, sah ich diese Lady:

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und dieses schöne Schiff:

Und wie Du siehst, gibt es außerdem nicht nur Köln, Schlösser an einer Brücke:

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Im Anschluß freute ich mich dann, meine schmerzenden Füße im angenehm kalten Meerwasser kühlen zu können.

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Dabei fand ich dann auch, den (bereits toten!) Seestern:

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Im Anschluß genoß ich noch den unvergleichlich tollen Blick auf den Leuchtturm und fühlte mich beschwingt, frei und glücklich.

Als ich zurück in der Herberge war, schob ich mir noch mein gekauftes Essen aus dem Lidl in die Mikrowelle (ja den gibt es sowohl in Portugal, als auch in Spanien) und mußte mir im Anschluß eine Kerze anzünden, da im kompletten Haus, das Licht um 22 Uhr ausgeschaltet wurde. Ich schrieb in mein Tagebuch:

28. Mai 2019

Heute habe ich viele Emotionen fühlen dürfen. Ich habe noch während des Laufens geheult. Aber das war es ja unter anderem auch, was ich wollte. Meine Gefühle zurück. Mir tut immer noch alles weh, ich habe Sonnenbrand… aber es war trotzdem ein unvergesslich schöner Tag. Ich versuche jeden Augenblick wahr zu nehmen und merke erst jetzt, wie wenig ich in den letzten Jahren eigentlich gelebt habe. Ach ja, heute bin ich in der ersten richtigen Pilgerherberge. Ich sitze hier bei Kerzenlicht, da kein Deckenlicht an ist. Um 10 Uhr ist Schicht im Schacht. Das ist für mich sehr gewöhnungsbedürftig. 🙈😂 Das heißt dann, ich habe noch 10 Minuten (hier ist es eine Stunde früher). Morgen geht es dann ins Landesinnere, na ich bin gespannt 🤗

22 Gedanken zu “Mein Jakobsweg – zweiter Tag von Angeiras nach Vila do Conde

  1. Innere Einkehr hat etwas mit Stille und Schweigen zu tun. Da kann man beim Wandern gerade auf diesem Weg niemanden neben sich gebrauchen, der gesprächig ist oder den man nicht kennt. Ich kann dich gut verstehen. Danach oder vielleicht auch in den Pausen hat man sicherlich genügend Gelegenheiten.

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      1. Liebe Emily!
        Seit einiger Zeit folgst du uns und unserer Anima mea. Erstmal vielen Dank für dein Interesse!
        Nun haben wir deine Jakobsweg – Geschichten gelesen. Obwohl du noch sehr jung bist, haben deine Gedanken und Empfindungen viel Tiefgang [was ja auch Schiffe haben😉]. Und sie zeigen, dass man beim Reisen eine Menge über sich und die anderen Menschen lernen kann. Für uns war in diesem Sinne jeder Weg eine Art Jakobsweg. In Santiago di Compostela waren wir übrigens auch und sind sogar ums Cap Finistere herumgesegelt.
        Wir wünschen dir alles Gute auf deinen Wegen und werden deine Berichte weiterlesen!
        Liebe Grüße von Christine und Heinz

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  2. Wirklich eine Menge an Eindrücken für einen einzigen Tag! Eine wunderschöne Landschaft, das Meer ist sowieso toll, ich liebe es.
    Ich kann mir vorstellen, dass das Laufen im Sand richtig anstrengend war, gar nicht zu sprechen von dem Gepäck, das du noch mit dir trugst. Das kostet richtig Energie in den Beinen, im Sand zu laufen, auch ohne schweres Gepäck.

    Die Figuren sind hübsch im Ausdruck und auch die Häuschen gefallen mir!

    Dass du allein gegangen bist und dir am meisten brachte kann ich gut nachvollziehen. Ich wäre da wahrscheinlich ähnlich gestrickt. Lieber das eigene Tempo, allein mit seinen Gedanken und Gefühlen, selbst die Länge der Touren entscheiden, immer auf die eigenen Bedürfnisse hören usw. Was ja nicht heißt, sich nicht auch auszutauschen. Der spontane Entschluss zum Café mit der getroffenen Frau z.B., das klingt richtig schön!

    Dass man auch mit den Badeschlappen gehen könnte ist mir kaum vorstellbar. Aber wie du es beschreibst ist es fast am eigenen Leib zu spüren, dass dich deine Schuhe mehr beschwert haben als es dir leichter zu machen. Aber das hätte ich auch nicht gedacht. Woher soll man es auch wissen?

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    1. Lange bin ich ja nicht mit denen gelaufen. Nur ein paar Stunden. Aber es tut wirklich gut. Ich selbst, hätte zuvor übrigens auch nicht gedacht, mit den häßlichen Dingern überhaupt auch nur irgendwo hinzugehen. Hahaha. Aber irgendwann, da hat man einfach so eine „Ist mir jetzt sowas von scheißegal!“ Stimmung und das ist auch gut so. Eitelkeit und Jakobsweg? Das verträgt sich nicht. Übrigens noch etwas schönes. Dort habe ich zumindest tagsüber, nicht eine geschminkte Frau gesehen. Alle OHNE! Wahnsinn! Und toll!!!

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      1. Wenn etwas erlösend ist und gut tut, dann treten Schönheitsgründe in den Hintergrund und ja, das ist gut so 🙂

        Auch dass du tags keine geschminkte Frau gesehen hast. Manchmal fände ich es schön, alle Frauen wären so natürlich wie sie sind, ohne Schminke. Das eigentliche Wesen könnte mehr zum Tragen kommen und man würde einander vielleicht auch „ungeschminkter“ begegnen 😉

        Das schätze ich an deinen Videos, dass du sehr natürlich einfach du selbst bist, ohne dick aufgetragene Schminke oder dergleichen.

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    1. Ich persönlich mag aber keine Löcher in meinen Klamotten. 😉 Aber klar, wen das nicht stört, kein Problem. Ich hatte jede Menge bei, aber diese jetzt gar nicht gebraucht. So ist aber jeder anders. 😀

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  3. Ich hatte keine Ahnung, dass ein Teil des portugiesischen Weges am Meer entlang führt. Ich dachte immer, der ginge mehr durch Berge.
    Was für tolle Panorama-Videos. Das sind eine Menge Eindrücke für einen Tag. Ich liebe Portugal, denn ich habe sehr gute Erfahrungen mit den Einheimischen gemacht. Wie sind sie denn in den Pilgerorten? Ich war mal in Lourdes, da waren die Leute sehr ungeduldig und unfreundlich, aber das waren ja Franzosen.

    Trotz schmerzenden Füssen und warmer Merinowäsche siehst du recht zufrieden aus auf dem Selfie. 😉

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    1. Man kann zwei Wege gehen. Entweder den regulären Weg nur über Land, oder den längeren Weg über die Küste. Ich bin nach Vila do Conde auf den regulären Weg zurück gegangen, weil ich etwas vom Land selbst sehen wollte. Aber es besteht auch die Möglichkeit, an der Küste weiter zu gehen. Beides hat seinen Reiz und kann man ganz spontan nach Lust und Laune entscheiden. Wenn man weiter an der Küste geht, erspart man sich den kleinen Berg, aber dafür auch das schöne Gefühl oben angekommen zu sein. Wie gesagt, es ist beides reizvoll.

      Die Menschen selbst, sind sowohl in Porugal, als auch in Spanien unglaublich lieb und hilfsbereit. Da werde ich noch detaillierter drüber berichten. Manche kamen und haben mich spontan umarmt oder mir (und auch anderen Pilgern) eine Rose geschenkt. Es heißt, wer einem Pilger hilft, dem bringt es Gottes Segen und auch Glück. Vielleicht daher auch die unglaubliche Hilfsbereitschaft!!!

      Liebe Grüße 🤗

      PS: Ich war auch wirklich sehr, sehr zufrieden als ich das Selfie machte. Das stimmt 👍

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